Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 34 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 3 Nein! Nein! Der Fürsterzbischof Dr. Theodor Kohn bleibt unseren Ariern erhalten, und wir Juden müssen es höflichst aber entschieden ablehnen, daß man uns irgendwie mit ihm identificirt. Er bildet auch durchaus keine Ausnahme von den Charakterbildern anderer kirchlicher Würdenträger. Das Gut der Kirche zu mehren, ihre Autorität rücksichtslos zu wahren, durch Glanz und Pomp auf die Sinne der Menge zu wirken, das war und ist nicht eine Besonderheit des Fürsterzbischofs von Olmütz, sondern darin wetteifern pflichtgemäß alle Würdenträger Roms. Nur in einem Puntt hat dem Erzbischof Kohn seine jüdische Abstammung zum Schaden gereicht; was anderen seinesgleichen als Verdienst angerechnet wird, das wurde ihm als Verbrechen ausgelegt; wofür andere seinesgleichen Lohn und Erhöhung ernten, dafür leidet er Strafe und Erniedrigung aus keinem anderem Grunde, als weil er ein Judenstämmling ist. Sein Denken, sein Wollen und Thun hat die jüdische Abstammung nicht beeinflußt, aber das Urtheil der Welt über seine Thätigkeit ist durch diese Abstammung beeinflußt worden. Von allem Anfang an hat sich die üble Nachrede, der gehässige Verdacht an ihn gehängt, und so fällt er nicht als ein Opfer seiuer Handlungen, sondern als ein Opfer der Vorurtheile, die auch er nicht zu beseitigen vermochte. Vom Zabrmarkt des Lebens. GLoflen zur Tagesgefchichle. (Fürsterzbischof Kohn. — Ein Gewissenszwang. — Kritische Lage. — Drastische Mittel. — Eine großartige Perspective.) „Mein Name ist Kohn." „Das sehe ich. Was wünschen Sie?" Wenn die Sache so einfach liegt, dann ist's ja gut. Wenn aber ein übermüthiger Witz der Zeitgeschichte es fügt, daß ein Fürsterzbischof genöthigi ist, einzubekennen — gern thut man ja so etwas nicht — „Mein Name ist Kohn", dann wird die Sache doch etwas complicirt. Im Anfang machte es sich noch recht leidlich und man durfte meinen, er würde es wohl tragen, aber es wurde immer toller, und er trug es, aber ftaget nur nicht wie? Julius Bauer wurde einmal von einem diensteifrigen Marqueur mit der Ansprache beehrt: „Habe die Ehre, Herr v. Löwy!" „Was wollen Sie denn?", antwortete der schlagfertige Humorist, „Ich heiße ja gar nicht so, ich schau nur so aus." Der Fürsterzbischof Kohn befindet sich in anderer, in der umgekehrten Lage, jedenfalls in einer schiefgewickelten Lage. Er schaut nicht so aus, aber heißen thut er Kohn. Und das ist ein Unglück. Mit welcher Verehrung würden die Gläubigen des Olmützer Erzbischums zu chm — so wie er ist — aufblicken, wenn der Mann Gottes zufällig Fürst Schwarzenberg hieße, er heißt aber Kohn und das ist eine ganz verfluchte G'schicht'. Zwar, allerdings, in der That, bei Licht betrachtet — ein Fürsterzbischof ist ein Fürsterzbischof, aber man heißt doch um Gotteswillen nicht Kohn, ausgerechnet Kohn! Man hat schon erlebt, daß Schlesingers und Löws sich als Leuchten der Clericalen aufgethan haben, selbst Pollaks, wenn auch nicht gerade aus Gaya, sind nicht selten unter den Vorkämpfern der antisemitischen Partei, aber wenigstens vor Kohns hatte ein gütiges Geschick die Herrschaften bewahrt, bis ihnen das Olmützer Domcapitel den schmerzlichen Tort anthat. Schr schmerzlich in der That. Kohn ist bitter, schr bitter. Ein Satz tieffinniger Lebensweisheit besagt: Was zu viel ist, ist zu viel! Mw denke sich nur in die verzwickte Lage der Frommen im Lande hinein. Ein Fürsterzbischof ist doch wer! Es ist „theils dieserhalb, theils außerdem", wenn schon nicht aus inneren Antrieb herMs, so doch aus Parteirücksicht heraus sehr geboten und empfchlenswerth, einem hohen Kirchenfürsten seine innigste Reverenz zu machen und auf der anderen Seite — Kohn! Man kommt darüber nicht hinaus; es ist einfach zum Haarausreißen. Ein Gewissenszwang, wie man ihn sich schlimmer nicht vorstellen kann. Was soll man thun? „Ich bin ein deutsches Mädchen und hasse die Juden!" Ein antisemitischer Heerführer hat sich gerühmt, diese Worte seinem