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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-01-08 · 2 (8.1.1904) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
2 (8.1.1904)
Date
1904-01-08
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 2 Dr. Dlocb s MlocdenscbrM. Seite 31 Vorgesetzten seine Dienste beim Ablegen der Waffen und Uniformstücke an. Dann wollte der Leutnant in das für ihn hergerichtete Zimmer gehen, dessen Thüre Frau Hirsch diensteifrig geöffnet hatte. Auf der Schwelle erschien Fanni. Die beiden blickten sich an. Nicht verlegen, wie andere Landmädchen, denen der Osficier begegnete, schlug Fanni vor ihm die Augen nieder, nein, trotzig und herausfordernd blickte sie den fremden Soldaten an. Sie hatte in ihm Denjenigen erkannt, der ihrem Brüderchen den Ersatz für die requirirten Lebensmittel gereicht hatte. Schamröthe bedeckte ihr Antlitz und ihre Augen blitzten in unheimlichen Feuer. Betroffen von der Fülle glühenden Hasses, welcher ihm aus diesen Angen entgegenstrahlte, trat der junge Mann einige Schritte zurück. Der Redestrom, der ihn bei seiner Begegnung mit der Mutter entfuhr, war angesichts der trotzigen, verächtlichen Miene, tvelche die Tochter ihm gegenüber zur Schau trug, versiegt. Er sagte blos: „Wenn ich nicht irre, sind wir uns schon einmal begegnet, liebes Kind!" „Auf der Straße, wo ich vou ihnen überfallen wurde", antwortete Fanni, lvährend sich ihr kleiner rother Ai und zu einem verächtlichen Lächeln kräuselte. „Kriegsbrauch", antwortete Leutnant Straffer nüt einem leichten Achselzucken, und militärisch grüßend begab er sich in das Zimmer, von dessen Schwelle Fanni weggegangen war, um sich in die Wohnstube zu begeben. „Na, das wird mal schön werden", sagte Straffer ärgerlich zu sich selber, indem er sich auf das hartgepolsterte, mit braunem Ledertuche überzogene Sofa, dem Prunkstiicke des einfach möblirten Zimmers, niederwarf. „Das wird schön werden. Habe ich mich so darüber gefreut, als ich an der Thüre meines Quartiers die Mesuse prangen sah; es schien mir nicht anders als ein Gruß aus der Heimat an mein Vaterhaus zu sein. Hier wie dort das gleiche Zeichen, welches uns zu einer Nation vereint. Hier wie dort an der Thüre der Allen gleich theuere Namen „Schadai", welcher jedem Ankömmling zuzurufen scheint: Hier wohnen Bekenner des einzig einigere Gottes. Während des ganzen Feldzuges endlich einmal in ein Judenhaus gekommen, zu Glaubensgenossen, und da steht mir dieses schöne Kind so schnöde gegenüber, wie eine Judith dem Holofernes. Ade du schöner Traum von jüdischer Gernüthlichkeit, der mir beim Eintritt in dieses Haus vorgeschwebt hat. Gut nur, daß wir in diesem verflixten Neste nur einen einzigen Rasttag haben, sonst wäre es sehr ungemüthlich, täglich dieser stolzen Judith gegenüber stehen zu müssen. Einen einzigen Rasttag hatte Leutnant Straffer gesagt, und dann sollte es seiner Meinung nach wieder weiter gehen zum eisernen Würfelspiel, welches das Schicksal zweier mächtiger Reiche entscheiden sollte. Doch am grünen Tische war unterdessen eine Wandlung geschehen. Um in aller Ruhe, ohne Schwankungen der Chancen, welche das wechselnde Kriegsglück etwa Hervorbringen konnte, die Friedensbedingungen aufzustellen und zu besprechen, war ein Waffenstillstand beschlossen worden, während welchem alle Truppen an demselben Platze bleiben sollten, wo sie eben die Nachricht der Sistierung aller Feindseligkeiten ereilt hatte. Das Uhtanenregiment, dem auch Leutnant Straffer zugetheilt, war in einigen Dörfern des Umkreises von Patzau einquartiert worden, weil in der Stadt selbst weder hinlänglich Raum für die Pferde und noch weniger genug Fouragirung für dieselben vorhanden war. Wie wetterten und fluchten die Officiere darüber, daß sie in so elenden Nestern weilten und daselbst über die Zeit des Waffenstillstandes bleiben mußten, der tödtlichsten Langeweile ausgesetzt. Auch die Bevölkerung dieser Ortschaften war durch die Nachricht von dem längeren Verweilen der lästigen Einquartierung nicht gerade sehr erbaut. Doch tröstete sie sich mit der Hoffnung auf einen endlichen, wenn auch mit großen Opfern erkauften Friedensschluß. Auch stimmte sie das freundliche entgegenkommende Benehmen der fremden Soldaten versöhnlicher. Alles, was die Preußen während der Zeit des Waffenstillstandes verehrten, wurde von ihnen bei Heller