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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-05 · 6 (5.2.1904) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 86 Dr. Wlocb's Mocbenscbrttr, Nr. 6 stellertums bilden sollte. In seinen eigenen Mitteilungen über die Entstehung seines Erstlingswerkes erzählt Franzos von seinen Jugendtagen im kleinen galizischen Städtchen Czortkow. Nach dem Tode des Vaters übersiedelte die Mutter mit ihm nach Ezernowitz. der Hauptstadt der Bukowina. Hö'nn wir nun Franzos weiter erzählen: »Die Hauptstadt der Bukowina war damals noch eine kleine, aber freundliche, durchaus deutsche Stadt; ich fühlte mich im Vorhof zum Paradies Deutschland, das mir vorbestimmt war. Auch im Testament meines Vaters: ich solle, hieß es da, das Gymnasium in Ezernowitz beziehen, dann frei mein Studium wählen und mich hierauf, wenn möglich, in Deutschland nicderlassen. So froh ich darüber war, meiner Mutter schuf die Bestimmung die schwersten Sorgen; wovon sollt' ich studieren, da er so wenig hinterlassen hatte; ich war ihre und der Schwestern einzige Hoffnung; es schien für uns alle das Klügere, wenn ich rasch in einen praktischen Beruf einleukte. Gleichwohl fügte sie sich dem Willen des Toten, ich bezog im Herbst 185.; das Gymnasium, aber allerdings mit der Mahnung: „Wenn du nicht der Erste in deiner Klasse wirst und bleibst, so kommst du als Lehrling zu einem Kaufmann." Ich bin der Erste geworden und durchs ganze Gy -.nasium geblieben, aber welche Seelenqual schuf dies Wort in der ersten Zeit mir armen Knin s! So oft ich an einem Kiämcrladen vorbeikam und die Lehrlinge mit blaugefrorenen Fingern hinterm Ladentisch stehen oder gar ins Heringsfaß greifen sah, stand mir ordentlich das Herz stille. Das soll wahrlich kerne Anklage gegen die sorgengebeugte Frau sein; daß sie mir den Sporn einsctzte. geschah nicht blos unter dem Zwang der Verhältnisse, sondern in klügster Berechnung meines Wesens. Ich war ein verträumter Knabe; was mich fesselte, nahm ich leicht auf, was mich langweilte, ließ ich liegen und spann lieber an meinen Phantasien tagelang Das änderte sich nun; was irgend an Tatkraft in mir schlummerte, wurde wachgerüttelt, ich lernte arbeiten, fleißig sein Ohne äußeren Zwang wär's nicht gegangen, der aber fehlte auch dann nicht, als mich das Heringsfaß längst nicht mehr schreckte: vom vierzehnten Jahr ab mußte ich mich selbst ernähren, natürlich durch Lektionen, zumeist an Mitschüler, die schwer vorwärtskamcn. So mußte ich um anderer willen gründlicher sein, als ich es allein gewesen wäre, und habe als Lehrer mehr gelernt als auf der Schulbank Das gilt namentlich von meinem früh erwählten Licblingsfach, den klassischen Sprachen; hier gab mir erst das Unterrichren völlige Sicherheit in den Formen, wie im Wortschatz und damit die Freiheit, in den Geist der Alten einzudringeu und mich seiner klaren Schönheit zu freuen. Ueber mein Berussstudinm war ich früh mit mir einig: die klassische Philologie. Daß ein Schriftsteller in mir stecke, haben damals andere vermutet, ich nicht. Allerdings, wenn ich abends nach harter Arbeit — fünf Schulstunden, vier Lektionen — in mein Stübchen beimkehrte, ging erst meine schönste Zeit an: ich saß still da, spann Träume und sann Geschichten aus, wie einstens auf der Haide. Oder ich las; es hat damals Monate gegeben, wo ich allnächtlich einen Band verschlang: Goethe und Viktor Hugo, Heine, Hackländer und die Paalzow — was ich eben erraffen konnte. Auch