Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Dr. Mocb's Mocbenscbritt. Nr. 1 Wien. Im Nachliange zur Straffer-Feier im Josefstädter Tempel Neudeggergaffe 12, wird uns noch mitgetheilt, daß von dem Gesammtvorstaude und in Anwesenheit der Herren Salo Cohn, Alfred Straffer und der Tempelvorstehcr verschiedener Bezirke an den Jubilar von Herrn Dr. Sigmund Goldberger eine feierliche und erhebende Ansprache gehalten wurde, die dann vom Jubilar sowie von den Herren Salo Cohn und Alfred Straffer mit besonderem Danke erwidert wurde. Herr Salo Cohn hob besonders hervor, daß er zu dem Vorstande des Tempelvereines Josefftadt und zu dessen musterhaften Leitung besonderes Vertrauen hat. und als Ausdruck dieses Vertrauens im Tempelvereine des VIII. Bezirkes Josefstadt, Wien, eine Michael Strasser-Stiftung im Betrage von X 8000 gründete, deren Zinsen jährlich am Sabbath Channka an eine arme Familie in der Josefstadt, Wien, zur Vertheilung gelangen sollen. Das Vorschlags- und Verleihungsrecht hat ausschließlich die Familie Straffer. Györ (Raab). Der Raaber und Raabszigeter israelitische Frauenvercin hielt kürzlich am Chanukafestc die WinterbckleidungS- Feier für 141 arme Schulkinder. Vereinspräsidentin Frau Johanna Herzl-Keppich war mit gewohnter hochherziger Aufopferung bestrebt, diesen edlen und humanen Act zu inaugurircn. Bei dieser Gelegenheit hielt Oberrabbiner Dr. Moritz Schwarz eine solenne Ansprache an die Schuljugend, selbe zu Dankbarkeit, Fleiß und gute Sitten aufmuntcrnd. Den Dank der Bekleideten sprach sodann ein Knabe und em Mädchen aus. Die schöne Feier schloß mit einer opulenten Jause, mit welcher das Präsidium und der Vereinsausschuß die armen Kinder bewirthete. — Am Tage nach der Bekleidung führte Frau Präsidentin das aus Milch und Semmel bestehende warme Winterfrühstück an der Schule ein, an welchem vorläufig circa 40 arme Schulkinder theilnehmen werden. — Schließlich war es ihrer Energie und Umsicht zu verdanken, daß Heuer 135 arme Familien mit Winterholz versehen werden konnten. Karlstadt (Croatien). Der hiesige israelitische Tempel wird nach modernem Styl umgcbaut. Die Pläne werden von Herrn Reis und einem Agramer Architekten ausgearbeitet und wird dies ein Monumentalbau moderner Baukunst sein. Der Bau wird im Frühjahr in Angriff genommen und bis zu den nächsten hohen Herbst-Feiertagen fertiggestellt werden. Dies ist unserem rührigen Baucomite, dessen Präses Herr Wilhelm Reiner ist, zu verdanken, da zu diesem Zwecke eine namhafte Summe Geldes bereits gezeichnet wurde. Agram. In Anwesenheit eines distinguirten Publicums fand am 20. d. M. die Chanukafeier des „Literarischen Clubs der israel. Jugend" statt. Unter den Anwesenden sah man die Herren Oberrabbiner Dr. N. Jacobi, Gemeindepräsident I. Siebenschen und Viceprästdent Dr. Goldmann. Die Feier nahm einen schönen und ernsten Verlauf und war vom Dilettantismus vollkommen frei. Das größte Verdienst um die Veranstaltung der Feier hat der Protektor des Clubs Professor Dr. Gabriel Schwarz. Er eröffuete die Feier mit einer Ansprache, in der er hervorhob, daß die Jugend ein glänzendes Beispiel des sie beherrschenden jüdischen Geistes und der Begeisterung liefere. Die Chanukafeier sei — nachdem sie schon zum dritten Male gefeiert werde — zu einer ständigen Institution geworden, der wir es in Agram zu verdanken haben, daß sie nicht nur im Tempelhause und in Wohlthätigkeitsanstalten ein bescheidenes und bedeutungsloses Fest sei, sondern daß es von Jahr zu Jahr in ihrer Schönheit den jüdischen Geist, die jüdische Begeisterung in unseren Herzen nährt. Nach der Rede des Protectors, die mit begeistertem Beifalle aufgenommen wurde, sprach der Präsident des Clubs Maturant David Wohl, worauf die Tamburaschen mit großer Exacthcit eine Piece vortru^en. Diesrs Nationalinstrumcnt füllte alle Intermezzi ans. Ale der beste Arbeiter im Club zeichnete sich wohl der Maturant Stjcpan Deutsch mit leiueni Vortrag „Die Vertreibung der Juden a u s S p a u i e n" aus, der auch den Beifall der Zuhörer verdiente. Als Novellisten hatten wir die Freude einen Sextaner des Nealgymnasiiiiiis, Leo Stern, kennen zu lernen, der uns in seiner Novelle „Die Opfer" (aus der Jnquisitionszcit) ein unleugbares Talent offenbarte und durch großen Beifall belohnt wurde, ebenso wie Hinko Göttlich für sein stimniungsvoll.