Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 7 Dr. Llocb's TKHocbenscbrttt Sette 111 „Glauben Sie denn, ich hätte diese Ihre Absicht unter dem angewandten Vorwände nicht herausgesunden? Doch weit davon, mich darüber verletzt oder gar gekränkt zu fühlen, habe ich die verwegene Hoffnung geschöpft, daß Sie mir im Stillen gut sind. Einem gleichgiltigen Menschen flieht man nicht. Habe ich mich getäuscht, liebste Fanni? Bitte, so sprechen Sie doch!" Fanni sprach. Was, wußte weder sie selbst, welcher die Verwirrung, in der sie sich befand, nicht gestattete, ihre Worte abzuwägen, auch nicht Straffer, welcher die in abgebrochenen Sätzen gemurmelten Worte nicht verstehen konnte. Für ihn war ihre holde Verwirrung nicht nur ein Zeichen schüchtener Jungfräulichkeit, sondern auch der ihn beglückende Beweis der erwachenden Zuneigung für ihn. Der entschlossene junge Mann faßte ihre beiden von schwerer Arbeit rauh gewordenen Hände und sagte fast befehlend: „Hieher geblickt, Fanni, mir in die Augen und sage frei und offen, ob Du mir gut bist." Unfähig, diesem Gebote zu widerstehen, schaute Fanni auf und begegnete einem Blick so voll unendlicher Liebe und Zärtlichkeit, daß sie alle Bedenken fahren ließ und sagte: „Sie haben meine Handlungsweise richtig beurteilt. Denn wäre ich Ihnen nicht gut gewesen, so wäre ich nicht vor Ihnen ' geflohen, ich liebte Sie und haßte Sie zugleich als unseren Feind, als einen derjenigen, die den Tod meines teuren Freundes verschuldet haben." „Das Leben stellt an uns Männer andere Anforderungen, legt uns andere Pflichten auf, als wie es sich im Köpfchen eines in ländlicher Abgeschiedenheit lebenden Kindes malt." „Wir gehören ja jeder einem anderen Lande, an", sagte er weiter, die Hände des Mädchens noch immer in den seinen haltend, und die Zitternde zu einem Sitze geleitend. „Wir haben uns beide unser Vaterland nicht selber gewählt. Ich sowohl als Dein armer Jugendfreund haben unsere Pflicht dem Vaterlande gegenüber erfüllt. Er hat den schönen Tod fürs Vaterland auf dem Schlachtfelde gefunden. Als Sieger kehre ich in das meine zurück. Gottes Hand ist es, die das Schlachtunglück lenket. Beugen wir uns unter seinen hehren Willen. Bewahre dem teuren Toten ein treues Gedenken, doch mir, dem Lebenden schenke Deine Liebe. Du bist zu jung, zu lieblich, zu gut, um der Trauer für einen zu leben, den Deine tieffte Trauer, Deine ausdauerndste Treue nicht mehr zum Leben erwecken kann. Ich besitze das Jawort Deiner Mutter und Deines Vormundes, nun bin ich da, das Deine zu erbitten." „Auch mein Vormund weiß von Ihrer Werbung?" „Sie geschah nach einer ernsten Unterredung mit ihm." „Und er verzeiht Ihnen, dem Feinde, wollte er den Tod seines Sohnes nicht rächen?" „Er ist ein kluger Mann, der die Verhältnisse nimmt, wie sie sich ihm bieten. Er würdigte mich seiner Freundschaft." „O, wenn mein Vormund verliehen hat, dann muß ich es auch, rief Fanni voller Feuer aus." „Also mein, wirklich mein, jubelte Fritz." „Dein auf ewig!" Das unter Tränen lächelnde Mädchen schien dem jungen Manne so bezaubernd zu sein, daß er, alles um sich vergessend, sie in die Arme schloß, ihr Hände, Mund und die noch immer tränenfeuchten Augen mit glühenden Küssen bedeckte. Nach einem längeren Waffenstillstand wurde auch hier Frieden geschloffen. Jetzt rief Fanni ihre Verwandten herbei und stellte ihnen ihren Bräutigam vor. Die guten Leutchen wurden ganz starr vor Erstaunen und freudigen Schreck darüber, daß Fanni eine so glänzende Partie machen würde, so daß fie nur mühsam und in unzusammenhängenden Worten ihren Glückwunsch bringen konnten. Als sie sich etwas gefaßt hatten, ries Meister Juda aus: „Einen H i a d i r singe ich an der Hochzeit, daß alle Stiefeln, die ich je gemacht habe, vor Freude darüber tanzen sollen!" „Er ist halt so poetisch veranlagt, mein Mann!" raunte Frau Hendel dem Bräutigam zu. Jetzt erst erzählte Straffer seiner Braut die günstige Veränderung, welche in den Vermögensverhältniffen ihrer Mutter eingetreten ist. Er wollte vorher nicht davon sprechen, um seine Fanni nicht