Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 8 Dr. Mocb's Mocbenscbritt. Rr. 1 Das geschmähte, herabgekommene Judenthum wird durch die gelbe Farbe allerdings gut symbolisirt, aber auch die gewaltthätige Kirche durch die rothe Farbe, woran allerdings die Künstler und Dichter, die diese Symbolisirung aufbrachten, schwerlich gedacht haben mögen. Um auch etwas Exotisches zu berühren, sei erlvähnt, daß die zum Judenthum bekehrten Chazaren, wie Jbn Rosteh und Gurdezi erzählen, unter Fahnen in den Krieg zogen.? Es ist auch nicht uninteressant, daß ein Mann, der sich in der jüdischen Geschichte einen Platz errungen hat, Jacob ibn Gau, Verfertiger von Kriegssahncn war. Die portugiesischen Juden mußten zu jedem vom Könige ausgerüsteten Schiffe 60 Ellen Zeug zum Segel liefern.') Ob die Messias-Schwärmer Eldadha-Dani, David Reubeni, Schabbathai Zebi und die Anderen Fahnen hatten, wie man allgemein annimmt, weiß ich nicht, und ich kann auch die Frage nicht ergründen. Auf historisches Gebiet treten wir nun durch die folgenden Daten. Die Öftrer Juden zogen im Jahre 1476 dem König Mathias mit einer weißen Fahne entgegen, auf welcher das Pentagramm angebracht war?) Jüdische Fahnen sieht man auch im Altonaer Museum?) In Prag sieht man Fahnen auch auf jüdischen Grabsteinen.? Wohl das berühmteste Banner unter allen jüdischen Fahnen ist das Meiselbanner in der Meisel- Synagoge zu Prag, unter Rudolf II. verfertigt. Das von Meisel herrührende Original wurde 1680 verbrannt, die jetzt vorhandene Fahne ist dessen treue Copie vom Jahre 1701, die zeitweise im städtischen Museum zu Prag aufbewahrt wird. Sie ist 6 Meter lang und 2 Meter breit. In der Synagoge war sie ehedem von Simchaty-Thora bis Chanuka ausgespannt. Nach der Aufschrift gab 1357 Karl IV. den Juden das Privileg, ein eigenes Banner zu führen. Im Majestätsbriefe an Meisel vom Jahre 1598 heißt cs von dem Banner, es sei die Fahne Davids; es trägt das Wappen Davids mit Helm und Decke?) Im Wappen Moses Montefiores befand sich eine Fahne mit der hebräischen Inschrift: Jerusalem?) In den meisten größeren Gemeinden besteht der Brauch, daß am Thorafeste, sowohl Abends als Morgens, die Kinder kleine papierene Fähnchen mit verschiedenen Anfschristen zu tragen pflegen; sie nehmen mit ihren Fähnchen theil an der Procession des Herumtragens der Thora?) Die Zeit des Ursprunges dieser Sitte wäre noch festzusetzen; in den Ritualcodices findet sich nichts darüber. Noch ist die Fahne der Zionisten zu erlvähnen. Diese Fahne hat aus weißem Grunde einen blauen horizontalen Streifen auf jeder Seite: der Davids-Schild, blau ausgeführt, befindet sich in der Mitte. In einer kleinen Schrift des durch sein umfassendes Wissen allberrchmten L. Löw? findet sich folgende kurze Skizze von den jüdischen Fahnen: „Für manche auswärtige Leser sei hier noch bebemerkt, daß jüdische Gemeinden auch im Mittelalter Fahnen besaßen und gebrauchten. Die Juden in Prag erhielten das Privilegi- Diese Texte findet man in dem von der ungarischen Akademie der Wiffenschaften anläßlich des Millenniums herausgegebenen Sammelwerke: Quellen zur Ungar Landnahme (Magyar Hoiifoglaläs Kutfüi) 155, 156.. 2) Kayserling, Geschichte der Juden in Portugal, S. 55. 3) Schwandtner, Scripta r. Rerum Hangar.. II, 207. A. Blichter in der ungarisch geschriebenen „Geschichte der Juden in Budapest", S. 46. M. Grunwald in Mittheilungen für jüd. Volkskunde, X, 138. *) Mittheilungen, ib. 124. Daselbst ist auch angeführt Globus 1692. S. 236. 5) Hock, Die Familien Prags, 61. 0) A. Kisch in Kalender der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" 1801. Eine etwas abweichende Darstellung von L. Löw folgt unten. 7) Graetz, Geschichte der Juden. XI, 552. s) L. Löw, Lebensalter S. 290. In einer der Nummern des „Jewish Chronicle“ waren mehrere dieser Fähnlein abgebildet. 