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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-01-29 · 5 (29.1.1904) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
5 (29.1.1904)
Date
1904-01-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr 5 Dr. JSlocb’s tUocbenscbciu. Sette 69 Von „Menschen und Juden" spricht. Einmal so und einmal so — die Partei verträgt alles. Im neuen Antisemitenbund hatte Herr Gregorig nichts zu befürchten, vor allem keinen Widerspruch. Da konnte er sicher sein, daß niemand sich um Ghega erkundigen und daß niemand die Unverschämtheit haben werde, zu behaupten, daß eigentlich auch der Schottenring beleuchtet werden müsse. Da durfte dieser Intellektuelle alles sagen, und bei seiner Geistesbeschaffenheit war ihm der rückhaltslose Beifall sicher. Er begann damit, daß er ein Freund Luegers bleibe und ihn immer „unterstützen" werde. Das ist sehr beruhigend, auch für uns. Dann aber ging's los gegen die Freunde Lueger's, gegen welche der große Mann „beschützt" werden müsse. Da können auch die Gegner nur mit schmunzelndem Behagen folgen. Man erhält da von eingeweihter, also autoritativer Seite eine Charakteristik der antisemitischen Größen, der wir eigentlich nichts mehr hinzuzufügen haben. Es wird die schmutzige Aemter- und Stellenjagd aufgedeckt. „Es muß aufgeräumt werden mit gewissen Herren, für die der Antisemitismus nur der Deckmantel für ihre Schandtaten ist." Sieh' da, ganz unsere Meinung. Noch sagt der illustre Redner zwar nicht deutlich heraus, welche Größen er auf dem Zuge habe, aber nur gemach, es wird schon auskommen. Vorläufig wird nur noch der Sack geschlagen. Er haut auf — Dr. Klotzberg hin, der doch die Ruhmestat für sich geltend machen kann, die liberale Partei verlassen zu haben, um ein strammer Antisemit zu werden. „Wenn man dem Dr. Prix einen gewissen Körperteil mit einem giftigen Präparate bestrichen hätte, so wäre Dr. Klotzberg den nächsten Tag tot gewesen. Genau so macht er ec nun mit Dr. Lueger." In dieser schmeichelhaften Weise äußert sich Herr Gregoria. Dann gebt es über Herrn Zatzka her, der im Gemeinderate Herrn Gregorig den Ghega tückisch aufgemuzt hat, aber das ist ja alles nicht das Richtige. Warten wir's nur ab, es wird schon kommen. Der Schmerz sitzt"'tiefer. Herr Gregorig hatte einmal ein Reichsratsmandat, und er hatte es sicher in der Tasche, und das ward ihm genommen — aus Parteiinteresse, und so was vertrügt selbst der strammste Antisemit nicht. Man muß sich nur in Geduld fassen. Herr Gregorig hat nun seine Tribüne. Wir Werdens noch hören ‘ — „man wird schon lesen!" Recht bedenklich scheint in der abgelaufencn Woche das Befinden des berühmten Mechanikers Schneider gewesen zu sein. Die Vetofrage hatte ihn in ungewöhnliche Aufregung versetzt. Nachdem er vorher in Fünfhaus in einer antisemitischen Versammlung bewiesen hatte, daß die letzte Papstwahl das Werk einiger polnischer Juden gewesen sei, ging er in seiner Auflegung weiter und behauptete, daß bei jener Wahl „hinter dem heiligen Geist vielleicht jüdischer Einfluß gestanden" habe. Für das katholische Bewußtsein ist der heilige Geist neben Gott Vater und Sohn das Höchste, was es gibt. Für Herrn Schneider'» Beivußtsein gibt es kaum etwas Entehrenderes als jüdischen Einfluß. Wenn ein Jude durch eine solche oder ähnliche Lästerung versucht hätte, das katholische Bewußtsein zu verletzen, so hätte Herr Schneider wahrscheinlich einen schweren Anfall erlitten. Man soll es mit ihm nicht allzugenau nehmen und namentlich soll man ihn nicht durch Widerspruch reizen. Eines ist sicher: Herrn Schneider's Geist ist völlig frei von jüdischem (Anfluß. _ Whig. Josef Israels. Der große holländische Maler beging am 27. d. M. seinen 80. Geburtstag. Anfänglich, als Schüler Kruseman's, später Picot's und Delacroix', widmete sich der junge Amsterdamer Künstler der großen Historie, ohne jedoch damit irgendwie aus dem Kreise seiner Altersgenossen hervorzustechen. Seine künstlerische Wandlung hat ihm ein Umstand gebracht, der ihn aus seiner Karriere ganz hinauszuwerfen drohte: eine Krankheit, die ihn außer Kontakt mit den Kunstgenossen brachte und ihn zwang, in der Einsamkeit eines Fischerdorfes Genesung zu suchen. Dort lernte er, unbeirrt von Kunsttraditionen und den im Schwange befindlichen Knnstmanieren und Gepflogenheiten, sehen, dort ging ihm eine neue Welt auf, in welche er sich bald mit voller Seele versenkte. Das Meer, das arme Fischervolk, das