zu beeinflussen, um das Jawort, welches er von ihr zu erlangen wünschte, nicht einem Ausbruche der Dankbarzu verdanken. Aus reiner lauterer Liebe, nicht aber aus Dankbarkeit für den Wohltäter der Ihren sollte sie die Seine werden, und als ihm das gelungen, säumte er keinen Augenblick, ihre Besorgnisse für die Zukunft von Mutter und Geschwistern zu zerstreuen. Und jetzt mußte er fort, die Pflicht rief. Noch eine herzliche Umarmung, noch ein herzliches auf's Wiedersehen! Dann hatte sich Straffer aufs inzwischen vorgeführte Pferd geschwungen und war bald hinter einer Staubwolke, die sich hinter ihm erhob, den Augen der ihm Nachblickenden entschwunden. Es galt einen scharfen Ritt zu tun, um rechtzeitig am Versammlungsorte einzutreffen, und es gelang ihm auch. Sein treues Roß schien beflügelt zu sein durch die glückliche Bräutigamsstimmung seines Reiters. Fanni konnte jetzt wieder nach Hause zurück, zum größten Schmerze Judas und Hendel's, welche das liebliche Mädchen fest in ihr Herz geschlossen hatten, zur Freude ihrer Mutter, welche nur sehr schwer ihre Stütze und bewährte Ratgeberin entbehrt hatte. Niemand aber war glücklicher über ihre Wiederkehr als Klein Moritz. Nachdem sich die materielleuVerhältniffe der Familie Hirsch so günstig umgestaltet hatten — Singer hatte bei Heller und Pfennig seine Schuldverschreibung eingelöst, konnte daran gedacht werden, den begabten Knaben ins Gymnasium zum Studieren zu geben. War ja dies der Wunsch seines frühverstorbenen Vaters gewesen. Sei es das Bestreben Singer's gewesen, sich das Stillschweigen der Beteiligten zu sichern, sei es die Folge einer Gewissensregung, genug, Singer bot der Witwe in allen wichtigen Dingen seinen Rat an, nahm auch den Knaben während seiner Studien zu sich ins Haus, wo er gute Behandlung und eine gewissenhafte Beaufsichtigung fand. Bertha wurde nach Hause genommen, um Fanni beim Verfertigen ihrer Ausstattung behilflich zu sein und um sie dann im Hause zu ersetzen, wenn fie dem geliebten Manne in die ferne Heimat folgen werde. Zwischen den beiden Verlobten entwickelte sich ein sehr reger Briefwechsel, bis nach Jahresfrist alle Schwierigkeiten beseitigt und Straffer im Besitze einer Stellung war, die ihm die Errichtung eines eigenen Herdes ermöglichte. Nun stand seiner Vermählung mit der Auserwählten nichts mehr im Wege und auf derselben Straße, auf welcher er einstmals hoch zu Roß, in blinkender Uniform ritt, als er Fanni begegnete, fuhr er nach Jahresfrist fein ehrbar an der Seite seines alten Mütterchens, welche es nicht erwarten konnte, das von ihrem Sohne so geliebte Mädchen in die Arme zu schließen, und in Begleitung seines jüngeren Bruders in der bequemen Landkutsche, angetan im schwarzen Priesterrocke zu seiner Hochzeit mit Fanni. Literatur. Der jüdische Verlag eröffnet jetzt seine neue Subskription. Was er sich vorgesetzt hat: eine Zentralstelle zu schaffen, von der aus jüdische Literatur, jüdische Wissenschaft und jüdische Kunst in schöner Form in weite jüdische Kreise getragen werden soll, das versuchte er im ersten Jahre innerhalb und außerhalb der Subkkriptionsbafis anzubahnen. Seine Bücher haben ihrer Form und ihrem Inhalte nach unvergleichlich weit mehr als andere jüdische Vroduktionen der letzten Zeit die Aufmerksamkeit und Anerkennung westeuropäisch-literarischer Kreise auf sich gelenkt. Manches ist ihm dadurch gelungen: Er hat — soweit Bücher wirken können — den Bestrebungen des jungen Judentums in ihren geistigen Aeußerungen viel Beachtung und ein tieferes Verständnis in bisher ganz abseits stehenden jüdischen und nichtjüdischen Kreisen verschafft; er hat die jüdischen Bibliotheken in einer neuen und würdigen Weise bereichert und konnte durch die Art und den Stil seiner Ausgaben auch anderen jüdischen Unternehmungen literarischen Charakters eine gewiffe ästhetische und künstlerische Richtung geben. Noch wertvoller erscheint es, daß es ihm geglückt ist, eine Reihe hervorragender Kräfte des Judentums zu jüdischem Schaffen heranzuziehen und das Schaffen anderer, die längst im Osten zur Geltung