Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 124 Dr. jsiocb’s MocdenscbrM. Nr. 8 Da ist vor Allem der Rabbiner Satamon Pcrlstein, aus Lithaucn eingewandert: eine kleine Gestalt mit langen: roten Bart und ungewöhnlich dichten, buschigen Brauen, deren strengen, furchteinjagenden Ernst die freundlichen blauen Augen milderten. Der Nimbus eines großen Talmudgelehrten und asketisch frommen Mannes entschädigte die Gemeinde dafür, daß kaum jemand seinen lithauischen Jargon verstanden. In seinen Kanzelreden reihte er, so weit man ihn verstehen konnte, Zitate aus den Büchern der jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters aneinander, ohne seinerseits etwas Neues zu sagen; und wenn er fertig war, dann galt von ihm das bekannte Wort: „Ach wie gut hat heut' der Rebbe gedarschent! (gepredigt)." „Was hat er denn gesagt?" „Ach, Hundert Jahre soll er leben, wer versteht ihn denn?" Dieses Wort ist ganz gewiß von Hunsdorf ausgegangen. Bei seiner an Chassidismus streifenden Frömmigkeit — er nahm Sommer und Winter täglich ein rituelles Tauchbad — war er sehr tolerant und durchaus kein Feind weltlicher Wissenschaft. Als ich als Gymnasialschüler nach Hause kam, empfing er mich sehr freundlich und nahm gar keinen Anstoß daran, daß ich ihn, entgegen der Gepflogenheit, mit: Herr Rabbiner (statt Rebbe) angesprochen — ein Gegensatz zu seinem Kollegen und Nachbar, dem Lipt6-Szt.-Mikloser Rabbiner, der, als ein aus Prag heimgekommener Rabbinatskandidat sich ihm vorstellte und ihn „Herr Rabbiner" titulierte, lachend seine Frau herbeiries: „Was sagst du nur, Lea, man heißt mich schon gar: „Gnädige Frau!" Der Rabbiner aus Hunsdorf prüfte mich sogar aus der lateinischen Sprache. Er fragte mich, was das Wort Responsum bedeute. Das imponierte mir gar gewaltig. Lernt der Mann in: Geheimen Latein?! — Erst in späteren Jahren kam ich darauf, daß er das Wort in einem kasuistischen Werke des Rabbi Jon. Eibenschütz gefunden, das einzige Fremdwort, das er kannte und auch verwertete. Abgeschlossen von der Außenwelt, eingesponnen in das Gewebe seiner abstrakten Studien, war er unbeholfen in Gesellschaft und konnte seine Autorität den sogenannten Großen der Gemeinde gegenüber nicht wahren. Besonders imponierte ihm die Familie W., die im Komitate dominierte. Das Haupt dieser Familie war Salomon Löb W., der aus einem armen, verwahrlosten Laufburschen „Rosch Medina", der jüdische Primator, das weltliche . Oberhaupt in jüdischen Gemeindesachen des ganzen Zipfer Komitates, wurde. Die Unbeholfenheit des frommen Stubengelehrten zeigte sich auch an der Bahre des mächtigen Mannes. Er glaubte dem weltlichen Oberhaupte des Komitates das allerhöchste Lob auszusprechen, indem er sagte: „R. Schlome Leb is doch e Stückl Jüd gewe'n." Damit aber hat er sich um die Gunst der omnipotenten Familie für ewige Zeiten gebracht. Und er hatte es doch so gut gemeint! Als einen Beweis seiner Friedensliebe und wahrhaft priesterlichen Milde will ich folgendes mitteilen: Im Jahre 1853 kam das „Neutraer Chasandel", aus dem später der berühmte Wiener Oberkantor G o l d st e i n geworden, aus seiner Künstler-Tournee nach Hunsdorf, unmittelbar vor den hohen Feiertagen. Sein Vortrag am vorhergehenden Sabbath fand stürmischen Beifall und der Vorstand akquirierte den 14jährigen Knaben als Vorbeter für die heiligen „furchtbaren Tage". Der Rabbiner wies auf das Unstatthafte vom religiösen Standpunkte hin; doch die Gemeinde war außer Rand und Band gekommen; alle Bande der Disziplin waren gerissen, ein Furor hatte Alle ergriffen. Die wunderlicblichen Töne sangen und klangen noch immer in ihren Ohren nach. Jung und Alt summte und brummte die bezaubernden Melodien. Da standen sie in Gruppen und halfen einander aus, um eine Melodie in der Erinnerung festzuhalten; kurz das „kleine Chasandel" war das Schibolet Hunsdorfs geworden. Was tut da der Rabbiner? Ein anderer an seiner Stelle