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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-05 · 6 (5.2.1904) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 6 Dr. Llocb's Mocbenscdrrrr. Teilt 9l Amste. t am. (Bon den Diamantarbeiter n."> Allem Anschein nach steht ein neuer großer Streik der Diamantarbeiter bevor. Da sich diesmal die Antwerpener Arbeiter mit den Amsterdamern solidarisch erklärt haben, würde ein solcher Streik schon wegen seines Einflusses auf den Diamantmarkt Interesse verdienen. Was ihn aber vor anderen Streiks auszeichnet, sind die verwickelten Verhältnisse, aus denen er entsteht. Um sie zu begreifen, sei uns erlaubt, einiges über das Verhältnis des Diamantarbeiters zu seinem Arbeitsgeber voranzuschicken. Zunächst: „Fabriken" im üblichen Sinne gibt es nicht oder kaum! Der „Fabriksbesitzer" ist lediglich der Besitzer eines mit den nötigen Maschinen ausgestatteten Etablissements, also einer größeren Anzahl von Arbeitsplätzen, die er an die Arbeiter vermietet. Der Arbeitgeber (Brillantenhändler, hier „Juwelier" genannt) ist wieder eine Person für sich. Nur selten hat er zugleich seine eigene Fabrik und dementsprechend festangestellte Arbeiter. In der Regel vergibt er seine Arbeit an den .,daa->'' (Meister), der sie nach den feststehenden Tarifen in den Fabriken oder auch zu Hause mit seinen Gehilfen ausführt. Wohl 90 Perzent aller Arbeiter des Diamantfaches arbeiten in diesem eigenartigen Verhältnis. Vor 1896/97 war der Zufluß an Arbeitskräften ein unbeschränkter. Die Väter zogen ihre Kinder zu Hilfeleistungen heran, und so kam es, daß Kinder unter 12 Jahren als Lehrlinge beschäftigt waren, trotzdem das Gesetz van Honten dies verbietet. Es wurde keineswegs daraus gesehen, daß der Lehrling eine gewisse Schulbildung besäße oder doch wenigstens ein paar Augen, die scharf genug sind, für das minutiöse Werk. So kamen eine Menge Analphabeten (die Schulpflicht besteht in Holland erst seit drei Jahren) und Schwachsinnige in den Diamantenarbeiterberuf. Als nun die den Markt monopolisiernde Dr. Beers Co. zu einer Einschränkung der Rohproduktion um hunderttausend Karat pro Jahr überging, wuchs die Zahl der Arbeitslosen unter den Diamantenarbeitern ganz erschreckend an. Der Diamantarbeiter-Meister-Vereinigung gelang es nun aus dem Kongreß zu Antwerpen 1897, den Beschluß durchzusetzen, daß das 14. Lebensjahr als Altersgrenze für die Zulassung eines Lehrlings zu gelten und daß ein Vereiusarzt die Augen auf Tauglichkeit zu untersuchen habe. Vor einer Prüfungskommission hat der Lehrling den Nachweis seiner Geschicklichkeit zu liefern. Lehrlingsregister, Diplome, Kontrollkommission für die Hausindustrie u. s. w. wurden eingeführt. Die Anwendung dieser strengen, aber durchaus vernünftigen Maßregeln führte zunächst dazu, daß 700 von den zirka 1700 Lehrlingen im Jahre 1897 vom Berufe ausgeschieden wurden. Noch mehr. Es wurde beschlossen, wegen Ueberfülluug des Faches überhaupt keine neuen Lehrlinge zuzulassen, bis ein neuer Kongreß die Zustimmung hierzu gäbe. Bis jetzt ist dieser Kongreß anläßlich der fortdauernden schlechten Lage des Faches noch nicht einberufen worden, und so hat tatsächlich seit den letzten Jahren kein Zuwachs an Lehrlingen im Diamantenarbeiterfach stattgefunden. Von der Willensstärke, die zu einem solchen Entschluß nötig war, kann man sich schwer eine Vorstellung machen. Vor allem verloren die „baasen" ihre billigen Arbeitskräfte, und dann wußten die Leute, die sich im 'Interesse der Gemeinschaft diesen Entschluß abrangen, nur nicht, was aus ihren Kindern werden sollte. Neunzig Perzent aller Diamantenarbeiter sind Juden. Sie betrachten das Diamantenarbeiterfach traditionell als eine Art Eigentum. Tatsächlich werden in Amsterdam nur noch bei Zigarrenmachern jüdische Arbeiter in größerer Zahl angetroffen. Zudem wird der Diamantenarbeiter mit etwa 40 Jahren zu der anstrengenden, feinen Thätigkeit unfähig. Er schlägt sich dann mühsam als kleiner Brillantenmakler durch, in der Hauptsache aber lebt er von der Unterstützung seiner Kinder, die nun. auch Diamantenarbeiter sind und einst das gleiche von ihren Kindern erwarten. Der Ausschluß der Lehrlinge traf also direkt die Leute am härtesten, die ihn mit schwerem Herzen als nötig erklärt hatten. Der Beschluß wurde in Amsterdam streng durchgeführt: in Antwerpen, wo augenblicklich 800 Amsterdamer arbeiten, wurde er anfänglich zwar öfters übertreten, mit