Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Dr Blocb’s Mocbenscbritt. Seite 7 Im bulgarischen Parlamente wird nie ein Jude sitzen. Das kann ich mit Bestimmtheit behaupten. In diesem bunten Abgeordnetenhaus, wo es sogar für Türken einen Platz gibt, gibt es keinen für Juden, wenn auch ein Gotteswunder geschähe und einer gewählt würde, würde er invalidirt werden. Dafür haben wir schon einen Präcedenzfall. Vor Jahren — noch in der goldenen Aera — wurde ein aus Rußland eingewanderter, sich mit Ackerbau beschäftigender, intelligenter Jude in einem am Schwarzen Meere gelegenen judenreinen District, Baltschik, gegen den damaligen Ministerpräsidenten Storloff gewählt. Erstens, weil er sehr beliebt war, und zweitens, sagen wir die Wahrheit, seine Wähler ignorirten, daß er ein Jude sei, da er spaniolisch nicht sprechen konnte und Aschkenazim dort eine unbekannte Spezies waren. Kurz und gut, man fand Ausflüchte in Hülle und Fülle, er wurde invalidirt, ein Verfahren, das jedes neue derartige Wunder erwartet. Die bulgarischen Wunderzeiten sind bereits lange hinter uns. Ich sehe eher einem anderen Wunder entgegen, daß man bei einer neuen Staatsverfassung — wir sind am Vorabende eines solchen Ereignisses — den Juden überhaupt die politischen Rechte entziehen wird. Es ist nur meine Muthmaßung. aber ich verspüre den Windzug, und man wird es um so leichter thun, da auch bulgarische Schichten, einen Theil der Bauernschaft, ein solches Verfahren erwartet. Und was nicht das Gesetz bestätigt, kann überdies das tägliche Verfahren der Machthaber thun. Aber doppelt ist besser. Dieses Maxim ist den bulgarischen Regierenden nicht fremd. (Fortsetzung folgt.) Jüdische Fahnen.* *) Wenn auch nicht der Erwähnung, so doch dem Wesen nach sind in der jüdischen Literatur die ältesten Fahnen die a s s y r i s ch-b a b y l o n i s ch e n. Es ist ein schönes Zeugniß universal-historischer Kenntnisse, daß Azaria bei Rosst auf diese Fahnen zu sprechen kommt. Die mythische assyrische Königin Semiramis soll diesen Namen haben, weit sie bei ihrer Geburt von Vögeln, besonders von Tauben gellährt wurde: darum war ihr Fahnenzeichen eine Taube. Diese blieb das Abzeichen des assyrischen Reiches auch nach ihrem Tode. Ins biblische Gebiet spielt diese archäologische Angabe') hinüber dadurch, daß nach dem großen Kirchenvater Hieronym u s und dem Philosophen Thomas von A q u i n o, der in Jeremia (XXV, 38; XLVI, 16; L, 16) dreimal gebrauchte Ausdruck „Zorn der Taube", resp. „Schwert der Taube"? so gedeutet wird, daß damit metonymisch das assyrische Reich, in diesem Falle bereits dessen Erbe, das babylonische Reich, bezeichnet wird?) Uebrigens erzählt Xenophon? von Cyrus, daß dieser auf den militärischen Fahnen einen Adler gehabt habe, also das nämliche Abzeichen, das später durch die Römer so bedeutungsvoll wurde, daß es jetzt noch iriit Vorliebe in der Heraldik verwendet wird. Nächst dem kommt in Betracht der Ausdruck „der Ewige ist mein Panier" (Exod. XVII. 16), den Moses nach dem Kampfe mit Amalek gebraucht. Bei genauerem Zusehen ist der Ausdruck gar nicht so leicht, lvie er es zu sein scheint, denn es ist nicht recht klar, was die Vorstellung: Gott ist mein Panier, besagen will. An der Stelle ist darum viel herumgedeutet und viel herumcorrigirt worden?) Das hier gebrauchte hebräische Wort or dient auch in Jes. XI, 10 zur Bezeichnung der Fahne *) Die amerikanische ckendsh Eneyolopedia hat vor Jahren, wahrscheinlich irrthümlich, da es nicht in mein Fach schlägt, den Artikel „Fahne" bei mir bestellt. Es galt, aus dem großen Felde der jüdischen Literatur Minutien zusammenzutragen, welcher Mühe ich mich jedoch in Anbetracht des Zieles willig unterzog. Aus mir unbekannten Gründen ist jedoch in der Lue (V, 405) der Artikel „Flagge" (Flag) von einem Anderen erschienen. Da das Thema auf allgemeines Interesse rechnen darf, so bringe ich hier zur Veröffentlichung, was ich über das Thema weiß. l) Jüngst ist ein dieses Thema behandelnder Artikel erschienen in „Beitr. zur alten Gesch.", III., Heft 3, doch ist mir diese Zeitschrift unzugänglich. *) Die moderne Bibelexegese faßt das natürlich anders auf. 3) Azaria dei Eossi, Meor Enajim c. 21 (ed. prineeps 90b); daraus David Gans in Zemach David, II., 3b (Offenbach 1788) zum Jahre 1958. 4) Cyropaed VII. p. 137. Bochart (Hierozoicon üb. I. c. 1) sieht hierin mit Unrecht Nachahmung der Assyrcr. 