Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-01-08 · 2 (8.1.1904) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
2 (8.1.1904)
Date
1904-01-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021550--13276-3037918
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 2 Dr. Blocbs Mocbenscbrttt. Seite 23 Seitens der Aschkenazier aber wurde der erste Schritt zu einer Annäherung an die Spaniolen mit Erfolg unternommen. Die ersten kannten die jüdischen Traditionen und Geschichte viel besser, und der deutschen Sprache halber, die Alle handhaben, konnten sich leichter die Verkündigung der erscheinenden Morgenröthe, des wiederaufwachenden Judenthums vernehmen. Erst eine undefinirte, jüdisch-nationale Bewegung, später das zionistische Band mußte sie aneinander führen. Unter der Fahne des jüdisch denkenden Volkes erkannten sie sich wieder als Brüder desselben verachteten und leidenden Volkes und fingen an, zu verlernen, das entzweireißende Mißfallen an einander zu verspüren. Und von nun an findet eine gegenseitige Beeinflussung statt, die dm Sephardim überhaupt zur geistigen Hebung von großem Vortheil ist. Die Spaniolen geben die Masse, die Aschkenazim die Führer. Und beide fließen zu einer Macht zusammen, umsomehr, da sie weder die Gegenwart der Zukunft, noch diese der ersteren opfern, und dieses kann gar so Manchem als Beispiel dienen. Die ersten russischen Einwanderer brachten mit ihnen den Colonisationsgedanken Palästinas und veranlaßte die Sephardim, eine Colonie zu bilden. Da es sich aber um materielle Opfer handelte — und so weit hatten sie es zu jener Zeit noch nicht gebracht, — erstickte eine fernere Bewegung und damit auch die Lust zum einig werden. Gelegentlich der rumänischen Auswanderungen aber erwachte dieser Trieb auch bei den bulgarischen Juden, und da die Lage dieses unglücklichen Proletariats der verheerenden Geldkrise zum Aeußersten sich verschlimmerte, wendeten sich viele an den Sultan, auch ihnen Erde in Klein-Asien wie den mohammedanischen Auswanderern zn geben. Er gewährte es ihnen. Solch' eine Bewegung war aber ein Strich gegen die Rechnung der bulgarischen Negierung, die gerade Gelegenheit fand, durch ihre officiellen Zeitungen und ins Ausland geschickte Telegramme dem rumänischen Ministerium eine antimacedonische Agitation vorzuwerfen und Europa's Blick von sich abzulenken. Und so würde Bulgarien die europäischen Staatsanwälte der rumänischen Juden ohne es zu versäumen eine doppelte Grenzsperre ihnen aufzustellen. Durch das rechtzeitige Eingreifen der Regierung und den ausgeübten Druck auf die Gemeindehäupter der von der Emigration infectirten Städte erstickte man im Keime die Ausdehnung einer solchen ungelegenen und für beide Theile unwillkommenen Bewegung. (Schluß folgt.) Constituirende öffentliche Plenarversammlung des Verstandes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde vom Mittwoch den 6. Jänner 1904, unter Borfitz des ersten Vieesträsidenten Dr Alfred Stern. Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung, constatirt ihre Beschlußfähigkeit und beruft die Collcgen T e l t s ch e r und kais. Rath Weil zu Wahlverificatoren. Bevor wir an .die Erledigung unserer Tagesordnung gehen, liegt mir die Pflicht ob, eines großen Todten in Israel zu gedenken, dessen Sterbetag nach unserer jüdischen Zeitrechnung sich binnen zwei Tagen, an dem dieswöchentlichen Freitag zum zehntenmale jährt. Am 28. December 1893, nach jüdischer Zeitrechnung am 20. des Monates Thebet 5654, ist der große Meister der Wissenschaft, der Lehre und Rede, Prediger Dr. Adolf Jellinek, aus dem Leben geschieden. Wenige Tage vorher, am Sabbath Wajechi, an dem Sabbathe, da diese Paraschah gelesen wird, welche mit dem Worte des Lebens beginnt und ihrem ganzen Inhalte nach zu einer Apotheose des Todes und des uns eigenen treuen Festhaltens pietätvoller Erinnerung an unsere Dahingeschiedenen sich gestaltet, hat Dr. Jellinek von der Kanzel hier in diesem Hause zum letztenmale der andächtigen Menge Gottes Wort verkündet und an dem Vorabende desselben Sabbathes ist vor wenigen Tagen von der Kanzel in diesem Hause, wie in allen Wiener Gemeindetempeln sein Gedächtniß gefeiert worden. 36 Jahre hat er in unserer Gemeinde des Lehrer- und Predigeramtes gewaltet.