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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-12 · 7 (12.2.1904) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
7 (12.2.1904)
Date
1904-02-12
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 110 Dr. Dlocv's Mlocbenscbrlkl. Rr. 7 Feuilleton. Maffeustillstandl. Novelle von Babette Fried—Prag. (Schluß.) Es war kurze Zeit nach dem Rösch Chodesch Ellul- Benschen gewesen. Meister Juda saß wieder auf seinem niedern dreifüßigen Schemel, im Schweiße seines Angesichtes bemüht, einem der hohen Stiefel des Herrn Pfarrers jenen Glanz zu veckihen, der den Beweis für die Vorzüglichkeit des dabei verwendeten Materials liefern sollte. Dabei summte er einen neuen Boruch atu vor sich hin, mit dem er in der heiligen, gottgeweihten Zeit, die bevorstand, Ehre einlegen sollte. Ihm gegenüber saß Fanni und faßte ein paar gestickter Pantoffeln mit einer breiten bunten Borte ein. „Onkel!" sagte sie zu dem Meister, indem sie chm ihre Arbeit vorwies, „ist es so recht, habe ich es nicht verdorben?" „I woher denn, Närrchen, das ist ja keine Kunst, Schuhe einzufaffen. Uebrigens hast Du es ja ganz gut gemacht. Du könntest eigentlich eine prächtige Schusterin abgeben. Meister Hans Sachs Geliebte war nicht anmutiger als Du!" Fanni errötete bei diesem Lobe. - „Schade, daß ich nicht Arbeit genug habe", fuhr Juda fort, „um mir einen Gesellen halten zu können, ich würde mir einen jüdischen suchen und Euch zusammengeben. Aber was geht mit Dir vor, Mädel, daß Du so traurig bist? Du gibst mir nicht einmal eine Antwort. Hat es Dich vielleicht beleidigt, daß ich Dich zu einer Schusterin machen wollte?" „O, nicht doch, Onkel", entgegnete Fanni, „das wäre sehr unbescheiden von mir. Die Tante ist ja in jeder Beziehung beffer als ich und ist auch die Frau eines Schuhmachers. Wenn ich einmal heiratete, ich sage wenn, so wünschte ich mir kein vollkommeneres Eheglück, als das der Tante. Ueberdies hat Handwerk einen goldenen Boden." „Ja, mein Kind", meinte der Schuster, „nur daß es bei uns Schuhmachern mit P e ch verschmiert ist. Aber ohne Scherz, was ist's mit Dir, Mädel? Du warst ja anfangs nicht so, wie soll ich es doch nennen, melancholisch? Erst seit der Krieg beendet und der Friedensschluß bekannt wurde, bist Du so traurig. Wie kann ich diesen Widerspruch erklären?" Fanni war sehr verlegen geworden. Der Schuster war in der Tat ein scharffinniger Beobachter. Er hatte herausgefunden, daß die Nachricht vom erfolgten Friedensschlüsse es war, welche eine solch' ungünstige Wandlung in der Gemütsstimmung seines Leben Gastes hervorgerufen hatte. Wohl antwortete sie dem Fragenden, daß der Friedensschluß bei ihr die Erinnerung an ihren im Kriege gefallenen Jugendfreund, seinem Neffen, aufgefrischt habe, aber sich selber mußte sie zugestehen, daß es nicht der richtige, jedenfalls nicht der einzige Grund war. Bis zu dem Tage, an welchem auch in den weltentlegenen böhmischen Marktflecken, woselbst sie weilte, der Ruf: Friede, Friede! gedrungen war, hatte sie sich noch immer fast unbewußt der Hoffnung hingegeben, den Mann noch einmal zu sehen, vor dem sie geflohen war, darum, weil er sich in ihr unbewachtes Herz einschleichen wollte, um das Andenken an den teueren Gefallenen daraus zu verdrängen. Nur einmal noch hätte sie ihn gerne gesehen, nur einmal noch in seine treuen braunen Augen geblickt und ihm daun ein Lebewohl auf ewig gesagt, um ferner nur noch ihren Pflichten gegen Mutter und Geschwister und der Erinnerung an den toten Freund zu leben. Es sollte nicht sein! Mit dem Lorbeer des Siegers geschmückt, ist er vielleicht schon fort aus dem kleinen Dörfchen, wo er so freundliche Aufnahme gefunden hatte, wo er in das Herz eines trauernden Mädchens den glühenden Brand hoffnungsloser Liebe geworfen, einer Liebe, die nicht frei von quälenden Selbstvorwürfen war, daß sie dem für das