Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 5 (29.1.1904)
- Date
- 1904-01-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 78 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 5 Zeichnungen Tränen in die Augen: es gemahnte ihn so alles an seine serne Heimat, an sein Vaterhaus. Auch sein Vater pflegte in solch orientalischem Stile zu schreiben, wenn er einmal an jemanden in hebräischer Sprache schrieb. Er gedachte auch seines Mütterleins, das er verlassen hatte, um dem Rufe des Vaterlandes zu folgen. Dort wie hier der gleiche Geist altjüdischen Familienlebens, der nicht nur die Glieder der Familie aneinander knüpfte, der auch seine Fäden in das unbekannte, nur geahnte Larrd hinüber webte, um die längst Verschiedenen mit dem festen heiligen Bande der Erinnerung und dankbaren Gesinnung an uns zu ziehen. Wir sind ja überall gleich, in jedem Lande und in jeder Sprache. Das Judentum wirkt nivellierend auf seine Bekenner, es verwischt die Unterschiede und füllt die Kluft aus, welche Standesunterschied und aubcrc trennende Faktoren zwischen uns gebildet haben. Zu lesen, wie er beabsichtigt hatte, vermochte Straffer bei diesen: Schwalle der aus ihn eindringcnden Gedanken nicht mehr. Fast mechanisch blätterte er in dem Buche. Da fiel ihm eine Stelle auf, woselbst ein vergilbtes Blatt Papier eingelegt war. Es fiel chm keinen Augenblick ein, daß er eigentlich eine Indiskretion begehe, wenn er ein in Briefform zusammengesaltetes Blatt durchlese. Er betrachtete das Schriftstück eigentlich als eine Botschaft Fannis an ihn, und so begann er es zu lesen. Gleich die ersten Zeilen erweckten sein besonderes Interesse, trotzdem das Geschriebene nichts weniger als poetisch oder gar romantisch stilisiert war. Eine in: gewöhnlichen Amtsstil abgefaßte Bestätigung über den Empfang eines hohen Geldbetrages gegen das Versprechen, die auf das Häuschen Nr. Konskription 3 in N. lastende Hypothek in gleicher Hohe grundbücherlich löschen zu lassen. Gezeichnet war das Aktenstück Leopold Singer. Kaum lesbar war dieser Name geschrieben, von einer Menge Schnörkeln verwischt, doch las chn Straffer ohne Mühe, ja hatte ihn gewußt, bevor er noch zum Schluffe der Schrift gekommen war. Hatte ihn ja Frau Hirsch gleich in den ersten Tagen seines Hierseins in ihre Familien- und Vermögensverhältnisse eingcweiht und ihm erzählt, durch welches Schicksal oder vielmehr menschliche Niedertracht die letzteren so trübe geworden waren. Ihr Mann hatte ihr ausdrücklich gesagt, daß er die Schuld an Singer schon getilgt habe, ohne ihr jedoch eine Empfangsdestätigung von diesem gegeben zu haben. Dora hatte sich niemals um Geldangelegenheiten gekümmert. Sie verließ sich darin so gänzlich auf ihren erfahrenen und tüchtigen Mann. Und sie durfte es tun. Daß er gerade in dieser wichtigen Sache und gerade einem Manne wie Singer gegenüber die Regeln der einfachsten Vorsicht außer Augen ließ, das war gewiß seiner Krankheit und vielleicht übergroßen Vertrauensseligkeit zuzuschreiben. Genug, er hatte es unterlassen, und als Singer nach dem Tode Hirsch's die Summe kündigte, wurde ihre Behauptung, daß ihr Gatte die Summe gezahlt habe, abgewiesen und sie mußte, um das Häuschen, von dem ihr Erwerb abhing, zu behalten, noch einmal zahlen. Jetzt hatte ein Zufall das wichtige Dokument zu Tage gefördert, welches durch eben einen Zufall, während vielleicht der Kranke in demselben las, in den Psalter gekommen war. Er selbst war todt, er konnte nichts zur Klärung dieser rätselhaften Tatsache beitragen. Doch war dies auch nicht notwendig. Genug, der Beweis, daß die Schuld bezahlt ist, war da, der betrügerische Singer mußte das Geld wieder zurückgeben und wird der strafenden Gerechtigkeit übergeben. Straffer dachte nach, auf welche Weise er der Witwe die Mitteilung über diesen Fund machen sollte, ohne sie zu sehr aufzuregen. Bekanntlich gibt es Menschen, und zwar solche, welche schon viel des Leids erfahren haben und bei denen die Freude ein seltener Gast ist und auch nur auf kurze Zeit einkehret, welche viel leichter das auf sie einstürmende Ungemach ertragen, als eine unerwartete Freudenbotschaft. War ja sein gutes Mütterlein auch ein so zart besaitetes Wesen, das von der Freude, wenn sie ja einmal an ihre Türe pochte, ganz verlvirrt, nervös erregt wurde, während sie furchtbares Leid mit einer edlen Gemütsruhe, mit gläubiger, gottvertrauender