Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr Dlocb's Wochenschrift Seite 65 dieses Briefes sollte öffentlich bekannt machen, daß man die Juden nach ihren eigenen Gesetzen leben lasse. Friedländcr ist der Ansicht, daß diese Zusätze um das Jahr 135 vor Chr. verfaßt wurden und daß sie Vorgänge schildern, die sich bei der Belagerung Jerusalems durch Antiochus Sidetes abspielten. Auch die Poesie wurde der Apologetik dienstbar gemacht. Der jüdische Dichter Ezekielos versucht in seinem Drama „Der Auszug", der anstößigen Erzählung der Bibel, daß die aus Egypten ziehenden Juden fremdes Eigenthum mitgenommen, die unschuldige Auslegung zu geben, daß die 'Kostbarkeiten, welche sie mitgenommen, ihnen als Lohn für ihre unzähligen und schweren Arbeiten gewährt worden seien; eine Auslegung, welche sich auch bei Philo und im Talmud findet (Synhedr. 9In). Als die vorzüglichste Waffe zur Vertheidigung und zum Angriff bot sich den hellenischen Juden die Sibyllistik dar. Mehr als jede andere Autorität mußte imponiren, wenn die uralte Sibylle, die als erithräische dem Herrn Agamemnon's geweißsagt und als Sibylle von Kumee mit Tarquinins gehandelt, ihre ehrwürdige Stimme für das Judenthum abgab (Hausrath, Neutestam. Zeitgesch., II., 104). Die Sibylle verkündet, daß alle Menschen von Natur gleich und mit guter Denkart ausgestattet seien. Nur der harte Kampf ums Dasein, erzeugt durch die Ungleichheit des Besitzes, verschlechtert die Sitten; an allem Unglück in der Welt, an allen Kämpfen und Zerrüttungen trage die Gier nach materiellem .Besitz Schuld. Darum mahnt die jüdische Sibylle: „Strebe nicht nach Reichthum und wünsche Dir nur Eines: daß Du von Wenigem lebest, nichts aber mit Unrecht besitzest". Dieses Ideal aber wurde im Gemeinwesen der Essäer verwirklicht, und treffend bemerkt Friedländer, daß die Sibylle zeitgenössische Vorgänge wiederspiegelt und sie zu apologetischen Zwecken verwerthet. Apologetische und propagandistische Zwecke verfolgte die griechische Bibel, durch welche „Japhet in die Zelte Sem's einzog". Diese Uebersetzung der Septuaginta, in der zum erstenmale der semi-; tische Gedanke in hellenistischer Form sich darzustellen versuchte, wurde mit Recht der erste Apostel genannt, der hinausging in alle Welt und lehrte alle Völker (Graetz, Geschichte der Juden, 3, 36). In Alexandrien feierte man den Tag der Entstehung der griechischen Bibelübersetzung als einen Festtag, in Palästina als Fasttag; das palästinensische Judenthum wollte seine Religion gegen den Hellenismus, das alcxandrinische mit dem Hellenismus vertheidigen, jenes wollte keine Propaganda machen, dieses hingegen wollte seine Existenzberechtigung mit der Eignung zur Weltreligion legitimiren. (Schluß folgt.) Korrespondenzen. Wien. (Schönlatern - Bethaus.) Dieses im Centrum der Stadt gelegene Bethaus begeht demnächst das Jubiläum seines 50jährigen Bestandes — dasselbe dürfte somit das älteste Wiener Privatbethaus sein. Bei Begründung hatte der Vorstand mit mannigfaltigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sowohl Staatsbehörden als auch Cultusvorstand hatten Bedenken gegen die Errichtung dieses Bethauses. Erst die loyale Erklärung der Gründer, daß es ihnen nur um die Einrichtung eines Gotteshauses nach altem Ritus zu thun sei, sie aber nach wie vor Mitglieder der Gesammtgemeinde bleiben und an diese die Cultussteuer entrichten wollen, vermochte das Mißtrauen des Cultusvorstandes zu beheben. Dagegen erblickte die Staatspolizei in dem Vorhaben der Gründer eine unstatthafte „Sectirerei" und drohte, „mit geeigneten Zwangsmitteln" die aufgetragene Vereinigung mit den „Polen" zu vollziehen, welche nach Demolirung des Lazzeuhofes (in welchem die orthodoxe Schule früher untergebracht war) in die Leopoldstadt, Ankergasse, übersiedelt waren. Das Comite der deutsch-orthodoxen Mitglieder (welche aus den Gemeinden Böhmens, Mährens und Ungarns stammten) ließ sich in seinem Vorhaben nicht beirren und kaufte mit subscribirten Geldern im December 1852 das Haus „Zur schönen Laterne" und ließ das 1. Stockwerk für Bethauszwecke adaptiren. Nach vielfachen Bemühungen gelang es auch, von der Polizeidirection die „provisorische" Erlaubniß zur Abhaltung der Gebete in dem erkauften Hause zu erwirken. Gegen Ende des Jahres 1853 wurde das Bethaus eingeweiht. Der erste Vorstand bestand aus den Herren: Kopel Benedict, Heinrich Berger, Anton Bing, Israel Goldmann, Israel Knöpfelmacher, Franz Neumann und Jacob Wertheimer. Als Rabbiner fungirte der Rabbinats-Affeffor Lazar Horwitz s. A. als Cantor Herr I. H. Glück. — Die Jubiläumsfeier wird Sonntag den 31. Jänner, Nachmittags 4 Uhr, im Bethause, I., Schönlaterngasfe 6, abgehalten werden. Juden in der österreichischen Industrie. Eine Geschichte der Juden in Oesterreich hätte vor Allem die wichtige Aufgabe, die Verdienste der Juden um die Förderung und Entwicklung der österreichischen Industrie an der Hand detaillirter Angaben darzustellen. Es ist eine Thatsache, welche wir bereits in einem Artikel: „Confection und Confession" bloßgelegt haben, daß ganze blühende Industrien, welche auch außerhalb der Grenzen Oesterreichs hohe Anerkennung genießen, von Juden in Oesterreich ins Leben gerufen und eine Prosperität entwickelt Haben, welche der arbeitenden Bevölkerung vielfach zum Segen gereichte. Der neueste Rückgang der österreichischen Industrie fallt zusammen mit dem Aufschwünge des Antisemitismus, und zweifellos findet ein ursächlicher Zusammenhang statt zwischen diesen beiden Erscheinungen. Einzelnen Industriezweigen ist es gelungen, auch diese Ungunst der Zeit zu überwinden und trotz aller äußeren Hindernisse die Fabrication auszudehnen und zu verbeffern. Das lehrt in erfreulicher Weise eine interessante Festschrift „Entwicklungs-Geschichte der k. u. k. Hof-Toilette-Seifen- und Parfümerien- Fabrik von G o t t l i e b T a u s s i g", welche zur Erinnerung an den fünfzigjährigen Bestand der Fabrik soeben die Presse verließ und aus der Feder des commerciellen Directors Leopold Baß herrührt. Die Schrift enthält nicht blos biographische Daten über den Gründer und Inhaber der Fabrik, sondern auch werthvolle Mittheilungen über die fortschreitende Entwicklung dieses wichtigen Industriezweiges. Die Erzeugnisse dieser Fabrik haben nicht blos vielfache Auszeichnungen auf den verschiedensten Weltausstellungen erlangt, sondern auch sich den Weltmarkt erobert. Wenn heute ein Oesterreicher eine Weltreise unternimmt, so findet er Tausfig'sche Fabrikate ebensowohl am Kamp als an der Nordküste Asiens, ebenso bei den Tabakpflanzern Manilas als bei den Feueranbetern Ostindiens und. den Goldgräbern Transvaals und in den Theehäusern Chinas uub Japans rc. Der Exportbestrebungen der Firma wurde von Seite der General - Consuln, beziehungsweise Consuln der überseeischen Plätze in ihren Berichten an die Ministerien des Aeußern und des Handels, sowie in ihren in Wien gehaltenen Vorträgen wiederholt rühmend gedacht. Die Schrift schildert die baulichen Veränderungen, welche infolge der Zunahme des Absatzgebietes im Fabriksgebäude vollzogen werden mußten und bietet künstlerisch vollendete Abbildungen der neuen Fabriksräumlichkeiten. Besonders interessant ist die Thatsache aber, daß der Fabriksherr aus dem Handwerkerstand hervorgegangen und als Kleingewerbetreibender begonnen hat. Am 5. Jänner 1834 zu Prag geboren, kam Herr Gottlieb Taufsig im Jahre 1848 zum dortigen Seifensieder M. Plohn in die Lehre. Er widmete die Jugendjahre der praktischen Erlernung seines Gewerbes und war als Geselle in diversen Seifenfabriken zu Prag und Wien thätig. Die photographische Reproduction einiger Seiten seines „Wanderbuches" zeigt u. A. auch, daß er sich mit einem Lehrbrief vom 28. Jänner 1851 ausgewiesen, daß er wiederholt als Geselle thätig war und die „Wanderbewilligung" für die k. k. österreichischen Kronländer erhalten hat. Daß ein Jude als Arbeitsgeber und Fabriksherr sein menschliches Fühlen und jüdisches Empfinden nicht verleugnet, das zeigt die Thatsache, daß einzelne Arbeiter und Arbeiterinnen bereits in der Dauer von zwei bis vier Jahrzehnten und darüber hinaus der Fabrik angehören. Prämiirte Arbeiterinnen find Anna Matuschek mit 41 Dienstjahren, Leopoldine Bauer mit 37, Anna Lexer mit 36, Sophie Müller mit 34, Elisabeth Wimazal mit 32, Hedwig Langer mit 30 und Herrn Johann