Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 106 Dr. Dlocb's TWlocbenscbrtft. Nr. 7 der achten Rangsklaffe. Möge daher auch die strebsame Jugend, die jüdische Lehrerschaft, diesen ihren neuen Beruf im Geiste der Religion, der Vaterlandsliebe aufs Gewissenhafteste ausüben und das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigen und der galizische Landesschulrat als Beispiel zur Nachahmung anderer Lander voranleuchtcn! Markstein. Budapest Im April vorigen Jahres erließ Finanzminister LukLcs in Angelegenheit der israelitischen Trafikanten eine Verordnung, die von diesen als ein schwerer Schlag empfunden wurde. Während nämlich bis 1. Oktober 1902 die jüdischen Trafikanten chre Lokale am Samstag geschlossen halten konnten und den Verschleiß der ärarischen Tabakartikel blos an einem leicht zugänglichen Orte des Gebäudes aufrechthalten mußten, ordnete ein Erlaß letzterwähnten Datums die fakultative Sonntagsruhe aller Trafiken an und setzte die bisherige Berechtigung der israelitischen Trafikanten, ihre Geschästslokale an Samstagen unter den bezeichneten Modalitäten geschloffen zu halten, außer Kraft. Natürlich hatte dies zahlreiche Rekriminationen zur Folge, worauf der Minister unter dem 5. April 1903 die eingangs erwähnte gravaminöse Verordnung erließ. Diese gestattete den israelitischen Kleintrafikanten, den Tabakverschleiß an Samstagen an einem zu diesem Zwecke eigens abgesonderten Platze ihrer Geschäftslokale durch Bevollmächtigte auszuüben, doch mußte dieser Verkaufsplatz von dem Haupteingang der Geschäftslokale aus erreichbar sein. Laut dieser Verordnung waren also die Mischen Trafikanten genötigt, den Haupteingang chrer Läden, also auch den Laden selbst offen zu halten, was die Trafikanten mit ihrem religiösen Gewissen nicht vereinbaren konnten. Gleich nach Erscheinen dieser Verordnung leiteten die israelitischen Kleintrafikanten eine Landesbewegung ein, welche die Anerkennung der Samstagsruhe seitens des Finanzministeriums bezweckte. Unterdessen wurde aber in der Provinz zahlreichen jüdischen Trafikanten, welche die Verordnung vom 5. April nicht streng einhielten, die Lizenz entzogen und eine Abhilfe schien dringend notwendig. Auf nachdrückliches Betreiben der Beteiligten entschloß sich nunmehr Finanzminister , LukLcs, Abhilfe zu schaffen. Zu diesem Behufe hat er sub Zahl 8253 am 28. Jänner eine Zirkularverordnung an die Finanzdirektionen erlassen, welche — wie wir dem „Zsido Hirado" entnchmen — die nachfolgenden Bestimmungen enthält: All jene Israel. Trafikanten, die ihre Trafiklizenzen vor dem 1. Oktober 1902 erlangt haben, dürfen von nun an ihre Trafiken an Samstagen geschloffen halten, nur muß dafür gesorgt werden, daß das Publikum sämtliche vorgeschriebenen Tabakfabrikate im selben Gebäude auf einem leicht zugänglichen Orte erhalte, ferner daß auf der geschloffenen Türe des Geschäftsladens in augenspringender Weise sowohl in ungarischer als auch in der üblichen Sprache der betreffenden Gemeinde angegeben sei, in welchem Teile des Gebäudes die Tabakartikel erhältlich sind. All jenen Trafikanten, welche diese Vorschriften nicht einhalten, ist der Verschleiß sofort zu entzichen, und kann gegen diese Verfügung nur extra ckomlnluw rekurriert werden. Hingegen gelten bezüglich jener Trafikanten, welche ihre Lizenzen nach dem 1. Oktober 1902 erhalten haben, die Bestimmungen der Verordnung vom 5. April 1903; in Hinkunft können nur solche Bewerber Lizenzen erhalten, die sich zur Einhaltung dieser Vorschriften schriftlich verpflichten. Schließlich werden die Finanzdirektionen ermächtigt, jenen gewesenen Trafikanten, denen die Lizenz wegen Nichteinhaltung der Bestimmungen der Verordnung vom 5. April 1903 entzogen wurde, auf Ansuchen der Betreffenden die Lizenzen — in all jenen Fällen, wo das Interesse des Tabakgefälls eine Reaktivierung der Verschleiße erheischt — neuerdings zu erteilen. Berlin. Zum Besten der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums sprach am Montag abends im Saale der Gesellschaft -er Freunde der großherzogliche Landesrabbiner Dr. Julius L^ewit aus Birkenfeld a. d. Nahe über Koheleth („Prediger Salomonis") und Schopenhauer. Der Redner, der ftei, überaus fließend und anregend zu seiner Zuhörerschaft sprach, behandelte Ms dem Hintergründe dieses Vergleichs den Gegensatz des JudentMs im allgemeinen zum Peffimismus. Er erläuterte die Gegensätze Optimismus und Peffimismus und gab aus Schopenhauers Werken, die in der Form und Darstellung zu den