Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-19 · 8 (19.2.1904) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021556--13379-3038027
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 120 Dr. Blocö's rrcnigstens dadurch zur Geltung bringen, daß sie durch Uebergehung der ihnen aus der Liste der Majorität nicht genehmen Kandidaten und durch das Eintreten für die Anderen aus dieser Liste den Letzteren ein Uebergewicht von Stimmen verschaffen; dadurch seien schon manchmal recht tüchtige Männer, die ursprünglich als Stellvertreter gedacht, in die Reihe der Repräsentanten gekommen. Freilich könne dieser Modus, wiewohl auch jeder andere, von Ehrgeizigen, die cs verstanden hätten, sich auf die Liste der Mehrheit zu bringen, mit Hilfe von einigen guten Freunden mißbraucht werden. Um nun den letzteren Uebelstand zu vermeiden, sollten nunmehr auf Vorschlag des Vorstandes Repräsentanten und Stellvertreter zwar auch ferner im gemeinsamen Wahlgange gewählt, aber getrennt gezählt werden. Jede Majorität soll nur für die Gruppe maßgebend sein, für welche die Betreffenden kandidieren. Gesonderte Majoritäten für die Repräsentanten und gesonderte für die Stellvertreter. Dadurch wird, so wurde hervorgehoben, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Hatte die Minorität bisher eine Auswahl unter 14 bis 15 und noch mehr Bewerbern, so soll sie jetzt nur unter 7 bis 8 ihre Wahl treffen. Außerdem fei, je größer die Zahl der in Betracht kommenden Kandidaten, um so größer die Garantie, daß darin, wie es ein gesundes Prinzip von Gemeindewahlen fordert, alle in der Gemeinde vorhandenen Richtungen verrreien seien. Diese Ausführungen erhielten ungeteilten Beifall der Versammlung. Einstimmig wurde eine Resolution beschlossen, welche den Vorstand auf das Verhängnisvolle einer solchen Blenderung des Wahlmodus aufmerksam machen und um Beibehaltung des bisherigen Verfahrens bitten soll, eventuell sollen Bezirkswahlen cingeführt werden, weil in diesen die allgemeine Stimmung am deutlichsten zum Ausdruck komme. Auch wurde eine Petition, die sich in demselben Sinne ausspricht, von nahezu -100 Gemeindemitgliedern, ziemlich der Hälfte der sich gewöhnlich an der Wahl Beteiligenden, veranlaßt. In der am 3. d. M. stattgehabten Repräsentantensitzung, die bei der bekannten Lauheit der Breslauer Juden trotz ihrer patzigen Oeffentlichkeit fast gar keine Zuhörer angezogen hat und in der als 4. Punkt der Tagesordnung der Antrag des Vorstandes (Statutenänderung) zur Beratung kam, wurde die Petition in längeren Ausführungen und geschickt durch Professor Dr. Badt vertreten, dem sich dann auch D. N. Schlesinger anschloß. Verteidigt wurde die Wahlreform durch den ersten Vorsteher der Gemeinde, Amtsgerichtsrat Wollstein. Die Vorlage, zu deren Annahme Zweidrittel- Majorität erforderlich gewesen wäre, fiel mit 6 gegen 7 Stimmen. Aus Franken. Von dort wird geschrieben: Die Zeitschrift ..Rivissa Penale di Dottriiia. Legislazioue e Giurris-!>rudenza" in Rom, welche von Luigi Luchini herausgegeben wird und Universitätsprofessoren, sowie hohe Richter und Beamte in Italien nicht bloß, sondern auch in Deutschland, Oesterreich- Ungarn, Frankreich 2c. zu Mitarbeitern hat, enthält in ihrer Rummer vom Jänner 1904 ein Urteil über die Nachträge zu der Schrift „Der Ritualmord vor den Gerichtshöfen der Wahrheit und Gerechtigkeit von Dr. Frank, katholischer Pfarrer, ehemaliger deutscher Reichstags- und bayrischer Landtagsabgeordneter", welches folgendermaßen lautet: „Der Verfasser hat in feiner vorausgehenden Schrift mit vieler Gelehrsamkeit und ebenso großein Eifer die gemeine Meinung bekämpft, welche den Israeliten die Uebung des Ritualmordes zuschreibt. Neue Tatsachen und Schriften haben ihn veranlaßt, den Gegenstand wieder aufzugreifen, um die Gegner zu widerlegen und bei seinem Nachweise zu beharren, daß diese Meinung grundlos ist." Dieses Urteil ist von besonderem Werte und stimmt überein mit den Urteilen, die auch von französischen und englischen Zeitschriften und Gelehrten über die genannten Schriften abgegeben wurden. Eine andere Anerkennung ist dem Pfarrer Dr. Frank für feine langjährige ersprießliche Wirksamkeit am Anfänge dieses Jahres dadurch zu Teil getvorden, daß er zum bischöflichen geistlichen Rate ernannt worden ist. Zu den Hamburger Bürgerschaftswahlen wird aus Hamburg, 7. Februar, geschrieben: Am Freitag nächster Woche finden die