und Pfennig bezahlt und gar mancher blanke Thaler kam auf diese Weise in die Hand der Bauern, auf welchen sie nicht gerechnet und den sie gerade nicht allzu schwer verdient hatten. Auch Straßer sing an, sich in fein Verhültniß zu der Familie, wo er in Quartier war, einzuleben. Klein Moritz war dem Herrn Osficier gegenüber sehr zutraulich, ließ sich von ihm die Militärkappe auf den Kopf setzen und seinen Säbel umschnallen, den er dann voller Stolz weit hinter sich nachschleifte. Die Witwe, welche ihn in ihrem einfachen und anspruchslosen Benehmen an sein eigenes Mütterlein erinnerte, kam ihm sehr freundlich entgegen, und so wurde er ihr gegenüber gesprächig. Er erzählte ihr so Manches von seiner fernen Heimat und seinen Lieben, die sich dort um ihn sorgten und ängstigten. Seine Mutter, welche gleich ihr nach einer glücklichen aber kurzen Ehe verwitwet wurde, hatte unter Sorgen und Mühen ihn und drei jüngere Geschwister aufgezogen. Ihn studiren zu lassen, konnte sie nur dadurch erreichen, daß sie sich selber Alles absparte und jeden Genuß versagte. Sie verlangte nach nichts, als ihre Kinder glücklich zu sehen. Er, der Aelteste sollte Rabbiner werden. Bon seiner Kindheit an ließ sie ihn in Bibel und Talmud unterrichten, dann studirte er Philosophie, diente wie die meisten seiner Collegen sein Jahr als Freiwilliger ab. Jetzt wäre er fertig geworden, hätte sich um eine Stelle als Rabbiner und Prediger bewerben können — da brach der Krieg aus. Das Vaterland rief feine waffenfähigen Söhne alle, und alle eilten zu ihren Fahnen, verließen kampfesmuthig ihre Erdscholle und Werkstätte, die Hör- und Lehrsäle. Frau Hirsch hörte init Interesse den Erzählungen ihres Gastes zu und bewies ihm eine fast mütterliche Zärtlichkeit. Infolge einer Erkältung war Straffer krank geworden. Da ließ sie es nicht zu, daß er in das in der Stadt errichtete Jnterimsspital gebracht wurde, sondern ließ ihm bei sich zu Hause eine aufopfernde Pflege angedeihen und befolgte so gewissenhaft und mir so vielem Verständnis; die Anordnungen des ihn besuchenden und behandelnden Regimentsarztes, daß dieser nicht umhin konnte, sie zu beloben, und wiederholt die Aeußerung machte, daß es nur wenige geschulte Wärterinnen gäbe, welche es mit dieser alten Jüdin aufnehmen könnten. Während dieses Unwohlseins ließ Fanni ihren Groll gegen den P r e u ß e n fahren und erfüllte seine Bitte, ihm hie und da ein Stündchen Gesellschaft zu leisten. (Fortsetzung folgt.) Literatur. „Sichron Nahum", Festpredigten, Casualreden und aus synagogalen Vorträgen entstandene Zeitungsartikel von Dr. I. I. Niemirower, Rabbiner in Jassy. Druck H. G o l d n e r, Jassy. Verlag Poppeln u e r, Berlin. Das vorliegende Werk enthält wirkungsvolle Predigten, welche eine interessante Eigenart darstellen, Casualreden, die als Dokumente der zeitgenössischen, jüdischen Geschichte in Rumänien dienen können, verschiedenartige Draschothskizzen und Zeitungsartikel, welche ans dem Inhalte synagogaler Reden entstanden sind. Diese Redensammlung athmet Persönlichkeit und spiegelt die bekannte Thätigkeit des Verfassers ab, die das Ziel hat, den Westen nach dem Osten zu tragen und dabei das östliche, das charakteristisch verstandesgemäße Elemente zu wahren. Das Buch umfaßt 28 Nummern. In der Roschhaschonapredigt: „Die Akeda als Naturlehre Israels" wird der Gedanke von Lazarus über die völkerpsychologische Bedeutsamkeit unserer Gcisteshelden geschickt weitergeführt. In der Rede „Jomkipnr-Fragen" versucht der Verfasser, der bekanntlich Erzählungen aus dem Leben der Chassidim geliefert hat, chassidäische Thorath in die moderne Predigt einzusühren. Die Rede „Wort und Eid" zeigt uns, mit welchen Geisteswaffeu Dr. Niemirower gegen den in Rumänien noch herrschenden Judeneid zu Felde zieht. In „Unsane Tokef" wirkt der Redner ergreifend durch die Schilderung des jüdischen Martyriums in Verbindung mit der Sage, die sich um das Leben des angeblichen Verfassers dieses Gebetstückes gebildet hat. Besonders originell sind die Festartikel, welche aus Reden entstanden silld, die eine Mischung von Midrasch und moderner Journalistik sind. Sie betiteln sich: „Unterredung mit den sieben Ehrengästen der Laubhütte", „Weibliche Chanukagäste und ihre Lehre". Letzterer Predigtartikel ist umso wichtiger, als derselbe gegen

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