an seinen Gestaden lebte, in der Folge das dürftige und bescheidene Leben der Kleinbürger in den holländischen Städten erschlossen ihm ihre Poesie und ihren reichen malerischen Inhalt, und mit einem Schlage hatte sich Israels ein neues Kunstgebiet erschlossen, auf dem er seither viele Nachfolger gefunden bat. Er selbst aber schreitet trotz seines hohen Alters noch allen voran und er schafft heute noch mit der alten Kraft und Sicherheit und sein Atelier im Haag ist ein Wallfahrtsort für alle Freunde zeitgenössischer Kunst geworden. Sein Name prangt unter denen der größten Maler Hollands im Fries des Treppenhauses im Rijksmuseum, und als er im Vorjahre nach London kam, wo in der New-Gallery eine Sonderausstellung seiner Werke staltfand, war er Gegenstand großer Ovationen der englischen Künstlerschaft. In Oesterreich ist Israels durch wiederholte Beschickung der Ausstellungen im Künstlerhause bekannt geworden und seine „Netzflickerinnen", die „Abendstunde" — ein einen Karren ziehendes Paar, das in grauer Dämmerung durch die Dünen zieht — die Strandbilder sind sicher vielen noch in bester Erinnerung. Ein treuer Sohn des jüdischen Volkes, hat er es vielfach durch seine Kunst verherrlicht. Auch als Schriftsteller hat sich Israels durch einen an gesunden, geistreichen Beobachtungen und treffenden kunstästbetischen Bemerkungen reichen Bericht über eine Reise nach Spanien hervorgetan. Gleichheit in dev preußischen Armee. £ai „'-Bciliiur Tageblatt" erhält folgende Zuschrift: Ein offenes Wort von einem Juden. Nach der Verfassung ist jeder Preuße vor dem Gesetze gleich- Diese verfaffuugsmäßi, e Gleichheit besteht jedoch in vieler Hinlicht nur auf dem Papier. Ten Juden zum Beispiel ist in der preußischen Armee — ent» argen Sinn und Wortlaut des Gesetzes, entgegen dem Geiste der llgc meinen Weh,Pflicht — die Beförderung zum Offizier im aktiven ö crc wie im Benrlaubtenstande vollkommen versagt. Mag ein Jude noch so militärisch befähigt, seiner Bildung, '-i'iem Charakter, feiner sozialen Stellung nach noch so qualifiziert zum Offizier sein einerlei, so lange er Jude bleibt, wird er nicht Offizier. Freilich, sobald er seinen Glauben verläßt, ändert sich häufig ras Bild. Derselbe Mann, dem vorher der Zugang zum Offizierkorps verschlossen war. wird nunmehr für fähig und würdig erachtet, die Cpanlettes zu tragen. Tatsächlich ist die Zahl getaufter Juden, welche als Offiziere — meistens des Beurlaubtenstandes — der pr ußischen Armee angehören, nicht gering. Das Prinzip. Inden nicht zu Offizieren zu befördern, hatte nicht ioiiner Geltung in Preußen Erst seit etwa dritthalb Jahrzehnten, also seit der Zeit, in de: der Antisemitismus im öffentlichen Leben aufflackerte und von dein damaligen preußischen Thronfolger als eine Schmach des Jahrhundert» gekennzeichnet wurde, herrscht dieser „Brauch". In den Feldzügen aber, die zu Deutschlands Einheit führten, die den Ruhm der preußischen und deutschen Waffen der Welt verkündeten. gehörten zahlreiche Juden der Armee als Offiziere an. Abgesehen von den vielen Sanitätsoffizieren, fochten in den, Feldzüge 1870/71 auf deutscher Seite gegen hundert Offiziere jüdischen Glaubens, von denen der größere Teil in der preußischen Armee, etwa zwanzig im bayerischen Heere, drei in der großherzoglich hessischen Division und die übrigen in der sächsischen Armee, den badischen und braunschweigischen Kontingenten standen. Auch in dem ersten Jahrzehnt nach dem Kriege wurden zahlreiche Juden anstandslos zu Offizieren des Beurlaiibtenstaudes befördert und von diesen gehören einige wenige noch heute der Armee als Offiziere der Landwehr an. Seitdem aber gilt der Grundsatz, keine Juden mehr zur Offizier- Wahl vorzuschlagen Als vor einigen Jahren im Reichstage auf diese verfassungswidrige Behandlung aufmerksam gemacht wurde, erwiderte ein antisemitischer Abgeordneter unter dem Beifall der Rechten: „Das würde uns auch noch fehlen, daß „Cohn und Levy" preußische Offiziere würden!" Daß aber „Cohn und Levy" in der glorreichsten Epoche der Armee mit Ehren Offiziere waren und für das Vaterland den Heldentod starben, das hat der Herr Abgeordnete nicht erwähnt. Auf dem Kriegerdenkmal in Schneidemühl ist bei den Namen der 1870/71 vor dem Feind Gebliebenen zu lesen: Sally Cohn. Seconde-Leutnant, und wenn der Herr Abgeordnete die Rangliste von 1871 zur Hand genommen hätte, würde er neben den zahlreichen

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