halbschichtigen Ernenerungswahlen zur „Bürgerschaft" statt. Unter den erledigten Mwcvenscbrttt. m. 8 40 Mandaten befinden sich auch die der Herren Jakobsen und Raab, die sich wiederum bewerben. Wer im Jahre 1898 und 1901 bei der Wahlagitation den Eifer und die — glücklicherweise getäuschte — Siegeszuversicht der Antisemiten beobachtet hat, muß staunen über die Bescheidenheit, mit der sie jetzt in den Wahlkampf ziehen, oder vielmehr nicht staunen, denn sie wissen's noch besser als andere, daß sie einen erheblichen Teil ihrer Anhänger verloren haben (siehe u. a. die letzte Reichstagswahl). Und wie wenig Leute von Reputation sie in ihren Reihen besitzen, beweist ihr Kandidatenmangel. Nur etwa fünfzehn Wahlkreise — früher kamen sie in allen vierzig in Betracht — sind auf fünf Herren „verteilt". Raab, der Generalissimus, kandidiert fünfmal. Sehr bezeichnend ist es ferner, daß in ihren Versammlungen und Flugblättern von allem die Rede ist, nur nicht vom Antisemitismus; mit dem locken sie hier keinen Hund hinter dem Ofen weg. Es trifft sich glücklich für sie, daß die Neueröffnung mehrerer Warenhäuser ihnen Gelegenheit gibt, den Mittelstand wieder einmal zu „retten". Einer ihrer Kandidaten, von gegnerischer Seite interpelliert, erklärte, die Judenfrage sei vorläufig zurückgestellt, aber nicht aufgegeben. Das läßt tief blicken! Herr Raab, unzweifelhaft eine agitatorische Kraft ersten Ranges, läßt, unbekümmert um die ihm für Hamburg unbequeme Tatsache, einer der wildesten Agrarier zu sein, in seinem Flugblatt erklären: „Nie hat er übrigens im Reichstag ein Wort für die bäuerliche Schutzpolitik gesagt". Wie's trefft, bald so, bald so! Was sagt dazu die „Deutsche Tageszeitung", die neulich ihrem Schützling attestierte, er sei einer der eifrigsten Förderer der vom Bund vertretenen wirtschaftlichen Bestrebungen? Ein Witzbold macht in den Zeitungen den gar nicht üblen Vorschlag, die Leitung der hiesigen Deutschsozialen möge die vierte, leere Seite der antisemitischen Flugblätter, die pomphaft ein aus aller Welt zusammengesetztes „Programm" verkünden, mit demjenigen des Bundes der Landwirte bedrucken lassen, dann hätte sie, einem tiefgefühlten Bedürfnis nachkommend, gleichzeitig für Hamburg und Ostelbien etwas auf Lager. Was nun die Wahlaussichten der Antisemiten anbetrifft, so können für sie nur wenige Bezirke ernstlich in Betracht kommen, ein Erfolg im ersten Wahlkampf ist ausgeschlossen. Immerhin ist ein Sieg möglich, wenn sie mit einem sozialdemokratischen Kandidaten in die Stichwahl kommen sollten, da erfahrungsgemäß sie von einem Teil der bürgerlichen Parteien dann als kleineres Uebel betrachtet werden. Paris. Der mit dem Bericht über den Dreyfushandel betraute Rat am Kaffationshofe, Herr Boyer, ist von dem Präsidenten der Strafkammer ermächtigt worden, den Verhandlungen fern zu bleiben, um die Fertigstellung seines Berichtes möglichst zu beschleunigen. Man erwartet, daß Herr Boyer seinen Bericht in etwa vierzehn Tagen beendet haben wird, so daß die Verhandlungen um den 25. Februar beginnen könnten. Diese dürften drei Tage dauern. Am ersten wird Herr Boyer seinen Bericht verlesen, am zweiten der Anwalt Dreyfus', M. Mornard, plaidieren und am dritten der Generalprokurator Baudonin seine Schlußanträge entwickeln, worauf die Beratungen sofort stattfinden. — General de Boisdeffre erreicht heute die Altersgrenze und tritt in die Reserve über. Es ist noch in ftischer Erinnerung, welche Rolle der ehemalige Chef des großen Generalstabes in den verschiedenen Phasen des Dreyfushandels gespielt hat. Daß General de Boisdeffre sich seiner schweren Vergehen vollständig bewußt war, geht aus der Mitteilung hervor, die Josephe Reinach in seiner Geschichte des Dreyfushandels macht: Vor dem Prozesse von Rennes hielt General de Boisdeffre sich für verloren und gestand feinem Beichtvater, dem famosen Jesuitenpater Du Lac, dem er auch alle Geheimnisse der Nationalverteidigung anvertraute: „Ich komme zu Ihnen wie einer, der auf den Richtplatz geführt werden soll." Aus Anlaß des Rücktrittes aus dem aktiven Dienste verweisen verschiedene Blätter darauf, daß dieser General durch nahezu fünfeinhalb Jahre zur Disposition gehalten wurde, ohne daß es dem Kriegsminister möglich gewesen wäre, ihn in die Reserve zu versetzen, solange er nicht das vorgeschriebene Alter von 65 Jahren erreicht hatte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.