Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 5 (29.1.1904)
- Date
- 1904-01-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6 Mocb's Mocbenscbrift Seite 6/ zufüge, was man nicht will, das Einem selbst geschehe: demnach war diese ethische Grundlehre des Judentums schon 2 Jahrhunderte vor Hillel, Philo und Jesus landläufig. Auf die Frage, welches ist die beste Herrschaft, antwortet der Aristeasbrief: sich selbst beherrschen und nicht seinen Trieben nachgeben; dasselbe lehrt der Talmud: „Wer ist ein Held, der seine Leidenschaften bezwingt?" (Ben Soma, Pirke Aboth, IV, 1.) In Sirach, Pseudo-Salomo und Pseudo-Aristeas rvird die Weisheit, von welcher Proverb. 8, 22 ff gesagt wird, Gott habe sie als sein erstes Werk geschaffen und vor Aeonen sie gegründet, als Ausfluß göttlicher Herrlichkeit gepriesen: und da können wir beobachten, welchen Inhalt die Sophia, die siegreiche Vermittlerin zwischen der jüdischen und griechischen Weisheit aus dem Wege von den Sprüchen Salomos bis Pseudo Salomo, und von diesem bis zu Philo erhält, von wo ab sie dann vom Christentume übernommen wird. In vollendeter Ausgestaltung und identificiert mit dem Logos, erscheint die „Weisheit" bei Philo vorweltlich und weltschöpserisch, als die zwischen Gott und Welt vermittelnde Kraft. Die gleichen göttlichen Funktionen, welche die jüdisch-alexandrinische Schule der alttestamentlichen Weisheit einräumte, übertrug später das Christentum aus den Christ, der nunmehr als die Verkörperung der Sophia erscheint. Hier und an anderen zahlreichen anderen Stellen zeigt Friedländer, wie fleißig die ältesten christlichen Apologeten bei den jüdischen Alexandrinern in die Schule gegangen, wie sie sich deren Auslegungs- und Kampfmethodc angeeignet und mit welchem Nutzen und mit welcher Virtuosität sie dieselbe handhabten. Auch die Apokalyptik ward ins Dasein gerufen durch den Kampf des Judentums um sein Bestehen gegen die Weltmacht des Hellenismus (Hilgenfeld, jüd. Apokal. >>. 13). Tie älteste Apokalypse ist die des Daniel, aus der Zeit der Makkabäererhebung 167—165 v. Chr.: sie verkündet die baldige Ausrichtung des göttlichen Weltreiches und wurde allen späteren Apokalypsen zum Vorbild und Muster. Zunächst die Visionen des Henochbuches, nur daß sie weit über Daniel hinausgehen: es gilt nicht mehr ausschließlich die eigene Erlösung, es gilt die Welterlösung, die gesamte Menschheit soll der Goiteserkenntnis zugeführt werden, die grandiosen, Schrecken und Reue erregenden Zukunftsbilder werden behufs Bekehrung der gesamten heidnischen Welt aufgerollt. Deshalb wird auch das Erscheinen deS GotteSreiches nicht von der Beobachtung des Ceremonialgesetzes abhängig gemacht. Die Psalmen Salomo's und die Visionen Baruch's nähren dieselben Hoffnungen wie Henoch, im I V. Buch Esra hingegen ist keine Spur dieser Hoffnungsseligkeit zu finden. Die „Testamente der 12 Patriarchen", obgleich viele christliche Interpolationen enthaltend, sind nicht, wie Geiger behauptet, von einem Judenchristen abgesaßt, sondern wie Friedländer überzeugend nachweist, das Glaubensbekenntnis eines bibelgläubigen Diaspora-Juden. Die Methode, welche von den hellenistischen Juden bei der Umdeutung der mosaischen Gesetze ins Ethische angewendet wurde, war die allegorische Schriftauslegung: so entstand eine selbstständige alexandrinische Agada, die nicht, wie man bisher geglaubt, von der palästinensischen Exegese abhängig war, vielmehr diese beeinflußte und vom Talmud übernommen wurde. Ungeahnte Erfolge hatte das Diaspora-Judentum durch seine Apologetik errungen; Philo und Josephus nicht minder wie die griechischen und römischen Schriftsteller berichten von der großen Verbreitung, die der Monotheismus in der heidnischen Welt gefunden, und wie an der eigenen Götterwelt irre Gewordene, von der erhabenen Gottesvorstelluug des Alten Testanieutes angezogen, in Massen den Synagogen zuströmten. So werden auch im Talmud (Pesachim 87) die Worte des Propheten Jesaia 49, 6: „Ich habe Dich zum Lichte der Heiden gemacht, daß Du ihnen zum Heil seiest bis ans Ende der Erde", auf die jüdische Diaspora und die Proselyten bezogen, und die Apostelgeschichte spricht von Proselyten, die zum Psingstseste nach Jerusalem kamen. Gefördert wurde das Zuströmen der Heiden zu den Synagogen noch im letzten vorchristlichen Jahrhundert durch Julius Cäsar