Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-19 · 8 (19.2.1904) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021556--13382-3038030
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rr. 8 Dr. Dlocb's Mocbenscbritt. Sette 138 dienstvollen Schulmanne ist diese kaiserliche Auszeichnung zuteil geworden. Moritz Jedermann, 1840 in Wscherau in Böhmen als Sohn des dortigen Kantors, eines tüchtigen Talmudgelehrten, geboren, erhielt seine Ausbildung an der Josefstädter Unterrealschule und am Neustädter Gymnasium in Prag, wirkte dann vorerst als Schnlgehilfe in Libochowitz unter Rabbiner Simon Friedmann, dem er nach Teschen folgte, als hebräischer Lehrer an der dortigen Schule amtierte, die Teschener Lehrerbildungsanstalt absolvierte und am 6. August 1862 die Prüfung als Lehrer für Hauptschulen mit Erfolg ablegte. Seinem Vater sowohl wie dem Rabbiner Friedmann hat Jedermann sein umfassendes hebräisches und auch talmudisches Wissen zu danken. Am 7. September 1862 wurde er als Lehrer der dritten Klasse an der hiesigen israelitischen Volksschule (früher Bürgerschule) angestellt. Seit 1873 steht er als Oberlehrer an der Spitze derselben. Seine nach Hunderten zählenden Schüler auch christlicher Confession haben dem pflichteifrigen tüchtigen Pädagogen eine treue Anhänglichkeit bewahrt, die anläßlich seines 40jährigen Amtsjubiläums in erhebender Weise zum Ausdruck kam. Herr Rabbiner Dr. Tänzer hat den verdienstvollen Mann durch feierliche Verleihung des Morenu-Titels, nachdem er bei Rabbinatsvakanzen mehrfach als Rabbinats-Verweser fungierte, geehrt. Prag. (Afike-Jehuda.) Unter sehr zahlreicher Beteiligung hielt am 9. d. M. im Hotel Bristol Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang aus Wien seinen angekündigten Vortrag: „Der weltgeschichtliche Hintergrund einiger Erzählungen der Genesis". Er zeigte an mannigfachen Beispielen, wie meisterhaft die Bibel durch knappe Hinweise sich einen welthistorischen Hintergrund zu schaffen versteht und wie sie durch bloße Andeutungen, die dem Kundigen vollauf genügen, das Milieu der gesamten damaligen Kulturwelt zeichnet. So erzählt die Schrift, daß Abraham aus Ur-kasdim (Babylonien) nach Kanaan einwanderte, daß Josef und Mose in Egypten weilten und wie letzterer durch sein Zusammentreffen mit Jethro auch aus dem Lande der Araber gewisse Kulturelemente in sich aufnahm. Diese drei Länder, Babylonien, Egypten und Arabien, sind bekanntlich der Hauptsitz der alten Kulturmenschheit. Der Vortragende streifte auch das Verhältnis des sinaitischen Gesetzes zu dem Gesetzeskodex des Hamurabi und wies mit großem Nachdrucke auf den tiefen ethischen Gehalt des ersteren hin. So überraschend es auch klingen mag, zeigten sich gerade in den Uebereinstimmungen beider Gesetzbücher die großen Divergenzen, die zwischen ihnen bestehen. Während beispielsweise nach dem Gesetze Moses der Sabbat ein Ruhetag und als solcher der Freude und Erholung gewidmet ist, erscheint dieser Tag bei Hamurabi als ein Tag der Trauer, des Fastens. Der Redner, der dem guten Rufe, der ihm und seiner rhetorischen Begabung voranging, vollauf gerecht wurde, fand zum Schluffe für seine Ausführungen reichen, wohlverdienten Beifall. Auch der gemütliche Teil des Vereinsabendes verlief sehr animiert, und nach den Eröffnungsworten des Vereinsobmannes Dr. Deutsch wurden noch viele Toaste gehalten. _ Feuilleton. Alle Rechte Vorbehalten. Indische Kutlnrtrilber. Von Dr. Armin Schnitzer, Oberrabbiner in Komärom. Borwort. Mit den hier folgenden ..jüdischen Kulturbildern" will ich das Kleinleben in der „Kehilla“ (Judengemeiude) mit ihren Volks- und Rabbinerschulen (Llleäer und Jesehiwah) schildern, um dem Leser einen Einblick in die jüdische Volksseele zu gewähren, die in kleinster Enge allezeit doch Großes hat geschaffen und Leuchten des Wissens und Heroen des Geistes als Vorkämpfer und Führer unserem Volke brachte. Das alte „Olleätzr" und die „Jesehiwah“ waren einst Hochburgen jüdischen Geistes und jüdischer Volkskraft, Lehrstätten, aus denen uns die großen Lehrer mit dem „feinen