Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-05 · 6 (5.2.1904) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021554--13342-3037988
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 6 Dr. Dlocb s Mocbenscbrm. Seite 85 welche die Formen bestimmen, hergeht und über die Werke der Malerei Urteile abgibt und schreibt. Hat ein Bild einen „Inhalt", ich meine, läßt es sich literarisch oder sonstwie gedanklich als Gegenstandsdarstellung anpacken, na, dann geht es ja noch, ist es aber inhaltlich uninteressant im Laiensinn — und das sind die meisten und besten Bilder der Moderne, die eben allein, befreit von jeder literarischen Note für sich als Malerei wirken wollen und auch tatsächlich wirken — so sitzt der Kritiker auf und weiß nichts mit dem Bilde anzufangen, das heißt, keine nette Geschichte darüber zu schreiben. Er verschimpfierts dann natürlich, ganz gewissenlos. Ueber Musik wird sich einer ohne Fachkenntnis nicht so bald zu kritisieren trauen, aber über Malerei recht wohl. Das ist's, was mich so sehr ärgert und wogegen ich jetzt einmal Front machen will» just weil die Kritik, die wahrhafte, kenntnisreiche, so überaus wichtig für die Entwicklung der Kunst ist!" Meine Einwendung, daß gerade wir Deutschen eine große Zahl bedeutender, ernsthafter, feinfühliger und kenntnisreicher Kritiker haben, wie sie in gleicher Anzahl und Bedeutung kein anderes Land aufzuweisen vermag, konnte Professor Liebermaun allerdings nicht widerlegen; er sagte darauf bloß: „Stimmt, stimmt, ist aber kein Grund, ein allgemeines höheres Niveau der Kunstkritik nicht zu verlangen. Ausnahmen bestätigen eben auch hier die Regel." Karl Emil Franzos. Die Trauerkunde von dem am Abend des 8. Jänner erfolgten allzufrühen Heimgänge des vielbewunderten Meisters deutscher Erzählungskunst wird überall die tiefste und schmerzlichste Teilnahme Hervorrufen, weit über die Grenzen Deutschlands und Oesterreichs hinaus. Mit freudigem Stolze durfte ihn das Judentum zu seinen besten und tapfersten Söhnen zählen. Unvergessen wird es ihm bleiben, daß er mit unerschrockenem Mannesmute in warmer Liebe und innigstem Mitgefühl für die Enterbten des Glückes, seine unglücklichen und unterdrückten Glaubensgenossen in jenen fernen, weltverlorenen Winkel, den er „Halbasien" nannte, eintrat und seine besten Kräfte daransetzte, ihr trauriges Los zu mildern. Es sind ungefähr dreißig Jahre dahingerauscht, daß eine Sammlung ethnographischer Skizzen „Aus Halbasien" erschien/ die zuvor in der „Neuen Freien Presse" und in „Westermann's Monatsheften" veröffentlicht worden waren, und nun nicht nur der großen Menge zugänglich wurden, sondern auch das lebhafteste Interesse derselben erweckten. Der junge Dichter sollte bald nachher durch seine ausgezeichneten Erzählungen aus dem Ghetto seiner galizischen Heimat, mit ihren lebenswahren und lebenswarmen, ergreifenden Schilderungen oft von köstlichem Humor durchweht, jenem Humor, der ähnlich wie bei Marie von Ebner-Escheubach, durch Tränen lächelt, einen ersten Platz unter den gelesensten Dichtern seiner Zeit einnehmen. Aus allen seinen Dichtungen erkannte man die tiefe Liebe zur Heimat, zu den Armen und Notleidenden, ans allen klang der glühende Wunsch, Licht in die Finsternis, die Segnungen der Kultur in das Elend jener Parias zu bringen. Weit davon entfernt, die Juden seiner Heimat besser zu schildern als sie in Wahrheit waren, glaubte und hoffte er zuversichtlich, daß ihr Los ein besseres werden könne, werden müsse! Daß sich dieser Jugendtraum ihm nicht erfüllt hatte, war und blieb der Schmerz seines Lebens, den er mit in das Grab nahm. Unauslöschlich lebt in meiner und vieler Zeitgenossen Erinnerung das Aufsehen, das „Die Juden von Barnow", „Moschko von Parma" erregten. In eine ferne fremde Welt versetzt, fühlten sich die Leser und besonders die Leserinnen mächtig davon ergriffen. „Milieu" und „Heimatkunst", die Schlagworte einer späteren Zeit, existierten damals noch nicht, aber der Leser konnte sich lebhaft in jene Zustände, in jenes „Milieu" versetzen, fühlte, wie tief der Dichter in seiner Heimat, die er so greifbar zu schildern verstand, wurzelte, und legte die prachtvollen Erzählungen mit tiefem Dankgefühl für den Dichter aus der Hand, um