Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite BO Dr. Mocb's Mocbenscbrtft. Nr. S war ein tiefer Riß gegangen. Sie gelobte sich im Stillen, dem tobten Freunde ewige Treue zu bewahren, ihn zu betrauern, so lange sie lebte, seinen Tod an dessen Mördern zu rächen. Rächen, sie das schwache, ohnmächtige Dorstnädchen! Das klingt lächerlich. Doch hatte sie ihre Liebe zu dem Verstorbenen, ihren Haß gegendessen „Mörder", das Lächerliche dieses Gedankens, gar nicht bemerken lassen. Fern von dem weltlichen Treiben, in äußerster Zurückgezogenheit lebend, war in ihrem von den vielen Romanen, die sie verschlungen, erfüllten Köpfchen ein abenteuerlicher Plan entstanden. Sie wollte dem Feinde, wenn er bis hieher dringen sollte, ein freundliches Entgegenkommen beweisen und ihm dann vergifteten Branntwein vorsetzen. Das schien dein Mädchen so berauschend schön zu sein, wenn die ftemden Eindringlinge dutzendweise fallen und ebenfalls ferne von der Heimat begraben werden. Vielleicht, daß die rächende Nemesis ihr auch denjenigen zuführen werde, dessen Mordgewehr ihren schönen, edlen Freund nicdergestrcckt hatte. An alle diese kühnen aber unaussührlichen Pläne dachte sie jetzt, als sie sich dem heimatlichen Dorfe näherte, und zu ihrer Beschämung mußte sie sich gestehen, daß ihre erste Begegnung mit dem Feinde für sie eine recht beschämende gewesen, daß sie ihm gegenüber eine jämmerliche Rolle gespielt habe. Sie hatte sich auf offener Straße von dem übermüthigen Feinde berauben lassen und als Ersatz ein Almosen angenommen. O, wäre es nicht der Mutter wegen gewesen, sie hätte dem Frechen seine Thaler vor die Füße geworfen, hätte ihm gezeigt, was das heißt, eine Tochter Oesterreichs, noch dazu aus den: Volke Judas, beleidigen zu wollen. Aber die Mutter, die Mutter! Denn nicht nur den todtcn Geliebten zu rächen, hatte sic sich gelobt, sondern auch ihrer verwitweten Mutter üeizustehen mit allen ihren Kräften ihr die schwere Sorgenlast tragen zu Helsen, unter der die Schwache gewiß zusammengcbrochen wäre, wenn nicht die Willensstärke Fanni ein gut Thcil davon auf die eigenen Schultern genommen hätte. Da hieß es jeden Stolz bei Seite legen und der Mutter zuliebe jede Demüthigung aus sich nehmen. Die Kinder hatten die breite Straße verlassen, wo sie Gefahr liefen, von den Soldaten, die jetzt ausruhten und sich an dem Raube gütlich thaten, wieder eingeholt zu werden, und waren über einen Waldpfad, der viel näher war, in ihr heimatliches Dorf gekommen. Eine ungewöhnliche Geschäftigkeit und Bewegung fiel ihnen sofort auf. Die Preußen waren da. Die berittene Schaar hatte trotz der Krümmungen, welche die Straße machte, auf derselben das Dorf ftüher erreicht, als die Hirsch'schen Geschwister, welche auf dem schattigen Waldwege langsam dahinschlenderten. „Die Preußen sind schon hier", rief Fanni aus, „komme geschwind nach Hause, daß die Mutter sich nicht ängstigt, wenn wir lange nicht kommen. Alle Phantastereien und jedes Rachegelüste waren dem klugen Mädchen angesichts der Wirklichkeit aus dem Köpfchen verflogen. Und wirklich wurden sie zu Hause von der ängstlich ausblickenden Mutter mit einem freudigen Gelobt sei Gott, daß Ihr da seid, empfangen. In der freudigen Erregung über die glückliche Ankunft ihrer Lieblinge, hatte die gute Frau es gar nicht beachtet, daß Moritz einen leeren Schiebkarren heimbrachte. Fanni sagte: Mütterchen, wir haben unterwegs ein gutes Geschäft gemacht. Die Waare, für welche wir in der Stadt acht Gulden gegeben haben, haben wir unterwegs für acht blanke harte Thaler verkauft. Moritz hat das Geld bei sich. „Warum hast Du das Geld dem Moritz gelassen, er könnte es ja verlieren? Du weißt ja wohl, daß es mein Letztes ist." Fanni wurde feuerroth und antwortete, mit Mühe ihre Verlegenheit verbergend: „Wir haben das