Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr Blocb’s Mocdenscbritt. Seite IS wird, wie sehr muß er an positiver Leistung alle anderen Mitbewerber überragt haben! Und wenn es gelänge, was wäre damit ^erreicht? Die Antisemiten haben ja schon ihr judenreines Theater, und sie können selbst nicht umhin, zu bekennen, daß es ein sehr tiefstehendes Kunstinstitut ist. Sie haben schon ihre judenreine Presse, und wie es um diese steht, das beweist die ewige, bisher nur sehr ungenügend gestillte Sehnsucht, die Presse zu erobern. Damit gibt die antisemitische Partei selbst zu erkennen, daß sie nicht in der Lage ist, mit ihrer eigenen Presse die Parade aufzuziehen. Die frommen Wünsche könnten ja alle in Erfüllung gehen, und doch wäre damit nichts erreicht. Denn nicht die „Eroberung" macht es aus, sondern die Leistung. Die Leistung ist es, die sich schließlich behauptet und durchsetzt, aber nicht sie ist es, die von antisemitischer Seite eingefchätzt und respectirt wird. Damit käme man nicht weit; ausschlaggebend ist der Parteistandpunkt. Nun ist es bekanntlich viel leichter, sich durch strammen Antisemitismus — je brutaler, desto bester — zur Geltung zu bringen, als durch irgend eine erhebliche Leistung auf geistigem Gebiete. Wer sich nicht zum Antisemitismus bekennt, auch wenn er kein Jude ist, und sei er auch sonst noch so bedeutend, wird einfach füsilirt — so gut es geht. Man erinnert sich, wie Mommsen bei seinem Tode von der antisemitischen Presse und von den antisemitischen Rednern, allen voran der tiefgründige Bielohlawek, behandelt worden ist. Ein Großer im Reiche des Geistes, braucht übrigens den Leuten gar nicht erst den Gefallen zu thun und zu sterben, um gründlichst verschimpfirt zu werden, sofern er nur nicht in das antisemitische Horn stößt. Nothnagel, der weder ein Jude, noch ein Judenstämmling ist, wird in allen fünf Erdtheilen als eine wissenschaftliche Capacität anerkannt. Nothnagel hat die Mode des Antisemitismus nicht mitgemacht, folglich wird er von den Wiener Christlich-Socialen, die ja wie in Allem so auch hier besser Bescheid wissen, als Stümper und als ^Schwindler stigmatisirt. Hören wir, wie Masaidek, der große Satiriker der Christlich-Socialen in Wien, einen Mann und Gelehrten, dem die Welt uneingeschränkte Verehrung zollt, in seiner bekannten, geistsprühenden Weise behandelt: „Kennst du, lieber Leser, den berühmten Doctor Sargnagel? Gewiß nicht; wenn du ihn kennen würdest, könntest du diese Frage gar nicht mehr beantworten. Professor Dr. Sargnagel ist eigentlich mehr Spediteur als Arzt, und wen er spedirt, der kehrt nimmer wieder. Als der liebe Gott über das Treiben der sündigen Menschheit sehr erzürnt war — es war gerade im Jahre 1848 — da rief er in seinem Zorn aus: „Die Menschheit ist zu zahlreich, ich will sie weniger machen!" und Sargnagel erbliche das Licht der Welt". Nur nebenbei: Die angeführte Jahreszahl ist ebenso falsch, wie das Deutsch, das Herr Masaidek schreibt, und das übrigens gerade gut genug ist für die „Deutsche Zeitung", die seine köstlichen Scherze in die Oeffentlichkeit bringt. Eines wäre hier aber doch noch zu bemerken. So lange die antisemitischen Wortführer so aussehen, wie Herr Masaidek, so lange ist die Gefahr der Eroberung der Literatur durch die Antisemiten doch noch eine recht fern liegende. Die fteisinnigen Kreise, wohl überhaupt die Kreise, in welchen der gute Geschmack und die ehrenhafte Gesinnung noch einigen Anwerth haben, haben alle Ursache, Herrn Masaidek dankbar zu sein für seine Art der literarischen Vertretung des Antisemitismus. Schöner kann man sich das ja gar nicht wünschen. Darum mag wohl auch der Journalisten- und Schriftstellerverein „Concordia" sich veranlaßt gesehen haben, Herrn Masaidek namhafte Unterstützungen zu Theil werden zu lassen. Auf fein Ansuchen. Er wird nämlich nicht müde, anzusuchen, und wird ihm willfahrt, wieder anzusuchen um die Erhöhung des votirten Betrages. Wenn schon von Eroberung der Presse die Rede ist, so sollten die Antisemiten doch erst ihre eigenen