Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Dr. Mocb s MocvenscbrM. Seite 83 ist noch ein zweites, das sehr viele Anhänger in der Partei hat. Der Bürgermeister ist in Verzweiflung und weiß sich nicht zu helfen. Vorläufig schwört er, daß er niemals wieder einen künstlerischen Wettbewerb ausschreiben werde, da er die kleinlichen Eifersüchteleien und Streitigkeiten — der Künstler satt habe. Ach, da liegt aber der Hase gar nicht im Pfeffer! Die Künstler eifern und streiten nicht mehr, als ihnen durch die Konkurrenz Spielraum geboten ist, und auf diesem Felde zu kämpfen, ist ihr Recht. Mit den Künstlern wäre bald fertig zu werden. Die haben überhaupt nichts mehr zu reden, wenn die eingesetzte Jury einmal ihr Urteil gesprochen hat. Womit der Bürgermeister nicht fertig werden kann, das sind seine eigenen Leute. Wenn wenigstens einer von den beiden Künstlern, wenn nur Schachner oder Wagner Jude wäre, dann wäre die Sache leicht entschieden, möchte die Leistung wie immer sein, aber so —! So hat der eine in der Partei so viele Anhänger wie der andere, und die Entscheidung mag fallen, wie sie will, es wird einen Riß geben und der Führer der Partei wird den Unmuth der Unzufriedenen zu kosten bekommen. Man hätte nun meinen sollen, daß der Bürgermeffter, gewitzigt durch die Fatalitäten der erwähnten künstlerischen Konkurrenz, sich hüten werde, sich die Finger ohne Roth bei einer anderen zu verbrennen. Er hat sich nicht gehütet. Aus dem jüngst veröffentlichten Protokoll über die Preiszuerkennung in Sachen der Entwürfe zu einem Kaiserin Elisabeth-Denkmal war die merkwürdige Tatsache zu lesen, daß der Bildhauer und antisemitische Gemeinderat Costenoble, in der Jury-Sitzung und selbst Juror, die Erklärung abgab, daß er im A u f t r a g e des Bürgermeisters Verwahrung einlege gegen die Prämiirung eines bestimmten Entwurfes. Es war zufällig jener Entwurf, den eine Gruppe namhafter Künstler, ebenfalls Juroren, in einer öffentlichen Kundgebung als denjenigen bezeichnete, welcher vermöge seiner hohen künstlerischen Qualitäten in erster Linie Anwartschaft darauf habe, ausgeführt zu werden. Der Auftrag war befremdlich und befremdlich die Uebernahme der Mission durch einen Künstler und Juror. Auch da handelte es sich leider nicht um das Werk eines Juden, so daß kein Grund .vorliegt, die Einigkeit aufrecht zu erhalten. Auch da gibt es nun Unzufriedene in weiten Kreisen, Spaltungen unter den Künstlern und ihren Anhängern. — Es knistert. — Whig'- Aus der Gegenwart il. ' Die „Nation" setzt ihre „Novae epistolae oi scurornm virorum" fort. Wir reproduzieren nachstehend eines der Schreiben, welches unsere Leser interessieren dürfte. Der O b er st G r af Ri t t w i tz an denOberkammer- Herrn Baron v. R ü n b e r g. Liebster Baron! Soll ich in alledem den Finger des Herrn Oberkammerherrn sehen oder nicht? Allah weiß es besser! Jedenfalls bin ich etlicher Sorgen ledig. Die Sache des kleinen Kessen ist sogar fast zu gut erledigt. Der Bruder Zahntechniker hat den Professortitel. Darob arge Berschnupfung etlicher gelehrter Herren vom hiesigen Gymnasium, die sotanen Titel noch nicht haben, während der neue Professor den Humaniora schon in der Quarta den Rücken gekehrt hat. Um auch mal Latein zu reden, und zwar mit Bismarck: nescio quid mihi magis iarcimentum sit. Nicht dagegen der weitere Effekt, daß der verrückte Kerl von Kessen nun die Professorsschwester einigermaßen ebenbürtig findet und sich — hol' ihn der Teufel! — mit Heiratsgedanken trägt. Bodenlose Unsittlichkeit. Na, aber dieser Skandal wird mit allen Mitteln verhindert werden; ich sage, mit allen! Daß der nunmehrige Arnsfeld zunächst beim Train eingestellt ist, finde ich tadellos. Später kann nmn ja weiter sehen; vielleicht wäre ich dann mal nicht abgeneigt. Der Junge macht sich, wie ich höre. Hat zwar schon einen Rüffel gekriegt, weil er einen Einjährigen „krummer Judenbengel" tituliert hat; aber wird seiner Karriöre nicht schaden. Er markiert