Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 8 Dr. Blocks Mocbenscbrltt. Seite 125 die Hochzeitsgäste einlud und nicht vergaß, hinzuzusügen, daß jeder Gast Messer und Gabel selbst mitzubringen habe. Er deckte die Tafel, trug die Speisen auf, und — wozu eine besondere Routine gehörte, — er rief die Hochzeitsgeschenke, eigentlich „Druschegeschenke", aus, sogenannt, weil in der Regel der Bräutigam während des Speisens irgend ein „Stückel Thora" (Drusche) zum Besten gab, wofür Geschenke dargebracht wurden. Die „Drusche" ist von der Bildflüche verschwunden; aber die Geschenke sind geblieben. Zu diesem „Ausrufen" gehörte besonderer Witz. Die Geschenke bestanden oft aus lächerlich unbedeutenden Gegenständen. Ein oder zwei Eßlöffel aus Packfong, 2 Trinkgläser, ein Paar kleine Messingleuchter, ein Silberzwanziger (68 Heller) gaben einer ganzen Familie das Recht, am Hochzeitsmahle sich, recht gütlich zu tun und noch vom obligaten Fladen für die nächsten Tage Proviant in die Tasche zu stecken; und da wußte ein geschickter „Sarver" alle diese Kleinigkeiten in das schönste Licht zu stellen. Gleich einem zweiten Midas, verwandelte sich in seiner Hand alles in Gold. Da schenkt R. Jtzig Rosenwasser Chossen Zad (von Seiten des Bräutigams) zwei goldenen Leuchter zum Druscheschenk! Chossen Zack, Chossen Zad!; dann kommen die Angehörigen und Freunde der Braut an die Reihe: Kalle Zad, kalle Zad! — Dieses „Ausrufen" wurde stets mit mehr oder minder geistreichen Witzen begleitet, und als Piece de resistanee folgte ein Geschenk des Sarvers selbst — ein Paar „Kindbettbriefel", das ist ein kabbalistischer Schutz gegen „Lilit" und andere ähnliche Hexen, die das Kind „benehmen", verwechseln oder behexen könnten. Auf dieses Ausrufen folgt lautes Gelächter der Gäste und obligat verschämter Niederschlag der Augen von Seiten, der Braut. Berl Baß war aber auch der Hochzeitsnarr, „Marschalik" genannt, der seine improvisierten Reime, sein Hochzeitscarmen auf die Braut und Knittelverse auf jeden einzelnen der Gäste auf seiner Violine begleitete, sowie er überhaupt der Spaßmacher der Gemeinde war. Dazu befähigte ihn ganz außerordentlich sein kautschukartiges Gesicht, mit dem er gar possierliche Grimassen schnitt. Besonders am Purim ließ er sein Licht leuchten; er hatte jedesmal einen neuen, originellen Einfall beim „Verstellen" (Maskieren). Ich erinnere mich an einen lustigen Streich, den er einst am Purim ausführte. Einige Tage früher hatte er der Gemeinde bekannt gegeben, daß er am Purim nachmittags 2 Uhr als Moses das Meer spalten werde. Auf dem Hauptplatze hatte sich zur bestimmten Stunde Jung und Alt eingefunden, gewärtig der Dinge, die da kommen sollten. Da kam Berl Baß, als Moses verkleidet, wie er auf den alten Gebetbüchern abgebildet ist. Gravitätisch schritt er einher, eine lange, den Mosesstab imitierende Stange in der Hand, und kam an die recht große Pfütze, die auf dem Hauptplätze wie ein See sich ausdehnte und nur im Hochsommer eintrocknete, damals aber durch den geschmolzenen Schnee eine ansehnliche Breite und Tiefe erlangt hatte. Einen langen Bibelspruch rezitierend, teilte er mit kräftigem Schlage die Pfütze, und die schmutzige, schlammige Flut bedeckte alle Umstehenden vom Kopf bis zum Fuß. Ein Glück war es, daß man in Hunsdorf an dem Satze festhielt: „Purim ist kein Jomtov" („Purim ist kein Festtag") und die Feiertagskleider vor diesem Attentat bewahrt blieben. Das war ein echter Purimscherz — für Hunsdorf. Dieser Humor verließ Berl Baß auch in den schwersten Stunden nicht. Einmal war seine Frau bedenklich krank, so daß man sogar aus Kesmark, einer drei Kilometer entfernten Stadt, Aerzte holen mußte. Die Aerzte untersuchten die Frau und konstatierten eine sogenannte „Moll". (Inneres Geschwür — im Jargon aber auch Kleidermotte.) Das hörte unser Berl und sagte: „Sie entschuldigen schon, meine Herren Doktoren! Ich verstehe