Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 54 Dr. DIocd's MocbenscbrM. Nr. 4 wesend und fragte verschiedene Angreifer, was sie gegen die Jüden hätten, und die Antwort lautete stets: „Die Juden haben unseren Czaren ermordet." Alle waren auch überzeugt davon, daß der Angiff autorisirt war. Darin wurden sie noch durch die Passivität der Truppen bestärkt» So ist es noch heute. Die größte Schuld tragen jedoch die antisemitische Presse und die amtlichen Auslastungen. Mit Bezug auf eine feindliche Politik gegen die fremden Nationalitäten ist die Regierung einig mit den einflußreichsten Kreisen der russischen Gesellschaft. Die Bestrebungen der russischen Nationalisten sind stets gegen die Juden gerichtet gewesen, da diese unter keinen Umständen für die Aufsaffung von der allrussischen Suprematie gewonnen werden können. Die Handwerker fürchten die jüdische Concurrenz, und deshalb machen sie mit den Nationalisten gemeinsame Sache. Das eigentliche Rückgrat des russischen Antisemitismus liefern nicht Bauern und Arbeiter, sondern die wohlhabenden oberen und mittleren Elasten sowie ein gut Theil der professionellen Leute. Allerdings gibt es auch unter den russischen Liberalen Freunde der Juden und unter den höchsten Vertretern der ruffischen Literatur, Kunst und Wissenschaft ist kaum ein Antisemit zu finden. Der ftühere Finanzminister Witte hat in einem geheimen Memoire die Aufhebung aller Beschränkungen mit Bezug auf die bürgerlichen Rechte der Juden in Rußland empfohlen, und zwar lediglich aus ökonomischen Gründen. Obgleich dies zu einer Zeit geschah, als Witte auf dem Höhepunkt feiner Macht stand, erwies sich doch der Nationalismus damals mächtiger. Geschichte der Wische« Apologetik als Uoegeschichte des Christentums. Von Dr. M. Friedlander*) Das an großen Gesichtspunkten reiche Werk ist mit gründlichem Fleiße und scharfsinngcr Verwerthung des umfassenden Quellenmaterials aus dem biblischen und talmudischen Schriftthum, der hellenistischen und patriftischen Literatur gearbeitet. In einem nicht speciell wissenschaftlichen Blatte können nur einzelne Hauptpunkte wiedergegeben werden, um einen Einblick in den Ursprung, die Entwicklung, Ausbreitung und Tragweite der jüdischen Apologetik für die Gestaltung des Judenthums und die Entstehung des Ehristenthunls zu verschaffen. Eine Geschichte der jüdischen Apologetik bedeutet, wie der Verfaster in der Einleitung mit Recht behauptet, eine Geschichte des Jüdenchums, die eine ununterbrochene Reihe von Kämpfen für die Eichaltung des jüdischen Stammes ist. Der Glaube an seine Auserwähltheit ist dem Judenthume eine unzweideutige Wahrheit, mit der seine Existenz steht und fällt. Schon das ganze biblische Alterthum ist auf Abwehr gerichtet, darauf angelegt, Eroberungen zu machen und der monotheistischen Idee und Sittenlehre den endlichen Sieg über die ganze Welt zu erringen. ^Z)as Gesetz ist dem jüdischen Volke gegeben worden, damit es dasselbe in die Welt hinaustrage, es verbreite, allen Götzendienst, allen Aberglauben und alle Sittenlosigkeit aus der Welt schaffe. Diese weltgeschichtliche Mission schärft Moses dem Volke mit den Worten ein: Sieh, ich habe euch Rechte und Gesetze gegeben, wie mir der Ewige mein Gott befohlen, daß ihr sie ausübet im Lande, dahin ihr kommen werdet, cs zu besitzen . . , denn das wird eure Weisheit und eure Einsicht sein in den Augen der Völker, daß sie, wenn sie diese Gesetze hören, sprechen:' Wahrlich, das ist ein weises und verständiges Volk (Deutoron. 