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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-19 · 8 (19.2.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 114 Dr. Mocb's MLocbenscbrtrr. Nr. 8 Die Gelegenheit zur ersten Erprobung des neuen Verfahrens ist eben jetzt gegeben. Das „Deutsche Volksblatt" benützt die Auffindung eines weiblichen Leichnams im Prager Vororte ZiÄow, um einen neuen Ritualmord zu konstruieren Es arbeitet mit Volldampf wie in den Tagen von Polna und bringt tatsächlich Lügenberichte über angeblich fehlendes Blut, über Vertuschuugsversuche der Prager Kriminalpolizei rc. Während der klerikale Prager „Oech" konfisziert wurde,' hat sich der Wiener Staatsanwalt au das „Deutsche Volksblatt" noch nicht herangewagt. Wenn er die Beschlagnahme deshalb unterließ, weil er die Lügen der „Bluthunde" in der Josefsgaffe amtlich berichtigen will, so soll es uns recht sein. Der Prager Mord bestätigt unsere oft ausgesprochene Meinung, daß die P. T. Mörder seit der Verurteilung Hilsner's sich nicht besser vor Entdeckung sichern können, als indem sie durch die nachträgliche Beibringung eines Halsschnittes an ihrem Opfer die Nachforschungen auf eine falsche Fährte leiten. Auch wir halten eS nicht für unmöglich, daß die Bluttat von ZiLkow ein R i t u a l m o r d ist, aber ein antisemitischer Ritualmord, zu dem Zwecke ausgeführt, um nach dem Muster so vieler Kindermorde dem langsam verblassenden Blutmärchen wieder zu neuem Leben zu verhelfen. Wenn mau die antisemitischen Bluthetzer festnähme, würde man sofort hinter das Geheimnis des Mordes gelangen. Das „Deutsche Volksblatt" faselt von jüdischen Sekten im fernen Osten, die das Blutritual üben. Aber ist es nicht merkwürdig, daß alle sogenannten Ritualmorde der letzten Jahre sich nicht im fernen Osten, im Bereiche jener angeblichen Sekten, sondern in Böhmen, jenem Kronlande der Monarchie, wo die kulturell höchststehenden Juden wohnen, entdeckt wurden? Für jeden Einsichtigen ist es seit langem klar, daß hier mehr als Zufall im Spiele sei und daß die schwungvoll betriebene Bluthetze der Wiener und der böhmischen Antisemitenblätter verbrecherische Hände in Bewegung setzt. Die antisemitischen „Bluthunde" haben eine Saat ausgestreut, die fürchterlich in die Halme schießt. Aufgabe der Staatsgewalt ist es nun, durch amtliche Aufklärung den Leuten wie Schwer und jp usak das Handwerk zu legen. Vom Zgbrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Eine „Eigene Drahtnachricht" des „Deutschen Volksblattes". — Die journalistischeSensation. — Es gibt einen Ritualmord.) Das „Deutsche Volksblatt" hat eine „Eigene Drahtnachricht" aus Prag erhallen. Auf dem nördlichen Abhange des Zizkower Plateaus ist die Leiche eines elffährigen Mädchens gefunden worden. Nach der ganzen Sachlage ist jeder Zweifel ausgeschlossen: Das unglückliche Kind ist ermordet worden. Es ist auch sehr bald gelungen, die Identität der Leiche festzustellen. Es war die der körperlich gut entwickelten, geistig aber zurückgebliebenen Tochter eines Gerichts-Kanzlisten. Es heißt, daß das Kind schwachsinnig gewesen und schon häufig aus dem Elternhause entwichen sei. Der Fall ist sicherlich geeignet, die tieffte menschliche Teilnahme zu wecken, aber auf den ersten Anblick scheint er doch nicht danach angetan, eine große journalistische Sensation zu bilden, zumal in heutiger Zell, da auf dem Horizont Flammenzeichen auftauchen, die die Gefahr eines Weltbrandes unserer Vorstellung naherücken, da jede Stunde fast Nachrichten von Massentod und Verderben bringt. Das Schicksal eines Kindes, so nahe es das menschliche Empfinden berühren mag, kann an sich die öffentliche Meinung nicht in dem Maße aufwühlen, wie die bange Sorge um das Leben tausender, das Schicksal von Wellreichen und damll in Verbindung auch das des eigenen Vaterlandes und das Wohl und Wehe der heimischen Bevölkerung. An sich nicht; aber man kann ein wenig nachhelfen. Das „D. V." bringt die Nachricht mit einer,, Katastrophen-Ueberschrist", in „Bourgeois-Durchschuß" und mll reichlicher Verwendung von gesperrter Schrift. Die Ueberschrist lautet „Eine Affaire ä la Hilsner?" Damit ist der agitatorische Hauptzweck schon erreicht, der liebe Leser des „D. V." bereits gewonnen. Das