Demut ertrug. Hätte der Leutnant den treuen Freund und Berater der Witwe, den Vormund ihrer Kinder gekannt, so hätte er ohnewcitcrs denselben ins Vertrauen gezogen. Jedoch Herr Fleischmann hatte es aus leicht begreiflichen und wohl zu entschuldigenden Gründen vermieden, mit den: feindlichen Soldaten in persönlichen Verkehr zu treten. Mahnte ihn ja alles daran, daß er in diesem bösen Kriege seinen schönen, braven Sohn verloren hatte, den Stolz seines Lebens, die Stütze seines Alters. Auch Dora hatte seiner nicht erwähnt. So beschloß Straffer, vorerst auf eigene Faust zu handeln. Unter den: Vorwände, einige notwendige Einkäufe zu machen, ritt er nächsten Tages in die Stadt, woselbst der dunkle Ehrenmann Singer ein neuerbautes Haus bewohnte, dessen Steine mit dem Schweiße und den Tränen von armen Familienvätern, von Witwen und Waisen zusammengekittet waren. Straffer hatte es sich im Geiste zurechtgelegt, wie dem gewiß geriebenen Gauner entgegenzulreten, um von ihm, ohne eigentlichen Erpressungsversuch, recht viel für die Witwe und ihre Kinder herauszubringen. Denn wenn Singer auch sein ganzes, wahrlich nicht unbedeutendes Vermögen zur Sühne für sein Verbrechen hingab, so war damit, mach Strasser's Ansicht, längst nicht die Herzensangst und die Arbeit bezahlt, welche die arme Mutter ausgestanden, und die Tränen ausgewogen, die sie vergossen hatte. Straffer hatte sich die freiwillig übernommene Ausgabe nicht leicht vorgestellt, war auch eigentlich der Mann nicht dazu, ein so unsauberes Geschäft wie dieses vorzunehmen; jedoch seine Liebe zu Fanni gab ihm den Mut dazu, mit einem Menschen zu verhandeln, den er lieber gleich hinter Schloß und Riegel gebracht und noch lieber ihm einen kräftigen Fußtritt versetzt hätte. Der hartgesottene Sünder bestand fest auf seiner Aussage, daß er von der Witwe Hirsch nur dasjenige gefordert und angenommen habe, was ihm von rechtswegen gebührte, daß ergänz in seinem Rechte sei, und schließlich wurde er gegen den fremden Offizier grob, indem er ihm die Berechtigung absprach, im Namen der Witwe zu verhandeln. Jetzt rückte Straffer mit seinem Funde heraus. Jedoch Singer war auch auf diesen Umstand vorbereitet und erklärte kurz und bündig, daß dies ein Falsifikat sei, welches er niemals ausgestellt habe, daß er sich nicht fürchte u. s. w. Die Ruhe, mit welcher Singer seine Aussage behauptete, machte anfangs Straffer irre, doch als Soldat verlor er nicht gleich den Mut, sondern setzte seinem Gegner so lange und kräftig zu, bis dieser verlegen wurde und sich in Widersprüche verwickelte. Nun hatte der Leutnant gewonnenes Spiel, so daß es ihm, wenn auch nach langem und verzweifelten Widerstande von Seiten seines Gegners, gelang, diesem ein Geständnis seiner Schuld zu erpressen. Aus Furcht vor strafgerichtlicher Verfolgung gab Singer dein Leutnant ein Schriftstück, worin er sich zur Bezahlung des widerrechtlich angenonrmenen Betrages samt Zinsen und Zinsenszinsen verpflichtete, sowie zum Ersätze aller während des damaligen Prozesses aufgelaufenen Gcrichtskosten, welche der verlierende' Teil, also die Witwe, bezahlt hatte. Dagegen verpflichtete sich der Leutnant im Namen von Dora Hirsch, als deren Mandant er aufgetreten war,'daß er auf jede strafgerichtliche Anzeige verzichte und sogar die ganze Affaire verschweigen werde, so daß nichts unter die Leute kommen kann. Es war nicht leicht gewesen, einen Mann von der Zähigkeit Singer's so weit zu bringen; sich den Schweiß von der Stirne wischend, verließ Straffer tiefaufatmend, das kostbare Schriftstück in der Hand, das Haus des Wucherers. Als er in den Gasthof zurückkehrte, um sein Pferd abzuholen, bemerkte er in den Straßen der Stadt eine ungewöhnliche Erregung der Bevölkerung. Der wohlbestallte Hüter der Stadt recte Polizeimann schritt würdevoll, gefolgt von einer großen Menschenurrd kleinen Bubenschar, die er mit seiner kleinen Trommel zusamnrengerufen hatte, von Gasse zu Gasse, um im Namen der Väter der Stadt auszurufen und zu verkünden, daß der langersehnte Frieden geschlossen sei und die feindliche Invasion binnen kurzem Stadt und Gegend verlassen werde. In der von der Furcht vor den feindlichen Truppen befreiten Menge, machte sich urplötzlich eine heftige Erregung gegen die Eindringlinge bemerkbar. Erst haben sie unsere Söhne erschlagen, dann sind sie wie eine Heuschreckenschar über uns hereingebrochen,