Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021554--13341-3037987- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 84 Dr. Dlocb's MocbenscbrtN. Str. 6 Was sagen unsere Antisemiten zu dieser kriegerischen Lausbahn und zu solchen militärischen Ehren eines deutschen Juden? Vielleicht hätte er auch dem deutschen Vaterlande nicht minder große Dienste in Krieg und Frieden leisten können, wenn er es hier gedurft hätte. Professor Dr. Eduard Zeller. Der berühmte Philosoph Zeller feierte vor einigen Tagen seinen 90. Geburtstag. Ueber Nationalismus und Humanität äußert er sich: „Wir dürfen nie vergessen, daß unser Volk selbst nur ein dienendes Glied eines größeren Ganzen ist und daß auch sein Wert von der Geschichte und nach dem beurteilt werden wird, was es der Menschheit leistet. Das Interesse der Nationalität lag nur zu oft mit dem der Humanität im Streite... . Unsere Zeit und unser Volk hat die Aufgabe, mit anderen Vorurteilen auch von diesem sich freizuhalten; und das Mittel dazu ist die Einsicht, daß die Pflichten gegen das eigene Volk und die Pflichten gegen die Menschheit nicht von einander zu trennen sind, daß die höchste Vollendung und die wertvollste Frucht eines tüchtigen Volkslebens die Humanität ist." Ueber Religion sagte er u. A.: „Je höher eine Religion steht, je richtiger und würdiger ihre Vorstellungen von der Gottheit sind, um so mehr werden die Reinheit des Lebens, die Rechtschaffenheit und die Menschenliebe, als die unerläßliche Betättgung der religiösen Gesinnung, als der wichtigste Teil der Gottesverehrung betrachtet werden. Wer die Religion als eine unmittelbare Offenbarung der Gotthett vom Himmel herabkommen läßt, der muß folgerichtig chre erste Gestalt für die einzig berechtigte halten." Zeller ist der bedeutendste Philosoph der Gegenwart. Ei» Besuch bei Max Liebermann. Einem Münchener Besucher gegenüber, den er in seinem Atelier empfing, hat Profeffor Max Liebermann sehr bemerkenswerte Aeußerungen über Kunst und Kunstkritik getan. Als der Besucher etwas ironisch auf den von Berlin aus wahrgesagten Niedergang der Münchener Kunst anspielte, fuhr Professor Liebermann auf, und während er seine Zigarre nervös zerkaute, sprudelte er rasch hervor: „Die Sache ist aber durchaus nicht lächerlich, gar nicht. Es ist Tatsache, daß die Münchener Kunst stagniert. Und wenn man auch jetzt noch nicht zugeben will, daß Berlin in Bezug auf moderne Kunst in Deutschland führend ist, wird man es in einiger Zeit umso sicherer zugeben muffen. Man ist selten höflich, wenn man wahr ist, und deshalb verstehe ich's ja auch völlig, daß es den Münchenern nicht angenehm in den Ohren geklungen hat, als wir Berliner ihnen die Wahrheit sagten. Wenn heute eine Münchener Kunstausstellung gut wirtt, so geschieht es immer vermöge der darin enthaltenen ausländischen Kunstwerke!" „Darf ich Sie dann fragen, was Sie über die Wiener, die österreichische Kunst denken?" „Eine kitzliche Frage. Die Stadt, die mir oft gerühmt wurde kenne ich nicht aus eigener Anschauung, muß aber gestehen, daß die Werke Wiener Künstler, die ich bisher sah, mir nicht imponierten. Ich leugne durchaus nicht, daß alles, was die Wiener machen, kolossal geschickt, vif, fesch ist; aber mir ist es nicht ernst, überhaupt nicht bedeutend genug. Es ist Alles sehr gefällig, oft zu gefällig, dandyhaft, elegant, aber nicht kräftig, nicht groß, unwuchtig, unwahr, unnatürlich. Ihren ist für die Entwicklung der Kunst in schöpferischer Hinsicht belanglos; denn