Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 58 Dr. Wlocv's MocbenscbrM. Nr. 4 Die dritte Sitzung wurde Dienstag den 29. December um 10 Uhr Vormittags eröffnet; den Vorsitz führte Obmann Doctor Feuchtwang. Herr Rabbiner Dr. Alex. Kisch erstattet ein sehr interessantes, m't hohem Fleiß und großer Sachkenntniß ausgearbeitetes Referat über die Schaffung eines einheitlichen Lehrplanes, dessen Möglichkeit er anerkennt. wenn man es erreicht, daß für jede Claffe, welche israelitische Schüler hat, separat Religionsunterricht ertheilt wird. Der Stoff muffe sich gliedern in 1) Religionslehre und biblische Geschichte, 2) Hebräische Sprache, soweit sie zum öffentlichen Unterricht und zum Verständniß der Urschrift nöthig ist, 3) Religionsformale Dinge. Referent führte aus. man möge eine räumliche und moralische Trennung der Pflichten vornehmen, die der Staat in Bezug auf den Religionsunterricht habe und die Religiorislehrer in feinem Namen erfüllen, und der Pflichten, die die Cultusgemcinden haben in Bezug auf Heranbildung wackerer Israeliten, so zwar, daß in den Mittelschulen nur ein solches Ausmaß von jüdischer Religionslehre. Geschichte und Wissenschaft zu lehren fei, wie es zu dem Ziele der sittl ch-religiösen Erziehung der Mittelschuljugend führe, was aber über dieses Interesse des Staates hinausgehe, so die Behandlung ritueller Fragen, möge Lehrstoff von separaten, von den einzelnen Cultusgemcinden zu gründenden Religionsschulen sein, welche nach dem Muster ähnlicher Einrichtungen in Deutschland eiuzurichten wären. In der sich daranschließenden Discuffion wird dem Referenten für dieses ausführliche und schwungvoll gehaltene Referat die Anerkennung ausgesprochen, jedoch von verschiedenen Rednern betont, daß es der Referent an positiven Detailvorschlägen habe fehlen laffen, endlich wurde die Ueberlaffung eines Theiles des jetzigen Lehrvlanes an separate Religionsschulen entschieden bekämpft. Da die zum Worte gemeldeten Redner auf ihre Ausführungen nicht verzichten wollen, andererseits sich aber für die Fortsetzung der Berathung ergibt, daß die Versammlung nicht mehr beschlußfähig ist, betraute die Versanimlung den Ausschuß mit der Mission, aus seiner Mitte, aus dem Verbände und auch aus den dem Verbände nicht angehörigen Religionslehrern ein Comit6 zu wählen, welches über die Schaffung eines einheitlichen Lehrplanes eine Enquete zu veranstalten und darüber in der nächsten Plenarversammlung Bericht zu erstatten habe. Hierauf wird der Verbandstag geschloffen. Prag. (Centralvereinzu r Pflege jüdischer Angelegenheiten.) Der am 13. d. M. abgehaltene Vereinsabend wurde mit einem Vortrage des Herrn M. U. Dr. Otto Bondi über „M orris Ros enfeld" eröffnet. Redner zeichnet zuerst -- in kurzen Strichen den Entwicklungsgang dieses heute bereits in zwei Wetttheilen berühmt gewordenen Poeten. Rofenfeld, der im Jahre 1862 in einem russischen Städtchen geboren, in freier Natur unter Fischern herangewachsen war, hatte schon als Knabe die harte Schule des Lebens zu kosten. Erst 18jährig, der Heimatsitte gemäß aber bereits verheiratet, wandte er sich zuerst nach Amsterdam, wo er sich als Diamantschleifer beschäftigte, ging dann nach London, um dort in den „Schneiderschwitzwerkstätten" ein Unterkommen zu finden, und wanderte schließlich nach Amerika aus. Ueberall da fand er reichlich Gelegenheit, die für den armen Juden doppett fühlbaren Widrigkeiten des Daseins kennen zu lernen, und sein scharfer Blick für das Gegenständliche, sowie die in seinem Innern lodernde Glut der Empfindungen entfesselten den in dem bedrückten Gemüthe schlummernden Drang zum Liede. So entwickelte sich aus dem von Haus aus wenig gebildeten, aber in der Schule des Lebens gereiften, genial veranlagten Knaben ein feiner Beobachter der Naturkräfte und der Lebensschicksale zumal der Enterbten, und der unmittelbar aus dem Innersten strömende empfindungsreiche Gedankenaustausch schuf ihn zum Dichter, dessen lyrische Poesien sich heute bereits dem Allerbesten aus der Weltliteratur würdig an die Seite stellen lassen. Seine , Dichtungen, im jüdischen Jargon, einer Mischung des Deutschen mit anderen, insbesondere jüdischen Sprachelementen, geschrieben und „Lieder des Ghetto" bezeichnet, gliedern sich in drei Gruppen, „Lieder der Arbett, des Volkes und des Lebens" und weisen zumeist eine stark realistische Färbung auf, weshalb auch Rosenfeld jedenfalls der allermodernsten Richtung beizuzählen ist. Außer der ganz vorzüglichen, wenn auch etwas fteien, mit Buchschmuck von Lilien versehenen deutschen Uebersetzung Berthold Feiwel's, die bei Calvary in