Vaterland Gefallenen die Treue gebrochen habe, welche sie glaubte, ihm weit hinaus über das Grab, bewahren zu muffen. Nachdem er erkannte, daß seine Fragen den stillen Schmerz des ihm so lieben Kindes erneuerten, schwieg der Schuster- Chasen still und begann seine synagogalen Melodien weiter zu summen, scheinbar so gleichgiltig als säße nicht ihm gegenüber ein so liebes Wesen, das mit einer bei seiner Jugend seltenen Energie die aufquellenden Tränen tapfer zurückdrängte. Ein hereinstürmender Bube unterbrach die peinliche Situation. „Herr Meister, Herr Meister, ein vornehmer Herr in Uniform sucht Sie. Schauen Sie nur zum Fenster hinaus, jetzt reitet er gerade ins Wirtshaus, aber vor dem Dorf, wo wir Kinder Ballen spielten, hat er schon nach Ihnen gefragt." „Das ist ein Soldat, Onkel", rief Fanni entsetzt aus, „verstecken Sie sich, wer weiß, was er von Ihnen will!" „Wozu? Ich habe ja nichts Böses begangen. Zu mir kann die ganze Armee kommen, ich fürchte mich nicht. Es ist ja möglich, daß sein Schuhwerk der Aufbesserung bedarf, daß die Sporen nicht festhalten wollen, so daß er einen Schuster braucht. Es kann auch ein Jude sein, der das Grab seiner Eltern oder Verwandten besuchen will und meine Begleitung wünscht, vielleicht will er auch gelegentlich seiner Durchreise die hiesige altertümliche Synagoge ansehen, zu der ich den Schlüssel habe, alles dies kann sein, aber zu fürchten habe ich nichts, ich habe ein gutes Gewissen." Während sie so sprachen, hatte der Soldat, der nach des Buben Aussage sich nach der Wohnung von Meister Vogel erkundigt hatte, sein Pferd dem herbeigeeilten Hausknechte zur Versorgung übergeben und war auf das Häuschen zugeschritten, woselbst Fanni lebte. Der Ankömmling mußte sich bücken als er nach leisem Anpochen die Schwelle der niederen Türe überschritt. Im Zimmer angelangt, stellte er sich dem Meister vor, der ganz verwirrt einen Rock suchte, um vor dem vornehmen Gaste anständig zu erscheinen, nachdem er bei der Arbeit in Hemdärmeln saß, welche er noch dazu aufgeschürzt hatte. Leutnant Straffer, denn das war der Ankömmling, bemerkte nichts von alldem. Sein Blick war auf die Stelle gerichtet, woselbst bleich und bebend, mit niedergeschlagenen Augen das schöne Mädchen stand, welches all sein Denken und Sinnen erfüllte. „Fräulein Fanni!" sprach er sie an, „ich darf nur eine ganz kurze Zeit hier weilen, denn ich habe nur mit Mühe ausnahmsweise die Erlaubnis bekommen, bei unserer schleunigen Abreise ins Hauptquartier, von wo aus unsere Rückkehr in die Heimat erfolgen soll, einen Abstecher hieher zu machen. Gestatten Sie mir eine Unterredung behufs einer Frage, deren Beantwortung gleich wichtig für Sie selbst, wie für mich ist. Ich mußte mich mit meinem Ehrenworte verpflichten, zur bestimmten Zeit einzutreffen, habe also nicht viel Zeit, darum bitte ich Sie, diese Unterredung bald stattfinden zu lassen. „So sprechen Sie gleich hier, Herr Leutnant!" Straffer blickte sich um, als wollte sie dieser Blick ausmerksam machen, daß sie nicht allein sind. Der Schuster hatte diesen Blick bemerkt und richtig gedeutet, denn trotz der Antwort Fannis: „ich habe vor meinen lieben Verwandten kein Geheimnis", war er hinausgegangen, angeblich um die vor der Türe sich drängenden Kinder zu verscheuchen, welche neugierig warteten, um den im Schusterhäuschen weilenden vornehmen Besuch herauskommen zu sehen. Fritz Straffer und Fanni Hirsch standen sich allein gegenüber. „Warum sind Sie vor mir geflohen, Fanni?" war seine erste Frage. Diese rang nach Antwort, brach aber schließlich in krampfhaftes Weinen aus. Der junge Mann besaß so viel Menschen- und Frauenkenntnis, als daß er nicht dieses Weinen als günstiges Zeichen für sich gedeutet hätte. „Sie sind abgereist", fuhr Straffer fort, als Fanni noch immer keine Antwort finden konnte, um mir auszuweichen.

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