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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-01-15 · 3 (15.1.1904) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
3 (15.1.1904)
Date
1904-01-15
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 46 Dr. Llocb's Mocbenscbritt. Nr 3 Pohrlitz. Sonntag den 10. Jänner d. I. wurde hier Herr Max Adler, der nach kurzem Leiden im 77. Lebensjahre starb, unter Betheiligung fast sämmtlicher Gemeindemitglieder zu Grabe getragen. Mit chm verlor unsere Gemeinde einen Mann von vornehmer Gesinnung, umfassender Bildung, wahrer Religiosität, lauterstem Charakter und glühender Begeisterung sür's Judenchum. Aus hochachtbarer Familie stammend — sein Vater war der ob seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit hierorts allgemein geachtet gewesene Herr Josua Adler s. A., sein Bruder der als Mensch und Arzt in unserer Gemeinde unvergeßliche Herr Dr. Salomon Adler s. A. — absolvirte Max Adler seine gymnasialen Studien mit ausgezeichnetem Erfolge und betrieb dabei mit Eifer das Studium der hebräischen Fächer, insbesondere der hebräischen Sprache. Erfüllt von idealer Liebe für Judenthum und Glauben, folgte er seiner Neigung, Cantor zu werden, und er faßte sein Amt so auf, daß er in dem Cantor durchaus nicht den nach äußerem Effect haschenden Sänger, sondern den in einem höheren Dienst stehenden Priester erblickte, in dessen Thun und Lassen sich auch stets die Pflichten gegen seinen heiligen Berus ausdrücken sollten. Solange Max Adler das Amt eine Cantors inne hatte — und er wirkte als solcher durch fast 25 Jahre erfolgreich in mehreren hervorragenden böhmischen Gemeinden — ist er dieser seiner Auffassung treu geblieben und hat in wechevoller, äußerst würdiger und darum herzerhebender Weise mit peinlichster Gewissenhaftigkeit seine cantoralen Functionen verrichtet. In gleich erfolgreicher Weise wie als Cantor, wirkte er aber auch als Lehrer und Prediger, ja zu letzterem Amte, das eigentlich sein Lebensberuf werden sollte, war er durch sein umfassendes Wissen und seine rednerische Begabung geradezu prädestinirt, was durch glänzende Zeugnisse bedeutender Körperschaften, Persönlichkeiten und Behörden anerkannt worden. Seit einer längeren Reihe von Jahren lebte Max Adler in Pohrlitz, seiner Vaterstadt, still und zurückgezogen, sein Glück in einem wirklich ftommen, gottgefälligen Leben, in seiner Familie und in geistiger Beschäftigung suchend, und manche werthvolle Arbeit in deutscher und hebräischer Sprache entstand während dieser Zeit. — Mit ihm ist einer der Letzten jener ehemals zahlreichen Männer unserer Gemeinde verschwunden, die hohes Wissen mit wahrer Religiosität und begeisterter Liebe zum Judenthum vereinten. Troppau. Bei der am 10. December v. I. stattgefundenen Neuwahl der Vereinsleitung des hierortigen „Jüdisch-Literarischen Vereines" gingen hervor: Als Obmann Herr Dr. Licht Witz, als Obmann-Stellvertreter Herr Ing. Reich und Herr Doctor Bert, Letzterer zugleich als Schriftführer. Als Ausschußmitglieder die Herren: k. k. Finanzcommissär Br u m l, I. Czuczka, Dr. Deutsch, V. Knlka, S. Rübner und Dr. Singer. Am 27. December hielt Herr Professor Dr. Leon Kellner aus Wien in unseren Vereinslocalitäten vor einem überaus zahlreich erschienenen Publicum einen hochinteressanten Vortrag über „Lord Beaconsfield". Er bot in demselben ein äußerst fesselndes Bild von dem zwar als Staatsmann sehr gut, dagegen als Mensch und Jude nur wenig gekannten Manne. Der Vortragende verstand es, durch die Art seines Vortrages das Auditorium durch fast zwei Stunden zu fesseln und ein Jeder hatte am Schluffe desselben die Ueberzeugung, daß er der Zuhörer eines wirklich gediegenen Vortrages gewesen sei. Breslau. Am 7. d. M. starb unerwartet Frau Rabbiner Dr. Flora Joel im 69. Lebensjahre. Bei der stattgefundenen Beeidigung sprachen außer dem hiesigen Rabbiner Herrn Doctor Guttmann auch die beiden Schwiegersöhne der Verstorbenen, Herr Rabbiner Dr. Ziemlich, Nürnberg, und Herr Rabbiner Dr. Eckstein, Bamberg. Antwerpen. Letzten