4, 5 ff.). Salomo will alle Völker der Erde für die Religion Israels gewinnen, wenn er im Gebete bei der Einweihung des Tempels der ftemden Völker gedenkt. „Auch ein Fremder, der nicht deines Volkes ist, wenn er aus fernem Lande kommt, daß er bete vor diesem Hause — so wollest du ihn erhören im Himmel — auf daß alle Völker der Erde deinen Namen erkennen", (s. Könige 8, 44—47) — (Midrasch rabba, IV. B. M., P. 1 bemerkt zu dieser Stelle: *) Verlag von Cäsar Schmidt, Zürich. „Das Heiligthum war für die Heiden von größerem Nutzen als für Israel, denn es heißt: Wenn Fremde in deinem Hause beten, so thue ihnen, was sie von dir erflehen, von Israel aber heißt es: ertheile einem Jeden nach seinem Wandel, denn du kennst sein Herz".) Auf gleicher Höhe universalistischer Auffassung standen die Propheten, diese berufensten Interpreten der mosaischen Lehre, die sie im Lichte einer durch Bildung und Wissen geläuterten Zeit erschauten. Die eigentliche Heimat der jüdischen Apologetik aber ist Alexandria in Egypten, wo Judenthum und Hellenismus zum ersten Male aufeinanderstießen; hier drängte sich die Nothwendigkeit auf, die angegriffene väterliche Religion vertheidigen zu müssen, und ergab sich die Gelegenheit, für sie Propaganda zu machen. „Mit den Schmähungen gegen uns, sagt Josephus (eovtra Apionem 1, 25) machten die Egypter den Anfang. Als sie sahen, daß wir von Vielen wegen der Erhabenheit unserer Religion, zu der sie sich nicht emporzuschwingen vermochten, als Vorbilder angesehen werden, empfanden sie Mißgunst". Der erste geschichtlich bekannte Angreifer war der egyptische Priester Manetho, der um die Mitte des 3. Jahrhunderts vor Christi in seiner griechisch geschriebenen Geschichte „Agyptiaka" die Herkunft des jüdischen Volkes verunglimpfte und dabei ausdrücklich erklärte, daß er landläufige Fabeln wiedergebe und sagenhafte Berichte über die Juden mittheile. Gegen Manetho tritt ein jüdischer Geschichtsschreiber, Demetrius, auf den Plan. In demselben Jahrhundert wie Manetho lebend, unternahm er es, das hohe Alter des Judenthums hervorzukehren und die Angriffe auf das Judenthum abzuwehren. (Freudenthal, hellen. Studien, I. 80,) Ganz anders wurde von seinen Nachfolgern Eupolemos und Artapanos die biblische Geschichte behandelt, welche die Wege ihrer Gegner wanderten; wie diese, um das Judenthum zu schmähen Und herabzuwürdigen, seine Geschichte durch häßliche Erdichtungen gefälscht, so fälschten auch sie durch Erdichtungen und Zuthaten zum Zwecke der Glorificirung des jüdischen Vo,lkes. Abraham habe an Weisheit Alle übertroffen, die Astrologie und alle Wissenschaft der Chaldäer'erfunden (dies hat auch später Eingang in den Talmud gefunden), die Phönizier den Lauf der Sonne und des Mondes gelehrt. Artapanos erzählt: Josef habe die Maaße erfunden, Moses, von den Griechen Musäus genannt, sei der Lehrer des Orpheus gewesen, habe Schiffe, Maschinen, die egyptischen Waffen, die Philosophie erfunden und den Priestern aufgetragen, Katzen, Hunde und Ibisse zu halten; darum sei er auch von den Egyptern geliebt, von den Priestern mit göttlichen Ehren überhäuft und wegen seiner Auslegung der heiligen Schriften Hermes genannt worden, (lllusab. Präparatio evang. IX, 18, 23—27.) Für diese Pseudo-Historik läßt sich nur die eine Rechtfertigung geltend machen: daß sie provocirt wurde. Man schrieb eben nicht, um die dunkle Vergangenheit der Geschichte aufzuhellen, sondern nur, um die gehässigen Anklagen, die unwürdigen Verleumdungen von sich abzuwehren. So trat Unwahrheit der Unwahrheit entgegen, die Lüge wollte man mit der Lüge besiegen. Zu dieser Literatur gehören auch die griechischen Zusätze zum Buche Esther aus dem II. Jahrhundert vyr Ehr., da Apollonius Molon gegen das Judenthum die Anwürfe erhob: daß die Juden nicht dieselben Götter wie die Andern anbeten, daß sie keine Gemeinschaft haben wollen mit denen, welche andere Ansichten über die Gottheit haben, kurz, daß sie gottlose Menschenfeinde feien. In feinem ersten Edict bekräftigt König Artaxerxes die Anklagen seines Ministers Haman, aber in seinem zweiten Edict erklärt er, daß er, irregeführt durch einen undankbaren, ehrsüchtigen und verleumderischen Rathgeber, falsche Vorstellungen über die Juden und ihren Gott gefaßt und durch Haman's Einflüsterungen sich habe drängen lassen, grausame Maßregeln gegen diese Unschuldigen anzuordnen. Wir finden, sagt Artaxerxes, daß die der Vernichtung preisgegebenen Juden keine Verbrecher sind, vielmehr nach gerechten Gesetzen als Staatsbürger leben und daß sie Söhne des höchsten, größten, lebendigen- Gottes sind, der uns und unseren Vorfahren das Reich in der schönsten Verfassung erhalten hat. Die Abschrift