Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 116 Dr. Mocb's THUocbenscbrtft rttr. 8 Die ^-Strahlen des leuchtenden Menschen. In einem interessanten Feuilleton der „Zeit", Nr. 471 vom 20. Jänner l. I., wird unter dem Titel „Der leuchtende Mensch" die sensationelle Entdeckung der Herren Blondlot und Charpentier besprochen, daß der menschliche Körper gleichsam einen Brennherd sogenannter X-Strahlen bildet. Die geistvollen Ausführungen des Verfassers rechtfertigen vollauf den erwähnten Namen und liefen obendrein den Beweis, daß die Entdeckung Blondlot's sich nicht bloß aus die innere Tätigkeit des menschlichen Geistes, sondern vielleicht in noch höherem Grade auf das äußere Produkt dieser Tätigkeit erstrecke. Ich sage „in noch höherem Grade", weil das einem Geistes- Produkte entströmende Licht sich ohneweiters auch minder sensitiven Personen mitteilt, und nur diesem Umstande ist es wohl zu verdanken, wenn die Beleuchtung, die der „leuchtende Mensch" in dem von uns besprochenen Essay erfährt, selbst Laien ein Licht über das Wesen des entdeckten „Ock-Lichtes" aufgehen läßt. In der Tat ist das, was der Verfasser über den neuesten Triumph der Wissenschaft zu berichten weiß, wohl danach angetan, nicht nur dem Geiste, sondern auch der Phantasie den weitesten Spielraum zu eröffnen, so daß man füglich vom leuchtenden Menschen kaum mehr sprechen kann, ohne an den erleuchteten zu denken. Diese Wahrheit findet ganz besonders ihre Bestätigung in manchen Aeußerungen, die unser Verfasser fallen läßt. Bald scherzweise und bald im Tone vollster Ueberzeugung läßt nämlich dieser die Möglichkeit durchschimmern, daß unsere Vorfahren, die wir mit Rücksicht auf ihren viel bewunderten divinatorischen Instinkt zutreffend Ahnen nennen, schon im grauen Altertume nicht ohne jedwede Ahnung vom „leuchtenden Menschen" gewesen wären. Allerdings sind die Belege, die der Verfasser für diese Ansicht erbringt, nicht immer einwandfrei. So soll beispielsweise der „Seher" an die Propheten des Alten Testamentes gemahnt werden, die „mit feuerigen Zungen sprachen". Von solchen Propheten ist aber weder im Alten noch im Neuen Testamente irgendwo die Rede, und während letzteres wohl oft über Apostel zu berichten weiß, die mit Zungen, (Apostelg. X., 46; 1 Corinth XIV., 2 f. f.) anderen Zungen, (Apostelg. II., 4) mancherlei Zungen, (1 Corinth XII., 10, 28) neuen Zungen (Marc. XVI., 17) sprachen, scheint es davon durchaus nichts zu wissen, daß manche Apostel, resp. Propheten ihre Gedanken sogar „mit feuerigen Zungen" mitgeteilt hätten. Beiwestem naheliegender scheint es mir, aus jene Stellen der Bibel hinzmveisen, die den Geist oder das Leben schlechthin als „Licht" bezeichnen. So heißt es zum Beispiel in einem Spruche (Spr. XX, 27) „Eine Leuchte des Ewigen ist des Menschen Geist, durchforschend alle Kammern des Leibes." Wer . denkt hier nicht unwillkürlich an den geplanten Versuch, die Lokalisation der seelischen Vorgänge im Menschen mit Hilfe der von diesen selbst verursachten X-Strahlen zu erzielen? Ebenso lassen folgende Sätze auf die Vorstellung eines direkten Zusammenhanges zwischen Licht und Leben schließen: a) „Warum gibt er dem Mühseligen Licht und Leben den ' betrübten Gemütern?" (Job III, 20.) d) „Um zurückzuführen seine Seele von der Grube, damit sie leuchte im Lichte des Lebens." (ib. XXXIII, 3.) c) „Denn du hast gerettet mein Leben vom Tode, ja meinen Fuß vom Sturze, um stei zu wandeln vor Gott im Lichte des Lebens." (Ps. LVI, 14.) ä) „Ja, gewiß muß der Frevler Licht erlöschen und die Flammen seines Feuers hören auf, zu scheinen. Das Licht dunkelt in seinem Zelte und seine Leuchte über ihm erlischt." (Job XVIII, 5, 6.) e) Aus seinem Munde fahren Fackeln, Feuerfunken entsprühen