Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 8 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 119 deren Resultate oft sehr wertvoll waren, zu gewinnen. An die Gewerbeschul-Kommission — die kompetente Behörde für die Schule des Herrn Prohaska — war von einer nicht genannten Persönlichkeit eine geheimnisvolle Aufstellung geschickt worden, worin die Bezüge und Beschäftigungen der Lehrpersonen außerhalb der Anstalt verzeichnet sind. Dieses Schriftstück hätte die Basis für Gehaltsreduktion oder Entlassungen bilden sollen. Eine ähnliche „Studie" hat Herr Prohaska selbst ausgearbeitet. Sein Anwalt bezeichnete diese Studie unter Heiterkeit des Auditoriums als eine „Fleißarbeit". Der Vertreter Herlischka's, Dr. Christ, fragte^den Repräsentanten der Gewerbeschul-Kommission: Ich frage den Herrn Zeugen, was mit dem Gesuche meines Klienten um Wiedergewährung seiner verlorenen Stunden geschehen ist? — Zeuge: Es wurde jedenfalls geschästsordnungsmäßig erledigt. — Dr. Christ: Nein, es wurde überhaupt nicht erledigt und den Grund dafür werde ich Ihnen sagen. Die Stunden wurden an den Lehrer Pallasch abgegeben, auf dessen Gesuch der kleine Vermerk steht: „Empfohlen durch Dr. Heilinger." — Beschwerden der Lehrerschaft kamen nie an ihren Bestimmungsort. Sie wurden, wie der Richter konstatierte, immer vernichtet. Der Weg der Beschwerde war den Lehrern systematisch verstellt. „Wenn Sie wüßten, was ich hier in der Tasche habe, würden Sie nicht unterschreiben", sagte Prohaska zu Lehrkräften, die ein Beschwerdememorandum unterzeichnet hatten. Es waren, wie sich später erwies, die Entlassungen. Eine aus fünf Teilnehmern bestehende Deputation, die bei der Kommission der Uebelstände wegen vorsprach, erhielt am nächsten Tage die — Entlassung. An der Spitze der Gewerbeschul-Konimission stehen unter anderem Vizebürgermeister Dr. Neumayer und Reichsrats-Abgeordneter Julius Axmann. Dr. Neumayer gab, vom Richter befragt, an, Entlassungen und dergleichen Dinge würden ohne besondere Formalitäten von den Mitgliedern des Personalkomitees „einfach kollegialisch" verfügt .... Und höchst charakteristisch für die umschreibende Manier, in der Prohaska denunzierte, ist seine Eingabe an die Gewerbeschul-Kommission, in welcher er dieser Kommission mitteilt, daß Lehrer Herlischka von ihren Mitgliedern „ungebührlich" rede, sich rabiat benehme und erkläre, ein freier Mann zu sein. Er verleumde, heißt es in der Eingabe weiter, ihn, (Prohaska) und befleißige sich eiius Tones, wie ihn höchstens die sozialdemokratischen „Lehrerstimmen" anschlagen. Und was, meint man, wird nun mit der also als fraglicher Charakter enthüllten Lehrperson geschehen. Wird die Partei ihre Hand von ihm abziehen? Wird sie offen erklären, daß sie diese dennnziatorischen Umtriebe, diese Gesinnung, die Jemandem einen Schandfleck anfzubcften meint, wenn sie von ihm berichtet, er wolle ein „freier Mann" sein, daß sie diese unwürdige politische und wirtschaftliche Drangsalierung der Lehrer verachte und sich mit einer solchen Taktik kleiner Schullyrannen nicht einverstanden erklären könne? Lehrer Herlischka hat im Proz ß erzählt, welche Strafe Prohaska zu gewärtigen habe: „Zur Belohnung wird er nächstens Bürgerschuldirektor!" Kein Zweifel, daß die christlich-soziale Partei einen Mann, der ihren Ehrenkodex so im kleinen Finger hat, wie Prohaska, der in seinem engen Machtbereich genau die gleichen Prinzipien verfolgt wie etwa Herr Geßmann in seinem großen, nicht fallen lassen wird. Erst der heutige Tag hat den Beweis gebracht, daß die Partei nicht undankbar ist. Der vortreffliche St Pöltener Polizeikommissär Hochstöger, aus der Völkl-Affaire noch in aller Erinnerung, ist zum Landesbeamten ernannt worden!. Die christlich-soziale Partei kompensiert die allgemeine Verachtung, die sich Leute ihretwillen zugezogen haben. Oekonomisch hat Keiner daran zu leiden, daß er in ihren Diensten ein gemeiner Kerl geworden ist. Krakau. (Kinderraub in Galizien.) Ans einem Dorfe neben Neusandec wurde kürzlich das fünfzehnjährige Mädchen Gitel Epstein entführt. Dasselbe fand im Kloster der Felizianerinnen in Krakau Aufnahme, wo es auch getauft wurde. Der Entführer wurde durch das Kreisgericht Neusandec des Verbrechens der Entführung schuldig erkannt und zu einer Kerkerstrafe verurteilt. Da die Eltern des entführten Kindes nur nach jüdischem Ritus getraut waren, so verlangten die uneheliche Mutter und der uneheliche Vater, der zugleich seinerzeit durch das Gericht zum Vormund der Minderjährigen bestellt wurde, auf Grund des § 145 a. b. G. B. die Entfernung des Kindes aus dem Kloster und Zurückstellung desselben an die Mutter. Das Bezirksgericht Neusandec als Vormundschaftsbehörde hat jedoch diesem Ansuchen keine Folge gegeben, gleichzeitig die Vormundschaft dem