Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-01-01 · 1 (1.1.1904) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021549--13267-3037908
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 1 Dr. Mocb's Mocbenscbritt Seite 15 Aus der Reihe der Officiere ritt einer hervor und sprach zu Moritz: „Es hat Dir doch Niemand ein Leid gethan, warum lveinst du denn so? „Ach, wir haben keinen Vater mehr und sind so arm, und jetzt kommen wir ohne Brot und Branntwein nach Hause. Was wird nur die Mutter sagen?" Die Schwester herrschte ihm ein „Schweig" zu und zog ihn mit sich fort. Der Officier vertrat ihr den Weg und rief fast drohend: „Halt keinen Schritt weiter! Was kostet das Zeug da, das Ihr uns läßt, ich meine das Faßl und das Brot?" „Wir haben 8 Gulden dafür gegeben", schluchzte Moritz, „der Mutter letztes Geld". „Guldenstücke habe ich keine bei mir, sagte der Officier, aber da hast Du 8 Thaler, gib sie Deiner Mutter, daß sie keinen Schaden hat." Bei diesen Worten zählte er dem erstaunten Jungen acht blanke Silberstücke in die Hand, welche dieser der hocherröthenden Schwester zusteckte. Diese verneigte sich dankend gegen den edlen Feind, wies aber das Geld von sich, welches Moritz in die eigene Tasche steckte, dann zogen die beiden, einer Last und einer Sorge entledigt, weiter der Heimat zu. Die Soldaten saßen ab und theilten sich, so gut es ging, in die den Kindern abgenommenen Mundvorräthe. Sie waren nach einem langen Marsche hungrig und durstig geworden, ohne zu wissen, ob sie so bald in ein gutes Quartier kämen. Sie waren ja, wenn auch als Sieger, in Feindesland und die Bevölkerung, von den übertriebenen, ja entstellten Schilderungen, welche man von den Preußen entwarf, erschreckt, hatte alle genießbaren Vorräthe versteckt, ja das meiste Vieh in das Innere der Waldungen getrieben, wo es vor den spähenden Blicken der auf Requisition ausgehenden Soldaten verborgen war. Der Officier, welcher dem Knaben das Geld gegeben, wurde von seinen Kameraden geneckt und gehänselt, daß er sich um ein paar schöner Mädchenaugen wegen zu einer so großen Schenkung Hinreißen ließ. „Es sind Waisenkinder", entgegnete er, gleichsam entschuldigend. „Auch ich habe in noch jugendlichem Alter den Vater verloren und weiß daher, wie es vaterlosen Kindern zu Muthe ist. Um alle Schätze Golkoedas würde ich Waisenkinder nicht beraubt sehen." „Besonders so schöne, wie das Mädchen mit dem Rückenkorbe", neckte ein blutjunger Leutnant. „Hör' mal Kamerad!" fuhr er fort, so ganz umsonst hättest du das viele Geld auch nicht hergeben müssen, einen Kuß von der jungen Schönen hättest Du wenigstens fordern dürfen. Der aber antwortete ihm: „Nein, Kamerad, die sah mir nicht darnach aus, daß sie freiwillig einen Kuß hergegeben hätte." „Also hättest Du Dir ihn nehmen sollen nach Kriegsrecht." „Pfui, das wäre häßlich von mir gewesen; dieses Mädchen ist ein Bildder reinsten, Jungfräulichkeit, um Alles in der Welt hätte ich den Zornesblick nicht noch einmal herausgefordert, wie er diesen seltsamen Augen entfuhr, als wir Hand an die Mundvorräthe legten." Während sich die Officiere über ihr Abenteuer mit den Geschwistern unterhielten, schritten diese von ihrer Last sowohl als Sorge erleichtert, auf der staubigen Landstraße der Heimat zu. Moritz pfiff ein munteres Liedchen vor sich hin, war überhaupt in übermüthig guter Laune, während die Schwester mit gerunzelter Stirne, in tiefes Nachdenken versunken, schweigend neben ihm herging. Wohl war es auch ihr eine Erleichterung, daß sie nicht mit leeren Händen vor die sorgende und schwer arbeitende Mutter hintreten müsse, daß die Sorgenlast, welche diese trug, in dieser kritischen Zeit nicht noch vermehrt wurde, jetzt wo die Geschäfte ohnehin so schlecht gingen und man sich nicht einmal auf ein freundliches Darlehen wie sonst verlassen konnte. Jedoch die Art und Weise, aus welche ihr das Eigenthum abgenommen wurde, mehr aber noch auf