Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 118 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 8 aber das Gespräch auf das frühere Thema zurück: „Wie habt chr es vermocht, ihr echte Russen, euch so leichten Herzens und kopfüber vom Heiland abzuwenden?" — „Auf Erden ist es doch ganz unmöglich, den Lebenswandel zu führen, den Jesus lehrt. Was gab er denn neues für das Erdenleben?" versetzte einer der Anwesenden. Diesem fiel ein alter Bauer ins Wort: „Hat denn Christus nichts neues veMndet? Nicht für uns zu leben, sondern ausschließlich für unsere Mitmenschen? Alle Menschen zu lieben, sogar die Feinde, zur selben Zeit sich zu verleugnen — dies ist die neue Lehre, die Israel nicht kannte. Aus dem Alten Testament kannten die Juden das Gebot, Gott zu lieben, durch das Neue Testament hat aber Christus die Liebe zum Nächsten veMndet. Eben deshalb ist es den Juden so schwer, unter den anderen Völkern, besonders unter den Christen, zu leben. Die Juden halten nur sich für das auserwählte Volk, sie leben nur für sich selbst; die Christen müssen dagegen jedermann ohne Unterschied als ihren Nächsten, als einen jüngeren Bruder Christi betrachten." Auch diese Replik des alten Sabbathariers hat den Verfasser in der Ansicht bekräftigt, daß zwischen dieser Judensekte und den Molokanen eine enge Verbindung bestehe. Er erklärt: „Die Sabbatharier verhalten sich im Unterschied zu den Juden zum Heiland und zum Neuen Testament ganz tolerant. Sie begeistern sich sogar für viele Lehrsätze des Evangeliums." Auf Grund der vom Forscher Astyrew gesammelten und in der Petersburger Monatsrevue „Sjewerny Wjestnik" („Nordbote") veröffentlichten Daten gewinnt man folgendes Bild von den gegenwärtig in Rußland lebenden Judensekten: Im großen und ganzen zerfallen sie in zwei Gruppen: ' Gerim (vom althebräischen Wort Ger, der Fremde, Bekehrte) und Subotniki (Sabbatharier). Die Gerim haben sich vollständig vom Christentum abgewendet; sie lernen fleißig die althebräische Sprache, deren sie sich beim Gottesdienst bedienen, und anerkennen den Talmud; sie bemühen sich, den echten Juden in Lebensweffe und Gebräuchen ähnlich zu sein, und glauben wie diese, daß der sehnsüchtig erwartete Messias ein irdischer Zar sein werde. Die Sabbatharier befolgen auch alle jüdischen Gebräuche — darunter die Beschneidung — ihre Gebete find jedoch russisch. Viele von ihnen anerkennen auch das Neue Testament, das sie aber weniger achten als das Alte. Die Dreieinigkeit leugnen sie, Jesum halten sie für einen Propheten, keineswegs für einen fleischgewordenen Gottessohn. Auch sie erwarteten den Messias, den sie für einen großen Philosophen oder Sittenlehrer halten, der auf Erden das Reich des Geistes, der Vernunft, der Freiheit gründen werde. Laut den in der russischen Fachliteratur vorhandenen Angaben sind die Angehörigen der Judensekten arbeitsam, zum größten Teil Ackerbauer und der Trunksucht und Sittenlosigkeit abhold. Sic lesen eifrig, sind gastfreundlich und leutselig; sie sind ebenso ihren Glaubensgenossen wie Andersgläubigen gegenüber stets hilfsbereit; den Christen gegenüber verhalten sie sich reserviert, jedoch entgegenkommend und erfüllen alle Bürger- und Staatspflichteu. Die vielen Hunderttausende, vielleicht Millionen von Angehörigen der Judensekten sowie die ganze Millionen von Anhängern zählende protestantisch-rationalistische Bewegung in Rußland, so auffallend und merkwürdig ihre Erscheinung auch sein mag, sind im Grunde genommen nichts anderes als ein fortwährender, Jahrhunderte andauernder Protest gegen den religiösen Polizeidogmatismus der offiziellen Kirche und des Staates. Viele Sabbatharier haben sich nach Palästina geflüchtet, um dort chr Bekenntnis zum Judentum, auf das in Rußland lebenslängliches „Sibirien" steht, offen zu bekennen. Sie vertauschen dort ihren russischen „Siddur", eine wörtliche Uebersetzung des hebräischen (sephardischen) Gebetbuchs mit dem Original, und das Ruffische mit dem^Füdisch-Deutschen und Hebräischen. Sie wollen sich keineswegs B'-a nennen lassen und bezeichnen sich stets als „Juden". Sie sind übrigens ausnahmslos Zionisten und sind in Rußland nur durch den Polizeiknüppel und die Sibirienparagraphen gezwungen, chre Liebe zum Judentum und zu Zion zu verbergen. („Jüd. Rundschau".) irorrespondenzen. „Eine Synagoge von der Feilbietung bedroht." Wir erhalten folgende Zuschrift: Noch immer ist es nicht möglich, diese traurige, tiefbetrübende Aufschrift aus Ihrem geschätzten Blatte verschwinden zu machen! Die Gefahr, daß sie sich zu einer stehenden Rubrik entwickeln könnte, wird nur durch den Umstand verhindert, daß die Aufschrift, welche von dem Bestände des kleinen Bethauses an der Atzgersdorf-Liesinger Bahnstrecke Zeugnis gibt, bald verlöscht sein wird, da die Exekution bereits im Zuge ist. Noch immer hoffen wir, daß unsere sonst so hilfsbereiten Glaubensgenossen in letzter Stunde auch in diesem Falle einer pietätvollen, edlen Regung werktätigen Ausdruck geben werden. Andernfalls wäre das Schicksal der vor den Toren Wiens errichteten Synagoge besiegelt — wegen eines noch unbedeckten Fehlbetrages in der Riesenhöhe von 2885 Kronen (1442 fl. 50 kr.!!) Seit dem letzten hier veröffentlichten Ausweis sind folgende Spenden eingelangt: Frau Baronin Charlotte v. Königswarter K 300.