Berlin erschienen, bestehen bereits auch Uebertragungen in andere Sprachen, so von Professor Leo Wiener ins Englische, Maxim Gorki ins Russische und Jar. Brchlicky ins Czechische. Die von liebevollem Erfassen zeugende Anschaulichkett, mtt der Herr Dr. Bondi das Wesentlichste aus dem dichterischen Schaffen Rosenfeld's vermtttelte und kritisch würdigte, gewann durch den anschließenden und von Herrn jur. stud. Schwarzkopf mit feinster Nuancirung besorgten Vortrag einzelner Proben als: „An der Nähmaschine", „Wohin", „Sturm", „Chanukalicht" noch bedeutend an Reiz und Wirkung. Beide Vortragende, die in dankenswerther Weise die nähere Bekanntschaft eines Dichters von vielleicht einzig dastehender Eigenart vermittelt hatten, fanden den lebhaftesten Beifall des zahlreichen Auditoriums. Bei dem nun folgenden Geselligkeitsabendc brachte Herr stuck. Fischer noch „Der Mai", ein Gedicht, das mtt tiefster Schwermuth beginnt und in heißeste Sehnsucht ausklingt, mit überraschend verständnißvoller Auffassung zu Gehör und depr Vortragsthema gewidmete Tischreden der Herren Professor Dr. Kisch, stud. Gütig und Dr. Weltsch beschlossen den recht animirten Abend. Prag Smichow Am 17. d. M., Nachmittags, fand unter äußerst zahlreicher Betheiligung wie noch nie zuvor im Sitzungssaale der Cultusgemeinde die alljährlich ordnungsgemäß abzuhaltende Generalversammlung unserer Chewra-Kadisclm statt. In derselben wurde die vollständige Neugestaltung des so segensreichen Vereines, die sich namentlich in einer Erweiterung seines Pflichtenkreises bethätigen soll, dargelegt, dann aber auf das wichtigste Ereigniß des verflossenen Vereinsjahres hingewiesen, auf die Schließung des 101 Jahre alten und die Einweihung des neuen Friedhofes, die unter sehr zahlreicher Betheiligung aus allen Schichten der Bevölkerung und in Anwesenheit fast aller Rabbiner und Vorsteher Prags und der Vororte stattgefunden hatt Und in der That verdient diese in der unmittelbarsten Nähe der Stadt gelegene herrliche Anlage mit der auf derselben stehenden, und wie selbst von den Behörden hervorgehoben worden, als mit allen modernen hygienischen Einrichtungen ausgestatteten Ceremonienhalle, die vollste Anerkennung. Nachdem dann noch 2 um den Verein hochverdiente Mitglieder, der greise Herr Ignaz Weißkopf und Herr Alfred Trier, unter Ueberreichung von Diplomen zu Altmännern erwählt worden sind, wurde dem Vorstande einsttmmig der Dank votirt. Bei den hierauf vorg'enommenen Wahlen wurden die - Herren: Heinrich Taussig zum Obmanne, Ernst Wiener, Alfred Trier, Ludwig Elischak, Adolf Bergmann, Samuel Löwit, Philipp Grabenstein zu Vorstandsmitgliedern einstimmig wiedergewählt; die Herren Markus Robitschek und Wilhelm Eißner als Ersatzmänner neugewählt. An die Generalversammlung schloß sich ein feierlicher Gottesdienst an, bei welchem Herr Obercantor Otto Goldbaum in ergreifender Weise das «Tom-Kippur Katan vorgetragen, worauf unser ehrwürdiger Herr Rabbiner Docent Doctor Herzog die Kanzel bestieg, um die Principien einer jeden 6Ii6^ra-Kacki86tta, insbesondere aber der unserigen, darzulegen. Mit der Verrichtung des Naariv-Gebetes schloß die sehr würdige synagogale Feier. Arm Abend versammelte im „Hotel Bristol" ein von der Cliewra gegebenes Bankett den größten Theil der Vereinsmitglieder -und war auch der Vorstand der Cultusgemeinde, mit dem Herrn Rudolf Grab an der Spitze, fast vollständig erschienen. Eine während des Banketts über Antrag des Herrn Karl Pick veranstaltete Geldsammlung, die eine schöne Summe ergab, wird über Antrag des Herrn Rabbiners als festes Capital angelegt werden, aus dessen Zinsen ohne Grabstein bestehende Gräber mit einem solchen ausgestattet werden. Olnrütz Der hiesige israelitische Frauenverein, welcher ' unter der bewährten Leitung der Frau Sofie Zweig und deren Stellvertreterin Frau Sofie Kaufmann eine nach jeder Richtung hin ersprießliche Dhätigkeit entfaltet, hat nunmehr den Jahresbericht über das abgelaufene 11. Vereinsjahr veröffentlicht. Die nachstehenden Daten über das Wirken dieses aufftrebenden Vereines ermuthigen zur fteudigen Hoffnung, daß es den weiteren humanitären Bestrebungen dieses Vereines gelingen wird, den stets wachsenden Anforderungen hinsichtlich der zu gewährenden Unterstützungen auch für die Folge gerecht zu werden. Zu dieser Annahme kann man schon aus dem Grunde hinneigen, als es lobend hervorgehoben werden muß, daß die geehrten Mitglieder und Gönner unseres Frauen-Vereines jederzeit bereit sind, ihre thatkräftige Unterstützung sowie die vollen Sympathien jeder menschenfreundlichen. Regung angedeihen zu lassen. Dem vor-