Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 94 Dr. JBlocb 8 MocvenscdrtN. «r. 6 Umzäunung ist längst der Raub der Winde geworden, und ungeschützt und unbehütet sind die Gräber aller Wetterunbill preisgegeben. Auf einer Seite des Friedhofes droht sogar die Gefahr, daß die Gebeine der hier Bestatteten durch Regengüsse allmälig weggeschwemmt werden. Einige pietätvolle Männer der Bonyhäder Gemeinde sind nun zusammengetreten, um den Friedhof vor gänzlichem Untergange zu bewahren. Leider verfügen sie nicht auch über die Mittel, dieses lobenswerte Konservierungswerk aus Eigenem zustande zu bringen. Es wird deshalb an etwaige Angehörige der dort Ruhenden oder solche, die dem erwähnten Bestreben sympathisch gegenüberstehen, die Bitte gerichtet, zur Renoviemng des Friedhofes ihr Scherflein beizusteuern. Spenden nimmt Herr Alexander Markus in Bonyhäd dankend entgegen. Bisher sind für diesen Zweck bereits 151 K. 30 H. eingegangen. Frankfurt a. M Der hiesige Landgerichtsrat Dr. Siegfried Sommer ist zum Oberlandesgerichtsrat ernannt worden. Diese Ernennung wird viel besprochen, weil sie unter der Verwaltung des Justizministers Schönstedt die erste Beförderung eines Juden in ein höheres Richteramt ist. Dr. Sommer ist ein Schulfreund des Kaisers Wilhelm, mit dem er das Gymnasium in Kassel bis zur Matura durchgemacht hat. Der Kaiser verfehlt nie, wenn er nach Frankfurt oder in die Nähe kommt, den alten Schulkameraden zu sich zu bescheiden und mit ihm zu plaudern. Erst im vergangenen Herbst hat Landgerichtsrat Sommer eine für seine Stellung ungewöhnlich hohe Ordensauszeichnung erhalten. Berlin. In deutschen Blättern findet man über die Hilfsaktion zu Gunsten der Abgebrannten von Alesund folgende Bemerkung: Ein ganz hervorragendes Entgegenkommen zeigte das jüdische Auswanderer-Hilfskomitee in Bremen, das nicht weniger als 40 Kisten mit Kleidungsstücken zur Verfügung stellte. Waffenstillstand. No elle von Bäbette Fried- Prag. (Fortsetzung.) Nach vollzogener Pflichterfüllung begab sich Strasser erst ins Haus der Witwe. „Frau Hirsch!" rief er ihr von weitem zu, ich bringe frohe Nachricht. Der Friede ist geschlossen! „Ach, wie glücklich bin ich, daß diese Menschenschlächterei, Krieg, endlich aufhört, daß nicht täglich mehr und mehr Mütter ihre Söhne betrauern werden." „Und daran denken Sie nicht, Frau Hirsch, daß ich jetzt abziehen werde, fort von hier, vielleicht auf Nimmerwiedersehen?" fragte Straffer mit leisem Vorwurfe. „Freilich denk' ich daran und sogar mit tiefem inneren Bedauern, jedoch läßt sich dagegen nichts tun. Schließlich kommen Berge nicht zusammen, wohl aber Menschen, und wenn Sie uns hie und da mit einigen Zeilen beehren werden, so werden wir uns sehr beglückt fühlen." „Liebe Frau Hirsch," fuhr Strasser fort, „es ist möglich, daß zu einem schleunigen Aufbruch geblasen wird, so daß mir nicht Zeit zum Abschiednehmen bleibt. So nehmen Sie jetzt schon meinen Dank für alle Ihre treue Pflege, welche Sie mir in wahrhaft mütterlicher Weise während meiner Krankheit und auch später angedeihen ließen und nehmen Sie dieses kleine Angedenken von mir als Zeichen meiner Anhänglichkeit und Dankbarkeit." Nach diesen Worten zog er aus seiner Brusttasche das Schriftstück, das chm Singer ausgestellt hafte, und welches Straffer vorsichtshalber von zwei glaubwürdigen Zeugen mitunterfertigen ließ, ohne daß es diesen gestattet war, Einsicht in die Schrift, die sie als Zeugen unterfertigten, zu nehmen. Frau Hirsch las, las ein um das anderemal, ohne ihren Augen trauen zu können. Wenn jemand gesagt hätte, daß der König von Preußen in ihr Häuschen komme, um daselbst den Friedensvertrag aufzusetzen und sie auffordern werde, ihn als Zeugin zu unterschreiben, so