Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 3 Dr Blocb’s Wocbenscbnft. Seite 47 Wird, da reducirt man lieber sein Dienstpersonal, als daß man neues ausnähme." „Herr Vormund!" sagte Fanni, kurz entschlossen. „Sie haben nur Einen Grund zu wissen verlangt, und ich habe Ihnen auch nur Einen genannt, und zwar denjenigen, den ich Ihnen mit dem geringsten Erröthen nennen konnte. Nachdem Sie diesen für nicht genügend betrachten, bin ich gezwungen, Ihnen andere zu nennen. Herr Vormund! Schelten, schlagen Sie mich, ich verdiene nichts anderes, denn wenn ich nicht rechtzeitig fliehe, ist meine Seelenruhe dahin." „Sollte sich Jemand unterfangen, Dir nachzustellen? Der sollte es mit mir zu thun haben!" Aller nur mühsam unterdrückter Groll, den der arme Vater gegen die Feinde hatte, durch die sein Sohn gefallen ist, brach bei diesen Worten hervor. Erschrocken über die drohende Geberde und Bewegung des sonst so gelassenen Mannes antwortete Fanni rasch: „Nicht doch, Herr Vormund. Niemand anderer bedroht mich als mein eigenes Herz, das mir die größte Gefahr bereitet, und ich finde, daß es besser und klüger ist, der Gefahr aus dem Wege zu gehen, als ihr zu trotzen." Fleischmann dachte eine Weile nach. Dann sprach er: „Unter diesen Umständen ist es allerdings besser, wenn Du unter einem Vorwände aus dem Hause gehest. Aber Deine Mutter darf nicht beunruhigt werden, sie trägt ohnehin genug an den Sorgen, die sie hat, es sollen ihr keine neuen aufgebürdet werden. Ich werde ihr die Nothwendigkeit Deiner Entfernung vom Hause schon plausibel zu machen wissen. Aber jetzt, wohin geschwind mit Dir? Jetzt in dieser unruhigen Zeit, wo man sich gegen Fremde so ungastlich zeigt?" Gedankenvoll, nachdenkend, schritt der Vormund einigemale im Zimmer auf und ab, seiner Gewohnheit gemäß die Hände über dem Rücken gekreuzt. Voller Spannung folgte Fanni's Blick jedem seiner Schritte und war bemüht, die hinter seiner gefurchten Stirne arbeitenden Gedanken zu lesen. Plötzlich blieb Fleischmann stehen. „Ich hab's, ich hab's", rief er freudig aus. „In einem kleinen Marktflecken Südböhmens, bis wohin der Feind schwerlich dringen wird, lebt meine, an einen Schuster verheiratete Schwester. Pavarav, so heißt dieser Ort, war ehemals der Sitz einer jüdischen Gemeinde, von welcher aber nichts mehr übrig geblieben ist, als eine alte, fast baufällige Synagoge und deren Hüter, mein Schwager Schuster. Die Leute leben ärmlich aber rechtlich von dem Ertrage ihrer Arbeit. Ich werde Deiner Mutter sagen, daß meine Schwester erkrankt ist und Deiner Pflege bedarf. Wie ich sie kenne, wird sie keinen Moment zaudern, Dich hinzusenden, und da das Reisen während des Waffenstillstandes ungefährlich ist, so bringe ich Dich in nächster Nacht dahin. Meine Schwester wird Dich freundlich ausnehmen, und Du wirst trachten, Dich ihr nützlich zu machen. Mein Schwager ist wohl nur ein simpler Schuster, aber Du wirst doch mit ihm sprechen können, er liest viel und ist nicht ganz unwissend, namentlich singt er schön. So jetzt geh' nach Hause, sag' niemanden von unserer Unterredung, bereite Dich aber im Süllen zur Abreise vor. Leid ist mir eigentlich nur Deine Mutter, welche nach Deiner Abreise alle Sorge und Arbeit allein tragen muß. Doch werden ihr meine Frauenzimmer so viel als möglich behilflich sein." Fanni dankte mit bewegten Worten dem gütigen Vormunde für seine Fürsorge und begab sich nach Hause. Hatte sie in der darauffolgenden Nacht gut geschlafen, nachdem sie ihren Vorsatz ausgesührt, ihren Willen durchgesetzt hat? Nicht doch! Laut schluchzend warf sie sich auf ihr Lager und benetzte die Kissen ihres Bettes mit glühenden Thränen. „Ich bleibe Dir treu, mein armer todter Freund", rief sie ein über das anderemal, „treu bis zu meinem Tode!" Die Thörichte, sie hatte nicht bedacht, daß sie im Geiste bereits die Treue gebrochen hatte, daß sie nur einen verzweifelten Fluchtversuch machen wollte vor der aufkeimenden alle ihre früheren Regungen überwuchernden Liebe zu dem schönen tapferen Feinde. Fliehen wollte sie und sie floh auch. (Forts, folgt.) Literatur. Ksiet Kaweelhar, Rzeszow. Mofeth Hador. Biographie des berühmten scharfsinnigen Rabbi Ezechiel L' a n d a u, Oberrabbiner zu Prag; wie auch die Lebensbeschreibung seiner Kinder. 