hätte von der Kanzel herab die ganze Schale seines geistlichen Unmutes über seine Gemeinde und das Chasandel ausgegossen und ein ganzes Arsenal seiner Wurfgeschosse über die Häupter der Sündigen losgelassen. Unser Rabbi Perlstein ließ es auf eine Belastungsprobe seiner Autorität nicht ankommen; er begnügte sich damit, ein Unwohlsein vorschützend, vom Gottesdienste in der Synagoge an den heiligen Tagen fernzubleiben. Seine Milde hatte den Erfolg, daß einige der eifrigsten Agitatoren für den Goldstein-Kultus sich die fteiwillige Buße für das sündige Gelüste auferlegten, daß sie an dem' Gottesdienste des Rabbiners teilnahmen und daß der Vorstand am Jom Kippur den kleinen Goldstein nicht das Nussak-, sondern das Rol-ulärs-Gebet am Vorabende vortragen ließ. Der Zufall aber fügte es, daß er denn doch auch zu Nrwsak vor das Betpult treten sollte. Der Vorbeter war nämlich ein Kohen, und beim Priestersegen, den dieser pflichtgemäß erteilen mußte, vertrat ihn Goldstein. Als e seine glockenreine Stimme, gleichsam triumphierend sein ha-ha-ha in die Lüfte trillern ließ, da ging's wie ein elektrischer Strom durch die Reihen, da gab's ein Jubeln und ein Jauchzen, als hätte Gott selber jedem Einzelnen die Vergebung der Sünden angekündigt. Nur hatte jeder das Gefühl, daß zu den gebotenen Kasteiungen des Tages noch die eine hinzugekommen war, daß er den „kleinen Chasan" nicht gehört hat, das Nussak-Gebet vorzutragen. Wenn von dem Erhabenen zum Lächerlichen nur ein Schritt ist, so kann ich nun getrost vom Kantor Goldstein — zu „93 e r l B a ß" übergehen. Das war eine markante Gestalt Alt-Hunsdorfs. Er war ein hageres, dürres Männchen mit einem Kautschukgesicht, dem er jeden Moment einen andern Ausdruck zu geben wußte. Berl Baß war ein Universalgenie, „ein Mann für Alles". Bei der Gemeinde war er als „Liberer" angestellt. (Woher das Wort stammt, weiß bisher Niemand.) „Liberer" ist ein Organ, das die Agenden der Leichenbestattung versieht. Als solcher war er auch Friedhofwächter. ' .. Eines Tages — er war eben nicht bei Kassa — kam er zum Rabbiner mit verzerrten Zügen und Zähneklappern und meldete die Schaudermär, daß er in der Nacht auf dem alten „Gutort" (jüdischer Friedhof), der am Ufer des Popradflusses liegt, Jammern und Wehklagen aus den Gräbern herausgehört habe. Er ftagte: „Ihr toten Gebeine, warum jammert ihr so sehr?" Und hohl und dmnpf kam die Antwort: „Siehst Du nicht, wie der anschwellende Fluß unsere Gräber unterwäscht und unsere Gebeine wegzuschwemmen droht? Helft uns!" Auf diese Kunde hin ließ der Rabbiner den Vorstand der Gemeinde und der Chewra-Kadischa zusammenrufen, und man beschloß, zehn Talmudisten auf den Friedhof zu schicken, die an den Gräbern beten und die Todten um Verzeihung bitten sollen; ferner sollen die bedrohten Leichen exhumiert und auf den neuen Friedhof übertragen werden. Mit der Ausführung dieses Beschlusses, resp. der Ueberwachung der Exhumierung und Beerdigung wurde natürlich der „Liberer" betraut, und zwar gegen eine besondere Entlohnung per Tag. Daß die Beerdigung der Leichen nicht so rasch von Statten ging — dafür sorgte schon Berl Baß. Er war aber auch Inhaber der „Schlafstatt" oder „Hekdesch“, — so wurde das Asyl für obdachlose durchreisende jüdische Bettler genannt. Der jüdische Geist der Liebe nennt diese: „Orchim“ — Gäste. Mit diesen „Gästen" machte Berl Baß oft Geschäfte, die das Licht zu scheuen hatten; aber — der Arme hatte sieben kleine Kinder. Außerdem reparierte er Regen- und Sonnenschirme, war Fleckputzer, Haar- und Hühneraugenschneider und verkaufte Aurum pigmentum, mit Kalk gemengt und gekocht, das rituell erlaubte Mittel zum Rasieren des Bartes. Vor Allem aber war er „Sarver", vom französischen Serveur, Hochzeitskellner, dessen Funktionen darin bestanden, daß er eine weiße (?) Schürze anlegte, ein ebenso weißes Handtuch malerisch über die Schulter geschlagen, mit einem eigenen Spruch