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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-05 · 6 (5.2.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 82 Dr. Mocb's MocbenscbrLtt. Nr« 6 reformeu uud Aeuderuugeu der Geschäftsordnung gewiß nicht! Von Grund auf müßte die Erziehung des Volkes zur Rechtsachtung wieder in Angriff genommen werden, der öffentliche Geist müßte ein anderer werden. Uud das ist schwer in einem Laude, in welchem die Korrump'erung diese-:- öffentlichen Geistes geradezu zum politischen System gemacht wird. Vom Jahrmarkt des Lebens. GLofle^zur Tagesgeschichte. (Sprechende Häuser. - Imponderabilien. — Gregor i g bleibt. — S ü d b a l) n f c ft. — M ai-K orso. — Spießige K u n st f r a g e n.) So oft Dr. Lueger eine Rede hält, — es geschieht ziemlich oft — läßt er das Gefühl seiner Befriedigung voll und breit ausströmcn, daß er und seine Partei es so herrlich weit gebracht hätten. Immer lautet der Restain: „Wir hatten gebauet ein stattliches Haus!" Dem Sinne nach wenigstens lautet er immer so, wenn auch der unterlegte Text manchmal anders klingt, und der Chorus singt mit, singt nach. Ein stattliches Haus — zugegeben, aber auch stattliche Häuser sind schon „sprechende" Häuser geworden. Man braucht nicht einmal mehr ein allzufeines Ohr zu haben, um das charakteristische Knistern und das verdächtige Geriesel zu hören, das das Schicksal der sprechenden Häuser vorher zu verkünden pflegt uud das nun auch aus dem Hause sich vernehmlich macht, das der „christlichsoziale" Parteigeist aufgerichtet hat. Es sind vielleicht nur geringfügige Symptome, die sich da geltend machen, aber sie gewinnen doch Bedeutung auf einem Gebiete, auf dem selbst mit Imponderabilien gerechnet werden muß. Es sind schon Welteroberer an Hühneraugenverletzungen zu Grunde gegangen, und dabei mußte es sogar nicht immer das eigene Hühnerauge gewesen sein, das verletzt worden ist. Ich möchte mich nicht einer Berichtigung auf Grund des § 19 aussetzen und will daher gar nicht von den Hühneraugen des Dr. Lueger reden, — vielleicht hat er wirklich keines. Daß aber Herr Gregorig eines hat, und noch dazu ein sehr empfindliches, dafür spricht doch eine starke Vermutung. Und Herr Gregorig hat Gesinnungs- und Leidensgenossen, und das, so geringfügig und nebensächlich es auch sein mag, kann genügen zur Schürzung eines tragischen Knotens. Zu den Hauptmerkmalen der Tragik gehört nämlich auch das ungeheure Mißverhältnis; zwischen Sühne und Schuld, zwischen Wirkung und Ursache. Wir haben bereits in der Vorwoche die epochale Rede Gregorig's im Antisemitenbund gewürdigt. Dieser Bund, bei dem Gregorig und Purscht zu Gevatter gestanden sind, darf auf eine gewisse Zukunft rechnen. Denn er wurde aus dem bedrückenden Notstand heraus geschaffen, daß der Antisemitismus, wie er bisher gang und gäbe war, viel zu wenig forsch ins Zeug gegangen sei. Er hat seine Zukunft. Denn auf die niedrigsten Instinkte der Brutalität der Massen hat noch niemals einer erfolglos spekuliert. Herr Gregorig hat einen tiefgründigen Ingrimm gegen die christlichsoziale Partei, von der er, vielleicht nicht ohne Grund, sich verraten sieht, und er hat einzelne Größen derselben in einer Weise charakterisiert, von der wir nicht untersuchen wollen, ob sie zutreffend ist, die aber notgedrungen zu einem strafgerichtlichen Verfahren führen muß. Das, so weit er die Größen namentlich aufgeführt hat. Von anderen, ungenannten, aber vom Standpunkt der Partei gewiß nicht minderwertigen Größen gibt er nicht schmeichelhaftere Umriffe. Sie haben unter dem Deckmantel der Partei Schandtaten verübt, die Herr Gregorig im wohlverstandenen Interesse der Allgemeinheit wohl nicht immer für sich behalten wird, selbst wenn die Partei nicht aus eigener Regung der Wohlanständigkeit auf Aufklärung dringen sollte. Bei alledem ist Herr Gregorig klug genug, sich der Partei zu erhalten. Er läßt sich sein Urteil durch den Haß nicht trüben. Er weiß ganz gut, was einer Partei frommt und was ihr schadet. Er bleibt. So klug ist natürlich die „Deutsche Zeitung" nicht auch, die sich gern als Moniteur und Hofanzeiger der Partei aufspielt. Herr Gregorig hatte auch sie hart mitgenommen und in