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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-01-29 · 5 (29.1.1904) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
5 (29.1.1904)
Date
1904-01-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 74 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Nr. 5 unter 14 Jahren von der Gesamtzahl der jüdischen Bevölkerung ab, so ergibt sich, daß nahezu 29 Perzent aller Juden im Alter von über 14 Jahren der ehrlichen Zunft der Handwerker angehören, von denen nicht weniger als 577.874 (96 3 Perzent) in den 25 Gouvernements des Ansiedelungsrayons leben. Diese erstaunliche Zahl vergrößert sich noch sehr wesentlich, wenn wir die weiblichen Handlverkcr mit 76.908 abziehen und den Perzentsatz der Handwerker unter den erwachsenen Männern allein berechnen wollen. Es ergibt sich, daß von allen jüdischen Männern in Rußland im Alter von über 14 Jahren 48 Perzent Handwerker sind: darunter sind 259.396 (51°77 Perzent) Meister, 140.528 (28'05 Perzent) Gesellen und 101.042 (20'16 Perzent) Lehrlinge. Man sieht daraus, daß die Mehrzahl der jüdischen „Meister" so arm ist, daß sie nicht einmal Lehrlinge halten, geschweige denn Gesellen beschäftigen können. Wir hoffen daher, daß selbst die enragiertcn Antisemiten uns nicht gleich als „arbeitsscheu" verschreien werden, wenn wir diese Zustände als ungesund' erklären und den Wunsch aussprechen, die russischen Juden möchten doch dem Handwerk etwas weniger begeistert huldigen. Am besten sind noch die 28.258 Handwerksmeister in Südrußland gestellt, die noch 20.000 Gesellen und rund 13.000 Lehrlinge beschäftigen können. Es kommen da auf je 100 Meister noch immerhin 71 Gesellen und 38 Lehrlinge. Ihnen am nächsten stehen die 69.583 Meister aus den Gouvernenients Kiew, Wolhynien und Podolien mit 46.395 Gesellen und 24.871 Lehrlingen. Es kommen da auf je 100 Meister 66 Gesellen und 35 Lehrlinge. Sehr schlecht ist es mit den 63.654 jüdischen Handwerksmeistern des Königreichs Polen bestellt, welche nur 30.501 Gesellen und 25.216 Lehrlinge beschäftigen, und wo zwei Meister zusammen noch nicht einen Gesellen halten und schon drei Meister ihren Betrieb Zusammenlegen müssen, um gemeinschaftlich einen Lehrling in die Lehre nehmen zu können. Am allerschlimmsten jedoch müssen die armen jüdischen Handwerker im Nordwestrußland daran sein, wo 97.-900 Meisternicht mehr als 18.400 Gehilfen und 20.200 Lehrlinge halten können. Uebrigens beweist die verhältnismäßig geringe Zahl der jüdischen Gesellen und Lehrlinge, daß die russischen Juden das Handwerk bereits an den Nagel zu hängen beginnen. Es will niemand mehr so bereitwillig ein Handwerk lernen, da es zu viel Handwerker gibt und diese Beschäftigung in Ansiedelungsrayon keinen goldenen Boden mehr hat. Von den 76.908 ein Handwerk treibenden Frauen befinden sich 31.800 in Nordwestrußland, 21.233 in Südwestrußland, 8581 in Südrußland und 15.294 in Polen. Der Perzentsatz, der im Handwerk tätigen Frauen, der für den gesamten Ansiedelungsrayon 13 3 beträgt, variiert in den einzelnen Gebieten zwischen 15'05 in Nordwcstrußland und 11°35 in Polen. Die verschiedenen zur Hebung des Handwerks in Rußland in Vorschlag gebrachten Mittel werden angesichts der augenscheinlich übergroßen Zahl der Handwerker wenig helfen- Das einzige Mittel, die Lage des jüdischen Handwerkers gründlich zu verbessern, ist und bleibt die Emigration. Nur darf sie nicht etwa nach den Vereinigten Staaten, sondern nach den an Handwerkern so armen Provinzen des inneren Rußland selbst gehen. Das Mittel ist billig und umso leichter anwendbar, als die jüdischen Handwerker in Rußland sich ja gesetzlich der vollen Freizügigkeit erfreuen. Leider wollen die Führer des russischen Jüdenthums aus uns völlig unerklärlichen Gründen gerade von diesem Radikalmittel keinen Gebrauch machen. Es wäre sehr wünschenswert, wenn maßgebende jüdische Kreise in Rußland sich darüber äußern würden, weshalb sie gerade diesen so naheliegenden Weg nicht einschlagen wollen. Petersburg. (HerrPlehwe wird „judenfreundl i ch".) Die Gesetzsammlung veröffentlicht einen Beschluß des Ministerkomitees, daß den Juden in ihrem Ansiedelungsrayon in weiteren 57 Ortschaften das Wohnrecht auf Vorschlag des Ministers des Innern zusteht. Die Schließung des Petersburger technischen Kongresses Dem „Berliner Tageblatt" wird