Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr JSlocb’s Mocbenscbritt. Seite 101 Nr. 7 Nachbarländern in Japan stattgefunden haben, wird' wahrscheinlich in der Lage des Landes zu suchen sein. Erst seitdem Forscher und Missionäre die Wege nach Japan ebneten, find auch einzelne Juden eingewandert. Die ersten, deren Namen bekannt sind, kamen in der Mitte des vorigen Jahrhunderts nach Japan; diese waren englische Juden, welche in Folge der Geschäftsverbindung zwischen England und Japan dort hinkamen. Ein Mann aus der Familie Salomon war der erste, der größere Geschäfte mit Japan machte, und später ließ er sich dort ganz nieder und ließ auch seine Bekannten und Verwandten zu sich kommen, stellte sie als Beamte in seinem Geschäfte an und bildete in seinem Hause ein eigenes Minjan. Außer den englischen Juden finden wir jetzt auch einzelne französische Juden. In Tokio waren im Jahre circa 20 jüdische Familien, indessen haben fie keine eigene Gemeinde gegründet. Die meisten sind nicht religiös, und deshalb liegt ihnen nicht viel daran, eine Gemeinde zu gründen, obwohl ihnen seitens der Regierung kein Hindernis in den Weg gelegt wurde. Denn seit 40 Jahren sind alle gesetzlichen Unterschiede zwischen den Angehörigen der verschiedenen Religionen geschwunden. Zwar gibt es noch politische Ausnahmen für die Ausländer, besonders in den Hafenstädten, doch in religiösen Fragen herrscht dort völlige Freiheit. Aber die Aufhebung selbst dieser politischen Einschränkungen ist nur noch eine Frage der Zeit. In Tokio und Iokohama finden wir gegenwärtig eine ansehnliche Zahl jüdischer Kaufleute, die das Recht und auch die Mittel dazu haben, Gemeinden zu gründen, aber der innere Trieb fehlt ihn«n. Als Ansiedlungsland für die Juden ist Japan nicht geeignet, weil das Land so klein ist, daß es kaum die Eingeborenen fassen kann. In der letzten Zeit hat Japan sich mehr der Industrie zugewandt und könnten daher jüdische Unternehmer dort ein Arbeitsfeld finden; aber es dürfte doch sehr schwer halten, den tüchtigen und auf der Höhe der Zeit stehenden Japanern Konkurrenz zu machen. Dagegen gibt es dort ein großes Gebiet für Handeltreibende, und in den Grenzstädten, wie Korea rc. können auch jüdische Handwerker Beschäftigung finden. In Korea sind nur wenige Juden, welche in den letzten Jahren eingewandert sind. Auch in Söul gibt es einzelne Juden, aber in Folge der seit Jahren herrschenden Unruhen ist die Tätigkeit dort gehemmt." Mommsen und Maeterlinck über den Nationalismus. Die französische Zeitschrift „La Revue“ hat eine Umfrage über das Thema: Ist der Nationalismus unvereinbar mit der allgemeinen Menschenliebe?" veranstaltet. Unter den Politikern, Gelehrten und Schriftstellern des Auslandes, die darauf geantwortet haben, fallen Theodor Mommsen und Maurice Maeterlinck besonders auf; ihre kurzen Zuschriften feien hier wiedergegeben. Theodor Mommsen's Antwort erhält ein besonderes Interesse als eine der letzten öffentlichen Aeußerungen des großen Gelehrten; sie ist „Charlottenburg den 19. Oktober 1903" datiert und lautet: „Die Menschheit kann weder ohne Nationalismus noch ohne Internationalismus (entschuldigen Sie den Ausdruck) auskommen; um die Grenzen zwischen diesen beiden festzustellen, muß man entweder Gott oder Teufel sein; da ich weder das eine noch das andere bin, enthalte ich mich einer Meinungsäußerung. Uebrigens ist es nach meiner Meinung nach nicht ungefährlich, auf die Einzelheiten dieser schwierigen Frage in einer internationalen Debatte einzugehen; um des guten Einvernehmens willen, muß man bei Allgemeinheiten bleiben." Die Antwort Maeterlinck's besagt: „Die Ideen, die die Menschheit leiten, dürfen nur geachtet werden nach Maßgabe des Guten, das sie ihr zu geben vermögen. Die Idee des Vaterlandes war lauge Zeit hindurch notwendig. Sie ist noch nicht vollständig unnütz, was anzeigt, daß die Stunde naht, wo sie anfangen wird, schädlich zu sein. Es ist also die Pflicht derer, die der unbewußten Masse vorangehen, schon jetzt diese Idee anzugreifen, wenn anders sie wollen, daß ihre Nachkommen fie genügend erschüttert finden werden an dem Tage, wo sie ein ernstliches Hemmnis für die Entwicklung des Menschen bilden wird. Es ist wichtig, alles, was die Freiheit der Menschen fesselt, nach und nach zu zerstören, so als ob alle Menschen es verdienten, frei zu sein, obgleich man sich bewußt ist, daß sie erst mehrere Jahrhunderte nach ihrer Befreiung verdienen werden, frei zu sein. Der harmonische Gebrauch der Freiheit kann nur durch ein langjähriges Genießen ihrer Wohltaten erlernt werden." Felix Dahn über Juden und Germanen.