- Es liegt mir nicht ob, ich wäre es auch nicht im Stande, seine Bedeutung als Meister der jüdischen Wissenschaft entsprechend zu würdigen. Wohl aber ist in mir unverlöschlich der Eindruck, den so manche seiner Meisterreden auf mich gleichwie auf seine vielen Zuhörer übte, so eine seiner ersten Reden hier bei Legung des Schlußsteines im Leopoldstädter Tempel vor 45 Jahren, am 15. Mai 1858, da er diesen Stein als den „Even kaeser« bezeichnet, den Stein des göttlichen Beistandes, der göttlichen Hilfe, nach der wir Alle damals — es war für uns eine sehr böse Zeit — seufzten, der Reden, in welchen er die Gemeinde zur Einigkeit, zum Frieden, zu treuem Festhalten, zur Uebung der Wohlthätigkeit mahnte. Laffet uns nicht müde werden — so sagte er — das Wahre, Rechte und Gute zu fördern, wo und wann wir es können. Erfteuen wir uns auch nicht eines schnellen Erfolges und wird unser Streben auch nicht sofort verwirklicht und genießen wir auch nicht die Früchte unserer Aussaat, so müssen wir dennoch treue Diener der Wahrheit bleiben und unsere Hoffnung auf die Zukunft, auf die kommenden Geschlechter setzen. Das sind die Worte, die (Redner zeigt auf das im Sitzungssaal befindliche Bild Jellinek's) er auch heute an mich, der ich an der Neige meines Lebens stehe, richtet, die er an uns Alle richtet, die ivir hier am Berathungstische für die Zukunft unserer Glaubensbrüderschaft zu sorgen die heilige Pflicht haben und üben. Sein Andenken sei gesegnet. (Die Versammlung erhebt sich von den Sitzen.) Im Einlauf wird das Schreiben des Beth Hamidrasch- Vereines verlesen, welcher die Abhaltung einer Gedenkfeier für Adolf Jellinek aus Anlaß seines 10. Todestages zur Kenntnis; bringt. Ter Herr Rabbiner Dr. Adolf Schmiedl wird die Gedenkrede halten. Der Vorsitzende, erster Vieepräsident Dr. Adolf Stern, bringt sodann das Resignationsschreiben des Präsidenten kaiserl. Rath K l i n g e r zur Verlesung und gibt Mittheilung von den verschiedenen Schritten, die er gemeinsam mit mehreren Collegen unternommen, um kaiserl. Rath K l i n g e r zur Beibehaltung des Mandates zu bewegen. Leider waren alle diese Schritte ohne Erfolg und das Scheiden K l i n g e r's erwies sich als eine nicht mehr rückgängig zu machende Thatsache. Die Wahl eines neuen Präsidenten für die Gemeio.de ist aber von solch hoher Tragweite, daß ihr jedenfalls eingehende Berathungen, gegenseitige Besprechung und Verständigungen vornusgehen müssen; er stelle deswegen den Antrag, die Wahl eines Präsidenten von der Tagesordnung der heutigen Sitzung abz u s e tz e n. Redner fügt noch hinzu: Während der Abwesenheit oder sonstigen Verhinderung des Präsidenten habe er bisher als Vieepräsident die Präsidialgcschäfte geleitet und alle Agenden versorgt. Dabei kann es zunächst bis auf Weiteres verbleiben, wenn er durch das Vertrauen der Collegen wieder zum ersten Bicepräsideuten gewählt würde. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Es erfolgt sodann die Wahl des ersten Bicepräsidenten; die Wahl wird mittelst Stimmzettel vorgenommen und erscheint Herr Dr. Alfred Stern einstimmig gewählt. Derselbe dankt zunächst in kurzen Worten für das auszeichnende Vertrauen und verspricht, mit demselben Eifer wie bisher den Präsidialgeschäften sich zu widmen. Sodann bespricht er die hohen Verdienste des zurückgetretenen Präsidenten auf den verschiedensten Gebieten der Gemeindeverwaltung, der er durch einen Zeitraum von 18 Jahren in hohen Stellungen angehört hat, und beantragt in Rücksicht auf diese hingebungsvolle, aufopfernde und erfolgreiche Thätigkeit in einstimmigem Votum ihm den Dank auszusprechen und schriftlich bekannt zu geben. (Lebhafter Beifall.) Der Antrag wird einstimmig angenommen. Als zweiter Vieepräsident wird Dr. G. Kohn einstimmig gewählt. In seinen Dankesworten bemerkte er, daß er von einer Programmrede absehen könne, er verspreche, wie bisher an der Seite des lieben Collegen seine Agenden zu versorgen und schließt sich den Enunciationen an, betreffend das Scheiden des ausgezeichneten Präsidenten Klinger. Es wird zur Wahl von 8 Mitgliedern des Vertreter- Collegiums geschritten. 25 Stimmen wurden abgegeben, davon erhielten Dr. Katzau und Ritter v. Tauffig je 24, kaiserl. Rath Hirsch 23, Ritter v. Goldschmidt 22, Dr. Rappaport 21, Dr. Maximilian Steiner 19, Dr. Berger und Baurath Stiasny je 18 und Salo Cohn 13 Stimmen. Es entspinnt sich eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.