Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 98 Dr. Dlocb's Mocbenscbrikt. Nr. 7 Volksvertretung, des Parlaments, wie es heute in Japan zu finden ist. In den Gemarkungen des gottlosen Japan herrscht volle Glaubensfreiheit, es hat seine Denker nicht in den Kerker geworfen, die freie Meinungsäußerung nicht zum Staatsverbrechen gestempelt. Seine Staatsverwaltung ist kein Herd per Korruption, seine Beamten sind ehrlich, patriotisch und betrachten den einzelnen Bürger nicht als Erpressuugs- und Ausbeutungsobjekt. Diesem Japan gegenüber steht Rußland, dessen allmächtige Bureaukratie mit Vermögen, Freiheit, ja dem Leben der Bürger schrankenlos schaltet; dieses „heilige" Rußland, in dem die Bureaukratie die Besten, die führenden Geister des Volkes knebelt und peinigt, von oben bis unten von Korruption durchseucht ist, jenes Rußland, welches seine edelsten Patrioten, seine erhabensten Deuker und Dichter in den Bergwerken Sibiriens verschmachten und verkommen läßt — dieses Rußland stellt sich Japan gegenüber als die „Vorhut Europas" hin und appelliert au die Sympathien der christlichen Völker in seinem Streike gegen die „Asiaten". Das Europäertum hat in den letzten Jahrhunderten, zum Tell gewiß nicht ohne sein Verschulden manch unerquickliches Schauspiel dargeboten. Jetzt gar tritt Rußland als sein Repräsentant auf: das ist seine größte Schmach, eine nicht unverdiente Demütigung. Von befreundeter Seite wird uns geschrieben: An dem Tage, da der Krieg zwischen dem kleinen Japan und dem übermächtigen Rußland ausbrach, hat der Zar mit dem gesamten russischen Hofe, mit seinen Ministern, Adjutanten und Generalen einem feierlichen Bittgottesdienste beigewohnt und den Segen des Himmels auf die russischen Waffen herabgefleht. In seinem Gefolge befand sich auch Herr v. P l e h w e, jener Mann, der das Blutbad von Kischenew, der die grausam verschärften Leiden unserer russischen Glaubensbrüder auf dem Gewissen hat. Zu welchem Gotte haben der Zar und seine Höflinge gebetet? Ist es nicht derselbe Gott, der auch die Todesschreie der Opfer von Kischencw gehört hat und zu dem die sterbenden Juden ihre letzten Gedanken erhoben? Man sagt dem jungen Zaren viel menschliches Empfinden nach, obwol die grauenvollen Ereiguisse seiner wenigen Regierungsjahre diese Behauptung nicht gerechtfertigt erscheinen ließen. Aber wenn seine Lobredner die Wahrheit sprechen, wenn der Beherrscher aller Reuffeu von wahrer Liebe zu Gott und zu allen Gottesgeschöpfen erfüllt ist, dann mögen in jenem Augenblicke, als er seine Seele zum Allerhöchsten erhob, die blutigen Schatten der Märtyrer von Kischenew vor seinem inneren Auge erschienen sein und ihn an eine furchtbare Blutschuld gemahnt haben. Wir leben in einer sehr skeptischen, rationalistischen Zeit. Man rechnet haargenau aus, wie Sieg und Niederlage zu Wasser und zu Lande vom Tonnengehalte und dcr Schnelligkeit der Schiffe, vou der Präzision und Ras anz der Geschosse abhängen. Aber trotzdem halten es die Mächtigen der Erde nicht für überflüssig, bei Ausbruch eines Krieges Gott anzurufen und in ihren Proklamationen die Gnade des Herrn der Heerscharen zu erflehen. Im Namen Gottes wird in den Krieg gezogen, im Namen Gottes werden die tätlichen Waffen gerichtet. Aber Gott ist doch kein Spielzeug in den Händen eines Menschen, und mag dieser noch so stark und gewaltig sein! Gott ist derselbe in der Mandschurei und auf Korea, wie in Kischenew und Mohilew, und mag der Zar aller Reussen, vor dem die Fürsten Europas auf den Bauch rutschen, durch seinen Willen auch eine Welt in Waffen in Bewegung setzen, mag er auf Erden autokratisch regieren und über Tod und Leben von Millionen entscheiden — den Himmel kann er nicht kommandieren. Ist Nikolaus II. gläubig vor dem Altar des Herrn getreten, dann