Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 40 Dr. Vlocb's MocdenscbrM. R. 3 beschuldigte Viehhirten und die Juden als die Urheber derselben, und viele Juden wurden deshalb verbrannt." (Das Vertrauen der Juden war der einzige Lichtschimmer in dieser stockfinsteren Zeit.) „Wegen der Beschwerden des Volkes vertrieb Ferdinand, der König von Böhmen, alle Juden aus Böhmen, blos in Prag durften für kurze Zeit zehn Juden bleiben. Doch bevor noch das Jahr zu Ende ging, stellte sich die Unschuld der Juden heraus und sie kehrten in ihr Land zurück". (Zemacli David sub 301.) Nach einer Urkunde in Wertheimer's „Die Juden in Oesterreich" (p. 181) wurde das Verbannungsdecret erst am 10. April 1544 widerrufen, und zwar mußten die Juden dafür ein jährliches Schutzgeld von 300 Schock, gleich 400 Ducaten, bei der königlichen Kammer entrichten, außerdem als Unterscheidungszeichen einen gelben Tuchlappen an: Rockärmel anbringen. Die Aufhebung der Verbannung wurde also theuer bezahlt. Doch so günstig, wie David Gans es darstellt, scheint die Sache nicht abgelaufen zu sein, denn im Frühjahr 1542 wanderten viele Juden aus Böhmen nach Polen aus, viele von ihnen kamen unterwegs um oder wurden erschlagen, an anderen Orten verbrannte man sie. Diese Verbannung hat die Klageliteratur der Juden um eine tiefergreifende Elegie bereichert, es ist die Selicha ama* xjk, welche noch jetzt am Versöhnungstage in den Prager Synagogen angestimmt wird und deren Verfasser der Prager Oberrabbiner Abraham ben Abigdor (starb 1542) war. (Zunz' syu. Poesie 57.) Noch ein zweitesmal fand die Fahne in der Altneusynagoge bei einem festlichen Empfange zu Ehren Ferdinands I. Verwendung. Ferdinand I. hielt am 8. November 1558 zun: erstenmale seinen feierlichen Einzug als Kaiser in Prag. Die Juden zogen ihm in einem überaus reichen Zuge entgegen. Der Zug wurde von dreizehn weißgekleideten Jünglingen eröffnet, dann folgten Männer mit der großen Fahne, hierauf kamen Knaben, welche hebräische Psalmen nach verschiedenen Melodien sangen. Diesen schlossen sich Greise in schwarzen Mänteln an und ihnen folgten elf Religionsdiener; sechs derselben trugen einen kostbaren purpurrothen, mit Gold durchwirkten Traghimmel, einer' eine Pergamenttafel, auf welcher die zehn Gebote geschrieben waren. Darauf kamen vierzig Judenälteste in mit Mardern und schönem Fuchspelz gefütterten Mänteln, endlich junge Knaben in weißen Hemden, deren Halskrausen mit Gold gestickt waren. So zogen sie auf den großen Ring und von da gegen die Brücke, wo sie sich gegenüber dem Zollhause aufftellten. Die Beschreibung dieses Aufzuges hat der zeitgenössische Chronist Colliens von Chotera geliefert. Das drittemal wurde die Fahne bei dem Judenaufzuge verwendet, welcher am 18. Mai 1716 zur Feier des am 13. April desselben Jahres geborenen Prinzen Leopold, Sohnes Kaiser Karls VI., von den Prager Judenältesten veranstaltet worden ist. Bei diesem Aufzuge wurde eine fabelhafte Pracht entfaltet, es war, wie ein Augenzeuge berichtet, ein Triumphzug, welcher seinesgleichen nicht sobald gefunden hatte. Die Leiter des Aufzuges waren Wolf Selig, der Schreiber und Mayer, der Kunstmaler. Die Ehrenpforte, vor welcher der hohe Adel, die Geistlichkeit, die Mönchsorden, Magistratspersonen und sonstige Beamte Aufftellung genommen, befand sich vor dem Hause des jüdischen Primators Samuel Sachsel. An derselben waren Röhren , angebracht, aus welchen in großen Mengen, wie der Berichterstatter sich ausdrückt, koschertes Bier und Wein floß, welche Getränke das Volk in Wein- und Bierkandeln ausfing. Ueber dieses patriotische Fest der Prager Judenältesten ist ein Flugblatt unter dem Titel „Neue Zeitung und jüdischer Aufzug ana bvnars oki *rj? p*p twicö" erschienen, welches eine detaillirte Schilderung der Festlichkeiten enthält. Von der bei dieser Gelegenheit erfolgten Renovirung der alten Fahne heißt es daselbst: „Den alten Panier, so in der Synagoge der Alt- Neuenschul ist gewesen, haben die Vorsteher R. Jsak Knina, R. Behr Zoref und R. Ezechiel Karpel verfaulen lassen, ist Haprat darauf