Töchterlein, dessen jüdische Abstammung übrigens leider schon ganz zweifellos nachgewiesen ist, in zartester Jugend tief eingeprägt zu haben. Man ist unter Umständen kein deutsches Mädchen, aber die Juden haßt man doch. Und der Fürsterzbischof heißt Kohn. Was soll man thun?! Der arme Fürsterzbischof steckt in einer schlechten Haut. Seine Lage ist eine kritische, eine tragische. Die Juden geht dieser Herr Kohn nichts an; die liberale Presse hat ihre stille oder laute Freude daran, wenn ein hoher Würdenträger des Clericalismus in Schwulitäten geräth und aus ihnen eigentlich gar nicht herauskommt, und die antisemitischen Zeitungen und ihr Anhang sind wüthend, daß er Kohn heißt. Damit hat er der ganzen Familie die denkbar größte Schand angethan. Wie sich also dieser arme Herr Kohn legt, er liegt schlecht. Er kann sich nicht helfen und es ist ihm auch nicht zu helfen. Vielleicht doch! Es eröffnen sich großartige Perspectiven. Jetzt freilich sind die Blätter voll, und nicht nur die Oesterreichs, über die concentrischen Bemühungen zur Lösung des großen Problems: Wie bringt man ihn weg? Man muß sich aber ein wenig erinnern, wie er hinaufgebracht wurde. Wir untersuchen nicht, ob in ihm die innere Berechtigung vorhanden, ob er ein tüchtiger Mann war. Das wäre ganz irrelevant. Denn es ist männiglich bekannt, daß, wenn man Kohn heißt, man gemeiniglich nicht nur nicht Fürsterzbischof von Olmütz, sondern nicht einmal Conceptspraktikant bei der k. k. Tabakregie wird. Es mußten da also schon ganz besondere Umstände hereinspiclen. llnobu8 litigantibus war unser Herr Kohn der glückliche Dritte, der sich freuen konnte. Er stand zwischen zwei mächtigen, gleichstarken Rivalitäten. Ein Anderer wäre vielleicht zermalmt worden. Er aber, als die gegeneinander wirkenden Kräfte zusamme.nstießen, wurde in die Höhe geschnellt. So war aus dem kleinen Kohn ein großer Kohn geworden, und Alles wäre schön gewesen, wenn nur nicht — man soll wirklich nicht Kohn heißen. Und nun die Perspectiven! Die Weltgeschichte kümmert sich im Allgemeinen nicht um Analogien, und man darf von ihr nicht verlangen, daß sie ihre Entwicklung just nach dem Gesetze der Analogien sich vollziehen lasse. Es wäre daher wohl auch etwas übereilt, nach diesem Gesetze auf die Zukunft schließen zu wollen. Aber — eine großartige Perspective thut sich doch auf. Eben weil sich die Weltgeschichte um Analogien nicht kümmert, macht sie sich auch nichts daraus, wenn sie gelegentlich einmal in die Erscheinung treten. Man will Herrn Kohn also wegbringen, um jeden Preis, um jeden, nur weg mit ihm. Einen Fürsterzbischof bringt man aber nicht so leicht weg. Das ist so eine Sache! Nach Auffassung der katholischen Kirche steht ein Bischof, und nun gar erst ein Erzbischof an Gottes Stelle, und den kann man nicht so kurzer Hand absetzen. Der Papst, der die Macht hat, zu binden und zu lösen und für die allerschwierigsten Fälle Dispense zu ertheilen, kann hier nicht Wohl ein Machtwort sprechen. Denn Herr Kohn ist trotz alledem und alledenl erwiesenermaßen ein guter Katholik. Noch ein sinnreiches Mittel stände zu Gebote, dessen sich im Mittelalter die Republik Siena nicht ohne Erfolg bedient hat, wie in Jacob Burckhardt's „Geschichte der Renaissance in Italien" nachzulesen ist. Die edle Republik hatte einen Condottiere, der sich große Verdienste um das Vaterland erworben hatte. Er hatte als Feldhauptmann rühmliche Schlachten gewonnen und die Stellung der Republik befestigt. Dabei hatte aber auch er eine übermächtige Stellung gewonnen, und er war der Republik unbequem und gefährlich geworden. Da faßte denn der hohe Rath der Republik nach langem Deliberiren den Beschluß: der Condottiere wird erschlagen und dann als Heiliger verehrt! Dieses Mittel ist in dem nun gegebenen Falle nicht recht anwendbar. Es bereitet sich etwas Besseres vor. Herr Kohn ist bereits einmal hinaufgefallen, man wird ihn noch einmal die Treppe hinauffallen lassen. Ein Fürsterzbischof hat Anspruch darauf, zum Cardinal ernannt zu werden, und einen