*) Der Roman „Gelimer" von Felix Dahn enthält eine Episode über „die Juden und den Tempelfchatz", die wir ihrer Sonderbarkeit wegen hier mitteilen: „.Und von allen Menschen, die ich kenne, find die klügsten die Juden. Wenn Klugheit ist: Die Kunst der Selbsterhaltung und Mehrung der Habe; sie am wenigsten, die Germanen am leichtesten lassen sich ins Verderben reißen durch blinde Leidenschaft, durch edlen oder unedlen Trotz und Ungestüm. Sie find die Schlauesten der Sterblichen und wahrlich dabei nicht die Schlechtesten. Aber findig sind fie, in einem Maße, daß man nur staunt, weshalb sie nicht längst alle Völker beherrschen. Du fragst, o Cethegus, wie ich im Lager Belisars vor Pappua zu dieser sonderbaren Betrachtung über die viel verachteten Hebräer gelange? Sehr einfach! Sie haben etwas fertig gebracht, was ich für das Allerunmöglichste halte, sie haben Kaiser Justinian viele Tausend Pfund Goldes von der vandalischen Beute aus der goldgierigen Faust heraus-, nicht gerissen — beileibe! — auch nicht gestohlen — aber geredet. Kaiser Titus hat aus dem zerstörten Jerusalem hinweg die Schätze des Judentempels: Leuchter, Schalen, Schüsseln, Krüge und alles denkbare Gerät von Gold und Silber, mit Perlen und Edelsteinen geschmückt, nach Rom gebracht. Aus dem geplünderten Rom entführte Geiserich den Tempelschatz auf seinen Raubfchiffen nach Karthago. .Ms nun diese Geräte in Hippo ausgefchifft und samt dem übrigen Hort zunächst nach Karthago gebracht werden sollten — Belisar will die ganze Beute bei seinem Einzuge in Byzanz zur Schau stellen — da ließ sich der Aelteste der Juden von Hippo bei Belisar melden und sprach: „Lass' Dich warnen, großmächtiger Kriegsgewaltiger! Schaffe diese Schätze nicht nach Byzanz. Höre eine Fabel an aus dem Munde Deines armen Knechtes: Der Adler raubte aus dem Opferbrande Fleisch und trug es in seinen Horst. Aber an dem Fleisch, das Gott geweiht gewesen, klebten glimmende Kohlen. Und die glimmenden Kohlen entflammten den Rcisighorst des großen Aars und verbrannten den Horst und verbrannten die Jungen, die da noch nicht flügge waren an ihren Flügeln, und die Adlerin darauf. Und da der Adler retten wollte, stürzte er in die Flammen und verbrannte sich die Schwingen. Und elend starb der starke Räuber, der da hatte getragen in sein Haus, was Gott gehörte, dem Heiligen. Wahrlich, wahrlich, ich sage Dir: Das Kapitol in Rom fiel in Feindes Hand, weil es Jehova's Hausrat barg; die Hochburg der Vandalen fiel in Feindes Hand, weil sie die Schätze barg; soll nun die Hochburg des Kaisers zu Byzantium der dritte Aarhorst werden, der darum verdirbt? Wahrlich, ich sage Dir, spricht der Herr: Dieses Gold, dieses Silber wird wandern über die Erde, wird verderben alle Städte, wohin der Raub geschleppt wird, bis Gold und Silber wieder liegen in Jerusalem, der heiligen Stadt." Und sieh' da: — Belisarius erschrack. Er schrieb an den Kaiser Justinian die Fabel des alten Juden und — wirklich und wahrhaftig! Justinian, geiziger und> habgieriger als alle Juden zusammen, befiehlt, diese Schätze *) Die Deutschnationalen Skribenten, die Tintenkulis des Herrn Georg Schönerer überschütten Felix D a h n zu seinem 70. Geburtstage mit ihren Lobenshymnen, als ob er ihr Gesinnungsgenosse wäre. Allein am 7. November 1v92 schrieb Felix Dahn bei einer ähnlichen Gelegenheit Herrn Dr. Karpeles in Wien: „Mich hat diese Andichtung in lebhafteste Entrüstung versetzt; unter meinen nächsten Freunden find Juden, die ich zu den trefflichsten Menschen zähle, die ich kenne. Wie sollte ich die Lebensgemeinschaft mit ihnen aufgeben I"