Preßleute erobern und sie vor allen Dingen so bezahlen, daß sie nicht der ganzen Familie die Schand anthun müssen, sich von der „Concordia" unterstützen zu lassen. Der Kämpfer soll nicht auch ein Fechter sein müssen. Das „Deutsche Bolksblatt" macht den Eroberungszug mit, nicht immer ganz glücklich. Es hat „die geradezu bodenlose Frechheit gebrandmarkt, mit der in echt jüdischer Weife für eine neue Zeitung Reclame gemacht wird". Was ist geschehen? Eine neue Zeitung für Blinde ist erschienen. Eine Notiz darüber, die den Blättern zugeschickt worden war, hat auch das „Deutsche Volksblatt" veröffentlicht, und nun fühlt es sich in seinem Gewissen beschwert, weil es hinterher daraufgekommen ist oder daraufgekommen zu sein glaubt, daß bei der Zeitung für Blinde auch jüdische Hände im Spiel seien. Es erachtet sich nun für betrogen, weil man in das juden- und sittenreine Volksblatt eine so entwürdigende Reclame „hineingeschmuggelt" hat. Das arme „Volksblatt", es kommt aus der Verzweiflung überhaupt nicht heraus. Da hat es neulich eine Liste arischer Aerzte veröffentlicht. Man beachte wohl, arischer Aerzte; „christlich" wäre nicht genug — man kann doch nie wissen! Und nun hat es was auszustehen! Es wird ihm bewiesen, daß der Urgroßvater des ebenfalls angepriesenen Dr. Caspar Schwarz sich habe taufen lassen. Und nicht genug an dem. Auch der Urgroßvater des Dr. Libochowitz soll noch Jude gewesen sein! Das ist doch schrecklich und so was thut weh! Inzwischen kämpft auch das „Deutsche Volksblatt" tapfer weiter für Moral und gute Sitte. Ein weiterer Schmerz ist dem „Deutschen Volksblatt" durch die „Times" zugefügt worden. Der Correspondent des englischen Blattes hatte gemeldet, daß der russische Minister des Innern neuerdings den Versuch gemacht hat, im Senate dahin zu wirken, daß die Domicilrechte der Juden in Sibirien neuerdings eine Einschränkung erfahren. Als Grund wird angegeben, daß die Controle des Handels und der Goldminen ganz in die Hände der Juden gerathen werde, falls man nicht gestatte, den Juden die Bewegungsfteiheit zu nehmen. Das englische Weltblatt bemerkt dazu, es sei in der That begreiflich, daß die russischen Kronsdiener die Verwaltung der sibirischen Goldminen nicht aus den Händen geben wollen. Diese Minen bringen dem Czaren nichts und dem russischen Staate nichts. Wo der Ertrag bleibt, braucht nicht gesagt zu werden. Natürlich mögen die Interessenten keine ehrlichen Leute in ihrer Mitte haben und deshalb beharren sie auf Ausschließung der Juden. Nach dieser Auslassung wird man den ehrlichen Schmerz des „Deutschen Volksblatt" begreifen. Es hat sich aber auch gerächt. Es nennt die „Times" — das englische Hauptjudenblatt. „Times" werden sich riesig kränken. Whig. Keine Ausschreitungen in Kischenew. Eine Depesche Plehwe's. New-Zork, 5. Jänner. (Meldung des Bureau Lassan.) Der russische Minister des Innern, Plehwe, kabelte an die New- Iorker „World", welche sich mit einer directen Anftage an den Czaren gewendet hatte, ob neuerliche Ausschreitungen in Kischenew zu erwarten find: „Die Befürchtungen bevorstehender Ausschreitungen sind durchaus grundlos. Die Meldungen von judenfeindlichen Ausschreitungen sind eine Folge einer Agitation, die von der russischen Regierung feindlichen Personen ausgeht." Bekenntnisse eines gelausten Juden. Andreas Ludwig Jeitteles hieß er und war im Jahre 1799 in Prag geboren. 1825 erwarb er in Wien den akademischen Doctorgrad, ließ sich daselbst als praktischer Arzt nieder, trat in den Verband der katholischen Kirche, vermählte sich und traf Vorbereitungen für den akademischen Lehrberuf. 1829 erhielt er die Stelle eines Prosectors bei einer anatomischen Lehrkanzel in Wien und 1831 die durch den Tod des Ordinarius erledigte Lehrkanzel in provisorischer Eigenschaft. 1833 wurde ihm auf auf Grund einer zu jener Zeit vorgeschriebenen Concursprüfung die supplirende und 1836 die ordentliche Professur der. dazumal sogenannten theoretischen Medicin für Wundärzte an der Universität in Olmütz übertragen, in welcher Stellung er bis