in Wien wird nur gemacht, was man anderswo vorgemacht hat. Darum hat ja Wien auch bedeutende Kritiker, feine Interpreten, Erkenner und Ausleger von Werken Anderer. Fein Nachcmpfindende und Nachahmende sind die Wiener. Sie sind aber nicht ursprünglich. Ja, das ist wahr. Ist irgendwo von irgendwem etwas Bedeutendes geschaffen worden, machen's die behenden und geschmeidigen Wiener gleich recht gut nach." „Als ich — so schreibt Arthur Roeßler in der „Frankfurter Zeitung" — dieser scharfen Aburteilung der mir liebgewordenen Wiener Kunst entgegenreden wollte, wehrte der Künstler rasch ab: „Nein, nein, das ist meine Meinung. Für die Kunst geht die Sonne im Westen auf. Aus Frankreich empfangen wir in Deutschland die großen Anregungen, die wir eigenartig verwerten, und erst auf dem Umwege über uns bekommen die Wiener Teile davon ab, die sie jedoch nicht zu Eigenem zu verarbeiten im Stande sind." „Und worin erkennen Sie die Ursache dieses Zustandes des Argen in Wien?" „In der Raffe, oder besser dem Rassengemengsel. Es mag ja auch sein, daß die Wiener blos ein zu altes Volk sind, das den Höhepuntt seiner kulturellen Entwicklung bereits überschritten hat, das abstirbt. Denn Völker wachsen und sterben ebenso wie Individuen. Aber ich bin eher geneigt, anzunehmen, daß an der österreichischen Verrottung, wie schon gesagt, der Rassenmischmasch Schuld trägt. Die Wiener haben zu sehr zusommengepanschtes Blut und verweichlichte Nerven. Sie sind mir auch zu sentiutental, während es mir lieber war', sie wären zynisch. Im Zynismus liegt doch wenigstens noch Kraft, wenn auch eine mehr zersetzende als aufbauende, aber im Sentiment ist nur nur Schwäche. Ich halte die Vermengung anderer Rassen mit der jüdischen für nachteilig, Notadeos: ich meine für die Jude«. Ich bin Jude, und ich bin stolz darauf» raffenreiner Jude zu sein. Ich glaube, die jüdische Raffe verliert ihre guten Eigenschaften, wenn sie sich mit anderen vermischt. Die beiden verschiedenen Hälften ergeben eben nie ein -harmonisches Ganze. In der Kunst wenigstens waren nur raffenreine Juden schöpferisch wahrhaft bedeutend. Denken Sie an Israels beispielsweise." Auf meinen Einwurf, daß ihm dann ja auch die Idee des Zionismus sympathisch sein müsse, entgegncte Professor Llebermann rasch: „Nein. Warum denn? Ich verstehe die Rassenfrage nicht politisch. Die Juden sollen in Deutschland Deutsche, in Frankreich Franzosen sein." Er brannte eine frische Zigarre an und sprach dann weiter: ..Uebrigens — es wird Sie interessieren — im vorigen Jahr wäre beinahe ein Bild von mir für Wien angekauft worden. Ich glaube, es sollte in die „Moderne Galerie" kommen. Es ist natürlich nichts daraus geworden. Das Bild war zu teuer. Ich habe nun allerdings das Glück, der Sohn eines reichen Vaters zu sein, das ist aber für mich durchaus kein Grund, meine Bilder zu verschenken. Ich tu' es prinzipiell nicht. Ach weiß, was die Dinger wert sind und darum... Außerdem kann ich warten. Meine Sache ist gut, „det wees ick" und wenn ich ihren Erfolg auch ganz gern erleben würde, macht es mir aber schließlich auch nicht zu viel aus, wenn mein Werk erst nach meinem Tode anfängt zu wirken. Ich tröste mich mit Manet. Mit der offiziellen Anerkennung der modernen Kunst in Deutschland hat es noch eine gute Weile; das bewies wieder neuerdings ein Vorfall, den ich Ihnen erzählen will, weil ich ihn von einem, man kann sagen, daran direkt Beteiligten erfahren habe. Der Maler X war vor einigen Tagen hier im