Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Mocb's Moebenscbritt. Seite 59 liegenden Berichte zufolge stellt sich das Ausgabeetat pro 1903 in folgender, Weise dar, und zwar wurden bedacht: 28 Arme mit monatlichen Unterstützungen per X 1975.—, 85 Arme mit temporären Unterstützungen per X 1640.—, 6 sieche Frauen X 750.—, Ausstattung für 2 Bräute X 100.—, Curkosten für 4 Frauen X 180.— , Ausbildung eines Mädchens zur Näherin X 90.—, Ausbildung eines Mädchens zur Köchin X 100.—, Kostgeld für einen Lehrling X 105.—, Schulgeld für eine Handelsschülerin X 25.—, Bekleidung von 30 armen Schulkindern mit completen Winterkleidern X 661.—. Das zu Jahresschluß resultirende Vermögen beträgt mit 1. Jänner 1904 X 22.608.54, demnach ist trotz eines Erfordernisses von X 5841.30 ein Zuwachs gegen das Jahr 1903 in der Höhe von X 1046.74 zu verzeichnen. Ä. Stößler, Secretär. Die Praxis des Antisemitismus Das alldeutsche „Leitmeritzer Wochenblatt" beschimpfte den Rabbiner Dr. Schornstein, und Dr. Schornstein rächte sich damit, daß er dem Blatte einen Spiegel seines Antisemitismus vorhielt. Er erklärte, das Blatt, das die Juden so angreife, stehe mit Juden in Geschäftsverbindung und der Herausgeber und Besitzer des Blattes habe die Geschäftsverbindung mit Juden als eine Schande und als Verrath erklärt, er habe aber diesen obersten Grundsatz seines eigenen Blattes systematisch verleugnet zu Gunsten s-eines geschäftlichen Vortheils. Herr Franz Seifert, der Herausgeber und Besitzer des „Leitmeritzer Wochenblattes", klagte den Rabbiner und dieser erbrachte bei Gericht den Beweis, daß der alldeutsche Antisemit bei Juden nicht nur für seine Druckerei, sondern auch für seine privaten Bedürfnisse Artikel eingekauft habe, daß er Inserate von Juden brachte. Außerdem wollte er noch beweisen, daß Herr Seifert vom Juden Ofner ersucht wurde, eine Reclamenotiz sür sein Geschäft aufzunehmen und daß diese Notiz thatsächlich im redaktionellen Theil -erschien, daß er sein Blatt durch Juden verschleißen lasse. Der Richter ließ diese Beweise nicht zu — offenbar genügten ihm schon die durchgeführten Beweise — und sprach den Angeklagten wegen erbrachten Wahrheitsbeweises frei. Gegen dieses Urtheil meldete der verurtheilte Kläger die Berufung an. Aber er hatte beim Kreisgericht nicht mehr Glück. Auch dieses sand den Wahrheitsbeweis erbracht und wies die Berufung zurück. Herr Seifert wird aber weiter die Anderen warnen, bei Juden zu kaufen, wird aber selbst mit Juden Geschäfte machen. München. Zu einer interessanten Trauerkundgebung, wie sie der israelitische Friedhof seit Langem nicht mehr gesehen, gestaltete sich kürzlich die Beerdigung des königlich bayrischen Commerzienrathes, königlich sächsischen Generalconsuls und Geheimen Commerzienrathes Herrn Max Rckter von Wilmersdö'rffer. Mit den Verwandten und Hinterbliebenen hatten sich eingefunden Ministerpräsident a. D. Graf Crailsheim, Geheimer Hofrath und erster Bürgermeister Dr. v. Borscht, Polizeidirector Halber, Geheimrath Ritter v. Klug, sämmtliche Generalconsule, Gesandtschaftssecretär Rippel in Vertretung des durch die Diplomatentafel verhinderten Herrn Ministers und außerordentlichen Gesandten des Königreichs Sachsen Excellenz Freiherrn von Friesen und des Legationssecretärs v. Watzdorf, die Mitglieder der Direction und des Verwaltungsrathes der Bayrischen Vereinsbank, der Bayrischen Gartenbauausstellung, der Bayrischen Numismatischen Gesellschaft mit Herrn Generalconservator, Vorstand des königlichen Münzcabinets und Universitätsprofessor Dr. Hans Riggauer, die Elite des Münchener Kaufmanns- und Handelsstandes, die israelitische Cultusverwaltung mit Herrn Justizrath Dr. Ofner und viele Andere mehr. In einer halbstündigen Trauerrede gedachte Rabbiner Dr. Werner am Sarge des Dahingeschiedenen, den Kranzspenden von S. k. H. dem Prinzregenten Luitpold, des Kronprinzen von Sachsen, S. k. H. des Prinzen Arnulf schmückten, des ausgezeichneten Mannes, der in dem gottbegnadeten Alter von 80 Jahren aus der Welt geschieden ist. In kurzen und knappen Zügen schilderte er das Leben des Verstorbenen, dessen Persönlichkeit mit ungleich vielen hervorragenden Eigenschaften ausgezeichnet war. In einem Hause großgezogen, wo Gottesfurcht und Vaterlandsliebe vorherrschend waren, wuchs er, mit reichen Talenten beschenkt, zum Jüngling heran und gründete als solcher vor 6 Jahrzehnten in München ein Geschäft, aus dem Gottes Segen ruhte und das immer größer und bedeutender wurde durch den emsigen Fleiß und die umsichtige Leitung. So kam auch die Verehrung und Hochachtung seiner