5) Geiger, Urschrift, S. 474. Man fand den Ausdruck „Gott ist mein Panier" anstößig und darum wurde er unmittelbar darauf in Las (Thron) verwandelt. Die Septuaginta vocalisirte das Wort anders und gab ihm den Sinn: Meine Zuflucht, übereinstimmend mit einem (die Wurzel Jisai's, die dasteht als Fahne der Völker), und so gibt es noch andere Stellen in der heiligen Schrift, die ähnlich vom Aufstecken einer Signalstange sprechen (s. die Wörterbücher). Einmal wird das Schiffswappen, das Schiffssegel gleichfalls so genannt (Jes. XXXI[!. 23), vielleicht auch in Ezech. XXV!I. 7, was freilich dort nach der Stellung der Wörter und nach der Erklärung der Septuaginta gar nicht sicher ist?) Häufiger ist im Biblisch-Hebräischen das Wort ä e g e I, und bekanntlich soll in der Wüstenwanderung ein jeder Stamm seine besonderen Fahnen und Abzeichen gehabt haben. lNum.II, 2). Der Midrasch zur Stelle gibt auch genau die Farben und Embleme an, die auf der Fahne eines jeden Stammes angebracht waren. Eine jüngere Midrasch-artige Compilation, die Chronik des Jerachmeel, von der bis nun nur die englische Uebersetzung vorliegt (ed. Gaster S. 150), spricht merkwürdigerweise nur von den vier Fahnen der ansührenden Stämme. Danach war 1. ans der Standarte Juda's ein Löwe: der Löwe befand sich an der Spitze des Banners, und daraus entzweigten sich goldene Haken, die in einer schwertähnlichen Pike endeten. 2. Im Süden war das Banner Reuben's: sein Emblem hatte die Achnlichkeit eines Menschen.', 3. Im Westen war das Banner Efraim's: es hatte ein Emblem in Form eines Fisches. 4. Auf dem Banner Dan's im Norden war eine Schlange angebracht. "Auf allen vieren ivaren schrvertähnliche Piken mit der göttlichen Glorie. Ein hübsches Phantasie-Stück! Unser nächster Schritt führt nun in die römische Welt: der römische "Adler (griechisch a e t o s, lateinisch a q u i 1 a) war den Inden wohlbekannt (Jvsephus, Bell. Jud. II!, 6, 2) und die Adlerträger, eine Charge im römischen Militär, werden im Midrasch erwähnt. ’) Der Talmud hat keinen Anlaß, von Fahnen zu sprechen, und so finden wir in dieser weitschichtigen Literatur kaum eine Notiz, die zu unserem Thema gehört?) Selbst die allgemein verbreitete Legende, der Name Makkabi rühre daher, weil ans der Fahne Juda Makkabi's die Ansangsworte von Exod. XV, 11 ('"’--'o) zu lesen waren?) findet sich im Talmud und Midrasch nicht. Nur die Legende, daß aus der Fahne des Stammes Juda ein Löwe angebracht gewesen wäre, setzt sich als feste Tradition fort, und es heißt nun, im Siegel der Gaonen sei gleichfalls ein Löwe gewesen?) Merkwürdigerweise spielt diese Legende in die englische, richtiger irische Verfassung hinein: der Löwe an der englischen Flagge sott nämlich die direete Fortsetzung des judäischen Löwen sein?) Die Welt steht unter dem Zeichen des Kreuzes, und so werden christliche Kirchensahnen auch von Juden erwähnt?) In einem interessanten Werke, welches die mannigfachen Schmähungen berührt, denen die Juden im Mittelalter, sowohl bei dramatischen Aufführungen, als in der bildenden Kunst, ausgesetzt waren, heißt es vom Wappenzeichen der Synagoge (im Gegensatz zur Ecclesia), eS habe ans einem Bockskops, Skorpion, Todtenkops, auch aus zwei Judenhüten oder einem Judenhut bestanden: die Fahne der Synagoge sei gelb, diejenige der Kirche roth.? alten babylonischen Codex vom Jahre 1009. Der Syrer läßt das Wort unübersetzt und folglich kann es nach syrischem Svrachgebrauch heißen: Gott versucht. Der Talmud und Midrasch erklären ne8 im Sinne von „Wunder." ') Siehe A. S. Weißmann in Rahmer's jüd. Literaturblatt, 1881, S. 112. Dunkle Andeutungen werden dort ausgesprochen darüber, daß der in der Bibel so oft genannte „Gottesstab" das Panier sei, doch kann ich mich hierin nicht einlassen, lieber nes siehe auch Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereines, IX., 232. Auch syrisch spricht man von Kriegsfahneu, als nisiu , s. Ephraem Syrus, Opera II, 107. *) Eine merkwürdige Ansicht bei dem Bilderscheu der Juden! 3) Siehe meine Lehnwörter. II, 124. 4) Das Segel ist erwähnt in Baba Bathra 73a unter dem Namen idra. 5) Schon bei Azaria dei Eossi a. a. 0. ungläubig ausgenommen. 6) Abraham ibn Daad, Seder ha-Kabbala, ed. Neubauer, S. 86. Vielleicht soll es statt „G-aonen“ eher „Eesch-Galutha" heißen, denn bekanntlich habe» die Exilfürsten ihren Stammbaum auf das Davidische Königshaus zurückgeführt. ') Erst unlängst ist darüber in Jewish Quarterly Eeview, XV, 676 gehandelt. 8) Heilprin in Seder ha-Doroib, I, 139b (ed. Warschau 1891). '') P. Weber. Geistliches Schauspiel rc., Stuttgart 1694, S. 130.