Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr. Blocb’s Mocbenscbritt Seite 27 stärkt ihre Stellung. Die Juden, welche diese heimatlosen Fremden sind, bilden nicht, wie manche Politiker bei uns behaupten, eine nicht assimilationsfähige Race. Dies ist ein Unsinn, weil kein Volk der Welt längere Zeit unter einem anderen wohnen kann, ohne sich mit diesem zu assimiliren. Wer das Gegentheil behauptet, läßt sich von dem Antagonismus leiten, der zwischen Juden und Christen aus Vorurtheil herrscht. Der Haß, unter dem sie zu leiden haben, die Verfolgungen, denen sie ausgesetzt sind, haben die Juden nur widerstandsfähiger gemacht, aber nicht assimilationsunfähig. Die Solidarität, die man bei ihnen bemerkt, ist das Ergebniß der Verfolgungen, denen sie ausgesetzt sind, und würde unter gleichen Umständen sich bei jeder anderen Menschengruppe ausbilden. Wir müssen dahin wirken, daß der Antagonismus zwischen Juden und Christen verschwinde. Unser Interesse ist nicht, den Haß zu züchten, sondern im Gegentheil die Beziehungen zu den einheimischen Juden inniger zu gestalten. Der Ursprung dieses Hasses darf nicht bei uns gesucht werden, denn der Rumäne ist gutmüthig, wofür ich blos auf die guten Beziehungen zwischen Juden und Rumänen in den Städten und besonders auf dem Lande hinzuweisen brauche. Den Ursprung dieses Hasses wird man anderswo zu suchen haben. Wir müssen trachten, unsere nationale Thätigkeit in allen ihren Zweigen zu entwickeln, ohne aber die Juden zu mißachten, sondern indem wir die einheimischen unter ihnen, mit denen wir lange Zeit in Frieden gelebt haben, ebenfalls nationalisiren. Diese Vorlesung, die in die Oeffentlichkeit gedrungen ist, erregt begreifliches Aufsehen, da Herr Cantacuzino altgeniein als künftiger Minister gilt. Netv-Uork. (Die Generalversammlung der Edurational Alliance.) Sofort nach der Eröffnung der Versammlung nahm Herr Straus Veranlassung, auf den am Samstag erfolgten Tod von Herrn Solomon Loeb hinzuweisen, der immer ein großer Freund der Anstalr gewesen, wie auch seine nächsten Anverwandten, sein Schwiegersohn Jacob H. Schiff und seine Schwiegertochter Fra» Morris Loeb. Supreme Court Richter Greenbaum beantragte, daß an dem Anbau, der nun beinahe fertiggestellt und demnächst seinem Zweck übergeben werden soll, eine Gedenktafel zum Gedächtniß von Herrn Loeb angebracht werde oder irgend etwas, was der Familie zusage. Als Herr Carnegie dann das Wort nahm, sagte er, den Fußtapfen eines Hewitt zu folgen, sei immer angebracht. Er kenne keine Anstalt, welche in ihrer Art Größeres vollbringe, als die Educational Alliance. Er kam dann auf die Einwanderung zn sprechen, welche in dem Jahresbericht gestreift ist, da die Zwangsauswanderung aus Rußland seinerzeit die Gründung der Educational Alliance nöthig machte, In dieser Verbindung sagte er: „Wäre es nicht für die Einwanderung gewesen, so würde es jetzt keine Amerikaner geben, denn der Amerikaner ist ein Kind der Einwanderung Es ist ja ganz richtig, daß die ersten Einwanderer beinahe alle der gleichen Race angehörten. Aber, die Sprache bedingt die Race. Ter Mann, welcher die englische Sprache spricht, Burns nicht zu vergessen, der Mann, welcher die Principien in sich aufnimmt, wie sie in der Unabhängigkeitserklärnng und Washingtons Abschiedsrede niedergelegt sind, den Mann, welcher gelernt hat, die amerikanischen Helden zu verehren, der kann nicht anders, gleichgiltig sein, wo er auch immer geboren, er muß ein echter Amerikaner werden und diese Anstalt verhilft ihm dazu. Eine gar erstaunliche Tendenz macht sich bei den Ausländern, welche hieherkommen, geltend, die Tendenz, noch einmal geboren zu werden. Laßt einen Knaben aus Deutschland, aus Britannien oder Rußland Hieherkommen, nachdem er sein ganzes Leben lang gehört, daß ein Einzelner durch seine Geburt gewisse Rechte hat und laßt ihn dann hier hören, daß alle Menschen gleich sind, dann wird der Junge bald kein Deutscher oder Brite oder Russe mehr sein, sondern ein Amerikaner durch und durch. Ich bin der Ansicht, daß irgend Jemand, der weitere Amendements zu den Einwanderungsgesetzen befürwortet, einen gar großen Jrrthum begeht. Es ist ganz gut, Vorsichtsmaßregeln zu treffen, aber es sollte nicht vergessen werden, daß ein Mann, welcher hieherkommt, die Ambition hat, in der Welt vorwärts zu kommen, und daß er es auf irgend eine Weise bewerkstelligt hat, etwas Geld zu ersparen, zwei äußerst wichtige Dinge, welche einen Schluß auf den Charakter erlauben." Zum Schluß erklärte Herr Carnegie» der Präsident jeder Gesellschaft klage über die schlechten Finanzverhältnisse, gebe man einer Universität 5,000.000 Dollars, so verlange dieselbe in kurzer Zeit die doppelte Summe. Es heiße beständig: „Gib, gib, gib!" Präsident Straus nahm dann noch einmal das Wort und gab bekannt, Herr Henry Phipps, einer von Herrn Carnegie'» Partnern, habe