von Medizin nichts; aber was Sie da sagen, kann nicht sein; eine Moll kann sie nicht haben". Verblüfft schauten ihn die Aei^te an. „Warum nicht?" — „Nun, darum nicht, weil ich sie regelmäßig alle 14 Tage ausklopfe." Wo es eine Schelmerei aufzuführen galt, da war ihm nichts heilig. Manchmal ward er auch als Bassist in Anspruch genommen, und zwar von Dilettanten-Vorbetern, die als Berufskantoren zu gelten glaubten, wenn sie sich „zuhalten" (kantoral begleiten) ließen. Und da stand er einmal am Jom Kippur an der Seite eines solchen Vorbeters und - schnitt Grimassen. Tie Kedufcha, ein lange und sorgfältig eingeübtes Stück — aus welcher Oper die Melodie stammte, ist mir nicht erinnerlich — sollte der Glanzpunkt des Tages sein. Da führte der Kobold den Vorbeter richtig dahin, daß das „Kadaasch. kndaaseh. kadaaseh" in die Melodie — der „Pinzgauer" ausklang —, worauf der Schelm, zum Publikum gewendet, schmunzelnd seine schönste Grimasse schnitt. Soviel ist mir aus Hunsdorf erinnerlich. II. Kirchdorf. Ich habe bisher noch nichts von meinen Eltern und von mir selbst erzählt, was ich nun nachholen will. Mein Vater, Sohn einer geachteten Kausmannsiamilie in Andrichau, einem intelligenten Städtchen in der Nahe von Bielitz, kam als 1 .'»jähriger Talmudjünger nach Ungarn, und zwar nach Lipl.» Szent-Miklos, wo er die Talmndschule des wegen seines Scharfsinnes beriihmten Rabbi Löbisch Barach, der später Rabbiner in Pucho und Topolza war, mit gutem Erfolge frequentierte. Zur Zeit der „großen Cholera" (1830—31) war er schon dem Tode nahe, und von Fieberhitze und brennendem Durst gemartert, benützte er die Zeit, während seine Wärter schliefen, raffte sich mühsam vom Lager aus, leerte, gegen das Verbot der Aerzte, eine volle Kanne Wasser, kleidete sich geräuschlos an und schleppte sich fort — und die Jugendkrast siegte. Leider war es ihm bestimmt, dieser tückischen Krankheit, wenn auch später, doch zum Opfer zu fallen. Treiundvierzig Jahre später starb er an der Cholera. Was inzwischen liegt, war das dornenvolle Leben eines jüdischen Lehrers der damaligen Zeit, ein Leben voller Entsagung, Entbehrung und sklavischer Arbeit. Von der Krankheit erschöpft, konnte er nicht mehr das Hungern eines Talmudjüngers fortsetzen, und nachdem er eine für seine Zeit ungewöhnliche Kenntnis der deutschen Sprache, insbesondere aber eine auffallend schöne Handschrift hatte, nahm er eine Hauslehrerstelle in einem Dorfe an. Zwei Jahre daraus heiratete er die Tochter eines Talmudgelehrten in Hunsdorf, der bei der Teilung der Erde auch zu spät gekommen und viel mehr Frömmigkeit als Vermögen besaß. Soweit mir erinnerlich, fristete mein Großvater sein Leben durch „Lernen". Es gab nämlich damals in Hunsdorf Mäcene, die gegen allerdings nicht reichliche Mvnatsgage in ihrem Hause „lernen" ließen, da sie selber die Fähigkeit nicht hatten, das Gottesgebot des Thoralernens zu erfüllen. Solche Häuser hatte mein Großvater R. Pessach Dunente mehrere, und die paar Gulden reichten aus, die minimalen Lebensbedürfnisse der zwei alten Leute zu decken. Hauszins zahlte er nicht: seine Wohnung gehörte zu jenem einer alten, adeligen Witwe gehörigen Komplex von kleinen Häuschen, die von durchgehends armen, jüdischen Familien bewohnt wurden und welche die Hausfrau niemals wollte früher ausziehen lassen, bevor sie ihren Hauszins entrichtet haben. Und da sie seit vielen Jahren nicht in der Lage waren, dieser Bedingung nachzukommen, so blieben sie als ständige Mietparteien — ad multos annos. Solch eine Mietpartei war auch mein Großvater. In der Regel mußte er zur Deckung der Bedürfnisse für den Sabbath, den man doch durch bessere Kost ehren muß Donnerstag ein Anlehen aufnehmen, das er dann Sonntag' regelmäßig dem seiner Wohltätigkeit wegen geachteten Markus Roth zurückzahlte, um den Betrag ebenso regelmäßig mn Donnerstag wieder als Darlehen sich zu erbitten. Einmal sagte er auch