gestanden 107 der kleinen Zeitrechnung, gleich 1357." (Schudt, jüdische Merkwürdigkeiten IV. 155.) Im April 1741 veranstaltete der jüdische Primator Simon Wolf Frankl-Spiro (st. 8. Jän. 1745) aus Anlaß der Geburt des Erzherzogs Josef (nachmaligen Kaisers Josef II.) auf eigene Kosten ein großes Volksfest. Ob der Glanz desselben durch die alte jüdische Fahne erhöht worden ist, wird nicht angegeben. So verkündet die alte Fahne, welche an einer Säule des Almemors in der Altneusynagoge angebracht ist, wie die Juden auch in den vergangenen Jahrhunderten trotz aller Zurücksetzung in Treue und Liebe zum Herrscherhause und Vaterlande ausgeharrt haben. Erwähnung verdient auch eine kleine Fahne aus gelber Seide mit eingestickten Psalmversen, welche sich im Besitze der Pincassynagoge in Prag befindet. Schon der berühmte Verfasser des ll'ossapbotb Jointow, R. Lipman Heller, spricht von ihr und gibt an, daß sie von Salomo Molcho, der 1533 von Karl V. in Mantua zum Flammentode verurtheilt worden ist, stammt. Korrespondenzen. Wien. Am 5. d. M. fand unter zahlreicher Betheiligung die 37. ordentliche Generalversammlung des israel. Bethausvereines „Chewra-Beth-Hatfilah". Der Obmann des Vereines Herr G. Bettelheim constatirt die Beschlußfähigkeit der Versammlung, begrüßt den Vertreter des Cultusvorstandes Herrn Dr. Berger, Herrn Dr. I. S. Bloch, Herrn Architekten Marmorek und alle Erschienenen. Ihr Fernbleiben haben entschuldigt die Herren Vicepräsident Dr. Gust. Kohn, Architekt Fleischer, S. Brod, Leop. Löwenbach, Dr. Alfred Glogau, Bezirksrath Melcher und Gemeinderath D. Zifferer. Nach Verlesung und Verificirung des Protokolls der letzten Generalversammlung verliest der Vorsitzende den Jahresbericht. Demselben entnehmen wir, daß das abgelaufene Jahr unter dem Einflüsse der wirthschaftlichen Depression gestanden, da, trotzdem die hohen Feiertage sehr spät fielen, die Einnahmen gegen das Vorjahr derart zurückgegangen sistd, daß der Gebahrungsüberschuß kaum hinreichte, die übliche Werthabschreibung an Gebäude und Inventar aufzuwiegen. Die Confirmationen — 46 Knaben gegen 36, und 50 Mädchen gegen 46 im Vorjahre — zeigen einen erfreulichen Aufschwung, die Mitgliederzahl blieb sich so ziemlich gleich, 298 gegen 295 im Vorjahre. Trauungen wurden 83 gegen 86 im Vorjahre abgehalten. Der Bericht erwähnt noch die Erfolglosigkeit der Bemühungen, für die im IX. Bezirke wohnenden circa 400 israelitischen Mittelschüler einen Jugendgottesdienst einzuführen, welchen der Cultusvorstand derzeit nicht bewilligte, und gedenkt schließlich der in abgelaufenen Jahre verstorbenen Vereinsmitglieder und zwar des Ehrenmitgliedes Herrn Moriz Karpeles und der selig. Herren Gustav Abeles, Gottlieb Diamant, Leopold Kern,'Josef Krauß, Hermann Lewin, Alex. Neumann, Josef Thalberg, Dr. Leop. Weinberger und des langjährigen Vorstandsmitgliedes Sigm. Neustadtl, k. k. Commercialrathcs, dessen langjähriges, hingebungsvolles Wirken für den Verein besonders hervorgehoben wird. Die Versammlmlg ehrte das Andenken der Dahingeschiedenen durch Erheben von den Sitzen. Auf Wunsch der Versammlung wird von der Verlesung des Gebahrungsausweises und des Bilanzcontos Abstand genommen. Demselben ist zu entnehmen, daß an Tempelsitzmiethen K 334.60 weniger vereinnahmt wurden als im Vorjahre, ebenso weisen die Spenden einen Rückgang von X 567.— auf; die Trauungstaxen einen solchen von K 176.—. Unter den Ausgaben fällt eine Post von X 3726.62 für Renovirungsarbeiten im Tempel . auf, welcher Betrag jedoch zum größten Theil durch außerordentliche Spenden aufgebracht wurde; sonst weisen die Zinsen eine naturgemäße Abnahme von X 484.14, die Kosten für Beleuchtung und Beheizung ein Plus von X 128.22 aus. Der Gebahrungsausweis, sowie der Rechenschaftsbericht wurden genehmigt und dem Vorstande einstimmig das Absolutorium ertheilt. Der Vertreter des Cultusvorstandes Herr Cultusvorsteher Dr. Berger ergreift das Wort, indem er einleitend das Fernbleiben der Herren Vicepräsidenten Dr. Gust. Kohn und Cultusvorstehers Herrn Architekten Max Fleischer entschuldigt; er ver-