daraus, (ib. XU, 11.) f) Ich lächelte ihnen zu, wenn sie verzagend nicht getraut und mein Gesicht verlor nicht von seinem Lichte, (ib. XXIX, 24.) g) Die Weisheit des Menschen erleuchtet sein Angesicht. (Koheleth VIII, 1.) Aus den angeführten Bibelversen geht hervor, daß man sich das Leben als Licht vorzustellen pflegte — eine Auffassung, die auch wohl St. Johannes vorgeschwebt haben muß, als er sein Evangelium mit den Worten einleitete: „und das Leben war das Licht des Menschen." Bemerkenswert ist auch die Mitteilung des Josephus, (Altert. III, 8) daß der mit zwölf Edelsteinen besetzte Brustschmuck des Hvhepriesters ein seltsames Licht auszustrahlen pflegte, wenn der glückliche Ausgang eines hie und da notwendig erschienenen Krieges angezeigt werden sollte. Dieses Licht mag nun nichts anderes als eine Abspiegelung der glückverheißenden Ahnung des Hohepriesters gewesen sein, zumal unser Feuilletonist gerade die Herzgegend als denjenigen Teil des Körpers bezeichnet, der die reichste Fülle von Licht ausströmt. Nur so begreifen wir die Anordnung, daß der für derlei Funktionen bestimmte Hohepriester vom heiligen Geiste erfüllt sein mußte. (Vgl. Talmud Joma 73 b, Z. 16.) So bezeichnend indeß die angeführten Stellen sein mögen, so tritt uns erst aus der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts die bestimmte Vorstellung von einem Lichte entgegen, das dem menschlichen Körper entströme. Im Talmud (Leraebotb 5 b, Z. 22) wird folgende Erzählung überliefert: „Einst wurde Rabbi Eleasar von einer Krankheit befallen. Rabbi Jochanan besuchte den Kranken, der in einem dunkeln Zimmer darniederlag. Um dieses zu erhellen, entblößte Rabbi Jochanan seinen Oberarm, aus dem ein Lichtstrahl hervorblitzte." (Vgl. Talmud Xiäckusebiu 81 a, Z. 38, wo ein ähnlicher Fall von einem Mädchen erzählt wird.) Diese Überlieferung stimmt Auffallend, mit den.Ausführungen jenes Feuilletons überein, das nicht nur feststellt, daß die Muskeln des Oberarmes ein intensiveres Licht erzeugen, sondern auch wörtlich mitteilt: „Versenkt man ein Zimmer in absolute Finsternis und hält darin reizbare Personen eine Zeit lang, so werden sie erst ihre Hände re." Besonders merkwürdig ist es, daß wir in der rabbinischen Literatur häufig auch auf theoretische Aeußerungen stoßen, die ganz deutlich an die Entdeckung Blondlot's anklingen. Als Beispiel möge folgende Stelle aus dem kabbalistischen Buche dienen. Da heißt es nämlich: (Sohar II, S. 99) „Himmlisch ist die Seele, irdisch der Atem. Diese, gleichsam in ein ehrliches Bündnis gebracht, strahlen ein hehres Licht aus." (Vgl. ib. III, S. 218.) Der Begründer der jüdischen Religionsphilosophie, Rabbi Saadja Gaön (Haamunoth wehadaoth VI) sagt: „Aber das Wesen des Geistes ist nicht minder blank als das der Himmelskörper und gleich diesen ist ihm ein Licht eigen, das Strahlen aussendet." Von den vielen andern Erzählungen und Aussprüchen, die das Vorhandensein des.„0ä-Lichtes" am menschlichen Körper voraussetzen, mögen noch folgende Zitate erwähnt -werden, obschon manche derselben offenbar ein sagenhaftes Gepräge tragen: a) „In dem Bibelexemplar Rabbi Meier's fand man eine (von unserm Texte abweichende) Lesart, welche lautete: „Und es Machte der Ewige, Gott, dem Menschen und seinem Weibe Hemden von Licht und bekleidete sie." (Rabba 1 M. XX.) b) „Juda, Sohn des Rabbi Chia, ging hin und verweilte die Woche über im Lehrhause. Nur jeden Freitag Vorabends begab er sich nach Hause. Noch ehe er aber dieses erreichte, kündete eine ihm vorangehende Feuersäule seine Ankunft an." (Kethuboth 62b, Z. 23.) e) An Mar-Ukwa erging ein Schreiben folgenden Inhalts: „Friede sei mit dir, den gleich dem Sohne Bithjoh's (Moses) ein Strahlenkranz umgibt." (Sanhedrin 31b, Z. 35.)