in absehbarer Zeit wieder zu denselben zu greifen. Für mich gehören namentlich „Die Juden von Barnow" bis zur Stunde zu jenen Büchern, die dauernden Wert behalten, indem sie nicht nur eine kurze Stunde flüchtigen Genusses bereiten, sondern die man immer und immer gern wieder zur Hand nimmt und — sich in längst vergangene Jugendtage zurückträumt! Aber jede neue literarische Gabe des tüchtigen Erzählers wurde im Laufe der späteren Jahre mit unverminderter Freude begrüßt. Neben „Judith Trachtenberg" und „Leib Weihnachtskucheu", die ebenfalls in der engeren Heimat des Dichters ihren Schauplatz haben, neben „Ein Kampf ums Recht" sind auch die auf deutschem Boden sich abspielenden Schöpfungen „Der Präsident", „Der Gott des alten Doktors", „Der Wahrheitsucher", „Der Schatten" und viele andere von hohem künstlerischen Wert; seine Novellen „Junge Liebe" u. a. m. sind von poetischem Duft erfüllt. Neben dieser reichen dichterischen Tätigkeit entfaltete Franzos eine nicht minder lebhafte fenilletouistische bis zu seinem Ende; seine gedankenreichen und fesselnden Aufsätze haben namentlich in Berliner und Wiener Blättern stets die höchste Anerkennung gefunden. In dem galizischen Städtchen Czortkow als Sohn eines Bezirksarztes am 25. Oktober 1848 geboren, studierte Franzos in Wien und Graz die Rechte, nachdem er sich schon, 1859 verwaist, seinen Lebensunterhalt durch Stundeuerteilen hatte erwerben müssen. Nach Absolvierung der juristischen Staatsprüfung widmete er sich der journalistischen Laufbahn, bereiste 1872 bis 1876 als Berichterstatter fast ganz Europa und Egypten und wählte hierauf Wien zu seinem Wohnsitze. In der österreichischen Metropole leitete er eine Reihe von Jahren die „Neue Illustrierte Zeitung", für die er auch den Kronprinzen Rudolf als Mitarbeiter gewann. Im Jahre 1886 übersiedelte er nach Berlin. In der Neichshanptstadt erfreute er sich der wohlverdienten höchsten Wertschätzung. Mit feinstem Geschmack und hohem Verständnis leitete er hier „Die deutsche Dichtung" und bahnte in derselben strebenden jüngeren Talenten den Weg in die Oeffentlichkeit. In den letzten Jahren seines Lebens hat Franzos auf literarhistorischem Gebiete wertvolle Arbeiten, namentlich über Heine und Conrad Ferdinand Meyer veröffentlicht. Es ist vielfach aufgefallen, daß Franzos, noch im Vollbesitz seiner Körper- und Geistesfrische, seit einer Reihe von Jahren auf dem Gebiete der erzählenden Dichtung minder schaffensfreudig war. Deutschland war ihm, dem Verehrer deutscher Kultur, zur wahren zweiten, vielleicht um so teureren Heimat geworden, als er sich ihr erst in reiferem Mannesaller anschloß. Um so tiefer empfand er den Schmerz, daß in dem von ihm so heißgeliebten Deutschland der Antisemitismus, den der edelste Fürst seiner Zeit „die Schmach des Jahrhunderts" genannt, immer mehr und mehr Wurzel faßte. Der Traum, feine unglücklichen galizischen Glaubensgenossen könnten einer Befreiung durch deutsche Kultur teilhaftig werden, hatte sich als trügerisch erwiesen. Enttäuscht und entmutigt zog er sich mehr und mehr in die Stille des Familien- und Gelehrtenlebens zurück. Seine Gattin, die sich selbst schon literarisch betätigt hat, wußte ihm ein angenehmes Dasein mit liebevollstem Verständnis für seine Eigenart zu bereiten und mit ihr betrauert ein großer Kreis von aufrichtigen Freunden und Verehrern das allzufcühe Scheiden des trefflichen Mannes von dieser Erde. Die deutschen Juden werden seiner nicht vergessen! Karl Emil Franzos ist den Idealen seiner Jugend treu geblieben bis zu seinem Ende; für sie hat er gekämpft, gestritten und gelitten! „Und wer dem besten seiner Zeit genug getan. Der hat gelebt für alle Zeiten!" Segen seinem Andenken! Regina Neisser. * Ein ebenso reizvolles wie gehaltvolles Stückchen Selbstbiographie hinterließ uns Karl Emil Franzos in kurzen Aufzeichnungen zur Geschichte seines Erstlingswerkes. Vor einer Reihe von Jahren kam Franzos auf die glückliche Idee, unsere hervorragendsten Schriftsteller zu solchen Mitteilungen über die Geschichte ihres Erstlingswerkes zu veranlassen, die zugleich die Geschichte ihrer Zuwendung zur Literatur umfaßte, und also ein Kapitel zur Psychologie des Schrift-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.