hielt ich mir die „Gartenlaube" und „Westermann's Monatshefte", und war Theater in Ezernowitz, so aß ich lieber des mittags trockenes Brot, als abends auf der Galerie zu fehlen. An solchen Abenden empfand ich den Drang, selbst etwas zu schreiben, am stärksten, aber „der tanzende Leutnant" erhielt doch zunächst einen epischen Nachfolger: in meinem fünszehnten Jahr schrieb ich als erstes Gedicht eine Romanze „Im Walde". Sie wurde im „Bukowinaer Hauskalender" gedruckt, ebenso allerlei selbsterfundcnc „Sagen ans der Bukowina". „Unfug!" donnerte mich da einmal mein Direktor Stefan Wolf an. „Mir scheint gar, Sie haben Talent für solche Schmicralien! Und Sie haben mir doch versprochen, Philolog zu werden! Ich beruhigte ihn, die Philologie sei nach wie vor mein einziges Lebensziel. So war's auch; wenn ich abends auf meinem Stübchen den Homer oder Sophokles rezitierte, so wurde mir feierlich zu Mut. Ich darf sagen, es war Gottesdienst. Freilich, ob ich ein Priester an diesen Altären werden, durfte, lring nicht allein von mir ab. Es war ein Stu ium, das die ganze Kraft in Anspruch nahm, wenn mau was Rechtes werden wollte, und ich war arm. Aber Wolf meinte, die Regierung werde mir sicherlich ein Stipendium gewähren; ich konnte neben den besten Zeugnissen auch eine Arbeit vorlegen: eine metrische Uebersetzuug der Eklogen Vergil's in die Sprache Theokrit's, den dorischen Dialekt. Nun, ich bekam's doch nicht. „Ihre Eignung steht äußer Zweifel", sagte mir der Landeschef, „aber—" Die Taufe! Eurem Juden wurde das Stipendium nicht gegeben, es hätte auch keinen Sinn gehabt, denn ein Lehramt war ja damals — im Sommer 186 - einem Juden unerreichbar. Ich sagte sofort Nein. Ich hatte kein Vorurteil gegen Christen und Christentum, wahrlich nicht! Auch war ich damals leidenschaftlich in ein christliches Mädchen verliebt. Aber mit der Taufe Handel treiben, das ging nicht. Auf das Sripendium mußte ich also verzichten und damit auch auf die Philologie. Ein Mensch mit meinen Pflichten mußte ein Brotstudium wählen. Ich beschloß also, in Wien Jura zu studieren, und that's. Das schreibt sich leicht hin, aber wie viel Schmerz, wie viel schlaflose Nächte zwischen jeder dieser Zeilen stehen, weiß nur, wer selbst je in ähnlicher Lage war. Indes; - dies Selbstverständliche würde ich nicht aussprechen, wenn es nicht zur Sache gehörte. Mein Judentum hatte mich bisher wenig angegangen, nun legte es mir ein furchtbares Opfer auf. den Verzicht auf den Beruf, von dem damals ich und die Anderen meinten, daß er am besten für mich tauge. Derlei wirkt auf den Menschen verschieden, je nach seinem Wesen. Der Eine kann das Opfer nicht bringen und läßt sich taufen; der Andere bringt's zwar, beginnt aber innerlich sein Judentum als Unglück zu empfinden und zu hassen; den Dritten aber beginnt das Judentum eben deshalb näher anzugchen. weil er ihm ein solches Opfer hat bringen müssen. Dies letzte war bei mir der Fall. Meine Weltanschauung bekam keinerlei konfessionelle Prägung, mein deutsches Gefühl verringerte sich nicht im Geringsten, aber das Gefühl, daß ich daneben auch einer anderen Gemeinschaft angehörte, wurde stärker. Es verlor sich auch in Wien nicht ganz. Ich wurde Burschenschafter wie mein Vater, schloß mich aus innigster Ueberzeugung den Deutsch-Nationalen an, die trotz 1866 den Ausbau des Norddeutschen Bundes zum Deutschen Reich ersehnten, hielt als einer ihrer Vertreter beim Berliner Burschentag von 1868 eine Rede, die mir nach der Heimkehr