1903. K. Die Akademie der Wissenschaften zu Paris hat den Physiker der Berliner königlichen Sternwarte, Professor Dr. Eugen Goldstein, durch Zuerkennung eines Preises für seine physikalischen Entdeckungen geehrt. Goldstein beschäftigt sich seit einer längeren Reihe von Jahren mit der Erforschung der Äathodenstrahlen. Professor Jacques Hadamard in Paris hat von der Akademie der Wissenschaften den Ornoy-Preis iiu Betrage von l 0.000 Francs erhalten. L. M. Der Divisionsgeueral Naquet Laroque, Commandant der Artillerie des dritten Armeecorps, ist gegenwärtig der einzige active jüdische General der französischen Armee, da die drei anderen — See, Hinstin und Brisac — in der Reserve sind. Seit Bestehen der Republik haben sieben Juden den Generalsrang erhalten. L. Unsere arischen Sittenrichter erkennt man erst genau im Gerichtssaal. Der Pfarrer von Kerschbach, Hochwlirden Johann Susnik, hatte sich dieser Tage mit seiner Wirthschafterin Fräulein Skobel vor dem Marburger Bezirksgericht wegen Ehrenbeleidigung zu verantworten. Dabei kam heraus, wie der Zölibatär das vierte Gebot beobachtet. Es wurde nämlich constatirt, daß der Herr Pfarrer seine Mutter mißhandelt, weil sie sein unsittlichen Lebenswandel mißbilligte. Die Mißhandlung seiner Mutter wagte der Pfarrer gar nicht zu bestreiten. Gemeinderath Kreßnik erklärte, es sei sehr merkwürdig, daß der Pfarrer gerade diese entehrende Handlung nicht bestreite. — Pfarrer Ziegler ans Gempfing in Schwaben wurde in Reineck am Bodensee verhaftet und soll an die Staatsanwaltschaft in Kempten ausgeliesert werden. Der hochwürdige Herr wird wegen Sittlichkeitsverbrechen verfolgt. R. Das Resultat zweitausendjährigen Christenthums können Sie aus den Berichten aus Minsk bewundern, welche dieser Tage durch die europäische Presse geht: Die jüdische Gemeinde in Borisow, Minsker Gouvernement, besaß schon seit langer Zeit ein Krankenhaus, welches jedoch nicht mehr den hygienischen Anforderungen und den örtlichen Verhältnissen entsprach. Die Gemeinde beschloß daher, ein neues, modernes Krankenhaus zu errichten. Nach großen Mühen wurden die hierzu nöthigen 15.000 Rubel ausschließlich von Juden aufgebracht, und als nach Verbrauch dieser Summe noch einiges Geld zur inneren Einrichtung des Hospitals fehlte, brachten sie durch freiwillige Steuern — so schwer es ihnen auch fiel — auch diese Summe auf, und das langersehnte Krankenhaus stand fertig da. Nun ereignete sich der Zufall, daß das Armenspital der Stadtgemeinde einem Schadenfeuer zum Opfer fiel, und die Juden wurden aufgefordert, ihr neues Krankenhaus der Stadt provisorisch zu überlassen. Die Vorsteher des jüdischen Krankenhauses kamen diesem Wunsche nach, übersahen es aber, die ruffischen Verhältnisse vergessend, die Bedingungen zu Gunsten jüdischer Kranker festzustellen. Dieser Fehler hat sich bitter gerächt, denn das Krankenhaus ist zwar seiner Bestimmung übergeben worden, aber jüdische Kranke finden — keine Aufnahme. Dieses russische Kosackenstückel verspüren die Juden Borisow's umsomehr, als jetzt in der Stadt eine epidemische Krankheit wüthet, und das städtische Hospital wird erst im Jahre — 1906 fertiggestellt sein. K. Z. Gasse und Hausnummer der Wohnung des Capitäns A. D. können wir Ihnen nicht angeben. Ehrwürden Rabbiner Sor in Budapest. Herzlichen Tank und Gruß. Dr. Jg. Friedlieber in Budapest. Der Germanist Michael B e r n a y s war ein Bruder des classischen Philologen Jakob Be rn a y s, welch Letzterer Docent anl Breslauer Rabbinerseminar und später als Bibliothekar der Bonner Universität fungirte. Jakob Bernays war ein strenggläubiger Jude, sein jüngerer Bruder Michael ein Convertit. Anfrnf. Zwei alleinstehende Mädchen (Schwestern), von denen eines an einer unheilbaren Krankheit laborirt, befinden sich in einer bitteren Nothlage und droht ihnen demnächst die Delogirung. Es ergeht demnach an edle Menschenfreunde die Bitte, den Unglücklichen mit einem Scherflein beizuspringen. Freundliche Spenden übernimmt Herr Wilhelm Morgenstern, II/l, Große Pfarr gaffe 7. Oer Bethaiisvorstand des Tempels im VIII. Bezirk (Neodeggergasse) gibt hiemit bekannt, daaa Freitag den 15. d. M. Se. Ehrwörden Herr Kabbiner Dr. Bauer eine Predigt halten wird. Der Vorstand: Hermann Beck.