Atelier und erzählte mir, daß er der Lehrer einer, ich glaube holsteinischen Prinzeffin, einer nahen Verwandten Kaiser Wilhelms II., ist, die eine ebenso große Freundin der modernen Kunst ist, wie ihr kaiserlicher Oheim ein Gegner der modernen Kunst. Als begeisterte Anhängerin der Moderne wollte sie, ein Liebling des Kaisers, nichts unversucht lassen, um ihn für die gute Sache zu gewinnen. Sie schrieb ihm also einen viele Seiten langen Brief, in dem sie die Berechtigung der Moderne, deren gesetzmäßig bedingtes Entstehen und Qualität darzulegey versuchte..Sie erhielt vom Kaiser eine Depesche,, in der gesagt war, daß es ihm an Zeit fehle, um das interessante Schriftstück brieflich zu beantworten, daß er ihr jedoch mündlich Bescheid zu sagen gewillt sei, gelegentlich ihres in Bälde zu erwartenden Besuches in Berlin. Als die Dame nun unlängst hier mit dem Kaiser zusammentraf, sagte er ihr: „Dein Brief über die moderne Kunst hat mich wirklich sehr interessiert. Ich gab ihn auch Wernern zu lesen und fragte ihn nach seiner Meinung. Werner sagte, es wäre alles falsch, Du irrtest!" — Sie sehen, man kann nicht von der Macht der Kunst in Deutschland sprechen, sondern nur sagen, der — Werner macht die Kunst in Deutschland." „Nun, so arg ist's wohl nicht. Er macht sie nur in Preußen, in Berlin", erlaubte ich mir zu bemerken. Liebermann sah mich scheel von der Seite an und fuhr fort: „Es bleibt uns hier nichts anderes übrig, als unverdrossen weiterzuarbeiten und auf die Sanktion der modernen Kunst von oben zu verzichten — gut bleibt das Gute deswegen ja doch. Und fast wäre mehr zu wünschen, daß bei der Allgemeinheit das Verständnis für moderne Kunst besser entwickelt würde. Dazu könnte die Kritik das ihre nun. Aber die Kritik! Sehen Sie," und dabei hob der Künstler einige beschriebene Blätter, die vorher auf dem Rauchtischchen lagen, empor, „da ist der Anfang eines Aufsatzes, den ich jetzt schreibe und in dem ich auch besonders gegen den herrschenden Unfug in der gegenwärtigen Kunstkritik ankämpfe. Denn es ist ja wirklich ein Skandal, welche Zustände in der Kunstkritik herrschen. Ich will mich mit meiner Klage aber durchaus nicht als Sudermann reäivivuo anfspielen und gegen die „Verrohung" losziehen, denn darüber zu klagen, hätte ich keinen Anlaß, eher noch zu einer Klage über Versüßlichung, Verlyrifaxung, — sondern ich will die Forderung der Fachkenntnis aufstellen und Wissen um die Kunst von jenen begehren, die über Kunst schreiben. Was Fachkenntnisse anbelangt, sind die Verhältnisse in der Literaturkritik, wie ich glaube, viel besser. Da verstehen die Krittker doch zumeist etwas von der Sache. Sie mögen eine bestimmte Anschauung hegen, sie mögen einer gewissen Richtung oder sogar bloß Klique angehören — aber immerhin verstehen sie doch etwas von dem, um das es sich handelt. Sie schreiben und urteilen über Literaturwerke und sind selber Literaten. Leut' vom Bau. Auf dem Gebiete der Kunstkritik jedoch fehlen die notwendigsten Voraussetzungen; die Kenntnis des Handwerklichen, die Kenntnis davon, was das Wesentliche des Kunstwerkes ausmacht, die Kenntnis der künstlerischen Ausdrucksmittel, die in der Malerei mehr als in anderen Künsten Zusammenhängen mit der Kunftwirkung. So geschieht es nicht selten, daß einer, der eine Temperamalerei nicht von einer Oel- oder Pastellmalerei, ein Aquarell nicht von einem Gouache unterscheiden kann, der keine Ahnung von den Gesetzen hat, welche die Wirkung der Farben, und von jenen,