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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-19 · 8 (19.2.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 Dr. JBlocb’s MocbenscbrLkl. Seite 115 ihre Habe schützen wollen, erschlagen, ihre Frauen und Töchter schänden und die Kinder pfählen oder sie gegen eine Wand schleudern, daß das Gehirn nur so herumspritzt. In der Tat, es gibt einen Ritualmord, aber es sind nicht die Juden, die ihn begehen. Wir hätten zu schwarz gemalt? So mag es im Mittelalter zugegangen sein, aber in unserer humanen und aufgeklärten Zeit — nur gemach mit dem stolzen Bewußtsein des zwanzigsten Jahrhunderts! Jahr um Jahr wiederholt sich das Schauspiel. Man forsche doch zurück nach einem einzigen Jahre, in dem die weiße Fahne aufzuziehen gewesen wäre, in dem an Juden keine Greuel verübt worden wären, nicht weil sie ein Verbrechen begangen hätten, sondern weil sie Juden waren. Das „Deutsche Volksblatt" wird auch heuer vergnügt auf seinen Lorbeeren ausruhen können. So sicher ist gar keine andere Spekulation, nicht einmal die mit Obligationen, wie die aus die brutalen Instinkte einer systematisch aufgehetzten Menge. Es kann auch nicht anders sein. Die Aufklärung baut auf und ihre Arbeit ist eine langsame, mühsam setzt sie Stein auf Stein zu ihrem Baue. Zerstört ist rascher als gebaut. An diesem Mißverhältnis zerschellt jede Hoffnung. Was hundert Jahre der Aufklärung in harter Arbeit aufgerichtet, hat der Antisemitismus im ersten Ansturm über den Haufen geworfen. Schon hatte das Volk begonnen, sich des dunklen Triebes zu schämen, Menschen zu martern und zu verfolgen lediglich um ihres Glaubens und ihrer Abstammung willen, da trat der Antisemitismus in die Erscheinung, setzte sich zur Tafel, machte sich hoffähig und mit einem Mal ist es wieder ehrenvollgeworden, hep hep zu schreien und den Juden zu erschlagen. Und wieder wird es hundert Jahre bedürfen, bis man die Menge neuerdings aufgeklärt, die Landbevölkerung zur Vernunft gebracht haben wird. Und was dann?? Den Antisemitismus, der ihren wilden Instinkten entgegenkam, den haben sie sofort begriffen, aber es wird sein Säkulum brauchen, bis aus den Bauernschädeln das wieder herausgebracht sein wird, was sie heute verwirrt. Wo heute noch das egyptische Traumbuch des kleinen Lotto als der Weisheit letzter Schluß in unerschütterlichem Ansehen steht, da gibt es in der Tat harte Kulturarbeit zu tun. Ja, hart und undankbar ist die Arbeit, und es wird nur sehr langsam mit ihr vorwärts gehen. Da geht es mit der Arbeit, die das „Deutsche Volksblatt" auf sich genommen hat, schon rascher; sie ist leichter und — dankbarer. Die Herren Vergani und Schwer haben alle Ursache, fröhlich zu sein. Ihr Weizen blüht und sie sitzen im Rohr und schneiden Pfeifen. _ Whig. Das Grundprinzip der Kaninchen Ethik und die Kidel. Von Dr. S. Funk, Boskowitz. In der vorigen Nummer dieser Wochenschrift hat Herr Dr. S. Rubin im Gegensätze zu Lazarus — „der bestrebt ist, die Kant'sche Autonomie der Moral in die biblische Ethik hineinzutragen" — auf die weite Kluft hingewiesen, welche die biblischtalmudische Weltanschauung von der Kant'schen Ethik trennt. Während nach Kant — meint Dr. Rubin — die praktische Vernunft dem handelnden Menschen gleich „einer kleinen Tyrannin" auf Schritt und Tritt ihr „sie volo sic jubeo“ zuruft, ist der Zweck der Thora „das Glück Aller, dem das Individuum sich unterordnen muß, schon deshalb, weil das Glück des Individuums ohne das allgemeine Glück nach biblischer Anschauung unmöglich sei." Der Gedanke vom „Glücke Aller" als Endziel aller Sittlichkeit, den Rubin auch in V. B. M. 6, 24, 25 ausgesprochen findet, und welcher nach der Ansicht Dr. Rubin's mit dem kategorischen Imperativ Kant's unvereinbar ist, kehrt aber tatsächlich bei Kant, wie bei so vielen Denkern der alten und der neuen Völker an vielen Stellen in mehr oder minder deutlicher Form wieder. Die griechischen Philosophen haben ihn bereits mit der gesellschaftlichen Bestimmung des Menschen (Z$ov uoXtxcxov) angedeutet. Cicero hat ihn in dem bekannten Satze: „salus populi summa lex esto“ (de logib. DL, 3) ausgesprochen. Ganz