schönsten!Werken der deutschen Literatur gehören, einige für das Wesen dieses modernen Pessimisten bezeichnende Leseblüten. Er skizzierte den Charakter Schopenhauer's und seine Abneigung gegen die Juden und die Bibel. In dieser waren es nur zwei Stellen, die ihm gefallen konnten, da sie in sein philosophisches System paßten: Die Geschichte vom Sündenfall der ersten Menschen und das Buch Koheleth, das er oft in seinen Werken zitiert hat. Der Verfasser des Buches Koheleth, als den man oft den König Salomon, den Weisesten der Weisen, angegeben hat, entsprach auch in seiner Lebensverneinung und seiner Resignation, die in dem Satze gipfelte: Alles ist eitel und ein Haschen nach Wind, so ganz dem Wesen Schopenhauer's. Vielleicht auch, weil es sich in diesem Pessimismus scharf vom Bibeloptimismus der Juden abhebt. Trotzdem besteht zwischen den Anschauungen der Koheleth und denen Schopenhauer's ein Unterschied, der sich am kürzesten in die Worte fassen läßt: Jener zweifelte wohl, aber er verzweifelte nicht, wie Schopenhauer es in seinem das Leben ganz verneinenden Pessimismus getan hat. Der optimistische Standpunkt der Bibel — so führte Dr. Lewit weiter aus — entspricht auch den Anschauungen der größten deutschen Denker und Dichter. Auf ihm steht Leibniz mit seiner Lehre von der Vollkommenheit dieser Welt, auf ihn gründet sich Kant's nüchtern-klare Lebensbejahung., Schiller und Goethe bekennen sich in deutschem Idealismus zu ihm. Goethe konnte dem alle Menschen verachtenden Schopenhauer, als dieser von Weimar ging, nichts Treffenderes ins Stammbuch schreiben als das Wort: „Wonach soll der Mensch am Ende trachten? Die Welt zu kennen und sie nicht verachten." Zum Schluß seines sehr verständlich gehaltenen Vortrages kam Dr. Lewit auf das Wort von der „Freiheit in der Entwicklung der Religion" zu sprechen, dem er ein großes Fragezeichen anfügte. Entwicklung in der Form wohl, nicht aber im Wesen der Religion ist möglich; denn noch heute besteht der Gipfelpunkt der Moral und aller wahren religiösen Sittlichkeit in jenem altisraelitischen Satze Hillels: „Was Du willst, das die andern Dir nicht tun, das tue Du ihnen auch nicht." Berlin. In der am 6.,, Februar 1904 stattgefundenen Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des „Hilfsverein der Deutschen Juden" wurde ein Betrag von 10.000 Kronen jährlich bewilligt für die Erziehung jüdischer Knaben, welche in Galizien die Baron Hirsch-Schulen absolviert haben und in West-Oesterreich ein Handwerk erlernen werden. Ferner wurde dem Verein „Lemaan Zion" zum Kauf und Betrieb von Maschinen für künstliches Eis in Jerusalem eine Subvention von 500 Mark gewährt. Dagegen wurde der Antrag der „Jüdischen Orient-Gesellschaft" auf Bewilligung einer Subvention für Versuche in Cypern abgelehnt und ebenso einige Anträge wegen Subventionierung der Herausgabe wissenschaftlicher Werke. Den interessantesten Teil der Verhandlung bildete die Besprechung der neuen Ausschreitungen, die in Marokko gegen die dortigen Juden vorgekommen sind. Allseitig wurde bedauert, daß die Nachrichten von dort so langsam fließen, daß man erst jetzt von den Exzessen, welche am 17. Dezember stattfanden, erfuhr, obwohl mehrere Schulen der „Allianz" in der Nähe liegen. Der Hilfsverein bewilligte sofort 2000 Mark, welche an die Anglo Jewish Association in London geschickt und durch den englischen Konsul in Casablanka verteilt werden. Zugleich erklärt sich der Hilfsverein bereit, Spenden für diesen Zweck entgegenzunehmen. Sollte der Umsang des Unglücks nach dem Eintreffen genauerer Nachrichten sich größer Herausstellen, als man gegenwärtig annimmt, so wird der Hilfsverein noch weitere Mittel zur Verfügung stellen. Berlin. (Jüdische S t a t i st i k.) Am 20. Jänner fand hier im „Mönchshof" die erste Plenarversammlung des „Vereins für jüdische Statistik" und im Anschluß an dieselbe eine größere Versammlung der jüdischen Intelligenz statt, welche die Herren Prof. Dr. M. Philippson, Justizrat Timendorfer, Dr. Paul Nathan, Sanitätsrat Maretzki, Dr. H. Hildesheimer, Reichstagsabgeordneter Ed. Bernstein, Doktor Nossig in Angelegenheit der Statistik einberufen hatten. In seiner kurzen Eröffnungsansprache hob der Vorsitzende des Vereins, Doktor A. Nossig, auf eine vom Abgeordneten Ed. Bernstein hin gegebene Anregung hervor,^ daß der „Verein für jüdische Statistik" keinerlei separatistische Tendenzen verfolge, sondern sich im Sinne von Zunz mit der Statistik der Juden als einer geschichtlich gegebenen