—. (Unter der Voraussetzung, daß die Angelegenheit völlig geordnet wird.) Sammlung der „Oesterr. Wochenschrift" K 128—, S. B. K 50.—. Zur Erhaltung des Tempels Atzgersdorf - Liesing sind uns ferner zugekommen von Herrn Rabbiner Dr« I. Hoff in Bisenz K 2.—, von Herrn Jg. Sonnenfeld in Wien, XV., K 20. -, von „Einem Zehnjährigen" X 5.—, unter M. H. Söhne K 20.—, von Herrn Jgn. Zeigler, Wien, X 2.—. Ein Lehrerprozeß im antisemitischen Wien. Vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Fünfhaus endete am 10. d. M. ein hochinteressanter, die Verhältnisse des Wiener Lehrerstandes hell beleuchtender Prozeß. Ein Prozeß, der zur Naturgeschichte der christlich-sozialen Schulpolitik wesentliche Beiträge liefert unb das System, nach welchem die herrschende Partei in Lehrerkreisen „Zucht und Ordnung" aufrecht hält, klar erkennen läßt. Die Basis dieses Systeyls sind: Denunziation und. Spionage. Seine .eifrigen Vertreter: diejenigen Lehrpersonen, welche ben kommunalen MäHthäbern politisch attachiert sind; seine Mittel: geheime Dossiers, politische Konduite-Listen, Entlassungs-Drohungen, Drangsalierungen in der ökonomischen Sphäre; seine Opfer: die Lehrer, welche sich offen als «freie Männer" bekennen und diesem Bekenntnis gemäß reden und handeln. Man wird bei der Lektüre dieses famosen Prozesses zwischen dem Schulleiter Prohaska und dem Lehrer Herlischka mehr als einmal an die gute Hawelsche Komödie „Die Politiker" erinnert, mit ihrer drastisch vorgetragenen Erkenntnis: Nur dem Lehrer, der kuscht, katzcnbnckelt, seine Meiuung und seinen politischen Glauben verleugnet, nur dem geht es heute gut in Wien. Dem Idealisten, der denkt, es sei gescheidter, ein schlechter Christlich-Sozialer und ein vorzüglicher Lehrer zu sein als umgekehrt, wird gründlich nachgewiesen, daß er sich irrt. Aber das Hawel'sche Stück mit all' seiner satirischen Derbheit reicht nicht heran an die abscheulichen Verhältnisse, wie sie äe taeto in der Wiener Lehrerzunft bestehen. Der Prozeß Prohaska ist in dieser Hinsicht instruktiver, drastischer. Die Wirklichkeit übertrumpft ihren Satiriker. Der Schulleiter Prohaska hatte den Bürgerschullehrer Herlischka wegen Ehrenbeleidigung geklagt, weil dieser ihn in einem an den Abgeordneten Hetlinger gerichteten Schreiben der Denunziation beschuldigt, ihm ferner vorgeworfen hatte, daß er eine Schreckensherrschaft führe, Recht und Gesetz mit Füßen trete und zur Maßregelung aller derjenigen Lehrer beigetragen habe, die ihm nicht zu Gesichte standen. Außerdem wird der Schulleiter in diesem Schreiben beschuldigt, er habe in der Absicht denunziert, dem Geklagten Herftschka Lehrstunden zu entreißen und sich selbst zuzuwenden. Im Verlauf des seitens des angeklagten Bürgerschullehrers durchgeführten Wahrheitsbeweises wurden schon am ersten Verhandlungstag Tatsachen zutage gefördert, welche auf die Zustände im Lehrkörper der Fortbildungsschule und auf das eingerissene Spitzeltum und Denunziationswesen ein höchst bedenkliches Licht werfen. Der frühere Direktor wurde nach seiner gerichtlichen Aussage dadurch vom Amt verdrängt, daß gegen ihn die Denunziation erhoben wurde, er habe die Bilder des Obmannes und der beiden Obmann-Stellvertreter der Gewerbeschul-Kommission Dr. Neumaver, Axmann und Jedliczka, die in der Kanzlei hingen, herabgerissen. Ein als Zeuge vernommener Bürgerschullehrer, der durch einundzwanzig Jahre erfolgreich gewirkt hatte, war sofort zu Beginn der Amtswirksamkeit des neuen Direktors ebenso plötzlich entlassen worden wie der Lehrer der Stenographie und der Zeichenlehrer, welcher durch dreißig Jahre an der Anstalt gewirkt hatte. Der Richter erachtete den Wahrheitsbeweis für die überaus schwerwiegenden Beschuldigungen für vollkommen erbracht, daß „der Direktor die Lehrkräfte denunziert, eine Schreckensherrschaft etabliert und Recht und Gesetz mit Füßen getreten habe". Aber die Details des Prozesses führen eine noch beredtere Sprache als das Urteil. Man höre: Ein Schuldiener war als Spion über die politische Gesinnung der Lehrer verwendet worden und Schulleiter Prohaska hatte auch versucht, einen Lehrer für solche Spionagedienste,