hätte sie über das Unglaubliche wohl verwundert den Kopf geschüttelt, aber es nicht für derart unglaublich gehalten, als das, was sie hier schwarz auf weiß in Händen hielt, daß nämlich Singer, der berüchtigte Gurgelabschneider Singer, ihr freiwillig eine so große Schenkung machte, so daß sie dadurch alles reichlich ersetzt bekäme, was sie im Prozesse gegen ihn verloren hatte. Dies schien ihr der Gipfel des Unglaublichen, Unfaßbaren zu sein. Strasser hatte Mühe, sie von der Wahrheit des soeben Gelesenen zu überzeugen, hatte dann auch Mühe, die vor Freude ganz aufgeregte Frau zu beruhigen, welche in den Aeußerungen ihres unermeßlichen Glücksgefühles weder Maß noch Ziel kannte. Endlich kam das Wort, welches kommen mußte, und das Strasser kaum erwarten konnte. Wie kann ich Ihnen Ihre Freundschaft für mich und die Meinen vergelten, Herr Leutnant? Fordern Sie von mir alles, was Sie wollen; alles, was ich zu leisten im Stande bin, soll geschehen." „Ich halte Sie dein: Worte, Frau Hirsch, und werde viel fordern, so viel, daß Sie vielleicht Anstand nehmen werden, mir mein Begehren zu erfüllen. Geben Sie mir die Hand Ihrer Tochter Fanni. Ich liebe sie und will sie glücklich machen." Erschrocken blickte Dora auf den jungen Mann, der noch immer mit bittender Geberde vor ihr stand. „Meine Tochter Fanni? Das kann ja nicht sein, wie könnte das einfache ungebildete Mädchen eine Offiziersfrau werden?" Fanni ist kein so unbedeutendes Mädchen, als welches Sie sie betrachten. Sie ist gebildet, und mehr als das, sie ist bildungsfähig. Daß sie es vermocht hat, ganz in der Stille, ohne' Lehrer und anregende Gesellschaft, sich den bei einem Landmädchen.ungewöhnlichen Bildungsgrad zu erwerben, ist ein Vorzug mehr in der Reihe der schönen Eigenschaften dieses seltenen Mädchens, lind auch ich werde nicht immer aktiver Offizier bleiben. Wenn ich in meine heimische Garnison einrücke, ziehe ich meine Uniform aus, um in den Zivilanzug und wills Gott, bald in die Rabbinerkutte zu schlüpfen. Dann erst komme ich mir meine holde Fanni zu holen, welche ein ganz allerliebstes Rabbinerftauchen werden soll. Gestehen Sie selbst, Frau Hirsch, daß der bescheidene Sinn, die wahre Frömmigkeit Fanni's, sie ganz geeignet dazu machen. Den Psalter aber, zwischen dessen Blättern ich das Arkanun entdeckt habe, womit ich Herrn Singer gefügig machte, den nehme ich mir, wenn Sie es gestatten, als Unterpfand meines künftigen Glückes mit. Es ist da noch ein leeres Blatt darin, das ich hoffentlich mit dem Datum meines Hochzeitstages, sowie künftiger freudiger Familienereignisse zu beschreiben hoffe. Bei diesen Worten lächelte die Schwiegermutter in 8p 6 recht gutmütig. Dann bemächtigte sich ihrer eine große Verlegenheit. „Herr Leutnant", sagte sie, ich und meine Kinder sind Ihnen zu so großem Danke verpflichtet, daß wir diesen nicht abzahlen können, selbst wenn wir unser Leben hergeben. Doch weiß ich nicht, ob Ihnen Fanni in ein fremdes Land wird folgen wollen. Sie wurzelt zu fest in dem heimischen Boden, und die Erinnerung an den gefallenen Jugendfteund, von dem Sie schon öfter sprechen hörten, dürfte noch zu mächtig in ihr sein, als daß sie so ohne Weiteres in einen anderen Ehebund willigen sollte. „Tote Nebenbuhler" fürchte ich nicht, meinte Straßer nach einigem Nachdenken. „Geben Sie mir nur Ihre Einwilligung, und ich will um Fanni's Liebe werben und hoffe sie zu erringen, und sollte diese Werbung auch so lange dauern, wie die Vater Jakobs um seine Rachel." Bei Mutter Dora war Straßer gut angekommen. Schon die Dankbarkeit,, die sie ihrem Wohltäter schuldete, der alles so glatt zu ihren Gunsten ohne Prozeß abgewickelt hatte, schon diese Dankbarkeit veranlaßte sie dazu, ihm die Hand