Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Serie 100 Dr. JSlocb’s Mocvensedrm. Sir. 7 Plaziert gewesen wäre, und hier ist cs nicht die Blasphemie, die das „Deutsche Volrsblatt" kränkt, es ist die schöne Gelegenheit, auf die Juden hinzuhauen, die es freut. Die Blasphemie?! War es denn keine Lästerung, als Mechaniker Schneider den heiligen Geist als unter jüdischem Einfluß stehend erklärte? Ist diese Lästerung, insbesondere für antisemitische und katholische Gemüter, nicht ärger, als die des dichtenden Vorstadtwirtes? Darauf kommt es nicht an. Was gegen die Juden gesagt wird, ist immer löblich und gut. Da gibt es keine Verleumdung und keine Blasphemie, aber sonst — die Ehre über Alles! Whig. Die jüdischen Elemente in der russischen Volkspocsie. Der fürstliche Archivar Dr. Zivier aus Pleß hielt im Saale des „Hotel Frieser" in Kattowitz auf Veranlassung des Vereines für jüdische Geschichte und Literatur einen anregenden Vortrag, der zunächst den uralten Gegensatz des Rufsentums zum Judentum erläuterte. Wenn jetzt annähernd 50 Perzent aller Juden der Erde im Reiche des Zaren wohnten, so läge das nicht daran, daß etwa das offizielle Rußland seine Politik gegenüber den Juden geändert hätte. So sei es diesen heute noch verboten, im eigentlichen Rußland Wohnsitz zu nehmen; ihre Siedelungen seien vielmehr Südrußland, die Ostseeprovinzen und ganz Polen. Die ursprüngliche Abneigung des Stockrussen gegen alles Jüdische sei nicht etwa in einer Furcht vor Uebervorteilung begründet, sage ja auch das Sprichwort: „Ein Russe ist pfiffiger als sieben Juden", sondern sie sei religiöser Natur. So äußerte die Kaiserin Elisabeth, als man ihr Vorstellungen machte, daß die Vertreibung der Juden aus den Ostseeprovinzen dem Reiche großen finanziellen Schaden zufügen werde, sie wolle keinen pekuniären Profit von den Feinden Christi. Iwan der Schreckliche antwortete dem Könige von Polen, der sich darüber beschwerte, daß seinen jüdischen Untertanen der Handel in Rußland verwehrt werde, diese wollten die Russen vom Christentum abspenstig machen und verkauften giftige Kräuter (Tabak). Und noch Nikolaus I., ein Monarch, der doch schon dem aufgeklärten 19. Jahrhundert angehörte, verbot den Juden die Einwanderung in Sibirien, aus Besorgnis, sie würden dort Proselytenmacherei betreiben. Und wirklich seien die Russen zweimal von eiüer jüdischen „Gefahr" bedroht gewesen. Zunächst von der, aus Heiden zu einem rabbinischjüdischen Volk zu werden, dann, statt der orthodoxen Religion ein Gemisch von Nationalismus und Judentum anzunehmen. Gegen das Ende des zehnten Jahrhunderts wurden von Anhängern dreier Religionen an den russischen Heiden Bekehrungsversuche gemacht, von Mohammedanern, orthodoxen Griechen und Juden. Me Mohammedaner konnten den Sieg nicht an ihre Fahnen seffeln, denn „für die Russen paßt keine Religion, die den Schnaps verbietet." Schließlich wich das Heidentum dem übermächtigen Einfluß von Byzanz. Aber lange Zeit schien es, als sollte Rußland dem Judentum erobert werden. Südlich von dem damaligen Rußland lag das Land der Chosaren, eines Volkes finnisch-tartarischer Abstammung, seit dem 8. Jahrhundert Bekenner der jüdischen Religion. Von der Geschichte dieses merkwürdigen Volkes ist uns wenig erhalten. So viel aber wissen wir, daß es sehr mächtig war und lange Zeit hindurch viele türkische und russische Stämme sich untertan und tributpflichtig hielt. Nach gewaltigen Kämpfen wurde im Jahre 664 die Macht des Chosarenvolkes gebrochen. In welche Zeit der Verlust ihrer politischen Unabhängigkeit fällt, ist nicht bekannt. Wie nun der Nationalkampf der Hunnen mit den Germanen Veranlassung zur Entstehung das Nibelungenliedes gab, das aus einzelnen Liedern des Volksmundes zu jenem gewaltigen Nationalepos ward, ist auch der Kampf der Chosaren und Russen in einem Epos verewigt. Der Streit geht hier, wie's auch in Wahrheit geschah, um die Religion. Deu „böse Feind" heißt einfach „Der Jude", der russische Nationalheld ist Elias von Muron. Der Kampf mit „dem Juden" ist in vollbreitem Epenstil geschildert; er ist lang, hart und schwer. Der „Sohn des Popen" ist nicht tauglich Lum Streit mit chm, er würde nach dem gleißenden Gold der Rüstung des Gegners