wieder für das Legal Ald Bureau 2500 Dollars beigesteuert, die gleiche Summe, wie letztes Jahr, auch habe er 10.000 Dollars zur Deckung der allgemeinen Unkosten gezeichnet. Herr Carnegie hat im letzten Jahr 2500 Dollars gezeichnet. Als Herr Carnegie die Versammlung verließ, wurde er in einem Nebenzimmer von einer Anzahl seiner hebräischen Mitbürger umringt, die ihm alle kräftig' die Hand schüttelten. Lachend meinte er schließlich: „Ich habe immer eine gute Meinung von den Schotten gehabt, habe mich aber immer ein wenig vor den Juden gefürchtet. Ich fürchte, die laufen uns den Rang doch noch ab." Herr Straus erwiderte darauf prompt: „O, Sie wissen, Schottland ist das einzige Land, in welchem wir uns nicht niedergelassen haben. Den Schotten können wir nicht übertrumpfen." Die Beamtenwahl ergab folgendes Resultat: Jsaac Guggenbeim, Samuel B. Hamburger, Solomon Schechter, Adolf Lewisohn, Marcus M. Marks, Julius M. Mayer, William C. Popper, Solomon Sulzberger, Felix M. Marburg, Samuel Greenbauni, Morris W. Benjamin, Henry M. Leipziger und Frederik Spiegelberg Cincinnati. Geehrte Redaction! In Ihrem geschätzten Blatte vom 4. December 1903 finde ich eine erneute Besprechung von Herrn Landrabbiner Tr. Tänzer's Interpretation von Sudermann's „Sturmgeselle Socrates", die es mir nahe legt, meine abweichende Interpretation öffentlich darzulegen. Ich kann in der Gestalt des Rabbiners Marcuse nur eine ganz richtige Karikirung Derjenigen erkennen, welche glaubten, durch Lossagung von den „asiatischen Gebräuchen" ihrer Vorfahren den Antisemitismus zn überwinden, und es ist daher sehr confequent, wenn der sonst arg verzeichnete Siegfried Marcuse feinem Vater diesen Jrrthum Vorhalt. Auch der begeistertste Reformer muß zugeben, daß die Geschichte der frühen Reform diesen Zug ausweist, wie denn auch in vielen deutschen Ständeversammlungen, so im Großherzogthum Baden seil 1830 wiederholt der Wunsch geäußert wurde, daß die Juden vor der Emancipation ihr „Asiatenthum" ablegen sollten. Ter Frankfurter Reformverein 1843 und die Berliner Refvrmgemeinde 1845 haben sicherlich ihr Entstehen einem solchen Wunsche zn verdanken. Daß Sudermann dafür propagandistisch wirken wollte, das jüdische Volkspriesterthum dahin auszulegen, daß dem Rabbiner dasselbe gestattet fein mußte, was feinen Parochialen gestattet ist, läßt sich gewiß nicht annehmen. Wogegen ich aber glaube Stellung nehmen zu müssen, ist die redactionelle Bemerkung auf Seite 788, Sp. 1 dieser Zeitung, daß die Reformbestrebungen „einen sanften Uebergang ins Christenthum, sozusagen eine Erziehungsstätte für den Berrath" bilden. Zunächst ist es schwierig, überhaupt festzustellen, was man unter Resormbestrebungen versteht. Für Rabbi Hillel Lichtenstein in Kolomea war schon Volksschulbildung eine solche gefährliche Reformbestrebung, wie jeder sich durch einen flüchtigen Blick in feine Schriften, besonders in sein jüdisch-deutsches Werk Eth La-Asoth überzeugen kann. Für die orthodoxe Partei auf dem ungarischen Congreß 1868 69, wie S. W. Schreiber, Jeremias Löw und Men. Eisenstädter und wohl auch für ihre Nachfolger von heute, bedeutete ein Rabbinerseminar, wie es Israel Hildesheimer damals befürtvortete und später in Berlin errichtete, eine unannehmbare Reform. Ter Hirsch- und Hildesheimer-Partei, der sogenannten Neu-Orthodoxie, war wieder die Frankel-Graetz'sche Richtung Ketzerei, obwohl sie an dem Ritualgesetze entschieden festhielt. Zuni Beweise dafür sei nur auf die Controverfe wegen des Darke Haiiii.'Clinak hingedeutet, in welcher Samson Hirsch einem Senlinaristen — derselbe soll Professor Hermann Cohen sein — schreibt, die Ketzereien Frankel's werden nicht bester dadurch, daß Frankel sie mit dem Tallith über dem Kopf vortrügt. Nun aber zugegeben, man verstehe unter Reform die Abänderung der traditionellen Gebete und die Mißachtung der Speisegesetze, so kann man doch den Beweis dafür nicht erbringen, daß diese Richtung zum Abfalle vorbereitet. Zunächst ist Amerika ein Oiegenbeweis. Hierzulande sind Taufen äußerst selten. Ich glaube überhaupt nicht, daß sie irgendwo anders Vorkommen, als unter ehemaligen Jeschibajüngern aus Polen und Ungarn, die aus Charakterlosigkeit oder aus Verzweiflung sich Missionären in die Arme werfen und selbst in der Regel wieder Missionäre werden. Tie große Mehrzahl der autochthonen oder ans Deutschland eingewanderten Bevölkerung, welche die Reformgemeindetl bildet, die großartigen Wohlthäligkeitsinstitute unterstützt, hat keine Apostaten, obwohl sie dem Ritualgesetze mit großer Freiheit gegenübersteht. Mischehen führen allerdings die nächste Generation sehr häufig, obwohl nicht immer, dem Abfalle zu, doch sind diese durchaus nicht auf das Reformelement beschränkt, im Gegentheile will es mir scheinen, obwohl sich darüber keine Statistik erlangen läßt, daß gerade die russischen