Fragezeichen, das den Titel abschließt, tut seinen ausgezeichneten Dienst. Zunächst — und das ist die Hauptsache — ist überhaupt eine Frage aufgeworfen und ein Verdacht geweckt worden. Ist es aber dann wieder einmal nichts gewesen mit dem Verdacht, so hat man gleich für eine gute Rückendeckung gesorgt. Man hat ja selbst ein Fragezeichen hingesetzt. Ueberflüssige Sorge. Es wird schon etwas sein, und das ganz bestimmt. Man braucht gar keine Rückendeckung; die Folgen werden sich ganz bestimmt wieder einstellen, und das ist die Hauptsache, dagegen vollkommen nebensächlich, daß es sich wieder Herausstellen wird, daß für den ebenso albernen wie ruchlosen Verdacht auch nicht der Schatten einer Begründung vorhanden war. Das „Deutsche Volksblatt" geht ganz systematisch vor. Es meldet: „Obzwar behauptet wird, daß die Leiche Blut genug enthält, wird dieser Erklärung wenig Glauben geschenkt. Ein tschechisches Mittagblatt bemerkt sehr richtig" — nicht etwa, daß zu wenig Blut vorgefunden wurde, sondern — „daß das Gemüt des Volkes höchst aufgeregt sei". Und nun ist der Sprung ganz leicht: „Man erblickt in der Sache eine zweite Hilsner- Affaire". Und nun ist die Sache gemacht, der Brunnen der öffentlichen Meinung ist vergiftet. Es ist dann nur noch ein überflüssiges Fcchterkunststück, wenn rasch auch noch die „jüdische Presse" herangezogen wird, die bereits bemüht ist, den Verdacht nach einer bestimmten Richtung zu lenken, wahrscheinlich, wie der verständnisinnige Leser annehmen soll, um ihn von der richtigen Fährte wegzulocken. Wenn der Hunger und die Liebe die schaffenden und gestaltenden Elemente sind, so sind Verbrechen und Wahnsinn die zerstörenden. Verbrechen und Wahnsinn vollbringen ihre verhängnisvolle Arbeit in allen Klassen und zu aller Zeit. Die grauenvolle Blutarbeit der Mörder rastet nicht. Sie bindet sich nicht an bestimmte Gesellschaftsschichten und namentlich nicht an eine bestimmte Zeit. Das ^Deutsche Volksblatt" muß aber auf der HochRacht für die große und edle'Sache, für Re es Rmpft, die Augen offen halten, insbesondere zur Zeit, da das Osterfest naht. Denn es ist ja eine bekannte und vom Mechaniker Schneider bewiesene Sache, daß die Juden allüberall so um die Osterzeit herum auf Mord ausgehen, weil sie zu ihrem Osterfest Christenblut brauchen. Es wäre also auch schon vom Standpunkt der Administration und Expedition ein schweres und nicht zu entschuldigendes Versäumnis, nicht die redaktionelle Obsorge dahin walten zu lassen, daß der mit Recht so geschätzte alljährliche Osterrummel nicht ausbleibe. Das Geschäft ist ein ganz sicheres. Gemordet wird das ganze Jahr über, und man kann mit Sicherheit darauf rechnen, daß irgendwo, gleichviel wo, auch in der Zeit vor Ostern ein Blutverbrechen begangen wird. Dann kostet es nur noch eine kleine Anstrengung, und der Ritualmord ist konstruiert. Es verschlägt gar nichts, daß kein vernünftiger Mensch daran glaubt — Mechaniker Schneider glaubt daran, was ohneweiters zugegeben sei — die gewünschte Wirkung bleibt doch nicht aus. Irgendeine Gegend wird doch in Ausruhr gebracht und irgendwo wird die jüdische Bevölkerung doch an Leib und Leben bedroht, ihre Häuser verwüstet, ihre Habe geplündert, und damit ist der Kulturzweck der Veranstalter erreicht. Was für Geisteskämpfe sind geführt worden, um den Wahnwitz der verbrecherischen Beschuldigung darzuthun! Ist es nötig, an dieser Stelle erst noch daran zu erinnern, welche Feldzüge der Herausgeber dieses Blattes geführt hat, um die Welt aufzuklären über den ruchlosen Aberwitz der Blutbeschuldigung? Soll ich darauf noch verweisen, daß auch alle maßgebenden christlichen Gelehrten zur Ehre der Wissenschaft und zur eigenen feierlich und unter Eid es proklamiert haben, daß das Volk niemals mit einer schmählicheren Lüge betört worden ist, als durch jene Beschuldigung? Wozu, wozu? Im nächsten Jahre wird das „Deutsche Volksblatt" doch wieder seinen Ritualmord haben und wieder wird es sich an dessen redaktionellen und administrativen Vorteil erfreuen und sie mit Behagen genießen. Irgendwo wird doch wieder, und das ist ganz bestimmt, eine fanatisierte Menge in ein Judenviertel einbrechen und Männer, die ihre Familien, sich,

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