Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 22 Dr. Mocb's Wocbenscbrttt Nr. 2 Kais. Rath Friedrich Po llak bemerkt in seiner Ansprache an die Generalversammlung, daß er bereits ein Vierteljahr- Hundert im Dienste des Vereines wirke. Der jähe Wechsel in dem äußeren Geschicke unserer Glaubensgenossen scheint dem Redner eine Art göttlicher Fügung, ja eine Art Fürsorge zum Zwecke unserer Erhaltung und unserer Fortdauer. Die Ungunst der Zeiten, die äußeren Anfeindungen bewirken bei uns einen engeren Zusammenschluß, erwecken in unserer Mitte ein Gefühl der Solidarität, wenn es geschwächt war und zu schwinden drohte. Die Gefühlsrichtung und die Gedankengänge in Zeiten der Frecheit und des Aufschwunges lenkt uns vom Judenthum ab, während die Noth uns zu uns selber zurückführt. Wir besinnen uns dann, wer wir sind, wohin und zu wem wir gehören. (Lebhafter Beifall.) Wie oft hat der Redner den Gedanken erwogen, bei der Fülle und Ueberfülle anderweitiger Aufgaben und Pflichten aus der Leitung dieses Vereines auszuscheiden, allein immer wieder erwacht. in seinem Innern das Solidaritätsgefühl, welches durch die Ungunst der Zeit in unser aller Herzen geweckt worden ist. Von gleichen Gedanken und Empsindungen ist unser College Commercialrath Max Eisenberger getragen, welcher die Cultusübung wohl nicht sehr eifrig pflegt, aber durch den Druck, welcher von Außen auf uns ansgeübt wird,, zum Bewußtsein seiner Zugehörigkeit zum Judenthum gelangt ist. Wir müssen trachten, in der jüngeren Generation einen Nachwuchs uns zu erziehen und zur Aufmunterung der Jugend empfiehlt der Redner in beredten Worten die Wiederwahl des Herrn Max Eifenberger. Die Aufgabe der Vereinsleitung zeichnet Redner sodann nach drei Richtungen: 1. Würdige Repräsentation der Judenfchast dieser Bezirke nach Außen; 2. Vorsorge für einen Herz und Gemüth erhebenden Gottesdienst im Vereinstempel, und endlich 3. Vorsorge für das finanzielle Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben im Vereinsbudget. Im Sinne dieses Programmes habe er bis nun gewirkt, in gleichem Sinne will er auch ferner wirken, wenn die Vereinsgenofien ihn durch eine Wiederwahl ehren. (Lebhafter Beifall.) Das ausscheidende - Vereinsmitglied Herr Ernst Sich ü l l e r richtet schließlich auch seinerseits eine kurze Ansprache an die Generalversammlung: Unser Aller Herzenskind ist der Vereinstempel, vor Allem aber ist dieser Tempel das Herzenskind unseres geliebten und verehrten Max Fleischer. (Lebhafter Beifall.) Ihm zu folgen, in seinen Spuren zu wandeln, seinem Muster nachzustreben, seinem Rufe zu gehorchen — das hielt ich für meine Aufgabe und so will ich es weiter halten, wenn Sie mich neuerdings mit Ihrem Vertrauen auszeichnen. (Lebhafter Beifall) Der Vorsitzende beruft hieraus zu Scrutatorcn die Herren Dawid K o h n, Carl Reiß, Sal. Lemberger, Ignaz Klein. Die ausscheidenden Vorstandsmitglieder Commercialrach Max E i s e n b e r g e r, Dr. Jacob Engel, kais. Rath Friedrich P o l l a k und Ernst Schüller wurden nahezu einstimmig in die Vereinsleitung wiedergewählt. Ueber Antrag des Herrn kaiscrl. Rathes Adolf R u z t c f a beschließt die 30. ordentliche General-Versammlung einstimmig folgende Resolution: Der Vorstand des israelitischen Tempelvereines für Mariahilf und Neubau wird ersucht, im Sinne der in der General- Versammlung gemachten Ausführungen eine Vorstellung an den Vorstand der Cultusgemeinde dahingehend zu richten, daß in Hinkunft die Vornahme von Functionen bei den Leichenbegängnissen für die Functionäre des Mariahilfer Tempelvereines nicht allein auf Mitglieder dieses Vereines beschränkt sei, sondern daß es den Angehörigen von in den Bezirken Mariahilf und Neubau wohnhaft gewesenen Verstorbenen ohne irgendwelche Beschränkung freigestellt sein möge, die. Functionäre des Mariahilfer Tempelvereines für die Functionen bei den Leichenbegängnissen in Anspruch zu nehmen. Die General-Versammlung richtet gleichzeitig an den Cultusvorstand mit allem Nachdrucke die Bitte, dieser ebenso gerechten wie billigen Forderung Folge zu geben und die durch nichts gerechtfertigte Beschränkung, welche sich unbegreiflicherweise eingebürgert hat, in kurzem Wege aufzuheben. Die Jude« in Bulgarien. Von Dr. Bernard H. Lauby, Brüssel. (Fortsetzung aus Nr. l.) Die Juden Bulgariens haben sich auch zu ihren bulgarischen Mitbürgern nicht emporgeboben, obwohl es ihnen an vielen hohen intellectuellen Begabungen nicht fehlt. Daran ist ihre ihnen eingefleischte orientalische Apathie, der vollständige Mangel jedes intellectuellen Strebens schuld. Im modernen Bulgarien hat der Jude während des letzten Jahrhunderts keinen einzigen berühmten Mann hervorgebracht, weder auf jüdischem noch auf bulgarischem Gebiete, obwohl die Geschichte