dem Stärkerwerden der dortigen Organisation aber auch dort strenger gehandhabt. In New-Iork, das etwa 200 Amsterdamer beschäftigt, im Jura, St. Claude u. s. w., in Paris (wo ein Türke Namens Ecknyan einige Armenier in der Diamantindustrie beschäftigt) und in Genua ist der Betrieb zu geringfügig, um für das Gesamtfach in Betracht zu kommen. Trotz der strengen Abschlußmaßregel blieb in Amsterdam die Zahl der Arbeitslosen bis September 1899 durchschnittlich 200; sie schnellte infolge des Burenkrieges im Jänner 1900 auf 3600, bewegte sich dann bis Ende 1901 durchschnittlich um 600, erreichte aber immerhin zuweilen eine Ziffer von 1400, 2500 und selbst 3000. Hierbei ist zu bemerken, daß als „arbeitslos" nur aufgeführt wird, wer eine volle Woche ohne jeden Verdienst war. Ein halber Tag Arbeit scheidet schon den Betreffenden aus der Kategorie der Arbeitslosen aus. Heute, wo sich die Zeiten entschieden gebessert haben, verzeichnet die gewissenhafte Statistik' der Organisation immer noch 120 bis 130 Arbeitslose. Wie von Seiten des Organisationsvorstandes versichert wird, entspricht die Zusammensetzung dieses Häufleins in Bezug aus Alter, Geschicklichkeit u. s. w. genau dem Bilde der Gesamtmasse der Diamantenarbeiter. Aber gerade über die Gesamtmasse gehen die Meinungen scharf auseinander. Von den 7400 organisierten Arbeitern stehen 5500 im Alter von 20 bis 35 Jahren. So sagt die Organisation. Die Arbeitgeber aber behaupten, daß eine viel größere Anzahl älterer und daher abgearbeiteter Leute dem Arbeitermaterial beigemengt sind, daß diese Minderwertigen auf das ganze Fach drücken und immer mehr die Schwungkraft der Industrie lahmlegen werden. Wer recht hat, ist schon schwer zu entscheiden. Jedenfalls aber läßt sich der Zustand des künstlichen, vollkommenen Luftabschlusses auf die Dauer nicht erhalten. Die Juweliere sind durch das Erstarken der Arbeiterorganisation gewitzigt worden. Sie haben sich ebenfalls zur „Juweliers-Bereinigung" organisiert und vor allem Anschluß an ihre Antwerpener Kollegen gesucht und gefunden. Sie verlangen die Einstellung von 750 Lehrlingen und haben den 1. Februar mit dem Diamantenarbeitervorstand als Termin vereinbart, an welchen die Organisation ihre Antwort aus dieses Ultimatum zu geben hat. Die Diamantenarbeiter wollen nichts von dieser Forderung hören. Sie wollen sogar nicht einmal etwas von Verhandlungen wissen. Hoffentlich gelingt es dem Vorstand des Diamantenarbeiterbundes, die Arbeiter zur Nachgiebigkeit zu bringen, aber ebenso sehr ist es zu wünschen, daß die Juweliere das Kategorische ihres Tones herabstimmen. Denn sollte es wirklich zum Streik kommen, so bräche bei der strengen Organisation der zwei Parteien für beide Theile eine schwere Zeit an. Die „Vossische Zeitung" meldet: „Das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitern in der Amsterdamer Diamant-Industrie droht einer Krisis zuzutreiben. Noch schwebt die Frage der von den Arbeitern verlangten Einführung des neunstündigen Arbeitstages und jetzt hat die Juweliersvereinigung einen weiteren Zankapfel in den Streit geworfen, indem sie beim Vorstand des „Allgemeinen niederländischen Diamantenarbeiterbundes" die Aushebung des auf dem Antwerpener internationalen Diamantenarbeiterkongreß vom September 1897 beschlossenen und seither unter hartnäckigen Kämpfen durchgeführten Verbots der schrankenlosen Annahme von Lehrlingen in den Werkstätten beantragt hat. Für die Arbeiter handelte es sich damals um eine Lebensfrage; an den Fingern konnten diese den Zeitpunkt berechnen, wo sämtliche Schleifer, Setzer und Versteller durch die massenhaft einströmenden Lehrlinge ersetzt oder durch den daraussolgenden Druck aus die Arbeitslöhne dem Elend preisgegeben sein würden. Die Amsterdamer Juweliersvereinigung setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um die Durchführung des Beschluffes des Kongreffes zu verhindern, aber dank dem ebenso vorsichtigen wie tatkräftigen Auftreten des Präsidenten der Diamantenarbeitervereinigung, Henri Polak, wurde der Beschluß in allen Fabriken durchgesührt, von etwa 1600 Lehrlingen mußten an 1000 die Fabriken räumen und anderweitige Beschäftigung suchen, kurz, die Juweliers- Vereinigung mußte nachgeben. Sie hat die Niederlage aber nicht verschmerzt. Trotz ihrer früheren Zusage weigert sie sich jetzt nicht nur, auf der von den Arbeitern geforderten Basis sich in

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