Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021551--13287-3037930- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 3 Dr■ Bloch 8 Jahrgang Hl Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. — i — . Mirn^ 13. Jänner 1904. -+ 4. - Erscheint jeden Freitag. - 'H1 -- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Derggaffe SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. m SrrugsPrri» für Srstrrrrtch: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare SV Hellem F2r'» Anslimd: Halbjährig 1V Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die4malgespaltene Prtitzeile 24 Heller. Hk-- -W M A. ft. xostsxarraffen-Arnt Clearing-Verkehr Nr. 610.976. Levartion und Administration: Virn IX/1, Nerggaffr Nr. 39. I'elopkon Nr. 14.847. '£-■ - — — ■===% Inhalt: Leitartikel: Fiirsterzbischof Kolm. — Vom Jahr ma rkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Aus der Gegenwart. — Ein jüdisch-ungarisches Urkundenbuch. — The Jewish Encyclopedia. — Die Fahne der Altneusynagoge in Prag. — Correspondenzen: Wien. Maimonides und die Philosophie des Aristoteles. Wien, Berlin, Hamburg, Frankfurt a. M.. Dresden. Antisemitische Umtriebe in Kischenew. „Die Juden in Bulgarien." — V e r m t s ch t e s: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien. Wien, Mährisch-Budwitz, Karlsbad, Pohrlitz, Troppau, Breslau, Antwerpen. — Feuilleton: Waffenstillstand. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Förstrrchischof Kohn. Mit dem Fürsterzbischof von Olmütz Dr. Theodor Kohn soll es nach den vorliegenden Meldungen aus Rom zu Ende gehen. Es heißt, daß die Curie ihn zum Verzicht auf sein hohes Amt bewegen und im Einvernehmen mit der österreichischen Regierung einen Nachfolger für ihn ernennen wird. Es ist ein hartes Schicksal, welches den stolzen Kirchenfürsten trifft, aber man hat es schon seit Jahrzehnten langsam und sicher reifen gesehen. Selbstverständlich nehmen die Antisemiten aller Tonarten die Gelegenheit beim Schopfe, um für alle Fehler, die Erzbischof Kohn begangen hat, nicht ihn persönlich, sondern das Judenthum, dem seine Familie entstammt, verantwortlich zu machen. Dr. Theodor Kohn ist der Sohn eines czecho-slavischen Bauern, aber sein Urgroßvater war noch Jude. Das „Deutsche Volksblatt" hat nun zwar den Herren Dr. P o r z e r, Dr. Kaspar Schwarz, Dr. Max Anton L ö w und anderen Herren gleichen Calibers die jüdische Abstammung verziehen und deren Mitarbeit im antisemitischen Lager freudig willkommen geheißen, aber — der Fürsterzbischof Dr. Kohn, ja Bauer! das ist etwas ganz anderes! In seinem Charakterbild entdeckt Herr Vergani jene typischen Charaktereigenschaften, die nicht den Bauer der Sudetenländer, sondern den Juden auf der ganzen Welt kennzeichnen. Der Held von Mühldorf ist ja Sachverständiger in solchen Dingen und er hat ein persönliches Interesse daran, gewisse unangenehme Charaktereigenschaften, über die man leicht straucheln kann, nicht der Individualität, nicht der Erziehung, nicht dem Milieu, in dem ein Mensch ausgewachsen ist, sondern der Abstammung zuzuschreiben. Auf solche Weise entrinnt man am Leichtesten der Verantwortung für sein persönliches Thun und Lassen. So soll denn auch der Fürsterzbischof von Olmütz mit allen seinen wirklichen oder vermeintlichen Sünden den Juden aufgehalst werden. Daß Kohn ein Knicker war, daß er kindischen Prunk entfaltete, daß er ein tyrannisches Regiment führte, all das entspringt nach der Versicherung des „Deutschen Volksblatt" seiner specifisch jüdischen Natur, den tief eingewurzelten Raceeigenschaften, die dem Judenthume eigen sind. Es wäre lächerlich, sich mit dem Sollenzer Kreuzungsproduct, welches als Herausgeber des „Deutschen Volksblatt" zeichnet, über die wissenschaftliche Haltbarkeit seiner Racentheorie auseinandersetzen zu wollen. Wie tief ein Mensch durch seine Umgebung, durch anerzogene Anschauungen, durch eine auf bestimmte Zwecke gerichtete Schulung des Denkens und durch bewußte Abtödtung edlerer Gefühle zu sinken vermag, dafür haben wir in der antisemitischen Partei Beispiele genug, und vielleicht just das typischeste an denen, die sich stolz der Abstammung von einem Edelvolke rühmen. Mag immerhin in den Adern des Fürsterzbischofes von Olmütz jüdisches Blut rollen — so wenig wie dieser Umstand für seine Erwählung maßgebend war, so wenig war er entscheidend für seine Haltung als Kircheufürst. Nicht die Abstammung, sondern die Erziehung hat den Lebensgang, hat den Charakter, hat Denken und Empstnden dieses Mannes bestimmt. Sein Vater war ein simpler Bauer und man weiß, in welchem Maße gerade die czecho-slavische Bauernschaft Mährens von clericalen Anschauungen beherrscht wird, welche Macht die Geistlichkeit über die Geister und die Gewissen dieser Bevölkerungsschichte übt. Dr. Theodor Kohn ist im Olmützer Priesterseminar erzogen worden. Er hat sich Zeit seines Lebens nur in jenen geistlichen Kreisen bewegt, denen als oberstes Ziel die Aufrichtung der schrankenlosen Macht der Kirche über den ganzen Erdball gilt. In diesem Milieu hat er den angeblich jüdischen Hochmuth, die angeblich jüdische Herrschsucht, den angeblich jüdischen Starrsinn, der bei der Zusammenraffung von Geld und Gut die kupfernen Heller genau so hochschätzt wie die Goldstücke, in sich ausgenommen. Das alte deutsche Sprichwort: „Die Kirche hat einen guten Magen" und das andere Wort, daß die todte Hand nichts herausgibt, ist wahrhaftig nicht von Juden geprägt worden. Man hat dem Erzbischof Kohn vorgeworfen, daß er ein Paar arme Häusler, die in seinen Forsten Holz klaubten, rücksichtslos verfolgen und bestrafen ließ. Aber ist derselbe Vorgang nicht auch von anderen hochgestellten geistlichen Persönlichkeiten beobachtet worden, denen man wahrhaftig bei der sorgsamsten Perlustrirung ihres Stammbaumes einen Einschlag jüdischen Blutes nicht nachzuweisen vermag?