bisherigen Vormund abgenommen und einen hiesigen Advokaten zum Vormund des Kindes bestellt. Der Vertreter der genannten Eltern, Landes- und Gerichts- Advokat Dr. Rafael Landau in Krakau, hat gegen diese Entscheidung an das Kreisgericht Neusandec rekurriert und gleichzeitig, da die unehelichen Eltern des Kindes nunmehr nach bürgerlichem Gesetz getraut wurden, das genannte Kind dadurch legitimiert wurde und die Rechte eines ehelichen Kindes erhalten hat, die sofortige Aufhebung der bestellten Vormundschaft verlangt. Die Entscheidung hierüber ist bis nun nicht erflossen. Budapest. Die „Israelitische Ungarische Literarische Gesellschaft" hielt am 2. d. M. unter dem Präsidium Adolf Agai's eine sehr gut besuchte Vorlesesitzung. Der Ofen-Neustifter Prediger Dr. Bernhard Edelstein hielt über die Trennung des Christentums vom Judentum einen Vortrag. Er führte den Beweis, daß Jesus nicht die Trennung des Christentums vom Judentum lehrte, da er doch keine gesonderten Feiertage anordnete. Er ließ selbst den Sabbath halten. Erst Apostel Paulus begann die Trennung; er ordnete die Heiligung des Sonntags anstatt des Samstags an und Paulus war es, der im Interesse der Entwicklung des Christentums einige Feiertage organisierte. Aber selbst ihm gelang nicht die vollständige Trennung; noch immer gab es gemeinsame Feste und Zeremonien. Erst die späteren Synoden bewerkstelligten die vollkommene Trennung. Der Ofener Oberrabbiner Dr. Arnold Kiss trug sein erzählendes Gedicht „Echod" vor. Es schildert die Verzweiflung einer Mutter, deren Sohn, um eine glänzende Karriere zu machen, ohne daß seine Mutter es wußte, den Glauben seiner Väter verließ. Der Sohn starb und erst beim Leichenbegängnisse, als das circum dederunt ertönte und der christliche Klerus erschien, erhielt die alte Frau Kenntnis von dem Glaubenswechsel ihres Sohnes, und in die christliche Leichenzeremonie rief sie laut das jüdische Glaubensbekenntnis: „Höre Israel, unser Gott — Echod!" Zum Schluffe las Professor Ignaz Gäbor über die Werke des italienischen jüdischen Arztes und Dichters Manuello, der im XIV. Jahrhundert lebte. Sämtliche Vorträge wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Der Rittmeister a. D. des Uhlanen-Regiments Nr. 7 Adolf Gottesmann de Erdöbakta beging unlängst die Feier seines 90. Geburtstages. Der greise Offizier erhielt aus diesem Anlässe zahlreiche Gratulationen, unter anderen vom Kommandanten des 7. Uhlanen-Regimentes, der im Namen des Offizierskorps dieses Regiments seine warmen Glückwünsche darbrachte. Köln. Ueber die Angelegenheit der antisemitischen Strömung an der Handelshochschule, die durch den Austritt dreier israelitischer Studenten aus einer Verbindung angeregt worden ist, teilte in der Sitzung der Handelskammer Herr Bosch mit, daß nach einem vom Kuratorium gutgeheißenen Schreiben des Studiendirektors Professor Dr. Schumacher von einer antisemitischen Strömung keine Rede sein könne und daß die Beziehungen zwischen den christlichen und den israelitischen Studierenden durchaus befriedigende, zum Teil sogar freundliche find. Auf Antrag des Herrn Eliel nahm die Kammer folgenden Beschlußantrag an: „Die Handelskammer hat mit Genugtuung Kenntnis davon genommen, daß von einer antisemitischen Strömung an der hiesigen Handelshochschule keine Rede sein könne und daß die Beziehungen zwischen den christlichen und den israelitischen Studierenden durchaus befriedigende, zum Teil sogar freundschaftliche sind. Sie erkennt gern an, daß der Studiendirektor der Hochschule, Professor Dr. Schumacher, es sich angelegen sein läßt, den Geist wahrer Toleranz unter den Studierenden zu verbreiten, und sie erhofft, daß es ermöglicht werde, unduldsame Strömungen, welche mit dem Geiste, der an einer freien Handelshochschule herrschen sollte, unvereinbar sind, fernzuhalten und insbesondere Bestrebungen zu verhindern, welche einzelne ihres Glaubens wegen von allgemeinen Einrichtungen ausschließen". Breslau. Ein Vorschlag unseres Gemeindevorstandes zur Aenderung des bisher bei den Repräsentantenwahlen eingehaltenen Wahlverfahrens, der demnächst der Beratung der Repräsentanten unterbreitet werden soll, bildete neulich im „Verein zur Förderung der Interessen der Synagogengemeinde Breslau" den Gegenstand einer sehr lebhaften Erörterung. Nach dem bisherigen, auch in Berlin und anderen Gemeinden üblichen Wahlmodus erfolgt die Wahl der Repräsentanten und ihrer Vertreter in einem gemeinsamen Wahlgang. Die Majorität entscheidet nach der Höhe der Stimmenzahl; es ordnen sich die Gewählten in zwei Gruppen, die erste Gruppe ergibt die Repräsentanten, diejenige, welche nach ihnen die höchste Stimmenzahl erhalten hat, die Stellvertreter. Bei diesem Verfahren konnten, so wurde in jener Versammlung ohne Widerspruch ausgeführt, Minoritäten sich