welche Art ihr Ersah geleistet wurde, hatte ihr Gemüth aufs Aeußerste empört. Wie die Amalekiter dort in der Wüste damals auf dic arglos ihres Weges dahinziehenden Israeliten losstürzten und die Müden und Schwachen überfielen, so hatte diese Soldateska auch sie überfallen, hatte ihr kraft ihres Rechtes als der Stärkeren ihr erworbenes Eigenthum entrissen. O, das war eine Heldenthat, einen kleinen Knaben und ein schwaches Mädchen zu berauben! Das war ein Blatt mehr im Ruhmeskranze der Sieger. Daß einer von ihnen aus seiner Tasche Ersatz geleistet, das verbessert ihre Meinung über die Anfallenden nicht im geringsten. „Die Memme", so sagte sie sich zähneknirschend, „diese Memme kann einen kleinen Buben nicht weinen sehen und der Moritz hat ja heillos geflennt." Dabei warf sie dem kleinen Bruder einen furchtbaren Blick zu, welcher denselben gewiß in höchstes Erstaunen versetzt, wenn er ihn bemerkt hätte, aber der klimperte so seelenvergnügt mit mit den Silberthalern, die sich in seiner Tasche befanden, daß er für nichts anderes Sinn hatte, als für die ungewohnten, süßen Töne, welche diese Münzen von sich gaben. In Oesterreich war damals kein Silbergeld im Umläufe und Silbergulden oder Thaler befanden sich beim Volke höchstens in den Sparbüchsen fleißiger Kinder oder in den Taschen der Erbonkels und Tanten, um damit die sie besuchenden oder gratulirenden Neffen und Nichten zu betheilen. (Fortsetzung folgt.) Krieflrasten. K. Ueber geadelte jüdische Familien finden Sie einige wichtige Notizen in der Geschichte des Adels von „H. von Bülow". Es ist äußerst interessant, von dem Verfasser zu vernehmen, daß, soweit eine Statistik darüber vorliegt, es mehr als 1000 geadelte jüdische Familien gibt, die sich namentlich Nachweisen lassen. Nicht mit Unrecht behauptet Bülow, daß diese Ziffer noch bedeutend vermehrt werden muß, wenn sie die Wirklichkeit erreichen soll. Denn dabei sind weder die in Polen und Rußland geadelten Familren, deren Namen auf jüdischen Ursprung hinweist, mitgerechnet, noch ist der sehr bedeutende Antheil jüdischen Blutes an dem Adel Spaniens und Portugals in Berechnung gezogen. An dieser Zahl kann man ermessen, wie groß seit Jahrhunderten der Verlust ist, den die Judenheit gerade in ihren Spitzen erleidet, denn wie wenige Familien von jenen 1000 sind heute noch jüdisch und andererseits waren es doch immer die reichsten oder durch ihre geistigen Leistungen, natürlich auf weltlichen Gebieten, hervorragendsten, die geadelt wurden. Welch eine Macht würden diese 1000 Familien für das Judenthum heute vorstellen, wenn sie der angestammten Religion treu geblieben wären! — Interessant, obwohl anscheinend nicht ganz zuverlässig, ist die Aufzählung von 480 geadelten jüdischen Familien, größtentheils aus dem vorigen Jahrhundert. Auf Oesterreich kommen 240, auf Preußen dagegen nur 24, geistlichen Adel erhielten 2 Familien. F. Laut der Volkszählung im Jahre 1900 betrug die Zahl der Juden in Ungarn 851.378 oder 44/10°/0 der Gesammtbevölkerung, im Jahre 1840 betrug die Zahl 244.000 oder 1^/,//«. In Budapest wohnen 168.000, in Großwardein 12.000, in Miskolcz 8000, in Neupest und Preßburg je 7000. L. Ferdinand Gregorovius sagt an einer Stelle: „Das tragische Schicksal der Juden, in der Zerstreuung unter allen Völkern der Erde ewig fortzudauern, ist so beispiellos, daß es der christlichen Sage als die Wirkung des göttlichen Fluches erschien. Die Anhänger des Moses überlebten, leidend aber nicht handelnd, die Wandlungen der Geschichte, die furchtbaren Katastrophen der Jahrhunderte. Sie vermochten das nicht aus der Kraft der Race, sondern aus der Energie ihres keine Assimilirung duldenden Glaubens. Dieser machte den Verlust des Vaterlandes erträglich, wenn er dasselbe auch nicht ersetzen konnte, und niemals auf Erden ist ein stärkeres Zeugniß von der Echtheit religiöser Urkunden gegeben worden."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.