die nötige Distanz. Wenn er übrigens das strategische Genie seines Alten geerbt hat, wirds uml ein kleiner Mol'.ke. Ist da nämlich noch 'ne kuriose Geschichte. Sie kennen ja meine Klitsche in der Mark. Ist kein Rübenboden: das einzige, was darauf gedeiht, sind Hypotheken: die aber großartig: und bei der unsagbaren Handelspolitik unterer glorreichen Reichsregierung. — Na kurz, ich war gar nicht böse, als eines schönen Tages ein Agent antrirt: har einen Käufer iür das Ding, und zwar bar. Wer ist der rettende Engel? Ter alte Arnsfeld! I Du Schweinhund, denk ich. Damals schwebte noch die Sache des Herrn Sohnes: und komme mir mächtig eatonisch vor: denn da ich ihn nicht genominen habe, ivird sich das Geschäft zerschlagen. Nun denken Sie! Der Alle bleibt trotzdem bei der Stange: und heute hat er die Klitsche — nicht zu billig, natürlich. Erst hinterher fällt mir ein: da ist ein Vorwerk dabei, das heißt Ahrensfelde! Merken Sie was? Arnsfeld auf Ahrensfelde! Ich sage Ihnen, der Mann holt sich das abgelegte o wieder, von r und n zierend flankiert. Wird rin Fideikommiß daraus machen: der Junge heiratet nachher sehr standesgemäß. Mein Gott: ich begreife das: denn auch mir blühen fünf liebliche Töchter. Kurz und gut, wir stehen hier an der Wiege eines märkischen UradelS. „Ja wohl", sagt mein Freund, der Regierungspräsident, „das hat Preußen groß gemacht: de Vorurteilslosigkeit! Wenn einer nur keinen eigenen Charakter haben will, sondern hübsch wartet und strebt, bis er ihm von oben verliehen wird: dann ist alles möglich. Ein gewisser demokratischer Zug. Haben Sie die Liste vom letzten Ordenssest gelesen? Der reiche Arnsfeld und mein Regierungssekretür, Ihr Roßarzt und der weltberühmte Professor Denker — alle vier den Roten Adler vierter! Ja demokratische Grundsätze in einer monarchischen Regierung. Und sie sind alle vier gleich glücklich." So spricht mein Freund. Ich habe aber Zweifel. Der Uhlenburg von den 12. Kürassieren hat den Kronen zweiter, und ich? U je: die Schleife zum Roten dritter! Diese Uhlenburgs! Doch ich will nichts gesagt haben. Aufrichtig der Ihre Rittwitz. Ein deutscher Jude als Oberst. Selbstverständlich ist der deutsche Jude nicht auch ein deutscher Oberst: denn das wäre ja zu unnatürlich. Außerdem glaubt man in Deutschland, daß die Juden nicht den echten und rechten militärischen Geist besitzen, um es auch nur zum Unteroffizier zu bringen, geschrveige bis zum Obersten. Max Einstein, der vor Kurzem in Philadelphia seinen fünsundfünfzigsteu Hochzeitstag feierte und jetzt 81 Jahre alt ist, wurde in Buchau, in Deutschland 1822 geboren nnd wunderte im Atter von 22 Jahren nach den Vereinigten Staaten aus. Hier scheint der militärische Geist, für den er in Deutschland unnahbar war, über ihn gekommen zu sein, uub wir finden ihn 1852 als Gardeleutnaut (man denke Gardeleutnant!) in Washington. 1853 trat er aus und organisierte (man lese und staune!) in Philadelphia die fliegende Artillerietruppe, die er befehligte, bis er zum Adjutanten des Gouverneurs Pollack ernannt wurde. Als der Sezessionskrieg ausbrach, wurde er zum Obersten der Peunfylvanifchen Freiwilligen ernannt nnd deckte als solcher in der ersten Schlacht bei Bull Run den Rückzug der Unionsarmee, wofür er wegen persönlicher Tapferkeit eine Belobigung erhielt. Im Dezember 1881 erhielt er seine ehrenvolle Entlassung, und Präsident Lincoln ernannte ihn zum Konsul der Vereinigten Staaten in Nürnberg. In dieser Eigenschaft diente er dem neuen Vaterlande in seinem Geburtslande viele Jahre hindurch. Als er nach den Vereinigten Staaten zurückkehrte, erhielt er 1888 in Philadelphia einen Posten im Steueramte. Im Jahre 1856 überreichte ihm Goitverneur Pollack einen prachtvollen silbernen Ehrendegen im Namen der Artillerietruppe von Philadelphia. Auf der Klinge war folgende Inschrift eingraviert: „Gewidmet als ein Zeichen der Hochachtung von der Philadelphia-Artillerietruppe ihrem kommandierenden Offizier, General Max Einstein."