-s und hübsches Gedicht „Die Vision des Propheten". Begeisterung wurde geweckt, als das Mitglied R o s c n t h a l Morris Rosenfeld's „S t u r m" (m croatischer Uebersetzung von sluä. sur. Alexander Licht) dcelamirte. Das herrliche Gedicht, das noch in der Uebersetzung wuchtig wirkte, brachte dem Uebcrsetzer eine« langanhaltenden Beifall ein. Feuilleton. Waffenstillstand. Novelle von Babette Fried- Prag. (Fortsetzung.) Während die arme Frau in ihrer Stube, welche gleichzeitg als Verkaufsladen, sowie als Branntweinschänke diente, um ihre abwesenden Kinder sich ängstigte und von Zeit zu Zeit ihre Flickarbeit aus den Händen gab, um mit gefalteten Händen ein Gebet zu dem Vater aller Waisen emporznsenden, werfen wir einen Blick auf die staubige, sonndurchglühte Landstraße, wo die Beiden wacker ausschritten — der Heimat zu. Fanni trug einen Rückenkorb mit Tabak, Cigarren und Rauchrequisiten angefüllt, und half gleichzeitig ihrem kleinen Brüderchen den Schiebkarren ziehen, der mit einem Füßchen Branntwein und einem mit mehreren Brotlaiben angefüllten Sacke beladen war. Für die schwachen Kräfte des Knaben wäre diese Last zu schwer gewesen. Klein Moritz blickte bei jedem Geräusch, das er vernahm, ängstlich um, wofür er von der muthigen Schwester gehörig verspottet wurde. Doch plötzlich versiegte ihre Spottlust. Fahle Blässe bedeckte ihr vordem von Hitze und Anstrengung hochgeröthetes Antlitz. Quer über ein Kartoffelfeld sprengte eine Schaar von Reitern her, gerade auf sie zu. In den Strahlen der Julisonne glitzerten die Uniformen, daß ihnen gerade schwindelte. Wo sich verbergen, da an ein Entfliehen nicht zu denken war? Mit Anstrengung zogen sie den Schiebkarren in den Straßengraben hinab, wo sie sich auch niederkauerten, um klopfenden Herzens, fest aneinandergeschmiegt, den Vorbeimarsch des Feindes abzuwarten. Doch zu spät! Sie waren erblickt worden, und eine Abtheilung des Militärs ritt gerade auf die Stelle zu, wo sic verborgen waren.;l< . „Was habt Ihr in dem Korbe da?" frug der Führer der Patrouille, „was ist in dem Korbe, Mädchen, zeige her!" Am ganzen Leibe bebend, entfernte Fanni das Tuch, mit welchem der Korb bedeckt war. „Tabak und Cigarren, sowie Streichhölzer", antwortete sie. „Das brauchen wir nicht, davon haben wir Vorrath genug. Zu essen oder trinken ist nichts da?" „In dem Faß ist Branntwein und in den: Sacke Brot", antwortete, wieder gefaßt, das junge Mädchen. „Gut, das requiriren wir." Indessen war der ganze Trupp mit den Officieren herangeritten. Einer der letzteren fragte, was es gäbe. „Die Leute da haben Brot und Branntwein, das haben wir requirirt. Wir haben Hunger und Durst". Moritz fing zu weinen an, während Fanni sich abwendete, um vor den fremden Soldaten ihre aufquellenden Thränen zu verbergen. Wußte sie ja, wie schwer die Mutter das zu diesem Einkäufe nothwendige Geld zusammengebracht hatte, und wenn sie jetzt ohne Maaren heimkehrten, so würde die Verlegenheit der armen Mutter eine noch viel größere werden. Indessen, so groß ihre Liebe zu der sorgenbeschwerten Mutter auch war, so gerne sie auch ihrer Ruhe das größte Opfer gebracht hätte — zu einer Bitte an die frechen Räuber, wie sie die Soldaten im Geiste nannte, hätte sie sich nie und nimmer hergegeben. Einer der älteren Officiere fuhr den noch immer weinenden Moritz an: „Heul' nit so Bub, sonst hau ich Dir eins auf." Zitternd trocknete Moritz seine Thränen und flüchtete sich hinter die Schwester. Diese fuhr besänftigend mit ihrer von schwerer Arbeit gerötheten und schwieligen Hand über den Lockenkopf des Brüderchens, dann nahm sie ihren Korb wieder auf, gab diesem den leeren Schiebkarren in die Hand und sagte kurz: „Komm!"