mußte ihn die Tatsache tief erschüttern, daß zur selben Stunde drei seiner besten Schiffe im Gelben Meere von den Torpedos der heidnischen Gegner vernichtet wurden, denn auch in diesem Mißgeschick mußte er den Finger Gottes erkennen. Wir stehen am Anfänge eines Krieges, dessen Folgen unabsehbar sind, eines Krieges, der die biblische Legende von David und Goliath zur geschichtlichen Wahrheit werden läßt. Wie der Riese mit Hohn und Schimpf auf seine überlegene Kraft pochte, so hat das auf seine „christliche Kultur" pochende Rußland dem Jnselvolke im fernen Osten das Schmähwort „Asiaten!" zugerufen. Asiaten - das heißt Barbaren, die sich über die Formen und Gebote der Zivilisation hinwegsetzen. Aber überall dort, wo die Zivilisation mehr ist als ein äußerer Firniß, ist dieses Wort wie eine beißende Selbstpersiflage empfunden worden. Wir wissen nicht,' ob auch der Mikado einen Bittgottesdienst veranstaltet hat, ehe seine Torpedoboote die russischen Schlachtkolosse anbohrten, aber das Eine wissen wir, daß die Japaner in diesen ungeheuren Kampf frei von Blutschuld eintreten und daß, wenn eine Unterscheidung zwischen Barbarei und Zivilisation gemacht werden muß, nicht sie die Barbarei repräsentieren. Wenn die Zivilisation in der Achtung vor Recht, Gesetz und Menschenwürde besteht, dann verkörpert nicht das konstitutionelle Japan, sondern das despotische, feige, hinterlistige, intriguante, gewalttätige und mörderische Rußland das Asiatentum; jenes Rußland, das aus politischer Berechnung Millionen seiner Untertanen in namenlosen Elend verkommen, Tausende wehrloser Menschen unter unmenschlichen Martern dahinschlachten, das seine besten Söhne in den Bergwerken und auf den Eisfeldern Sibiriens verschmachten läßt und das in Kischenew das Beispiel der chinesischen Boxer nachahmte, die das Blutmärchen zur Entflammung des Fremdenhaffes benützten. Trotz der Kennzeichen der kaukasischen Rasse sitzen die „Asiaten" in Petersburg und Moskau, und trotz Schlitzaugen und gelber Hautfarbe sitzen die Europäer 'in Tokio und Jokohama. Die Anrufung Gottes nach den Greueln von Kischenew ist eine Blasphemie, und wenn in diesem welthistorischen Kampfe sich der unermeßliche Ausblick auf neue Gestaltungen, auf eine neue Verteilung der Macht eröffnet, die Zivilisation über die Barbarei, das Europäertum über das Asiatentum siegen soll, dann wird sich der Sieg an die Fahnen Japans heften. Vom Zubrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Herr Gregorig liegt draußen. — Instinkt oder Ueberlegung? — Kritik und Ehrgefühl. — Das bischen Verleumdung. — Das Niveau. — Der dichtende Wirt.) Hinausgelehnt haben sie ihn, ganz sachte, aber doch sehr entschieden, — und draußen ist er, der Herr Gregorig. Er muß es aber doch schon vorher in allen Gliedern gespürt haben, wie es ja besonders zartnervige Leute gibt, die das nahende Gewitter vorausfühlen. Jetzt erst erkennt man, daß er die Katastrophe vorausgeahnt und daß er sich auf sie eingerichtet hatte. War es Instinkt oder Ueberlegung? Die Philosophen werden sich darüber die Köpfe zerbrechen. Eine der interessantesten Formen des Instinkts ist Mimikry, d. i. Fähigkeit, sich zu eigenem Schutze und zum Schutze der Gattung gewissen äußeren Umständen anzupassen. Die Schmarotzertiere akkommodieren sich in Form, Farbe und Zeichnung der Umgebung, die sie abschmarotzen, um ihr Leben umso ungestörter genießen zu können. Oder noch deutlicher: Der Laubfiosch war ursprünglich gar nicht grün, er hatte nur die Passion, im grünen Laub zu leben. Die Sache ward aber auf die Dauer ungemütlich. Der Storch, der wieder die große Passion auf die Laubfrösche hatte, konnte diese, wenn sie rot oder gelb waren, in dem grünen Laube gar zu leicht ausfiMg machen. So ging das entschieden nicht weiter. Der Laub-