greife und wäre besiegt, der Sproß des Adels trägt ein langes Habit, würde sich darin verwickeln und stürzen. Selbst den größten der Russenhelden nach Elias flieht der Mut'aus der Brust, als er sich dem „Frechbold" gegenüber sieht, er weicht entsetzt in das eigene Lager zurück. Man sieht, es fehlt nicht an feinem Spott. Um so mehr tritt da die Achtung hervor, die der Jude dem Russen abzwingt. Der Jude ist da nicht in der passiven defensiven Rolle, in der man ihn heute zu sehen gewohnt ist, er tritt aktiv, aggressiv hervor Endlich sieht Elias von Muron, daß keiner ihn vertreten kann, er selbst muß den Strauß ausfechten. Er kämpft vom Morgen bis zum Abend, vom Abend bis zum Morgen und wiederum bis zum Abend und liegt schließlich am Boden, von dem grimmen Gegner fast besiegt. Doch als dieser mit höhnenden Worten sich anschickt, ihm „aufzuschlitzen die Brust, die weiße", kommt ihm die dreifache Kraft und er schleudert den furchtbaren Feind empor zu den Wolken, der, niederstürzend zur Erde, bis zur Hälfte in den feuchten Boden versinkt, und nimmt ihm Leben und Haupt. Die dreifache Heldenkraft braucht er, den Schrecklichen zu besiegen. Hier zeigt das Epos hohe Achtung vor der gewaltigen Macht des „Juden", den „Heiden" dagegen, der auch dem Christen unterliegen muß, tötet Elias mit einem Schlage seines Hutes. Ein halbes Jahrtausend später hatte Rußland den zweiten Kampf gegen Judentum zu bestehen, diesmal einen geistigen Kampf gegen Kinder rein israelitischen Stammes. Der griechische Katholizismus, der selbst keine Reformation durchgemacht, — wir haben hierüber nur russische Quellen — wurde durch ein Gemisch von Nationalismus und Judentum arg bedrängt. Es war dies um die Mitte des 15. Jahrhunderts unter Johann III., Großfürsten von Moskau. Helena,' die Mutter des Thronfolgers und schließlich dieser selbst bekannten sich zu dem neuen Glauben. Eine Gegenströmung, veranlaßt von der orthodoxen Geistlichkeit, nahm jedoch dieser Sette nach einem halben Jahrhundert ihre Macht. Ein anderer orthodoxer Mann folgt Johann III. statt des rechtmäßigen Thronfolgers. Ueberreste dieser Sette, die sich durch strenge Sittlichkeit auszeichnete und in der Wissenschaft Bedeutendes leistete, bestehen auch noch heute in den Raskolniks, die versprengt in den östlichen Teilen des weit ausgebreiteten Russenländes wohnen und jetzt noch, nach vielen Jahrhunderten, schwere Leiden und Bedrückungen zu bestehen haben. — Endlich finden wir in der russischen Poesie Wundermärchen der jüdischen Apottyphen zu mannigfachen Bildern verwebt, beispielsweise Sagen von dem weisen König Salomo, wie sie u. a. in dem Regensburger Maassebuch enthalten sind, reich mit originellen spezifisch russischen Zutaten versehen und schöpferisch fortgebildet. Freilich, die Namen der Menschen und Tiere, die in diesen Poesien handelnd auftreten, sind manchmal wundersam umgebildet und kaum wieder zu erkennen, durch die Wissenschaft der Etymologie aber doch mit Gewißheit auf ihren Ursprung zurückzuführen. Daß die jüdische Version die ursprüngliche, das russische Gedicht eine Fortbildung ist, läßt sich dadurch beweisen, daß rein jüdische Tradition, einzeln und im Zusammenhänge, stets einen klaren Sinn ergibt, im russischen Liede eine Deutung mancher Sonderheiten oft recht schwer fällt, vielfach überhaupt kein zusammenhängender Sinn herauszubringen ist. Alle Völker, nicht nur die Russen, haben wesentliche Teile ihrer Literatur in Prosa und Poesie, dem Judentum entlehnt und teils verändert. Zum Dank werfen sie Steine in den Brunnen, aus dem sie getrunken haben und noch trinken. Die Juden in Japan. Ueber die Juden in Japan, das durch den ostasiatischen Krieg wieder einmal die Oeffentlichkeit stark beschäftigt, erhalten jetzt verschiedene Blätter folgende sehr interessante Mitteilungen: „Während wir mit Bestimmtheit annehmen dürfen, daß in China schon in den frühesten Zeiten Juden gewohnt haben, die sich aber im Laufe der Zeit mit den Eingeborenen so vermischt haben, daß es jetzt schwer ist, sie herauszüfinden, so haben wir dagegen über Ansiedelungen von Juden in Japan in früheren Zeiten nicht den geringsten Anhaltspunkt. Der Grund, daß fast gar keine Einwanderungen selbst aus den nächsten