unzweideutig hat aber gerade Kant das „Weltbeste" — ein von Kant eingeführter Terminus — als das von der Menschheit zu erstrebende Höheziel hingestellt. „Die Tugendgesinnung — sagt Kant (Kant's sämtliche Werke von Rosenkranz und Schubert X., S. 209) — beschäftigt sich mit etwas Wirklichem, was. . . zum Weltbesten zusammenstimmt. In ihr den höchsten Wert setzen... ist barer, zum Weltbesten hinwirkender Beitrag." Wie den israelitischen Propheten, hat auch Kant das Reich des ewigen Friedens als das ideale Reich der Zukunft vorgeschwebt und die Herbeiführung dieses „Gottesreiches auf Erden" hat er ausdrücklich als letzte und höchste Bestimmung des Menschen bezeichnet. Ein bekanntes schönes Wort Kant's, mit welchem Chamberlain — wohl mit Rücksicht auf den Volksspruch „Ende gut, alles gut" — seine vielgelesene Schrift „Dilettantismus" schließt, lautet: „Das Reich Gottes auf Erden, das ist die l e tz t e B e st i m m u n g, des Menschen Wunsch ... Im ganzen Weltall sind tausend Jahre ein Tag. Wir müffen geduldig an diesem Unternehmen arbeiten und warten." Daß es Kant unbekannt blieb, daß der Begriff „Reich Gottes" — wie Harnak sagt — „den religiösen Ueberlieferungen des israelitischen Volkes entnommen", ändert nichts an der Sache. Kant war ja kein Theologe. Merkwürdig aber ist, daß Kant sich von unserer „Mitarbeit an diesem Unternehmen" so wenig oder gar nichts versprochen. Obgleich er es als einen „allen Ungläubigen zum Trotz auch für die strenge Theorie haltbaren Satz" aufstellt: „Daß das menschliche Geschlecht im Fortschreiten zum Beffern immer gewesen sei und so immer fortgehen werde" (Bd. X., S. 351), so hat er sich doch der Hoffnung begeben, daß die Menschheit sich zur idealen Höhe des „Gottesreiches" aus eigener Kraft emporschwingen könnte. Dazu bedarf es nach seiner Ansicht der göttlichen Hilfe. „Die moralische Grundlage im Menschengeschlecht wird nicht im mindesten vergrößert werden, als wozu eine Art von neuer (göttlicher) Schöpfung erforderlich sein würde." (Das. 455) Dieser „Fortschritt wird nicht sowohl davon abhängen, was wir tun und nach welcher Methode w i r verfahren sollen, um es zu bewirken (die Menschen zu diesem Ziele zu erziehen), sondern von dem, was die menschliche Natur in und mit uns tun wird, um uns in ein Geleis zu nötigen, in welches wir uns von selbst nicht leicht fügen würden. Denn von ihr oder vielmehr von der Vorsehung allein können wir einen Erfolg erwarten, der aufs Ganze und von da auf Teile geht, da im Gegenteile die Menschen mit ihren Entwürfen nur von den Teilen ausgehen, wohl gar nur bei ihnen stehen bleiben und aufs Ganze, als ein solches, welches für sie zu groß ist, zwar ihre Ideen, aber nicht ihren Einfluß erstrecken können." (Bd. VH, S. 324.) Wie aus den angeführten Stellen ersichtlich, hat wohl Kant analog der jüdischen Weltanschauung das gesellschaftliche Glück als Endziel der Tugend erkannt; nur in Bezug auf die Mittel gehen die Ansichten auseinander. Kant erwartet noch von der Vorsehung, daß sie die Menschheit in ein ihrem hohen Zwecke „entsprechendes Geleise nötige"; nach der Mischen Weltanschauung hat sie dies bereits — soweit das jüdische Volk in Betracht kommt — getan, indem sie diesem die Lehre mit ihren Ge- und Verboten als ein göttliches Erziehungsmittel in die Hand gegeben, eine Lehre, „deren Gesetze", wie Kant's großer Schüler Herder in seinen Ideen sagt, „sich vom Größten bis zum Kleinsten erstrecken, um sich des Geistes der Nation in allem zu bemächtigen." Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, ob Kaut mit dieser Zweckbestimmung der Tugend seine Lehre vom kategorischen Imperativ preisgegeben und auch in diesem wie in so anderen Punkten der „Kantianismus ein Doppelantlitz trägt" oder ob in dem großen Systeme bei entsprechender Formulierung der Kant'schen Grundidee diese scheinbaren Gegensätze vereinbar find. Gelingt dies, dann wird Kant in beiden Punkten mit der Richtung des biblisch-talmudischen Geistes übereinstimmen und man wird nicht von. dem Meisterwerke des seligen Lazarus sagen müffen, daß sie „alles eher sei, als eine Ethik des Judentums".

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