aus Petersburg geschrieben: Den unmittelbaren Anlaß zur polizeilichen Schließung des in Petersburg tagenden technischen Kongresses bildete folgender Vorgang. Unter den zahlreichen Vertretern von Handwerksverbänden u. s. w. befand sich auch als Deputierter der Handwerkerkammer in Kischenew ein gewisser Stepanow, einer der Hauptanstifter der Kischenewer Greuel. Als die Versammlung seiner ansichtig wurde, erhob sich ein Sturm der Entrüstung und es ertönten Rufe: „Fort mit dem Menschen, dessen Hände mit Blut befleckt sind!" Unter dem fast einstimmigen Beifall des Kongresses erklärte der Vorsitzende Stepanow's Ausschließung aus der Versammlung. Stepanow hatte darauf nichts Eiligeres zu tun, als zum Minister des Innern zu gehen und ihm mitzuteilen, daß er auf dem Kongreß tätlich angegriffen worden sei. Als die Mitglieder des Kongresses sich am nächsten Tage vor der Universität, die dem Kongreß Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hatte, einfanden, waren die Türen geschlossen und ein Anschlag verkündete die Polizeiliche Schließung des Kongresses. Wenn nun von dem Minister des Innern nahestehender Seite gegen den Kongreß die Anklage erhoben wird, dieser habe sich auch mit politischen Fragen beschäftigt, so ist darauf zu erwidern, daß gegenwärtig in Rußland keine Zusammenkunft gebildeter Menschen möglich ist, ohne daß die Notwendigkeit einer Aenderung des gegenwärtigen unhaltbaren Regimes besprochen würde. Von einer Einmischung von Elementen, die mit dem Kongreß nichts zu tun haben, kann keine Rede sein. -i- * * Aus Petersburg wird der „Nationalzeitung" ferner berichtet: In Petersburg hat sich jüngst ein Vorgang abgespielt, der in hohem Grade charakteristisch ist. Da jede öffentliche Erörterung öffentlicher Angelegenheiten verboten ist, so veranstaltet man nunmehr Diners und Soupers, bei denen in einem „Toast" das gesagt wird, was allen auf der Seele brennt oder Uwrüber alle Welt unterrichtet zu sein wünscht. Die innere Politik beherrscht unvergleichlich mehr die Gemüter als die Fragen der auswärtigen Politik. Zur inneren Politik gehört auch das Kapitel Kischenew. Man veranstaltete also ein „Festmahl", um über die dortigen Vorgänge Bericht zu erhalten; eine intellektuelle Elite war erschienen, vor allem Juristen und Schriftsteller; einer der gefeiertsten Rechtsanwälte Rußlands, der zugleich Verteidiger in Kischenew gewesen, nahm das Wort. Seine Ausführungen wurden sogleich stenographiert und gehen nun in Rußland von Hand zu Hand. Die „Nationalzeitung" veröffentlicht dann den stenographischen Bericht der Rede des Rechtsanwaltes, der folgendermaßen schließt: „Wir sind zu der Ansicht gekommen, daß der Kischenewer Exzeß nicht elementarer Natur gewesen, daß er nicht durch Rassenhaß und Rassenkamps hervorgerufen, sondern von Petersburg aus eingegeben worden ist, daß der Vorsteher der Geheimpolizei eine Instruktion gehabt und daß Gouverneur v. Raaben ebenso wie die Polizei unterrichtet war. Deshalb beschlossen wir, daß wir dies zur Kenntnis aller derer bringen müssen, die es wissen sollen." Bukarest. An der Jassyer Universität ist durch die Vorlesung des Herrn Matei Cantacuzino, über die wir berichtet haben, eine Debatte über die Judenfrage entfacht worden. Der berüchtigte Judenfresser und Professor der Nationalökonomie A. C. Cuza hat vom Katheder herab die Meinungen des Herrn Cantacuzino bekämpft und nunmehr hat sich ein anderer Professor der Nationalökonomie, Herr Torgu Radn, zu der Frage in bemerkenswerter Weise geäußert. Es gibt viele Nationalökonomen, meinte Herr Radu, die mit anscheinend triftigen Gründen behaupten, daß die Juden sich nicht assimilieren können. Meine Ueberzeugung ist, daß die Juden bei guter Behandlung sich leicht assimilieren, daß sie aber ihre Reihen schließen und sich einer Assimilation widersetzen, wenn man ihnen Hindernisse in den Weg legt. Diesbezüglich bilden die Juden keine Ausnahme von der allgemeinen Regel. Zwischen Rumänen und Juden besteht kein Haß. Die Argumente, welche angeführt werden, um einen solchen Haß nachzuweisen, sind von anderswo hierher eingeführt worden. Bei uns waren die Beziehungen zwischen Juden und Christen immer gute, insbesondere waren die Beziehungen zwischen Juden und Bauern geradezu glänzend. Professor Radu hat sich diese Neber-

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