und Kaiser Augustus, welche die religiösen Zusammenkünfte der Juden geradezu protegierten und siemit Privilegien umgaben, die ihren ungestörten Fortbestand sichern sollten. Josept.uv hat uns eine ganze Neige zu Gunsten der jüdischen Institution gegebenen Edikte ausbewahrt (Bell. jml. VII. 3, •'), Aut. XIV, 10, 8). Die alexandrinischen Juden hatten irr der griechischen Philosophie Anklänge an mosaische Vorstellungen gesunden, und aus diesem verrneintlichen Zusarnmenstimmen ergab sich ihnen die Gewißheit, daß die berühmtesten griechischen Plülosophen ihre Weisheit aus den uralten Geistesschätzen der jüdischen Religionsschristcn. geschöpft, während sie doch selbst unawhörlich daran gearbeitet, ihre religiösen Anschaltungen dieser Philosopuie anzupassen. Ward aber einerseits durch diesen neuen Geist die väterliche Religion verjüngt, so wurde sie anderseits durch ihn zersetzt. So bildeten sich im Judenturn zwei sich feindlich gegen überstehende Religionsparteien heraus: eine konservative und eine radikale. Philo tadelt diejenigen, welche die geschriebenen (besetze für Sinnbilder geistiger Lehren halten, letztere mit aller Sorgfalt aufsuchen, erstere jedoch verachten. Denn man inust den Wortsinn für den Leib, den geheimen Sinn für die Seele an sehen; so wie man nun für den Körper als die Behausung der Seele Sorge trägt, so muß man auch den Wortsinn achten. Philo kämpft noch gegen andere radikalere jüdische Parteien, gegen die Sophisten, die in ihrem Hochmut nicht nur das mosaische Gesetz, sondern auch den Gott, der es gegeben, verwerfen, die mit dem Sophisten Prolagoras den Menschen für das Maß aller Dinge halten. Gegen diese Gesetzesverächter klagen Esra, Baruch, Buch der Jubiläen und Daniel. Es ist der Geist Griechenlands, der mit Alexander dem Großen über die Welt dahergezogen kam, Alles bezwingend mit dem „Munde, der Großes spricht" (Daniel 7, 8). Die besitzenden und herrschenden Klassen in Judäa, die sich an dem griechischen Geiste berauschten und in der Zeit zwischen Alexander dein Großen und den Makkabüerkämpsen die väterliche Religion und Sitte in fremde Bahnen lenkten, zersetzten und verflüchtigten, die da sprachen: Unsere Zunge ist siegreich, die Rede ist in unserer Gewalt, wer will unser Herr werden (Ps. 5, 6), das sind die inneren Feinde, gegen ivelche die Gesetzestreuen, die Frommen und Demütigen in den Psalmen käinpsen. Besonders der Psalm 119 strotzt von solchen Gegensätzen: hier die gedrückten und demutsvollen Konservativen, dort die hochmütigen Neuerer. Gegen diese Neuerer wurde lange vor Entstehung deS Christentums das Gebet Birchas haimnini =i in die 18 Segenssprüche eingeschaltet, die Minäer des Talmud sind nicht, lvie früher geglaubt wurde: Judenchristen oder Heidenchristen, sondern wie der Verfasser erschöpfend nachweist, die Zedim der Psalmen, die jüdischen Gnostiker, vor deren schlüpfrigen, über Gott und Weltschöpfer sich verbreitenden Lehren schon Sirach warnt. Wenn der Psalmist (14, 1) den Hochmütigen sagen läßt, es gäbe keinen Gott, so sind es die Minäer, die so sprechen (Berachot 12 >, die im Besitze der neuen Geheimlehre der Theosophie und Kosmogenie waren, die noch später"^ suggestiv wirkte, daß sie selbst Größen der pharisäischen Schule wie: Ben Azai, Ben Zoma, Elischa genannt Acher zum Entgleisen brachte. Vor dieser Lehre warnt der Talmud mit den Worten des Spruchdichters (5, 8). „Halte fern von ihr deine Wege und komme nicht in die Türe ihres Hauses." Originell und geistreich ist die überzeugende Behauptung Friedländer's, daß hier unter dem fremden Weib, der 'Ausländerin, nicht eine Hetäre, sondern die von Hellas über Judäa sich ergießende und zum Abfall vom Gotte Mosis führende Kulturströmung gemeint sei. So hatten dieselben Ursachen, welche die Apologetik hervorgerusen, auch zur Polemik nach Innen gezwungen. Friedländer's Geschichte der jüdischen Apologetif**) reiht sich den früheren gründlichen Arbeiten dieses Forschers würdig an: **) Zar Frage: Wer waren die Pharisäer? bringt die letzte Nummer der „Oefterreichischen Wochenschrift" die beiden sich einander widersprechenden und aufhebenden Urteile der hervorragenden Theologie-Professoren Harnack in Berlin und Baumanu in Göttinger:. Elfterer bricht den Stab über die Pharisäer, welche das Volk in Banden hielten und ihm die Seele mordeten; das seien frevelhafte