Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6o Sr. Llocb's Mocdenscbrikt. Nr. 4 dem von ihm beeideten Lehrer die Unparteilichkeit, die strenge Rücksicht auf seine Pflicht und die Meidung confessioneller Umtriebe zu wahren. Es geht nicht an, sich mit beharrlicher Gewohnheit auf seine Ohnmacht im Stadtrathe und auf nur einen kleinen Bruchcheil seiner Stimme in dieser Körperschaft zu berufen; er ist und bleibt gegenüber der Oeffentlichkeit und der Regierung die verantwortliche Person, die beim Bruche seiner beeideten Pflichten zur Rechenschaft gezogen werden müßte. Der Verfasser des Artikels hat auch das Jahrbuch der Stadt Wien vom Jahre 1896 angezogen, und es sei mir gestattet, statistische Parallelen zwischen diesem Jahrgange und den Jahren 1900 und 1901 zu ziehen. Im Jahre 1896 gab cs an den Volksschulen für allgemeinen Unterricht 3825 Lehrkräfte, darunter 188 jüdischer Confession bei einer Schülerzahl von 15.489 jüdischer Kinder; im Jahre 1900 unter 4209 Lehrkräften 174 jüdischer Confession bei einer Schülerzahl von 16.329 jüdischer Kinder. Während die Zahl der Lehrkräfte um 384 und die der jüdischen Kinder um 840 stieg, ist die Zahl der jüdischen Lehrkräfte um 14 Personen gesunken. Im Jahre 1901 war die Gesammtzahl der Lehrkräfte 4311, darunter 167 jüdische bei einer Schülerzahl von 16.603 jüdischer Confession!!! Wenn man die Tabellen der jüdischen Hilfskräfte dieser Jahrgänge betrachtet, ist bei diesen der größte Abfall zu verzeichnen, was darauf hindeutet, daß die jüngeren Lchrpersonen sich noch rechtzeitig einem anderen Berufe zugewendet haben. Da seit dem Jahre 1895 keine männlichen Lehrkräfte mehr die k. k. Lehrerbildungsanstalt besuchen, ist in der That ein Aussterben der jüdischen Lehrerschaft in Wien zu befürchten. Und trotzdem müssen wir — der Verfasser des Artikels läßt diesen Gedanken durchblicken — dagegen Einsprache erheben, daß bei Anstellungen vielleicht ein percentuelles Verhaltniß zur Kopfzahl der einer bestimmten Confession Angehörigen eingeführt werden würde. Wir verlangen nach dem Aussprüche des Ministers Körber „Einerlei Recht für Alle", es möge bei Bewerbern um eine Lehr- oder Staatsanstellung nicht die Religion, sondern die Vorbildung, die Fähigkeit und die Moralität als Unterlage dienen, und wenn wir auch in den gegebenen Zeitläuften von der Verwirklichung dieses Ideals weit entfernt sind, ist es doch unsere heiligste Pflicht, unsere ganze Kraft dafür einzusetzen und an demselben für alle Zukunft festzuhalten. Es ist gewiß von großem Nutzen, wenn Ihr geschätztes Blatt der Aussprache über die Lage eines Theiles der intelligenten Judenschaft die Spalten öffnet, und von nicht geringerem Nutzen wäre es, wenn Versammlungen einberufen werden würden, um ohne Rücksicht auf das antisemitische Gejohle unsere Stimmen laut und kräftig zu erheben, mit der Losung: „Wir verlangen gleiches Recht und Gerechtigkeit". E. N. Mdische Findelkinder. Von Dr. M. St... r. In Sachen der Menschenliebe waren es — wenigstens in früheren Zeiten — stets die Juden, welche mit gutem Beispiele vorangingen. Als um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Sterblichkeit unter den Findelkindern ganz excessiv gestiegen war, lenkte ein ärztliches Mitglied des hiesigen Cultusvorstandes Dr. Maximilian Engel und nach ihm ein anderer Arzt Dr.'Ludwig Fürth die Aufmerksamkeit des Cultusvorstandes auf diese traurigen Verhältnisse. Nach eingehenden Erhebungen beschloß der Cultusvorstand, dem damaligen Director der Findelanstalt Dr. Friedinger einen Geldbetrag zur Verfügung zu stellen, um jeder Pflegepartei, welche jüdische Kinder in Pflege nehmen würde, eine Prämie von 5 fl. bei Uebernahme eines jüdischen Kindes zu gewähren, und weitere 5 fl., wenn das ihr anvertraute Kind am Schluffe des ersten Jahres noch am Leben sei. Da vollzog sich urplötzlich ein doppeltes Wunder — ein psychologisches und