Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7 Dr. Blocb s Mocbenscbrttt. Seite 99 frösch mußte sich also entschließen, zur eigenen Sicherheit der u^WDr. Lueger wußte ganz gut, was er tat, als er Herrn sich Umgebung anzubequemen und anznpassen und er legte sich Gregorig, der ihn ja „unterstützen" zu wollen erklärt hatte, aus ein grünes Gewand zu. Auch sonst ist der Instinkt untrüglich; der Partei hinauslehnte. Das bischen Verleumdung hätte nicht er ahnt nahende Katastrophen und trifft seine Maßregeln. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff beizeiten und die Zugvögel beschleunigen oder verzögern Abflug und Ankunft nach den instinktiv vorausgeahnten meteorologischen Verhältnissen. War es also Instinkt oder Ueberlegung, daß Herr Gregorig sich bei Zeiten seinen Antisemitenbund in Herrn Nagorzanski's Gasthaus gründete? Hat er den Hinauswurf geahnt und wollte er, wenn es dazu kam, die Matratze aufgelegt haben, um nicht zu hart zu fallen? Es ist leider mit der Rückendeckung nicht recht gelungen. Er wollte zum eigenen Schutze die Farbe des Antisemitismus noch dicker auftragen. Der Antisemitismus seines Bundes sollte noch kräftiger, entschiedener, praktischer werden, als der bisherige. Er hatte sich aber in der Farbennuance vergriffen, er hat in allem daneben gegriffen. Man trägt das heute anders. Man gießt heute — zur Erhaltung der Gesundheit — etwas Wasser in seinem antisemitischen Wein. Man tut es nicht gern, aber man tut es notgedrungen, und der Wein wird dadurch etwas blässer. Dann mag es einmal angemessen gewesen sein, sich in Wirtshäusern seine Popularität zu suchen, sich Anhängerschaft und Rückendeckung zu suchen, aber darüber ist man schon hinaus. Das war einmal und das hat man heute nicht mehr nötig, und wer es noch nötig hat, der hat kein Glück mehr damit. Also in allen Stücken daneben gegriffen! Einer der großen Führer der christlich-sozialen Partei — es muß in memoriam angenagelt bleiben, daß ein Gregorig, eine der Größen dieser Partei war — ist also hinausbefördert worden und der Hinauswurf vollzog sich so glatt und so leicht, daß der geehrten Mitwelt nun doch die Augen aufgehen müssen, wie wenig es auf sich habe mit diesen Größen. Er liegt draußen — was weiter? Und wenn noch Dutzende seines geistigen Kalibers hinausfliegen — was weiter? Er war nicht besser und nicht schlechter, nicht bedeutender oder unbedeutender als all die übrigen Führer und Mannschaften, die zurückgeblieben sind. Er hätte ebenso gut auch Vize-Bürgermeister sein können. Haben denn Strobach oder Dr. Neumayer irgend etwas an geistiger Potenz vor einem Gregorig voraus? Das wird kein vernünftiger Mensch behaupten wollen. Die Tatsache des Hinauswurfes hat also nicht viel auf sich. Viel interessanter ist eine andere Beobachtung, die sich dabei aufdrängt. Ein einzigesmal hat man eine kernige antisemitische Rede unter die kritische Sonde genommen und sofort stellte sich die zwingende Notwendigkeit heraus, ihren Urheber aus einer Gesellschaft, die etwas auf sich hält, zu entfernen. Sofort hat man es gefühlt, Ehre und Gewissen, das einfachste Anstandsgefühl verbieten es, mit einem solchen Manne noch weiterhin gemeinsame Sache zu machen. Man hat es sofort gefühlt, weil der Mann zufällig einmal unbesonnen und ungeschickt genug war, eigene Parteigenossen anzuflegeln, von welchen er vermeinte, daß sie Butter auf dem Kopfe hätten. Man hat aber ein Anderes nicht gefühlt und nicht beachtet. Nicht nur der justifizierte Mann, sondern auch seine gestrengen Richter selbst haben bei hundert und bei tausend Gelegenheiten Reden gehalten und halten sie noch, in welchen viel schlimmere unbewiesene Behauptungen aufgestellt, ruchlose Verleumdungen ausgestreut wurden und werden, ohne daß auch nur im mindesten ein Gefühl für Recht und Ehre, ja nur für den einfachsten Anstand sich geregt hätte oder regte. Freilich ging's und geht es dabei gegen die Juden, und das natürlich ist etwas ganz Anderes. Die sind rechtlos und vogelftei. Die zu verleumden ist ehrenvoll und gesund. Da hat sich die Partei noch niemals zusammengesetzt, Ehrengericht zu halten und genau auf Ehre und Gewissen zu untersuchen, ob da nicht auch der Wahrheit brutal ins Gesicht geschlagen worden, ob da nicht auch bösartig und gewissenlos verleumdet worden ist! Man denke sich ein