Mitbürger, die Huld und dieGnade seinesLandehserrn und Königs zum Ausdruck. ErwareinMann. der glänzte durch seine Bedürfnißlosigkeit, parteilos, hatte Sinn für alles Gute und Schöne und war von taktvollem Auftreten. Sein Wesen schloß sich Allem an, dabei als Ideale Religion uno Vaterland, treu dem deutschen Vaterlarrde, treu dem Bayernlande und feinem Glauben; so werden wir ihn im Gedächtniß halten. Sodann brachte Herr Justizrath Ofner namens des Verwaltungsausschuffes der isreaelitischen Cultusgemeinde den tiefen Schmerz zum Ausdruck, der der Gemeinde geworden durch das Hinscheiden des begeisterten Führers der Glaubensgemeinschaft. Alle seine Kräfte hat er zur Verfügung gestellt und als Administrationsvorstand vom Jahre 1864—1871 in hervorragender Weise mitgeholfen zu dem großen Aufschwung der Gemeinde. Universitätsprofeffor Generalconservator der Wissenschaftlichen Sammlungen Dr. Riggauer sprach als Leiter des königlich bayrischen Münzcabinets den Dank aus für die reiche Förderung, die die Staatssammlung durch den Verstorbenen erhalten und namens der Numismatischen Gesellschaft ihrem Gründungs- und Ehrenmitgliede, der durch lange Jahre mit viel Geschick die Leitung des Vereins innehatte und dessen reiches Wissen auf dem Gebiet der Münzkunde unerreicht ist; gilt doch seine Privatsammlung als die hervorragendste Deutschlands. Sein Name wird unvergeßlich sein in den Annalen des königlich bayrischen Münzcabinets und bei allen deutschen Münzforschern. Namens der consularischen Vertreter des Auslandes in München legte der Niederländische Generalconsul Meier ihrem Senior eine Kranzspende aufs Grab. Weitere hatten gespendet die Bayerische Gartenbaugesellschast, die Direction und Aufsichtsrath der Bayerischen Vereinsbank u. A. m. Christbäume bei — galizrschen Juden. Von M. M a r k st e i n in Brody. Wie schändlich und schamerröthend, ja sogar entehrend ist der Mißbrauch, der sich leider seit einiger Zeit in manche jüdische Häuser auch unseres Landes eingeschlichen hat, nämlich die Weihnachten zu feiern, durch einen sogenannten Christbaum die Wohnungen auf's Luxuriöseste zu schmücken, anstatt das Chanukafest, die Makkabäerseier, zu begehen und zu verherrlichen. Die Geburt Christi ist ein Weltereigniß, das die Juden nur dann mit Freuden begrüßen würden, wann ihre christliche Mitbrüder eingedenk wären, daß der Stifter ihrer Religion aus dem Volke Israels hervorging, auf jüdischem Boden das Licht der Welt erblickte, unter Juden lebte, lernte und lehrte, der die Satzungen seiner Väter mit Genauigkeit befolgte, das Alte Testament nicht verwarf und nur eine Religion der Sanftmuth und Liebe predigte. Aber wie ganz anders ist es, wie ist jetzt die christliche Liebe beschaffen? Haß, Verachtung, Vernichtung wird von Seite unserer heutigen Christen gegen ihre jüdischen Mitbriider in Scene gesetzt, sogar ihre Menschenrechte mit Füßen getreten; gepeinigt auf's Blut, schütz- und wehrlos, ist der geknechtete Jude jeder Verfolgung dem Wilde gleich preisgegeben. Und unter solch traurig Verhältnissen wird ein Christbaum vom freidenkenden Juden oder von seiner emancipirten Ehehälfte im Hause mit den schönsten Sachen geschmückt, von unzähligen Lichtlein erhellt. Das jüdische, naive Kind jubelt und ftohlockt beim Anblicke desselben und fragt in seiner Unschuld um die Bedeutung dessen. Nach langem Zögern und aus wiederholtes Fragen sagen endlich die verlegenen Eltern: „Das ist ein Christbaum!" Das Kind lächelt und erwidert bedächtig: „Das ist gewiß ein Judenbaum, wir sind doch Juden und keine Christen, die mich in der Schule so sehr schmähen und verhöhnen; selbst der Herr Lehrer thut's nicht besser; neulich erst sonderte er die jüdischen Kinder von den christlichen ab, verbot ihnen jeden Verkehr, sowohl in als außer der Schule; er sagte, die Juden hätten Christum, den Sohn Gottes getödtet, und darum müffen sie leiden und die Strafe des Herrn mit Recht empfinden!" Die beschämten Eltern, nichts mehr zum Kinde sprechend, rufen hierauf ihre christlichen Bediensteten und vertheilen unter ihnen reichlich die Geschenke, die ihnen der „jüdische Christbaum" bescheerte. Schöner und würdiger wäre es daher, wann zur Zeit der christlichen Weihnachten, die meist gleichzeitig mit dem Chanukaseste stattfinden, dasselbe in würdiger, herzerhebender Weise begangen wäre, verherrlicht durch das weihevolle Anzünden von Lichtlein, durch Erzählungen über die Makkabäerfiege und durch Ausübung von Wohlthaten an Arme und hilfsbedürftige Schulkinder, was nur segensreich aus das Herz und Gemüth des jüdischen Kindes wirken könnte.