Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 62 Nr 4 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Berlin. (Rabbiner Dr. Rofenzwcig.) Herr Rabbiner Dr. Rosenzweig, der seit dem 6. d. M. einen Erholungsurlaub an der Riviera, in Nizza, verbringt, wird am 22. Jänner seine Functionen hier wieder aufnehmcn. Berlin. (Alliance Israelite.) Die Alliance Jsraelite Universelle hat in Berlin ein eigenes Bureau eingerichtet, das sich einstweilen in Charlottenburg, Friedbergstraße 6, befindet, vom 1. April ab in der Oranienburgerstraße 43 I sein wiü>. An der Spitze steht Herr Dr. M. Friedländer. Frankfurt a. O. (R a b b i n e r w a h l.) Die hiesige Rabbinervacanz ist besetzt. Herr Dr. Bergmann, Schwiegersohn des Herrn Rabbiner Dr. Rosenzweig-Berlin, ist zum Rabbiner gewählt worden. Feuilleton. Novelle v«r Babette Fried- Prag. (Fortsetzung.) Es bedurfte nicht vieler Worte von Seiten des Nachbars um von Frau Hirsch die Erlaubniß zu erhalten, daß Fann mit ihrem Vormunde zu dessen erkrankter Schwester abreiste und dann zu deren Pflege und zur Führung des kleinen Haushaltes dort verbleiben sollte. Die selbstlose Frau versuchte nicht einmal den Einwand zu machen, daß Fanni chr säst unentbehrlich sei.. Für sie genügte die Bitte des erprobten Freundes, um bedingungslos in sein Begehren zu willigen. In der nächsten Nacht reiste Fleischmann mit seinem schönen Mündel ab, ohne daß selbes von dem Leutnant Abschied genommen hätte. Sie traute sich die Kraft nicht zu, es thun Zu können. . Straßer hatte sich von seinem Unwohlsein, das er selber über die Gebühr ausdehnte, um nur oft die Gesellschaft seiner Haustochter genießen zu können, gänzlich erholt; das einige Tage währende Regewvetter, das eine empfindliche Kühle zur Folge hatte, hatte sich ebenfalls gebessert. Die warme Augustsonne und ein seuchtwarmes Lüftchen lud zu einem Gange durch den Garten ein, in welchem die wenigen Blumenbeete mit ihrer Resedaeinfaflung balsamische Düfte aushauchten. Der Leutnant hüllte sich in seinen Mantel, um in den Garten zu gehen und ftagte die ihm im Hausflure begegnende Hausftau: Liebe Frau Hirsch! Sie gestatten wohl Fräulein Fanni, daß sie mich in den Garten begleite, um mir wieder ein wenig vorzulesen, da meine Augen noch immer angegriffen sind. „Wie, Sie wissen nicht" — stammelte Dora. „Was?" „Fanni ist heute Nacht mit ihrem Vormunde abgereist, um dessen erkrankte Schwester zu pflegen. Hat sie Ihnen denn nicht Adieu gesagt?" „Nichts, kein Wort. Das thut mir weh", sagte Straßer weiter, indem er sich bemühte, die tiefe Kränkung, die ihm die abschiedlose Abreise Fannis bereitete, nicht an sich merken zu lassen. „Es war mir gleich auffallend, sie den ganzen gestrigen Tag nicht gesehen zu haben. Es wird mir recht öde ohne sie sein." „Wie öde ist es mir erst", antwortete Frau Hirsch mit mühsam verhaltenen Thränen. „Gewiß hatte sie gestern durch die Vorbereitungen zur Reise keine Zeit gefunden, sich von Ihnen zu verabschieden", fügte sic hinzu. Straßer war es nicht anders, als griff eine eiskalte Hand in sein jüngst noch so hochklopfendes Herz und riß daraus den letzten Rest von Friede und Hoffnung hinweg. Fort also war sie, fort! Jetzt erst, wo er sie verloren, und wie es den Anschein hatte, auf immer verloren, jetzt erst wußte er, wie cheuer sie chm in der kurzen Zeit ihres Zusammenlebens geworden war. Ohne, wie es seine Absicht war, einen Spaziergang durch den Garten zu machen, kehrte er ins Haus zurück. Vergeblich lockte ihn der helle Sonnenschein, der nach den vielen Nebel- und Regentagen doppelt verführerisch durch die kleinen Fensterscheiben hineinlachte. Für ihn war die Sonne erloschen, für ihn dufteten die Blumen nicht mehr, die er soeben noch zu einem Strauße für die Geliebte pflücken wollte. Der Gesang der