großes autoritatives Ehrengericht, das da Gerechtigkeit walten lassen sollte, und dann stelle man sich vor, was da noch übrig bliebe von der christlich-sozialen Partei, die nun mit solcher Strenge im Ehrenpunkte vorgegangen ist! den Ausschlag gegeben, aber er sah mit richtigem Blick das Parteiinteresse gefährdet, mit richtigerem Blick, als die brave „Deutsche Zeitung", die, obschon selbst von Gregorig mit einem diffamierenden Fußtritt bedacht, sich das heroische Bekenntnis abrang: die Episode habe nichts zu bedeuten, es handle sich nur um unerhebliche Gegensätze persönlicher Natur. Die „Deutsche Zeitung" hat ihren Ruf und die ihr von allen Seiten mit seltener Einmütigkeit eingeräumte Stellung unter den Wiener Blättern wieder einmal glanzvoll behauptet. Sie sah und verstand nicht, was vorgeht, sie wollte nur ihre „Mission" erfüllen und nach ihrer Ansicht eine Schwächung der Partei verhüten. Dr. Lueger wollte die Partei aber stärken, und darum mußte Gregorig trotz seiner Beleibtheit über die Klinge springen. Wenn wir von unserem Standpunkt dabei etwas zu bedauern haben, so ist es höchstens das, daß Dr. Lueger leider nicht aus demselben geistigen Niveau steht, wie die „Deutsche Zeitung". Daß es das bischen Verleumdung nicht ausgemacht hätte, dafür erbringen wir einen kleinen, aber hübschen und zeitgeschichtlich jedenfalls sehr bezeichnenden Beleg. Ein Weinhändler von der Wieden kündigt sein Wirtshaus durch ein offenbar selbst gedichtetes Gedicht an. Es ist auch darnach. Der Weinhändler von der Wieden ist nun allerdings nicht verpflichtet, ein guter Dichter und ein scharfer Denker zu sein. Er hat nicht nur ein Gedicht, sondern auch eine große Dummheit gemacht. In dem Gedicht kommt nun eine Stelle von hervorragender Abgeschmacktheit vor. Der dichtende Wirt wendet sich gegen die pharisäische Abstinenz — hei einem Wirte begreiflich! — und schließt mit der albernen eaptatio benevolentiae, daß Jesus Christus gerne Wein getrunken habe. Das „Deutsche Volksblatt" fühlt sich durch diese Stelle in seinem religiösen Gefühl verletzt. Das ist sein Recht. Weniger berechtigt ist es schon, wenn es von dem Gedichte weiterschließend auch den Wein des mit Namen und Adresse angeführten Wirtes gleich für schlecht erklärt und als „Pantsch" stigmatisiert. Am allerwenigsten berechtigt ist es aber, für diese abgeschmackte Albernheit eines mindergebildeten und dichterisch Minderbegabten Wirtes — die Juden verantwortlich zu machen. Der Wirt, er heißt St. Waldowski, wird ohneweiters zu einem „zweifellos aus Polen eingewanderten jüdischen Weinhändler" gestempelt, woraus nachstehend mitgeteilter Erguß moralischer Entrüstung folgt: „Wie kommen wir Christen dazu, uns eine derartige fteche Verhöhnung unseres göttlichen Religionsstifters durch den erstbesten Juden ruhig gefallen lassen zu müssen? Der Staatsanwalt erblickt anscheinend in dieser Blasphemie keine grobe Verletzung des religiösen Gefühles der christlichen Bevölkerung, denn er rührte keinen Finger, um diese Frivolität zu ahnden. Wir haben zwar einen 8 122 St.-G., derselbe tritt jedoch offenbar nur in Geltung, wenn von Seite der Antisemiten der — Schulchan Aruch angegriffen wird." Aus ein bischen Verleumdung mehr oder weniger kommt es wirklich nicht an. Eine Lästerung ist ja wirklich begangen worden. Lassen wir dem „D. V." seine sittliche Entrüstung, sehen wir ihm die Denunziation nach und glauben wir ihm — weit es ja doch so wahr ist! — daß der Schulchan Aruch sich bei uns ganz besonderen Schutzes zu erfteuen habe, aber man gestatte uns wenigstens die eine kleine, nebensächliche Feststellung, daß der inkriminierte Dichter und Weinhändler, der Hausbesitzer Stanislaus Waldowski, ein geborener Katholik und von streng klerikaler Gesinnung ist. ' Was nun? Es ist ja im Grunde gleich, ob ein Christ oder ein Jude eine abscheuliche Geschmacklosigkeit begeht. Sie kann diesem oder jenem passieren, und wem sie passiert, der hat eben ihre Folgen zu tragen. Das würde auch dem „Deutschen Volksblatt" sofort einleuchten, wenn wir es nun unternähmen, gegen Katholiken und Katholizismus pathetisch loszulegen, weil ein katholischer Vorstadt-Kneipenwirt ein stumpfsinniges Gedicht verbrochen hat. Es ist hier wie im Falle Gregorig. Diesem hätte unter Umständen die Verleumdung nicht geschadet, wenn sie nur richtig