ihrem ersten Unmut war sie sogar auf den vernünftigen Gedanken verfallen, Herrn Gregorig preiszugeben, aber dann kamen die Beschwichtigungen und Abwiegelungen und nun, nach erhaltener Aufklärung, ohne aber daß Herr Gregorig auch nur ein Wort zurückgenommen oder beschönigt hätte, findet sie, daß alles in der schönsten Ordnung sei. Es handle sich nur „um unerhebliche Gegensätze persönlicher Natur"! Herr Gregorig bleibt also, „unterstützt" den Bürgermeister weiter und will ihn nur vor seinen Freunden schützen. Wer schützt aber den Bürgermeister vor Herrn Gregorig?! Ein Riß wäre also da, und wenn er auch von außen mit dem Papier der „Deutschen Zeitung" verkleistert wird, das Haus spricht weiter. Der Bürgermeister hat sich für das Semmering-Jubiläum, das ein Südbahnfest ist, engagiert. Ich weiß nicht, ob die Juden irgendwelchen Grund haben, sich eins zu fühlen mit der Südbahn, aber ich habe aus einem Dutzend Reden erfahren, daß ein Südbahnfest einen wunderschönen Anlaß bietet, auf die Juden zu schimpfen. Was ist nun zu tun? Lueger ist engagiert, das ist richtig; aber eine sich darbietende Gelegenheit verpassen, auf die Juden zu schimpfen, heißt den Ast absägen, aus dem man sitzt. Lueger ist ein großer Mann, dem man Heerfolge leisten muß, aber sicherer ist es, auf die Juden zu schimpfen, also schimpfen wir auf die Juden. Es sind da zum Teil grausame Gewissenskämpfe durchzufechten, die dem Zusammenhalt der Partei nicht förderlich sind, vielmehr die Keime des Zersetzungsprozesses in sie tragen. Man bedenke nur den Konflikt in der Seele eines Viktor Silberer. Er stand dereinst. mit Ferdinand Kronawetter an der Spitze des demokratischen Vereines. Dieser ist bei der „Abwehr des Antisemitismus" hängen geblieben, Silberer ist „christlich-sozialer" Landtagsabgeordneter geworden. Die Südbahn ist, wie maßgebende Parteigenossen behaupten, ein „jüdisches" Unternehmen. Das ist schlimm. Nicht genug an dem. Die Südbahn hat auch ein Semmeringhotel. Das ist noch schlimmer; denn auch. Herr Silberer besitzt ein Semmeriughotel. Da müßte doch mit Schwert und Spieß gegen die Südbahn losgegangen werden. Nicht so hitzig! In der Jubelsaison werden, wenn nur das Jubiläum recht großartig gemacht wird, und dazu ist, da der Bürgermeister engagiert ist, alle Aussicht vorhanden, sehr viele Fremde auf dem Semmering zusammenströmen, und davon wird nicht nur das Südbahnhotel, sondern auch der Erz- Johann, wie die Telegramm-Adresse von Silberers Hotel lautet, profitieren. Da soll sich dann ein Mensch auskennen! Wenn nur der Schwemminger käm?! Silberer kommt aus dem Gedränge überhaupt nicht heraus. Er hatte die Idee, die Maifahrt in den Prater wieder aufleben zu lassen, und er hat diese Idee auch gleich mit großartiger agitatorischer Schwungkraft propagiert. Dabei ist ihm ein Malheur passiert. In der Verwaltung des Wiener Trabrennvereines, der eine ansehnliche Spende zu Propagandazwecken zur Verfügung gestellt hat, sitzt auch ein Jude, und für diesen Juden wird nun mit beträchtlichem Aufwand von Ausrufungszeichen in christlich-sozialen Preßorganen Herr Viktor Silberer verantwortlich gemacht. Das ist doch gewiß zu dumm, aber es ist so. Nun ist also der Maikorso auch schon verjudet, und wieder der Same der Zwietracht in die Partei gestreut. Silberer droht überhaupt ein zersetzendes Element für die Partei zu werden. Denn schließlich ist er doch eine Intelligenz, und das kann auf die Dauer in einer Gemeinschaft nicht gut tun, in welcher der geistige Tiefftand seine lautesten Repräsentanten hat. Herr Bielohlawek ist nützlicher für die Partei, er' wirkt in ihr durch Wort und Schrift; er ist nicht nur ein großer Redner, sondern auch — Zeitungsherausgeber! Das sind Säulen der Partei, nicht aber ein Mensch, der erklärt, daß, wenn er einen Maikorso mache, er nicht Politik machen wolle. Das hält sich nicht. Das Haus spricht weiter. Die Frage des städtischen Museums rückt nicht von der Stelle und sie hat sich dadurch schon zu einem ganz niedlichen Skandal entwickelt. Die einzig berufene Instanz, die Jury, hat sich zwar schon in der denkbar unzweideutigsten Weise für ein Projekt ausgesprochen, aber da

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