Vögel in den breitästigen Lindenbäumen vor seinem Fenster schien ihm neckend sein entschwundenes Glück in Erinnerung bringen zu wollen. Was war aus ihm geworden? Der übermüthige Student, der stolze preußische Officier, der große Talmudist, der bei allen gelehrten Disputationen als Sieger hervorging, er lag im Banne eines halben Kindes, jedesfalls eines einfachen Dörfmädchens, das bei seiner ersten Begegnung einen vollbepackten Tragkorb am Rücken hatte. Nicht länger konnte er sich der Erkenntnis; verschließen, daß dieses junge Mädchen einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn hervorgebracht hatte. Doch jetzt, bevor ihm dies zum Bewußtsein gekommen war, war die Trennung erfolgt, eine Trennung ohne Abschied und vielleicht auf immer. Er zürnte sich selber, daß er nicht ftüher eine Erklärung gewagt, er zürnte Frau Hirsch, daß sie sie weggeschickt, er zürnte ihr selbst, daß sie gegangen. Ja, er ließ sich in seinein Unmuthe sogar zu bitteren Vorwürfen gegen die göttliche Vorsehung Hinreißen, die ihm sein Lebensglück gewiesen, um es ihm wieder auf Nimmerwiedersehen zu entfernen. Sogar der Beruf, den er sich erwählt — nicht der momentane als Soldat, sondern sein Beruf im civilen Leben, als Lehrer tzes Volkes, als Seelsorger, als Führer einer Gemeinde — war ihm verleidet worden... Sein Glaube, seine Zuversicht in die göttliche Vorsehung war wankend geworden. Wie hätte er also dann ferner Leidende trösten und auf das göttliche Erbarmen und göttliche Hilfe verweisen können, wenn er selbst bei dem ersten Schlage, der ihn getroffen hatte, trostlos-., und verzweifelt wurde? Er zog sich in sein Zimmer, zurück, wollte Niemand vor sich sehen, wollte allein mit seinem Schmerze um die zerstörte Liebeshoffnung bleiben. So saß er stundenlang allein in finsteres Brüten versunken. Frau Hirsch mochte errythen haben, was in der Seele des jungen Mannes vorging, und sie fühlte Mitleid mit demselben. Sie ging zu chm .und redete den in finsteres Brüten Versunkenen an: „Sie sollten nicht so allein hier sitzen, Herr Leutnant, das thut nicht gut. In der Einsamkeit kommen die bösesten Gedanken. Drin' in Fannis Zimmer sind die Bücher, die sich das Kind von ihren Spargroschen angeschafft hat. Suchen Sie sich etwas davon aus und lesen Sie. Das wird Sie zerstreuen. Schauen Sie, mir ist sehr bange nach dem Kinde. Ich Hab' es niemals einen Tag lang von mir gelassen, Hab' es beschützt und bewacht vom ersten Tag an, was es zur Welt gekommen ist. Und dann, als der harte Schlag mich traf, daß mein seliger Mann krank wurde und starb, da hat das Mädel, so klein und schwach es auch damals war, mir Alles vergolten. Wie eine Erwachsene hat sie mich getröstet und mit ihren damals noch schwachen Kräften geholfen, bis sie allmälig erstarkte und mir eine wirkliche unentbehrliche Stütze wurde. Die Arbeit allein ist es, die mich jetzt trösten kann. Das Müßigsitzen taugt nichts. Das würde ich nicht aushalten. Ich würde mich um das Mädel zu Tode kränken, wenn ich Zeit hätte, viel an sie zu denken." „Warum also haben Sie sie denn weggeschickt?" ftagte Straffer mit schlecht verhehlter Bitterkeit. „Was thut man nicht aus Dankbarkeit für einen, den man so viel Gutes zu verdanken hat, wie wir dem Vormunde Fannis?" „Ah so", sagte sich besinnend der Leutnant, „ich vergaß." Frau Hirsch sperrte die Thüre zu der Kammer auf, welche Fanni bewohnt hatte und wohin auch alle Bücher und Schriften nach dem Vater gebracht wurden, als man das sogenannte Extrastübel dem ftemden Officier einräumen mußte. Das ärmlich ausgestattete Stübchen enthielt als einzigen Schmuck einen kleinen, mit brauner Oelfarbe angestrichenen Bücherschrank Straffer trat zu diesem hin, um sich ein Buch zu wählend er wollte diejenigen Werke, die er vor Kurzem gemeinschaftlich mit