Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 20 Dr. Llocv's MlocvenscbrM. Nr. 2 Frühjahr 1669 thätig blieb. Den Rest seiner Tage verbrachte er in Graz, wo er am 17. Juni 1878 starb. Er war auch ein ganz respectabler Dichter. Zur Feier des Centennariums seiner Geburt hat sein Sohn seine „Gesammelten Dichtungen" herausgegeben, welche den 10. Band der „Bibliothek der deutschen Schriftsteller aus Böhmen" füllen. Jeitteles legte sich als Dichter das Pseudonym Justus Frey bei. Dr. Bernh. Münz in Wien theilt im „Jüdischen Generalanzeiger" Einiges daraus mit. Wir wollen hier nur die folgenden lehrreichen Verse anführen: „Am Heiligsten vergriff er schnöde sich Und an sich selber übt' er Hochverrat!». Verwüstet hat er eine''. Tempelbau, Gleich jenem Tempelschänder Herostrat; Was Wunder, wenn sich seiner müden Brust Der Friede nimmer glückverheißend naht? Was Lr gesäet, schwillt zu keiner Frucht, Denn unerwachsen starb die junge Saal; Was er auch thue, Seg:n bringt es kaum, Denn all sein Thun ist halbgethanc That; Was er auch denke, sein Gedanke siecht, Denn Schwermuth lenkt ihn wie die Pupp' am Draht; So ruft er endlich schmerzdurchschauert aus: Verdien' ich nicht mein Los, ich Apostat? —" Warnung. „Am Glauben deiner Väter halte fest! Abtrünnig werden bringt dir oft Gefahr, Und wenn Gefahr nicht, so doch niemals Heil. Es bleibt in deinem Busen stets ein Rest, Ein starker Rest zurück von dem, was war. Was deines bessern Selbstes war ein Theil. Nicht weißt du, wem du angehören sollst: Nach jener Seite zieht gewohnte Macht, Nach dieser vorschnell Lbtrnomm'ne Pflicht. So kommt's, daß deinem Genius du grollst, Unfriedlich steigt für dich herab die Nacht, Und freudlos findet dich der Sonne Licht. Die neugewählte Schaar gewinnst du kauni, Den Frcund von eh'mals hast du mißgestimmt. Verlassen dünkst du dich an jedem Ort. Ein Leidgenoffe bist du jenem Baum, Den man der heimatlichen Erd' entnimmt Und der im fremden Boden trüb verdorrt!" Der Ursprung der Kischenewer Excesse. Im Kischenewer Proceß wurde vom Vertheidiger Rechtsanwalt Schamanin festgestellt, daß die Excesse von den Behörden organifirt worden find. Es ist ein Document von culturgeschichtlichem Interesse, das hiemit in die Oeffentlichkeit gelangt. Rechtsanwalt Schamanin führte Folgendes aus: Es hat sich herausgestM, daß eine energische Agitation zu Gunsten der Ausschreitungen betrieben worden war, und zwar mittels Proclamatwnen, die den Theehäusern zugeschickt und dort von der ungebildeten Menge gelesen wurden. Diese Proklamationen predigten die Veranstaltung von Krawallen, versprachen Straflofigkeit hiefür und forderten unter Drohungen zur Verbreitung der Aufrufe auf. Es hat sich ferner herausgcstellt, daß vor den Krawallen unbekannte Leute in der Stadt umhergivgen und die jüdischen Häuser aufschrieben. Die Krawalle waren also im Voraus vorbereitet gewesen. Beweis dessen das ganze Bild der Krawalle, das bisher vor dem Gerichte aufgerollt wurde: Die Krawalle haben zu gleicher Zeit an verschiedenen Punkten begonnen; die ExccheÄen führten Notizbücher bei sich, in denen die jüdischen Wohnungen notirt waren; die Banden der Excedenten waren numerirt, sie wurden nach Aussagen von Zeugen als „Siebente", „Nemlte" u. a. m. bezeichnet; 120 Männer wurden, nach der Aussage des Zeugen Feigin, speciell der Excesse wegen hergebracht; alle Excedenten waren gleichartig bewaffnet, mit gleichen Knüppeln und gleichen Abschnitten von Wasserleitungsröhren. Die Verhandlungen haben auch neue früher unbekannte Hinweise ergeben, von wem die Excesse vorbereitet worden sind. Es hat sich ergeben; daß mit den Excedenten zusammen sich überall Agenten des. Obersten der Gendarmerie-Schutzabtheilung Lewendall befanden, die zum Vorgehen gegen die Juden ausforderten; daß das