Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 5 (29.1.1904)
- Date
- 1904-01-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 70 Dr. Blocb’s Mocbenscbrfft. Nr. 6 anderen Offizieren jüdischen Glaubens auch einen Leutnant Levy gefunden haben, der sich im Feldzuge das Eiserne Kreuz erworben hat. Was werden nicht alles für Gründe angeführt, um dem gesetzwidrigen Ausschluß der Juden vom Offizierstande den Schein des Rechtes oder der Notwendigkeit zu verleihen! Wie oft wird gegen die Juden der Vorwurf des mangelnden Patriotismus erhoben, obwohl jede Seite der preußisch-deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts die Unhaltbarkeit dieser Behauptung dartut und zeigt, wie innig verwoben in Krieg und Frieden Geschick und Streben der jüdischen und christlichen Bevölkerung gewesen ist, wie in den Stunden der Gefahr die Juden genau ebenso wie ihre christlichen Mitbürger freudig Gut und Blut für das Vaterland eingesetzt und zu Hunderten auf den Schlachtfeldern ihre Hingabe mit ihr^m Blute besiegelt haben. In dem von dem Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe in Berlin herausgegebenen Werke: „Die Juden als Soldaten", dem auch die nachfolgenden statistischen Angaben rc in der Hauptsache entnommen sind, findet man allein 483 jüdische Offiziere und Soldaten namentlich aufgeführt, die >870/71 auf deutscher Seite getötet oder verwundet wurden. Das genannte Werk enthält ferner die Namen non 47 ü deutschen Offizieren und Soldaten jüdischen Glaubens, die an diesem Feldzuge teilgenommen haben, .und von 375 jüdischen Offizieren und Soldaten, welchen während desselben das Eiserne Kreuz oder die entsprechenden militärischen Auszeichnungen der anderen deutschen Bundesstaaten verliehen wurden. Dabei sind diese Verzeichnisse durchaus nicht vollständig Das aber beweisen schon die Zahlen, daß der gegen die Juden so häufig erhobene Vorwurf der Feigheit, der körperlichen Unbrauchbarkeit und der militärischen Unfähigkeit nichts ist als eine haltlose Verleumdung. So führt auch die dem vereinigten Landtage von 1847 vorgelegte Denkschrift des Ministers des Innern an, daß Juden in großer Zahl während der Befreiungskriege als Freiwillige eingetrcten sind, und sagt wörtlich: „daß die Juden in der Zeit der Gefahr nicht hinter den christlichen Einwohnern zurückgeblieben sind und ihrem Verhalten in den Befreiungskriegen die Anerkennung nicht versagt werden darf." Mangels genauer Listenführung war es schon im Jahre 1847 dem Kri-'gsministerium nicht mehr möglich, die genaue Zahl der jüdischen Soldaten in den Kriegsjahren zu ermitteln, doch wurden die Namen folgender jüdischen Offiziere festgestellt: Sekondelentnant Anker, Wilhelm Beer aus Berlin, „ Menno Burg (der nachmalige Major), Premierleutnant S. A. Benda aus Berlin, dekoriert mit dem Eisernen Kreuz. Sekondelentnant Birnbaum, Infanterieregiment 24, Siegln. Herm. Deutsch, „ F. Epenstein aus Berlin, dekoriert mit dem Eisernen Kreuz, „ H. Fließ aus Berlin, dekoriert mit dem Eisernen Kreuz. „ Friede. Fliedemann aus Schönfließ, „ Josef Henoch aus Berlin, „ Meyer Hilsbach, Gardejägerbataillon, gefallen bei Großqörschen, dekoriert mit dem Eisernen Kreuz, Premierleutnant Ludwig Hirsch, gefallen bei Montmirail. Sekondelentnant M. Löbel, dekoriert mit dem Eisernen Kreuz, „ Manche aus Berlin, dekoriert mit dem Eisernen Kreuz, Josef Neumann aus Glogau, „ F. Oppert aus Berlin, dekoriert mit dem Eisernen Kreuz, „ Pollack, II. Infanterieregiment, gefallen am 15. Oktober 1813 an der Elster,*) „ Seelemann, 3. ostpreußisches Jnfant rieregiment, dekoriert mit dem Eisernen Kreuz, „ Leo Wertheimer aus Eschwege. Mit dieser Anzahl jüdischer Offiziere ist im Vergleich zu ziehen, daß Preußen nach dem Frieden von 1615 nur 4.960.000 Einwohner, worunter etwa 5« .000 Juden, zählte. Weitere Beweise für die militärische Befähigung der Juden bietet ihre Stellung in den übrigen Armeen: In Oesterreich dienten 1864 laut dem militärischen Jahrbuch nir Oesterreich-Ungarn (Seite 1*9) im aktiven Heere und in der Reserve 2176 Offiziere jüdischen Glaubens. In Italien gibt es mehrere Hundert jüdische Offiziere; daß ^cr letzte italienische Kriegsminister General Giuseppe Ottolenghi Jude war, dürfte allseitig bekannt sein, ebenso daß die französische Armee viele jüdische Offiziere, darunter Brigade- und Divisiousgeneräle, aufweist. *) In diesem Regiment, dem schon in den Befreiungskriegen ein jüdischer Offizier angehörte, spielte sich vor Jahresfrist der vielerörterte Vorfall ab, daß ein