ein physiologisches. Während bis dahin nur die allerärmsten Pflegeparteien sich herbeiließen, einen „jüdischen Balg" in Pflege zu nehmen, drängten sich jetzt die bestsituirten, die sogenannten „Brustparteien" (das sind solche, welche dem Kinde Muttermilch bieten), um die jüdischen Kinder — eine Seelenwandlung um der 5 fl. willen. Und um der nach Jahresfrist zu erlangenden zweiten 5 fl. willen verstanden es die Pflegeparteien,, die ehedem dem Tode geweihten Kinder am Leben zu erhalten — ein physiologisches Wunder, welches schon im ersten Prämienjahre das Sterblichkeitspercent der jüdischen Kinder von 84 auf 27 herabgedrückt hat. Da etwa hundert jüdische Kinder per Jahr in Pflege gegeben wurden, so hat eine Ausgabe von etwa 1000 fl. per Jahr nicht weniger als 57 Kinder vor sicherem Tode bewahrt. Der Vorgang des Cultusvorstandes hat Schule gemacht; andersgläubige Corporationen und Private folgten dem Beispiele und unter der trefflichen Leitung des Direktors Friedinger hielt sich das Sterblichkeitspercent der Wiener Findelkinder durch eine Reihe von Jahren in relativ mäßigen Grenzen. Durch solchen Erfolg ermuthigt, beschloß der Cultusvorstand, seine ftüheren Maßnahmen zu ergänzen, indem er den Pflegeparteien eine dritte Prämie, und zwar von 10 fl. gewährte, wenn das ihnen anvertraute jüdische Kind das dritte Lebensjahr vollendet hätte. Auch dieses Zugeständniß war von erwünschtem Erfolge begleitet. Im Verlaufe der Zeit gestalteten sich jedoch die allgemeinen Verhältnisse wieder ungünstiger. Dr. Friedinger hatte, dankerfüllt für die rettende That des Cultusvorstandes, die jüdischen Kinder meist den flovakischen Brustparteien zugetheilt. Nach seinem Tode kam es, außer Brauch, Kruder nach Ungarn zu schicken, man brachte sie in Cisleithanien unter, wo fast allerwärts die Kinder mit der Flasche vorlieb nehmen müssen. Auch wurde der Aufenthaltsort der Pflegekinder als Amtsgeheimniß behandelt, daher auch jede Nachschau über den Verbleib und die Behandlung der jüdischen Kinder ausgeschlossen erschien. Nach zufälligen und gelegentlichen Stichproben aber kann angenommen werden, daß die Kinder durchschnittlich unzureichend verpflegt und in überwiegender Zahl der Taufe zugeführt werden. Daß auch das Loos der christlichen Findelkinder ein beklagenswerthes ist, bietet nur geringen Trost. Erst seit zwei Jahren bemüht sich der niederösterreichische Landesausschuß, die Verhältnisse zu bessern und vor Allem eine sorgfältigere Ueberwachung der Findelkinder einzurichten. Zugleich wurden Versuche angestellt, die Kinder in wohlorganisirten Verpflegsstationen aufzuziehen, um sie den unverständigen oder unredlichen Pflegeparteien zu entziehen. Sache des Cultusvorstandes wäre es, diese kinderfteundliche Tendenz des Landesausschusses im Interesse der jüdischen Pflegekinder zu benützen. Um so dringender erschiene dies, als sich die Verhältnisse der letzteren seit einigen Jahren namhaft verschlechterten. Aus der nachfolgenden Tabelle ist zu entnehmen, daß die Sterblichkeit unter den jüdischen Pflegekindern von Neuem erheblich zugenommen hat. Auch fällt es auf, daß viele Pflegeparteien die zweite Prämie (nach Vollendung des 1. Lebensjahres) nicht in Anspruch genommen haben, was nur durch einen ungewöhnlichen Tiefstand ihrer Intelligenz zu erklären ist. Und schließlich sind die erhältlichen Daten sehr unvollständig, so daß man nicht einmal erfahren kann, wie viel' Kinder nach dem 1. Jahre gestorben sind. Es wurden i. d. Gebäranstalt im I. 1899 1990 1901 1802 1903 ausgenommen 131 117 119 142 136 Kinder abgegeben in Pflege 68 61 65 67 69 „ gestorben in Pflege 26 18 15 32 27 „ in Percenten 38 30 27 40 46_ Die I. Prämien wurden ertheilt an 60 55 61 67 50Parteien „ II. „ „ 8 22 8 11 25 „ „ HL „ „ ., „ 32 21 32 2i 26 „ Der antisemitischen Strömung ungeachtet dürfte der Landesausschuß, dem die Findelanstalt untersteht, eine Controlirung