Militär von Kischenew zur Unterdrückung der Krawalle nicht verwendet wurde, weil Herr v. Lewendall es für unbekannte Zwecke reservirt hatte. Die Vertheidigung behauptet, daß die Excesse von Herrn Lewendall organifirt worden sind, aber nicht als Privatperson, sondern als Vertreter der Obrigkeit, als Träger ihrer Wünsche, als ein Mann, der mit dem Segen der höchsten Behörden versehen war. Daß die Krawalle von der Gesammtheit der administrativen Behörden gutgeheißen worden sind, bestätigt auch das Verhalten derKischenewer Polizei bei der Niedermetzelung der Juden. Am 7. April hat die Polizei am frühen Morgen alle Juden entwaffnet, ihnen die Knüppel abgenommen, die sie zur Selbstwehr bereit hielten, sie auseinandergetrieben und sich somit gegen jeden Widerstand von dieser Seite sichergestellt. Die Schutzmänner schritten den Banden voran, als ob sie ihre Führer wären, und zeigten den Excedenten die jüdischen Häuser. Die Revieraufseher und Pristaws (Polizeihauptleute) veranlaßten Ausschreitungen, indem sie dem Volke zuriefen: „Schlagt los auf die Juden, es wird euch nichts geschehen!" Endlich hat die Polizei noch vor Ostern dem unwissenden Volke verkündet, es sei ein kaiserlicher Erlaß ergangen, wonach zu Ostern drei Tage lang auf die Juden losgeschlagen werden solle. Alles das zusammen, dessen Aufdeckung vor dem Gerichte den Anwälten nach großen Anstrengungen gelungen ist, läßt keinen Zweifel darüber zu, daß die Kischenewer Excesse von den Behörden organifirt worden sind. Kinderraub in Rußland. „Univers Jsraelite" erzählt: Auf seiner Feier des fünfundsechzigsten Geburtstages war Graf Leo Tolstoi in der Mitte einer fashionablen Gesellschaft in einer sehr animirten und heiteren Stimmung; er conversirte über Kunst, Wissenschaft und Politik. Plötzlich verdüsterte sich sein Gesicht' und er erzählte mit vibrirender Stimme, daß ein jüdisches Ehepaar aus Toula bei ihm vorsprach und um seine Intervention in Angelegenheit der Zurückgabe ihres unmündigen Kindes bat, welches sich in einem Kloster befindet. Der Graf schrieb unverzüglich an den Gouverneur von Toula und bat um die Ausfolgung des minderjährigen Kindes. Der Gouverneur erwiderte, daß das Kind bereits getauft ist. Ein zweitmaliges Verwenden Tolstoi's beim Ministerium des Innern und an allen geeigneten Stellen blieb ganz erfolglos. Graf Tolstoi äußerte nach der Erzählung des Vorfalles tief bewegt seine Entrüstung über diesen Kinderraub, der nur als eine Blamage des zwanzigsten Jahrhunderts angesehen werden könnte. Jüdische Fahnen. Sehr geehrter Herr Redacteur! In der jüngsten Nummer Ihres geschätzten Blattes behandelt der Budapester Gelehrte Dr. S. Kraus in anregender Weise das Thema „Jüdische Fahnen" und bemerkt unter Anderem, daß der Talmud selbst keinen Anlaß gehabt, von Fahnen zu sprechen und daß darum auch in dieser weitschichtigen Literatur „kaum eine Notiz zu finden sei, die zuunseremThemagehöre." Nun ich glaube, eine Stelle wäre gleichwohl hier anzuführen gewesen, die (wenn auch nicht von Fahnen im eigentlichen Sinne des Wortes daselbst gesprochen wird) doch immerhin in einem gewissen Zusammenhang mit dem angeführten Gegenstände steht. Es ist dies die bekannte Stelle in Sukkath 51b, wo Rabbi Jehuda von Dioplaston (Säulenhalle) in Alexandria berichtet, die so groß gewesen sein soll, daß sie doppelt soviele Menschen, als aus Egypten gezogen, zu umfassen im Stande war. Aus diesem Grunde sei es nothwendig gewesen, daß bei den gottesdienstlichen Versammlungen der sogenannte Chasan Haknetbet auf einer in der Mitte stehenden hölzernen Tribüne jedesmal mit S u d o r i n (d. h. Tüchern oder besser: einer Art Fahne) das Zeichen gab, wenn die versammelte Menge in das Amen einstimmen sollte. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Max S t e i f.