Brot und den Branntwein an die Preußen verkauft und von denen wollte ich kein Geld annehmen, so nahm es halt der Moritz zu sich." „Die Preußen haben Dir Geld gegeben? Also sind sie nicht so arg, wie man sie hier fürchtet?" „Nein, Diebe sind sie nicht, antwortete Fanni, aber Mörder". „Sprich nicht so, unbesonnenes Kind! Das ganze Dorf steckt voll Preußen, wenn die Dich hörten, dann könnte es Dir schlimm ergehen". „Habe ich nicht ein Recht, so zu sprechen, haben sie nicht Nachbars Leo ermordet?" „Ermordet nicht, mein Kind, er ist im ehrlichen Kampfe gefallen. Wäre er verwundet in Feindeshand gerathen, so hätten sie ihn dort so gepflegt, als wäre er einer der ihren. Das ist so im Kriege. Es ist vielleicht besser, daß er gar nicht, als daß er als ein Krüppel wiederkehrte". Die erregte Antwort, welche Fanni auf den Lippen schwebte, wurde durch die Antwort des Gemeindedieners unterbrochen, welcher mit den Worten in die Stube trat: „Sie bekommen Einquartierung, Frau Hirsch, einen Officier mit seinem Burschen. Machen Sie für den Officier Platz in dem Extrastübl, was Sie haben, der Soldat wird mit beiden Pferden im Stalle schlafen, aber reines Stroh und eine gute Decke muß er auch haben. Und daß längstens in einer Stunde für die Beiden was zu essen ist, sage ich Ihnen, und was Recht's, denn das sind preußische Uhlanen, die hauen gleich Alles zusammen, wenn sie mit der Bewirthung nicht zuftieden sind". Sprachs und entfernte sich, um im nächsten Hause die gleiche Botschaft zu verkünden. Da begann nicht nur in der Wohnung der Witwe Hirsch, sondern auch in jedem Hause und Häuschen des Dorfes ein Hasten und Jagen und Vorbereiten zum Empfange der ungebetenen und unwillkommenen Gäste, die man aber freundlich empfangen und gut bewirthen mußte. Frau Hirsch begab sich sofort in die Küche, um in der Geschwindigkeit einen Imbiß herzurichten, während Fanni das seit dem Tode des Vaters leerstehende Zimmer desselben, das sogenannte Extrastübl, zum Empfange des Officiers in Stand setzte. Eben war sie mit Hilfe ihrer Bedienerin damit fertig geworden, als ein strammer Officier eintrat und seinen Quartierszettel vorwies. Frau Hirsch bewillkommte den fremden Herrn überaus freundlich und bat unter tiefen Bücklingen um Entschuldigung, wenn ihre armselige Hütte keine rechte Unterkunft sei, wie sie einem so hohen Herrn anstehe. „Keine Umstände, liebe Frau", sagte der Officier freundlich, „ich bin im Kriege an alles Ungemach gewöhnt und bescheide mich mit Allem, wenn ich nur ein Plätzchen finde, wo ich nach den Strapazen der letzten Tage ausruhen kann. Sonst ist es mir nur lieb, daß mich ein glücklicher Zufall in ein Haus zu Glaubensgenossen geführt hat". „Wie, gnädiger Herr, Sie sind auch ein Jude", stammelte Dora ganz verwirrt. „Das haben Sie nicht auf den ersten Blick bemerkt? Vom Regimentscommandanten angefangen bis zum letzten Stallburschen hinab weiß jeder, daß der Freiwillige, Leutnant Straßer ein Jude ist. Und ich schäme mich dieser Abkunft nicht, sondern bin stolz auf diese, denn^ mein Beruf, im civilen Leben ist der, das Judenthum zu fördern. Ich bin nämlich Rabbinatscandidat und zu den Fahnen geeilt, als mein Vaterland seine Söhne zum Kampfe rief. Jetzt aber möchte ich ruhen und etwas essen, aber etwas Koscheres, wenn sie etwas haben. Ich habe Hunger." Offenbar war der Rabbinatscandidat daran gewöhnt, recht lange Reden zu halten, sonst hätte er sich der verlegen dreinblickenden einfachen Frau gegenüber kürzer gefaßt. Diese konnte blos die Antwort hervorbringen: „Bitte, Herr Leutnant, hier einzutreten und sich es commod zu machen, ich bringe gleich was zu essen." Jetzt war auch der Bursche des Leutnants hereingekommen, der unterdessen die Pferde im kleinen Stalle untergebracht und mit Wasser und Futter versorgt hatte, und bot seinem