anderer Jahrhunderte viele jüdische Gelehrte aufweist, und wir finden sogar, vor dem Untergang Bulgariens, eine Jüdin Sarah auf dem bulgarischen Throne. Und jetzt, seit dem ^Ojährigen Bestehen des Fürstenthumes, ist der Jude fern von der bulgarischen Cultur geblieben,, hat er darin nichts geleistet und sich ihr nicht assimilirt. Es kann wiederum möglich sein, daß dies für ihn insofern ein Vortheil sei, daß bis jetzt noch kein violenter Antijudaismus ausgebrochen ist. Er steht den Ariern nicht im Wege, drängt sich ihnen nicht auf, sucht ihnen nicht ganz und gar ins Auge zu fallen und dennoch scheint er schon zu groß. Meiner Meinung nach soll dieses Zurückhalten der Juden aber als ein intellectueller Verlust betrachtet werden, umsomehr, wenn ich einen Vergleich mit den Juden anderer Länder aufstelle. Der Jude, der sich die europäische Eultur angeeignet hat und dabei Jude geblieben ist. hat einen titanischen Fortschritt erlebt und er wird der Zukunft von großem Nutzen sein. Mit den Juden Bulgariens ist es aber nicht der Fall. Vom culturellen Standpunkte ist er weder Europäer noch Jude. Wenn auch in der letzteren Zeit die Juden in den Gymnasien erscheinen, wo sie aber selten lange Zeit bleiben, so wenden sich nur wenige zur intellectuellen, freien Beschäftigung oder Wissenschaft. Die paar Aerzte, Apotheker und jüdischen Advocaten haben mit dem Vorurtheil seitens der Bulgaren zn kämpfen und sind gar kein anziehendes Beispiel für die Jugend. Die Aschkcnazim sind nicht autochthone, sondern sind seit den letzten zwei Jahrzehnten aus Rußland, Rumänien, Ungarn, Oesterreich eingewandert Sie sind etwa 2<;00 an der Zahl und unterscheiden sich gründlich in Sitte und sogar religiösen Gebrauchen von den Sephardim, was zn der Einheitstheorie des jüdischen Volkes sonderbar klingt. Die Aschkcnazim erfreuen sich nicht großer Sympathien bei ihren bulgarischen Glaubensgenossen, .denn ihre Sitten sind frei athmender, sogar zu locker für ein orientalisches Gemüth, ein europäischer Hauch weht über ihnen, sie sprechen kein Judesnio, halten am Sabbath die Geschäfte offen, schauen nicht genau auf den Speisezettel, üben die Bequemlichkeit und nähren sich besser und gönnen sich allerlei Unterhaltung, so daß sie für den in der Haushaltilug sehr beschränkten und der Geselligkeit fernstihenden Spaniolen als Schwelger, Verschwender gelten. Da zwischen den Immigranten üblicher Weise auch nicht ganz saniere Elemente sich einschleichen fanden die keuschen älteren Spaniolen viele Gründe, diese hereinströmenden und alles umwälzenden Tudesko's zu verachten, mit ihnen sich nicht zu verehelichen und sie nicht als wahre Juden, sondern als „Mamserim", Bastarde, zu betrachten. Andererseits unterlassen es aber nicht auch die Aschkcnazim, die intellectuell höher stehen, die als Aerzte, Ingenieure, Apotheker, Advocaten, Lehrer, Docenten, sogar als höhere Staatsbeamte Stellungen in einem neuen Lande fanden, als Commissäre, Kaufleute und geschickte Handwerker ein nützliches Element wurden und in regerem Verkehre mit den Bulgaren standen, von denen bevorzugt und zum Gegensatz, „namski ovrsij", deutsche Inden, betitelt, als contre-coup, da sie ihre Superiorität fühlen, die engherzige orientalische Lebensweise der Spaniolen verachtend und über die seitens der Letzteren emvorgehobenen Schranken empört, sie „Schehorim", Zigeuner des jüdischen Volkes, zu benennen. Dieser Gegensatz zwischen Sephardim und Aschkcnazim findet iiberall statt und könnte den großthuerischen Racenanhängern als abkühlendes Argument für ihre zu überhitzten Theorien dienen. — In Rumänien z. B., wo die Spaniolen eine winzige Minderheit in ein paar Städten der Wallachei leben, kommt auch dieser Antagonismus auf sephardischer Seite zum Vorschein. Dort ist ihr verachtender Stolz gegenüber ihren Brüdern ihrer ererbten Grandezza vielleicht zu verdanken, während im Gegentheil in Bulgarien keine Spur mehr einer solchen Grandezza aufzufinden ist. Wenn die christlichen Bulgaren erstere Zeit, wo ihnen intellecturlle Elemente fehlten, die wenig herbeigeströmten Aschkenazier mit Aemter und Stellen bekleideten und sie als Beispiel ihren inländischen jüdischen Glaubensgenossen vorhielten, ist letztere Zeit, da sie aufhörteu, eine rara avis zu sein, eine ungünstige Wendung in der Lage der Aschkenazier eingetreten. Obwohl zum größten Theil bulgarische Bürger, werden sie ihrer Stellen enthoben und nicht mehr „uomslri ovroij", sondern wie gelegentlich der Einführung einer Staatsclaffenlotterie seitens deutsch-ungarischer Juden mit dem Ausdrucke wie „nowslri tsebikutiu", was nicht ganz liebkosend im Munde eines Bulgaren klingt, begrüßt. Die goldene Zeit der aschkenazischen Aerzte, Ingenieure rc. hat für immer ihre Thore verriegelt. * *