Samstag candidirte in der hiesigen Gemeinde Rabbiner Felix Meyer aus Valenciennes (Frankreich). Freitag predigte er französisch und Samstag deutsch. Man glaubt, er wird zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt weiten. Feuilleton. Waffen still stand. Novelle von Babette F r i e d—Prag. (Fortsetzung.) Der junge Officier konnte nicht umhin, den bei einem in so beschränkten Verhältnissen, bei harter Arbeit ausgewachsenen Dorftnädchen ungewöhnlichen Bildungsgrad zu bewundern. Fanni hatte, das bemerkte er, sehr viel gelesen, mit einem Verständnisse, wie es oft vielen sogenannten gebildeten Damen abging. Man sah es ihr an, daß sie den Dichter verstand, den sie las, daß sie die geheimen Schönheiten einer Dichtung herausfand und zu würdigen wußte. Wie leuchtete das Auge des holden Mädchens in edlem Feuer, wenn dieses Monologe aus den Meisterwerken Schiller's vortrug! Bis jetzt hatte er dieses schöne Auge nur in düsterem Trotzen aufzucken gesehen, oder gleichgiltig, wie geistesabwesend ins Leere starren. Jetzt aber beim Vorlesen der classischen Werke, da belebte es sich, da zeigte es nicht nur Verständnis sondern auch Theilnahme und Mitgefühl. Die Dichtkunst übte offenbar einen belebenden Zauber auf dieses in Zurückgezogenheit bei Arbeit und Entbehrungen ausgewachsene Mädchen. Die Dichtkunst allein? Die Dichtkunst nur sollte diese Verwandlung hervorgebracht haben? Oder war es nicht auch der aufmerksame und verständige Zuhörer, welcher verursachte, daß diese sonst so spröde, herbe Stimme melodisch und anmuthig erklang, daß ein Strom von Gefühl sich aus ihrer Brust ergoß und auf ihren Zuhörer überging? Wenn Kameraden des Leidenden zu Besuche ankamen oder der Arzt erschien, dann zog sich Fanni rasch zurück, ohne abzuwarten, eigentlich um auszuweichen, daß ihr Straffer die Herren vorstellte. Sie wußte es ja, daß sie gesellschaftlich weit unter ihnen stand, daß sie einer niederen gesellschaftlichen Sphäre angehörte, und so fürchtete sie, daß man sie dann geringschätzend behandeln könnte, und wenn dies in seiner Gegenwart geschähe, das hätte sie niemals ertragen. Wenn sie dann in ihre kleine Kammer zurückkehrte, zu chren Büchern, zu dem Bildniß des theueren Gefallenen, dann machte sie sich bittere Vorwürfe darüber, daß dieser Fremde sich so ganz ihrer Gefühle und Gedanken .bemächtigt hatte. Sie schalt sich eine Treulose, Wortbrüchige, Meineidige. Das konnte nicht so bleiben. Das Bild des theueren Geopferten wurde durch diesen Fremden in den Schatten, gestellt, verdrängt. Sie raffte sich eines Tages zu einem Entschlüsse auf. Sie ging in's Nachbarhaus, woselbst die Sorge um die Verpflegung der Einquartierung einigermaßen die Trauer um den entrissenen Sohn und Bruder gemildert hatte, und bat den Herrn des Hauses, ihren ihr vom seligen Vater bestellten Vormund, um eine Unterredung. „Herr Vormund", begann Fanni, „ich hätte eine Bitte an Sie. Möchten Sie meine Mutter nicht zu überreden suchen, mich irgendwohin im Dienst zu geben, ich kann aus mehreren Gründen nicht länger zu Hause bleiben." Der Vormund, ein ernster, gelassener Mann, sagte ganz ruhig: „Nenne mir nur Einen dieser Gründe, mein Kind!" Fanni wurde unter dem forschend auf sie gerichteten Blicke ihres Vormundes verlegen und erröthete. „Die feindliche Einquartierung, ich fürchte für meinen Ruf", brachte sie mühsam stockend hervor. „Um derentwillen eben wäre es mit lieb, wenn Du zu Hause bliebest, um Deiner vielbeschäftigten Mutter bei deren Bewirthung behilflich zu sein. Und wohin wolltest Du eigentlich gehen? Ueberall sind jetzt Soldaten, Freunde oder Feinde, oder sie können doch hinkommen. Ueberhaupt ist ein junges Mädchen in solch unruhiger Zeit am besten im Elternhause geborgen unter den Augen einer fürsorglichen Mutter, im Kreise treuer Freunde. Und in welcher Eigenschaft wolltest Du denn fort? In dieser unseligen Zeit, wo Handel und Gewerbe darniederliegt, wo Jeder mit Bangen daran denkt, was wohl die Zukunft bringen

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