Hauptmann die Einstellung eines jüdischen Freiwilligen in seine Kompagnie mit der Begründung ablehnte, estelle in solche keine Juden ein. Die Armee der Vereinigten Staaten *) zählte während des Sezeffionskrieges 1861—64 auf beiden Seiten: 9 Generale, 74 Stabsoffiziere, insgesamt 678 Offiziere jüdischen Glaubens. Es bleibt noch die gesellschaftliche Seite der Frage der Zulassung von Juden zum Offizierkorps zu erörtern. Unser Offizierkorps ist sehr exklusiv und will sich seine Exklusivität wahren. Ob diese Exklusivität berechtigt und wünschenswert ist oder nicht, dies soll hier ganz unerörtert bleiben; — bei allem Selbstgefühl und bei dem ausgeprägtesten Standesbewußtsein wird kein Offizier die gesellschaftliche Stellung eines Leutnants über die eines preußischen Generalarztes oder die eines badischen Ministers stell« n. Und dennoch: zu derselben Zeit, als ein Jude in Preußen aktiver Generalarzt, ein anderer Jude badischer Minister wurde, konnte es andererseits nicht einmal ein einziger Jude in Preußen und in dem unter preußischem Kommando stehenden 14. (badischen) Armeekorps zum Leutnant der Reserve bringen.-Wie man auch die ganze Frage betrachtet, überall ergibt sich für jeden objektiv Denkenden die Gewißheit, daß die systematische Fernhaltnng der Juden vom Offizicrstande eine durch nichts zu rechtfertigende Zurücksetzung, eine Ungerechtigkeit sondergleichen darstellt. Man berufe sich nicht auf gesellschaftliche Unterscheidungen. Der Hinweis ist verfehlt angesichts dessen, daß die Armee etwa 500 jüdische Sanitätsoffiziere — darunter nicht wenige im Hauptmanns- und Stabsoffizierrang — besitzt. Man berufe sich nicht auf die „Tradition", denn die Tradition hat längst Juden als Offiziere der preußischen Armee gekannt. Man berufe sich nicht auf die eigenartige Stellung und Zusammensetzung unseres Offizierkorps, auf die besonderen dienstlichen Anforderungen, die man heute au unsere Offiziere stellt, denn drei deutschen Armeekorps, den bayrischen, deren Offizierkorps dem preußischen unbestreitbar durchaus ebenbürtig ist, deren Organisation, Ausbildung und Leistungen vollkommen die gleichen sind, wie die der preußischen Korps, gehört eine ganze Anzahl jüdischer Offiziere an. „Das Volk in Waffen" nennt sich mit Stolz unsere Armee! Die allgemeine Wehrpflicht, die die Grundlage unserer Heereseinrichtungen ist und die fast allen anderen Großstaaten vorbildlich wurde, sie ist in schwerer Zeit aus der Erkenntnis herausgeboren, daß nur durch das Zusammenwirken aller Klassen und Stände, aller Religionsgemeinschaften; des Volkes die damals verloren gegangene Machtstellung des Vaterlandes wiedergewonnen und erhaltenwerden könne. Jeder gesunde deutsche Mann ist zum Waffendienst verpflichtet und muß bereit sein, jederzeit sein Leben für das Vaterland hinzugeben. Dafür sollte auch jedem Fähigen und Würdigen - ohne Unterschied des Glaubens — der Zugang zum Offizierstande offen stehen! J. B. W. Nerreutdeckle Aussprüche Christi. Unter diesem Titel brachte die „N e u e F r e i e P r e s s e" vor kurzem eine Reihe neuentdeckter Aussprüche von dem Stifter des Christentums und berichtete, daß dieselben auf Pergamentfragmenten enthalten seien, die unter den Ruinen von Oxyrhynchus (Mittel-Egypten) entdeckt wurden. In Nr. 14134 des genannten Blattes weist nun Herr Dr. Unger in Jglau darauf hin, daß jener in den genannten Papyrusfragmenten enthaltene Ausspruch: „Jesus sagt: Wo immer zwei sind, sind sie nicht ohne Gottes Gegenwart, und wenn irgendwo einer allein ist, so sage ich, ich bin mit ihm", sich fast wörtlich im gleichaltrigen Mischna-Traktat (Abot 3, 3) findet. Dieser Ausspruch findet sich aber auch genau in derselben Fassung im Talmud Traktat Berachoth, 6 a. Dieselbe Sentenz ist es, die der deutsche Dichterfürst in seinem Trauerspiel „Maria Stuart" fast wortgetreu anführt. Das. 5. Aufzug, 7. Auftritt heißt es: Maria. Mehsil, versteh' ich euch? Ja, ich versteh' euch. Wo zwei versammelt sind in meinem Namen, Da bin ich gegenwärtig auch unter ihnen. ° Diese Stelle bildet nun eine der unzählig vielen Zitate in den deutschen Klassikern, deren Originalquelle unzweifelhaft in den ethischen Partien des talmudischen Schrifttums zu suchen *) Präsident Roosevelt erwähnte vor kurzem in seiner Antwortrede an die ihn wegen der Kischenew-Greuel interpellierende jüdische Deputation, daß sich c-nch unter den drei Hanplleuten seines Ronghrider-Regiments, Die sich durch Umsicht und Tapferkeit vor dem Feinde besonders hervortaten, ein Jude befand.