9) Die Schulfahne. Vorfeier des Kaiserfestes, gehalten in der Synagoge zu Szegedin am 18. Mai 1657. (Auf diese Schrift hat mich Alexander Büchler in Keszthely aufmerksam gemacht.) um, eine Fahne zu führen, weil sie im Jahre 995 den christlichen Einwohnern Prags gegen die heidnischen Belagerer treulich Beistand geleistet hatten. In späterer-. Zeit besaß daselbst Synagoge ihre Fahne, welche am Simchas-Thora-Feste enthMW und beim Umzuge in der Synagoge vorangetragen wurde. Als die' Prager Judenschaft im Jahre 1716 die Geburt des Prinzen Leopold feierte, trug man die Fahne der „Meisel-Schule" vor. Dieselbe war so groß, daß darauf für den Tänzer Ben Israel ein Sitz angebracht werden konnte. Sie wurde von 20 Metzgern getragen. Die Altneu-Synagoge besaß eine Fahne, welche im Jahre 1347 angefertigt worden war. In Mähren und Böhmen sind mehrere jüdische Volksschulen seit längerer Zeit im Besitze von Schulsahnen. Auch die Pester israelitische Hauptschule erfreut sich seit einigen Jahren eines solchen Besitzes". So weit L. Löw. Jene kleine Schrift erschien eben, als die Cultusgemeinde zu Szegedin ihrer Volksschule feierlich eine Schulsahne übergab. Viele Volksschulen, in Ungarn wenigstens, haben ihre eigenen Schulsahnen, und zwar, wie natürlich, in den nationalen Farben; jüdische Motive, so weit mir bekannt, fehlen ganz. Ich beschließe die Reihe mit einem Stück, das erst jüngst bekannt wurde. Herr Adolph L. F r a n k e n t h a l, Consul der Vereinigten Staaten in Bern (Schweiz), wandte sich vor einigen Monaten „an die großen Philologen der Welt" mit der Bitte, sie möchten ihm sagen, was es mit einer im historischen Museum in Bern befindlichen räthselhaften Fahne für eine Bewandtniß habe. Laut der beigcsügten photographischen Abbildung ziert die rund auslausende Fahne, in der Mitte ein regelrechter Schuh, darüber im Halbkreis 15 hebräische Buchstaben, die die Jahres- Zahl 1540 umschließen. Die Fahne ist nichts anderes als das Geschästsschild eines ehrsamen jüdischen Schuhmachers, und waren die hebräischen Buchstaben gewiß nicht so sehr für die Compatrioten Wilhelm Teils, als vielmehr für die armen Bewohner des Ghettos bestimmt. Welches Ghetto es war, läßt sich nicht sagen, ich denke weniger an ein schweizerisches, als an ein deutsches, französisches oder italienisches Ghetto. Die hebräische Aufschrift, deren einzelne Buchstaben, aber nur., einige,., durch Punkte von einander getrennt sind und deren drittletzter Buchstabe mit einer Art Vocalpunkt versehen ist, ist nicht deutlich genug. Sie enthält ungefähr folgende Buchstaben: 1”= ('iMoaa-ta crbs- Das lese ich wie folgt: Perigoros? Caneo,? M'loches. Letzteres Wort ist ein im Jargon wohlbekanntes Wort für das hebräische rnr ^«-Arbeiten. Perigoros Caneo macht sich also für „Arbeiten" erbötig; allerdings fehlt die nähere Bezeichnung der Arbeiten, doch zeigt der darunter abgebildete Schuh, daß er Schuharbeiten meint. Die fehlerhafte Art der Ankündigung hat in den von Juden stark bevölkerten Städten noch heute ihre Analogien, man sehe sich nur die hebräischen Geschäftsschilder und Annoncen in Wien und Budapest an und man wird noch schwerere orthographische und logische Fehler entdecken. Wie es in den polnischen und russischen, jetzt auch in amerikanischen Städten aussehen mag, davon habe ich keine eigene Anschauung, aber wahrscheinlich trägt der jüdische Geschäftsgeist auch dort die nämlichen Blüthen. Die Berner Fahne wird bei irgend einer Plünderung des Ghetto seinen jetzigen so ehrwürdigen Platz gefunden haben, und auch die Jahreszahl 1540, welche an einem jüdischen Geschästsschilde keinen rechten Sinn hat, wird erst nachher auf die Fahne gekommen sein. Warum gerade dieses Geschästszeichen sich zu uns herüber gerettet hat, können wir nicht wissen, die Sache ist aber zu geringfügig, als das sie noch fernere Forschung verdienen sollte. Budapest. Dr. Samuel Krauß. ') Dieses Wort liest sich gut, nur die anderen zwei sind unsicher. *) Perigoros ist ein häufiger Name, besonders bei französischen Juden, s. bei Zunz, Zur Geschichte und Literatur, S. i13, 209, 210. Auch ein Schüler Raschi's hieß Samuel den Perigoros. Die Orthographie mit 2 und v hat nichts auf sich. *) Also wohl ein Italiener, wenn anders das Wort richtig gelesen ist.