nach Wien arge polizeiliche Chikanen cintrug. Kurz, ich fühlte mich nicht blos als Deutscher, sondern handelte darnach. Aber dazwischen dachte ich zuweilen doch: „So fühlte und handelte auch dein Vater und erfüllte dabei doch auch die Pflicht gegen die Juden". Im Sommer 1868 war ich wieder in Ezernowitz und verlobte mich heimlich mit der Geliebten. Sie sollte Christin, ich Jude bleiben. Aber in Graz, wohin ich nun gegangen, ereilte mich ihr Brief: „Ich bring's doch nicht übers Herz. . .". Ich litt sehr, denn sie war mir sehr teuer gewesen. Einen Tag eine Nacht ging ich verstört in meiner Stube auf und ab. Am zweiten Tage lief ich vors Thor hinaus und sank endlich ermattet in einem Wäldchen nieder. Als ich dann heimging, standen plötzlich so klar, wie nur je einer eine Vision gesehen, zwei Gestalten vor mir, zwischen denen sich eine ähnliche Geschichte abspiclte, wie jene, an der ich mich zu verbluten drohte. Nur Alles gesteigert, der Gegensatz zehnmal schärfer. Ich sah ihre Gesichter, hörte ihre Stimmen, und — diese Gestalten schritten durch die Gassen meines Heimatstädtchens. Ich sah's, als hätte ich es gestern verlassen: das Schloß, das Kloster, das Ghetto... Ich kam heim, zündete die Lampe an und begann zu schreiben: „Da steht es wieder greifbar lebendig vor mir, das arme, verfallene Landstädtchen ..." und so weiter, ohne Besinnen, mit fiebernden Pulsen. Ich schrieb bis in den Hellen Morgen hinein, sank dann aufs Sopha hin. lag einige Stunden in bleiernem Schlaf und schrieb, dann fort, hastig, mit der seltsamen qualvollen Empfindung: ich müßte es thun, weil niir ein Anderer diktierte, dem ich zu Willen sein müßte. Als das nächste Frühroth in meine Stube schien, war ich zu Ende, sank wieder aufs Sopha und schlief bis zum nächsten Morgen. Als ich da erwachte und die Blätter liegen sah, mußt' ich mich zunächst erst besinnen, wie's damit stand, dann schloß ich sie hastig in eine Lade und ging fort. So ist meine erste Ghetto-Novelle entstanden; ich habe sie später „Das Christusbild" genannt." Korrespondenzen. A«s der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Wien vom 31. Jänner 1904, unter dem Vorsire des Vize-Präsidenten Dr. Alsred Stern, theilweise unter dem Vorsitze des Vize Präsidenten Doktor Gustav Kohn. Vor Uebergang der Tagesordnung gedenkt der Vorsitzende der traurigen und der freudigen Ereignisse in unserer Gemeinde während des abgelaufenen Monats. Er gibt Ausdruck den Gefühlen der Trauer über das Hinscheiden zweier Mitglieder des Bethausvorstandes, indem er das überaus verdienstliche Wirken des seligen Bethausvorstehers Arthur Flaschner und des seligen Bethaus- und Chewra-Kadischa-Vorstehers Jakob Moor in einem warm empfundenen Nachrufe würdigt. Der Kultusvorstand wird diesen Heimgegangenen stets ein treues Angedenken bewahren. Weiters gedenkt der Vorsitzende in ehrenden Worten des verstorbenen Oberlehrers Philipp Brunner, der als hervorragender Pädagoge weit über die Gemarkung unserer Vaterstadt einen Namen sich erwarb und in unserer Gemeinde durch mehrere Jahre das Amt eines Prüfungskommissärs für das Religionslehrsach an Volks- und Bürgerschulen mit gewissenhafter Obsorge bekleidete. Auch diesen Mann wird der Vorstand stets in dankbarer Erinnerung behalten. Die Versammlung ehrt das Andenken der Dahingeschiedenen durch Erheben von den Sitzen und beschließt die Einverleibung dieser Trauerkundgebungen in das Sitzungsprotokoll.

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