Kopf" und der starken Seele erwuchsen, die uns zu allen Zeiten mit ihrer stahlharten Ueberzeugungstreue und Glaubenskraft in der Nacht des Lebens voranleuchteten, um unser Judentum nicht uns allein, sondern der ganzen Menschheit zu deren Heile zu erhalten. So mögen denn diese kleinen Bilder, die durch Farbenpracht nicht blenden wollen, die ich vielmehr schlicht und wahr, wie ich sie selbst gelebt, hier zur Darstellung bringe, manches Sternchen zu dem neuen Baue unserer jüngsten Wissenschaft, der jüdischen Volkskunde, beitragen. I. Hunsdors. Mein Geburtsort ist Hunsdors, ein recht netter Ort am Fuße der hohen Tatra. Bis in die Fünfziger-Jahre hinein war Hunsdors die einzige jüdische Gemeinde im ganzen großen Zipser Komitate, die ihr Alter nach vielen Jahrhunderten zählte. Mit stolzerem Selbstbewußtsein hat kein Römer je gesagt: „Civis romanus sum“ als der Hunsdorfer Jude: „Ich bin ein Hunsdorfer Balbos". Den Gegenstand des Stolzes bildete mit Recht die Synagoge, ein monumentaler Prachtbau, dessen Kuppel von mächtigen Säulen getragen wird und der heute noch, wo die Gemeinde in vollständiger Auflösung begriffen ist, als ein Zeichen entschwundenen Glanzes in die triste Gegenwart hineinragt. Vor der Synagoge stand warnend und drohend das „Halseisen", ein Pflock mit zwei eisernen Bändern, die berufen waren, sich um den Hals des Unglücklichen zu schließen, der sich unterfangen hat, irgend ein religiöses Verbot öffentlich zu übertreten oder gegen die Allgewalt des Rosch-hakohol (Vorsteher) sich aufzulehnen. Ueberhaupt wurde strenge Manneszucht in der Gemeinde gehalten. Man zeigte mir noch als Kind einen Mann, dem die autonome konfessionelle Gemeindejustiz gar arg mitgespielt hatte. Er war im Verdacht gestanden, als verheirateter Mann ein Liebesverhältnis mit einer Witwe angeknüpst zu haben. Dieses Attentat auf die öffentliche Moral wurde in folgender drastischer Weise gesühnt. Der Arme wurde rücklings auf einen Esel gesetzt und, von einer johlenden Menge, die auf Blechbecken schlug, begleitet, durch die Gasse geführt, an seiner Seite der Nachtwächter, der auf seinem Horn blies. Wahrscheinlich blies er die Mitternachtsstunde; denn in Hunsdors dämmerte es noch lange nicht. Das Synagogenleben beherrschte fast ausschließlich die Gemüter. Die Synagoge ersetzte aber auch Manchem während des Gottesdienstes das Kaffeehaus, das Kasino, den Klub. Frei und ungehemmt floß die Konversation über die Wochenchronik, bis nicht ein kräftiger Schlag auf ein Betpult mit einem donnernden „S c h-s ch-ah" für einen Moment dem brausenden Redestrom Halt gebot. Die Synagoge war die Stätte, wo das Ansehen der Reichen zur Geltung kam und wo man der höchsten Ehren teilhaftig werden konnte. Bezeichnend ist folgendes: Wenn z. B. der Haufirer Mordche Gitel Notes mit seinem Gewerbsgenossen Anschel Chaje Goles, der schon mehrere Wochen abwesend war, zusammentraf, war die erste Frage, die Anschel an ihn richtete, nicht nach Weib und Kind, nicht nach dem Befinden der Seinigen, sondern: „Wer hat Schabbes Maftir geleient?" (Den Abschnitt aus den Propheten vorgetragen.) O, das war eine große, viel umstrittene Ehre, in der Hunsdorfer Synagoge als „Maftir" aufgerufen zu werden! Wenn der Gemeindediener zur Versteigerung des Maftir schritt und, den Almemor (Tribüne in der Mitte der Synagoge) umkreisend, rief: „Hundert um Maftir, 200, 300, 1000 u. s. w. um Maftir", — da stellte sich Alles auf die Fußspitzen, um zu sehen, wer mit dem Kopfe nickend lizitire und wer nach oft hartem Kampfe der glückliche Ersteher sei. Und wenn dann der von diesem mit dem Vortrage der Haftorah Beehrte laut und feierlich zur Thora gerufen wurde, dann gab es wieder ein Raten und Spekuliren, aus welchem Grunde der Mann in solche Unkosten sich versetzt. „Ganz gewiß", meint der Eine, „will er morgen Geld von ihm leihen." — „Ach nein" repliziert der Andere, die Wolle will er wohlfeiler von ihm bekommen." Aus meiner Jugendzeit leben noch in meiner Erinnerung einige prägnante Gestalten Hunsdorfs.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.